Gewissermassen ist man vorbelastet, ja geradezu verdächtigt, voreingenommen zu sein, ist man doch aufgewachsen in unmittelbarer Nähe menschlicher Schaffenskraft, menschlicher Innovation und menschliches Ausdrucks, die Natur zu beherrschen und damit ausserordentlich zu verantworten, wie die Welt fortschreiten soll. Insofern sind Zweifel ob der Integrität des Autors durchaus wünschenswert.
Und auch einmal mehr ist es eine Randnotiz, die eigentlich keinen recht bewegen mochte, welche nun erschüttert und, als verdichtet, als aus dem Kontext mutwillig gerissen, als Beleidigung des Menschenverstands umgekehrt wird: eine Polemik wider Frauenpower für Solarenergie, deren Anspruch, den einzigen richtigen Weg zu weisen, wahrlich jede Vernunft, jedes Abwägen und Relativieren, Vergleichen und Differenzieren beleidigt.
Selbstredend gilt es die Privatsphäre zu bewahren derer, welche des Feierabends oder während der Arbeitszeit einem Hobbyverein dienen, dort sich engagieren und sonstwie agitieren. Das ist ein gutes Recht aller; man heisst dieses Recht auch Meinungsfreiheit; man darf meinen und behaupten, verkünden und verlauten, man besässe, man wisse den richtigen Weg, man habe die Erlösung persönlich getroffen aller Probleme – aller Energieprobleme.
Annuscha Schmidt präsidiert die schweizerische Vereinigung für Sonnenenergie, ein hiesig kaum bekannter Verein, dessen Ziel es ist, wohl formal statuiert, eine dezentrale Energieversorgung hierzulande zu fördern und, wo nicht möglich, allenfalls zu begünstigen. Frau Schmidts Überzeugung, 30% bis 40% des schweizerischen Energiebedarfs durch auf Dächern oder sonstwo installierten Kollektoren decken zu können, ist gewiss löblich.
Unlöblich ist es aber, so zu tun, als sie dies die einzige Alternative. Nicht bloss die mutmasslich alternativen Energiequellen sind eine «Alternative», es gäbe auch hier, einmal mehr und immer wie mehr, die Kernenergie als passables Provisorium zu präsentieren und auch zu unterstützen, bis die wahrliche Erlösung aller Sorgen diesbezüglich in einer Kernfusion sich offenbart. Aber nur insofern die Menschheit die Energieerzeugung konzentrieren möchte. Denn Frau Schmidts Vorschlag bedingt, dass Energie dezentral erzeugt wird und somit auch verteilt, geliefert, balanciert werden muss.
Alles kein Problem, technisch machbar, keine Frage. Unbehaglich ist, dass mit dem Ende der sogenannten Grosskraftwerke eine gewisse Kontrolle, ja ein Quasimonopol der Energieerzeugung fällt und ersetzt wird durch etwas, was wir momentan nicht administrieren können. Ebenso opferten wir alsdann die Idee, dass der Mensch als Menschheit, organisiert und strukturiert, planmässig und mit bestem Wissen aller, die Umwelt forme.
Dies, weil Grosskraftwerke Verantwortung, planerisches und organisatorisches Geschick erfordern. Zweifelsohne bedinge eine dezentrale Energieversorgung ebenso Geschick und eine Verwaltung, bloss mit dem Einwand, dass man eine vollends dezentrale Netzstruktur sich nicht von Oben herab koordinieren lässt. Und nicht zuletzt wäre damit der typisch männliche Bezug eines Grosskraftwerks, gemeinsam Anstrengungen zu unternehmen, um etwas Beispielloses, etwas derart Komplexes zu errichten, das das Kind und das Kind im Manne eines jeden Tages erstaune, verloren.
Es sind ebensolche Projekte, vergleichbar mit dem Manhattan-Projekt, welche tatsächliche Innovationen erst ermöglichen; sie fesseln, sie entfesseln. Die Menschheit kann bloss als Gesellschaft überleben. Und wenn sich eine Gesellschaft ein Grosskraftwerk leistet, ist sie gezwungen, sich zu arrangieren und auch, wer es immer scheut, Verantwortung zu tragen: der Umwelt wie auch der Nachwelt gegenüber.
Quelle:
http://www.nein-zu-neuen-akw.ch/de/handeln/portraits/annuscha-schmidt/
Eigentlich, so eine Überlieferung, ist der Mensch böse. Daher bedarf er einer Herrschaft, einer Gewalt. Herrschaft heisst, dass man sich einigt. Deren kleinster gemeinsamer Nenner ist Hass gegen die Anderen. Man verbündet sich, um zu überleben. Diese Anpassung ist gelungen. Wir nähern uns der Vollendung: die Vereinigung aller Menschen gegen einen äusseren Feind.
Eine solche Verbindung entsteht bereits im Kleinsten: in einer zwischenmenschlichen Beziehung. Die Absicht ist dieselbe: man verschwört sich gegen andere, teilt Intimitäten. Dies, um die eigene Lebensqualität zu verbessern. Eine Beziehung versüsst das Leben. Existenziell ist sie nicht mehr. Man kann auch essen und schlafen ohne einen Partner. Dies beweisen die Singles in den grossen Städten.
Der Zweck ist nur noch, die eigenen Qualität aufzubessern. So jagt man einen Partner, der immer besser wird; einen immer mehr stimuliert und fasziniert. Es ist ein gewöhnliches Steigerungsspiel. Nur eines mit Ende: irgendwann wird man davon abhängig. Man erkrankt. Und alsdann findet man keinen «würdigen» mehr. Alsdann kennt man sich selber nicht. Die gesamte Persönlichkeit scheint projiziert.
Der Partner ist nunmehr ein Spiegel. Und allein ins Spiegelbild hat man sich verliebt. Ob man dabei verhungert oder ertrinkt, ist die Schöpfungsgeschichte unsrer Fantasten. Die heutigen Beziehungen sind somit selbstbezüglich. Aber waren sie das nicht immer? War eine Beziehung nicht immer zweckmässig? Sollten sie uns nicht das Leben erleichtern? Qualen ersparen? – Gewiss doch, das dürfen sie auch.
Wieso wir uns paaren, davon scheinen wir uns entfremdet: es gibt kaum eine Sinngebung hierfür. Vielmehr: wer die Zeugung bestreikt, ist zeitgemäss. Also ist auch die Paarung keine Intention einer Beziehung. Es ist auch keine, dass der Mann die Frau finanzieren müsse. Diese Absichten sind überkommen. Ob sie allein die wahren sind, ist einerlei. Sie jedenfalls stimmten uns versöhnlich. Sie erinnern noch einer Vergangenheit.
Resümierend: es ist unvermeidlich, dass heutige Beziehungen kaum mehr eine Ewigkeit dauern. Sie sind alle flüchtig und kurzlebig. Wir versichern uns bereits, bevor die Beziehung recht begann, wie man sich trennen wolle. Die Anforderungen sind klar, unmissverständlich: Kitzel, Aufregung, Stimulation. Unsere überreizten Sinne müssen reaktiviert werden. Es gibt kein «wie in guten so in schlechten Zeiten». Es zählt bloss der Augenblick.
Die Weltlage verschlechtert sich. Doch das solle uns nicht besorgen. Natürlich: Krieg und Elend verdriessen den des Lebens unerfahrenen Lohnabhängigen. Doch ebendiese Herausforderungen begründen überhaupt die Geschichte, ermöglichen erst recht Fortschritt und Besserung.
Die amerikanischen Geheimdienste prophezeien, dass die beispiellose Vormachtstellung der USA überkommen sei. Obgleich dies bedauernd, schliesslich war Amerikas Herrschaft eine gütige und milde, uns wohlgesinnte, hoffen wir, dass ein Wettrüsten, dass ein Gleichgewicht des Schreckens und dass der ewig wiederkehrende Kampf um Ressourcen, Lebensraum und Weiber die Welt stabilisiere letztlich.
Es ist nämlich eine einmalige Chance, dadurch der Dekadenz und somit der ihr unterstellten Langweile erwidern zu können. Dass wir uns langweilen, beglaubigt unsere durchwegs hysterisch-hyperaktive Freizeitindustrie. Deren Auftrag ist es allein, die Menschen zu amüsieren, dies wegen Ermanglung eines «Auftrages», eines «Sinnes», eines männlichen Heldentums.
Ein Krieg, ein elementarer, dadurch existentieller, würde den Westen beauftragen und bevollmächtigen, die gegenwärtig gefühlte Paralyse zu lindern mit Auftrag, Sinn und Botschaft. Es wäre das Ende der grossen Müdigkeit, der grossen Langweile; und der Wiederbeginn der eigentlichen Geschichte, des eigentlichen Fortschritts.
Gewiss könnte ein globaler Krieg auch ausarten; wir könnte alle vernichtet werden. Diese Möglichkeit soll uns nicht erschrecken; sie soll uns nur verdeutlichen, dass wir vielleicht nicht würdig sind, diesen Planeten zu besiedeln. Es wäre also einerlei, ob die Menschheit stürbe oder überlebe. Es wäre insgesamt nicht von Relevanz. Dadurch verliert der Krieg auch seinen Schrecken; er wird harmlos; er wird unvermeidlich.
Er wird so, wie die Zwischenkriegsgeneration Deutschlands den Ersten Weltkrieg glorifizierte: als notwendige Pflicht, als notwendiges Übel; als schicksalhafte Fügung. Die gegenwärtige Weltlage sollte uns also zuversichtlich stimmen. Sie allein, die Weltgeschichte, wird und darf richten über uns Gescheiterten.
Es ist die Moderne, die keine Tragik verkraften kann. Es sind nicht die Menschen. Die Menschen, sofern intelligent, sind bloss «verwickelt», aber nicht recht einbezogen in die Moderne, so auch Nicolás Gómez Dávila. Und weil verwickelt, weil eigentlich gezwungen, die Moderne zu erdulden, gleichviel sie ätzt, ekelt und kränkt, ist der Mensch verdammt, die natürliche Tragik, die allen Seins Ursprung ist, zu verdrängen.
Allein die Geburt der Menschheit ist tragisch; es war ein Sündenfall. Seitdem müssen wir die Erbsünde schultern. Mittlerweile meistert die Technik, deren Werkzeug wir sind, die Sünden unsrer Existenz. Doch auch nur bedingt. Wir leben noch, und das ist zuviel; jeder Mensch ist einer zuviel. Wenigstens lehrten wir einander, waren gemeinsam strebsam, das Menschengeschlecht immer effizienter zu vernichten.
Tragik ist die Geburt des Lebens; es ist auch die Geburt einer sogenannten «Kultur». Hiervon zehren wir bis heute; alle unsere, freilich minimalste Sinnproduktion referenziert das kulturelle Erbe. Dessen Ausbeutung gipfelt im zivilisatorischen «Brot und Spiele». Darüber wacht bloss Gott; ein allmählich resignierter Herr. Und seitdem die Tragik nicht «verjüngt» werden kann, fristet die sogenannte «Kultur», gleichbedeutend mit «Brot und Spiele».
Doch wie kann man die Moderne der Tragik erziehen? Eigentlich kaum. Es sind diesmal die Menschen, die, hier ganz eine Demokratie ohne Demokraten, entscheiden müssten, ob sie die gegenwärtige Ordnung, auch wenn wohl das kleinste Übel aller, weiterhin noch billigen möchten. Doch eine Entscheidung reift nicht. Es ist denn auch nicht möglich, überhaupt sich noch zu äussern. Ob gerade hierin die eigentliche Tragik ruht? Ebendass die Menschen nicht wählen können? Vermutlich.
Es wäre dies die letzte Tragik, die wir noch besässen. Vielmehr, es wäre die eigentliche Tragik: die Tragik, nicht bestimmen zu können, wieso wir überleben. Eigentlich, dass wir bloss sterben müssten. Eigentlich, dass wir ebensogut jetzt sterben könnten, weil das Leben nicht lebenswert ist in der modernen Welt. Dies wäre oder ist sogar wahrlich tragisch; daher «schön», daher «ermunternd».
Dieser Artikel erschien erstmals in der September Ausgabe Zürichs des ensuite-Kulturmagazins..
Kultur und Krieg? Darf man denn solches mischen? Definitiv nicht, protestiert die Kulturlinke, deren Humanität und Integrität beispiellos und vorbildlich sei (ist). Doch das war nicht immer so. Kultur und Krieg sind, seit Kultur erwachte, miteinander verknüpften, bedingen einander; ohne Kultur keinen Krieg, und kein Krieg ohne Kultur.
Früher war der Krieg kultiviert und sittlich; man vereinbarte einen Ort, einen Zeitpunkt, schlürfte zuvor noch Tee, und alsdann man sich gegenseitig Glück wünschte, rannte man aufeinander los; solange, bis eine Gruppe unterlag oder kapitulierte. Es war ein genormter Krieg. Jene, die diesen Regeln nicht gehorchten, sind als Barbaren geschmäht worden, denen man Heldentum entsagte. Bis der berühmte Stratege Carl von Clausewitz 1812 in seiner «Bekenntnisdenkschrift» hiervon sich verabschiedete und einen totalen Krieg antizipierte.
Als 1914 der Krieg die westliche Dekadenz kurierte, waren die ersten und lautesten, die brüllten, hauptsächlich Kulturanschaffende aller Nationen; man war befreit, weil jetzt endlich wieder Spektakel, Aufregung, das Gegengift der Degeneration und Dekadenz, dessen Tatsache allen oberen Schichten bereits gewahr war. Aufbruch und Zuversicht waren die Folge. Allein, dass dieser Krieg insgesamt «langweilig» war, weil er sich kaum bewegte, ist wohl eine weitere Tragödie der Menschheit; doch für sich keine bemerkenswerte.
Die Kulturlinke protzt, man rettet den Planeten, man schützt den Regenwald, füttert Waisen; man engagiert sich sozial, beweist «Zivilcourage», so die gängigen Phrasen. Es sind Bekenntnisse, die die bezwecken müssen nur, dass der Schein etwaiger Erhabenheit und Selbstgewissheit weiterhin blende. Es ist Marketing, Propaganda oder Schauspiel; wiewohl man es nennt, es ist Attitüde, kraft gewissenhafter Plattitüden. Dass eine solche Kulturlinke den Krieg verneinen muss, überrascht kaum; es ist Konzept, es ist sogar gefordert; irgendwer muss ja den Quotenrebellen, der immerzu opponiert.
Doch vergessen wir die Kulturlinke, deren parallele Kulturindustrie kaum Markt, geschweige Marktwert aufweist; sie ist letztlich irrelevant, den Pöbel nicht bestimmend. Vielmehr ist die Kulturlinke ein Raunen ewiggleicher Probanden, eine Selbsthilfegruppe sozusagen, wo man gegenseitig sich bestärkt und stützt; also bloss ein Randproblem.
Wichtiger ist, wie der Pöbel antwortet, den müsste man eher thematisierten, viel mehr als eine Kulturlinke, die bloss stöhnt und ächzt, die Industrie und den Fortschritt verteufelt, deswegen aller Menschlichkeit abhold, ist doch massenindustrielle Vernichtung, Tod und Wiederaufbau allein menschlich.
Der Pöbel ist «unterwandert»; Computerspiele simulieren eine Wirklichkeit, derentwegen manche gar die eigentliche Wirklichkeit preisgeben. Eigentlich kaum erwähnenswert, dieser Fortschritt, der die menschliche Kreativität und Idee ins Virtuelle schiebt, wäre nicht die Tatsache, dass Computerspiele authentischere, relevantere Kultur ist als alles das, was die unsägliche Kulturlinke dilettiert. Hier ist bemerkbar, dass die Kultur den nichtsahnenden Nachwuchs drillt; mit virtuellen Auszeichnungen honoriert, mit lustigen Filmchen zwischendurch entschädigt und vor allem mit der «Speichern-und-Wiederherstellen»-Funktion motiviert.
Dass die meisten Computerspiele beabsichtigen, den Knaben zu vermitteln, dass Fleischfresser böse, Beerenpflücker gut seien, ist zu bezweifeln; wir alle überhöhen den schändlichen Einfluss sogenannter «Killerspiele», doch niemand würdigt den positiven derselben. Es heranwächst nämlich eine militarisierte Generation, vermittelst der Kultur, denen das Töten und Morden angeboren scheint, nicht so wie die unsrigen verweichlichten Vätern, die nicht einmal einen Scheidungskrieg für sich entscheiden können.
Was lässt sich denn schon vom Frieden erzählen? Der Friede langweilt. Es sind kaum Geschichten überliefert, die den Frieden verherrlichen, und falls doch, dann ist dem Frieden ein langjähriger Krieg vorausgegangen. Und wie solle nun ein Künstler inmitten einer Friedensepoche wüten? Künstler zu sein, als die Welt döst, ist wahrlich ein undankbarer Brotberuf.
Die heutige Welt ist zu harmlos, sie echauffiert niemanden; also ist die Kunst verdrossen. Wie solle man denn wirken, ohne dass man sich ärgern müsste? Eine heile, reine und glückliche Kunst? Ohne Teufel? Kaum. Eine solche Zeit wird künstlerisch niemals produktiv sein.
Krieg ist Frieden, las der letzte Mensch Europas 1984; und tatsächlich, solange Krieg ist, ist auch Friede, seelischer und künstlerischer Friede. In langweiligen Friedenszeiten ist die Kulturindustrie hingegen verpflichtet, die Lohnabhängigen wahlweise zu zerstreuen oder zu entsetzen. Es ist also Aufgabe, Menschen zu täuschen, sie zu vertrösten.
Und ach. Es ist langweilig. Es wäre mir recht, im Krieg sinnlos zu sterben, als sinnlos hier zu gammeln. Eine blühende Kultur bedingt eine wirre und wilde Zeit. In dieser Öde ist Kultur genauso sinnfrei wie ökonomische Aktivitäten. Daher konserviert man das Überlieferte im Museum, weil ängstlich, man könne die Ausdrucksweise wilder Vergangenheit verlieren.
Jugendliche möchten sich besaufen; nun auch in Zürich, wogegen aber Protest sich formiert. Der Vorwurf: Dekadenz und Masslosigkeit. Einverstanden, Dekadenz und Masslosigkeit sind Übel, notwendige, der unsrigen Zeit; sie sind kaum zu vermeiden. Vielmehr sind sie Grundlage aller fabrizierten Kultur, genauso Bedingung ewigen Wachstums, das progressive Masslosigkeit voraussetzt, andernfalls, so könnten wir doch mit einem gewissen Status uns begnügen, wären sämtliche ökonomischen Aktivitäten tatsächlich sinnfrei.
Wir sollten erbarmen, diese Jugendliche begnadigen. Wir dürfen nicht beargwöhnen, dass der kommende «Event» kaum einen Steuerfranken erwirtschaftet, ausgenommen beim nahen Getränkehändler, der sich wohl freue angesichts triebwütiger Jugendlichen, die mindestens zwanzig Franken zu vergeuden haben. Weil: es ist sittlich, es ist geradezu eine bürgerliche Pflicht, falls man die Erhaltung der unsren Kultur wünscht, derentwegen man denn auch fristet, die Dekadenz zu billigen, dieselbe zudem zu begünstigen.
Doch sorgen wir uns nicht, dass die Jugend verblöde. Niemand ist verblödet, wird sind bloss verloren. Die Jugend vermag sich auch nicht zu retten, falls sie einmal trinkt; es ist bereits eine Tatsache, dass sie trinkt; und deswegen nicht plötzlich überdenkt, man solle fürderhin nicht mehr trinken. Diese Jugend ist eine verlorene Zucht, unabhängig, ob sie nun das Massenbesäufnis tätigt oder nicht. Einzig, dass sie noch mehr sich zerstreut, immer mehr konsumiert, immer weiter sich entfremdet, ist die Alternative.
Eigentlich ist diese Geschichte harmlos. Es brüskiert bloss, dass die Jugendliche scheinbar «sinnlos» sich verabreden. Kein sonstiger «Anlass» umrahmt denn das Saufen; dies erschwert offenbar die Sinnsuche, vor allem das Verständnis hierfür. Doch muss Dekadenz sinnvoll sein? Eine prophylaktische «Sinngebung des Sinnlosen» ist das Leben allemal, das Massenbesäufnis folgerichtig deren Dekor, mehr nicht. Gut möglich aber, dass der kommende «Event» instrumentalisiert wird, um zwischen progressiven und regressiven Stimmbürger unterscheiden zu dürfen.
Es ist letztlich Unterhaltung, wer was befürwortet und weswegen. Es ist genauso Spiel und Spass, sich zu streiten, bevor oder ob der eigentliche Anlass beginne, wie der eigentliche Anlass selbst. Es gehört zum täglichen Spektakel, sich zu echauffieren, andernfalls wäre die sogenannte «Demokratie» erübrigt, deren Sport Empören und Entsetzen man heisst. Seien wir also sportlich, gewähren den Jugendlichen die unvermeidbare Dekadenz, die zukunftsweisende Dekadenz, die Bruttosozialprodukt steigernde Dekadenz.
Angesichts dessen, dass der unsre Planeten zunehmend unbewohnbar ist, ist der Kampf unvermeidlich um die letzten Ressourcen desselben. Dieser Kampf ist tatsächlich. Bloss ist er subtiler, das Offensichtliche verhüllt, derweil die Medien auf der Vorderbühne eine frohe Wirklichkeit simulieren, worauf Menschen miteinander kuscheln, einander die Hand reichen, gemeinsam exotische Küche probieren und unverdrossen die Hungernden bemitleiden.
Diese Fiktion, die den Ernst des eigentlichen Kampfs verharmlost, rettet uns vor der untröstlichen Wirklichkeit; es ist dies genau ihr Anspruch, folgerichtig Zweck. So gebietet Anstand und Höflichkeit, insofern sozialisiert man sich wünsche, das Unvermeidliche zu bagatellisieren und das Elend verniedlichen. Bloss nicht die Harmonie stören! Bloss nicht erwachen! Also feiert man, versüsst das Leben mit Lifestyle.
Der jüngste Krieg, manche behaupten, es sei ein tausendjähriger, verdeutlicht wieder, wie aussichtslos die unsrige Situation ist. Gewiss, die Schweiz, weil offenbar neutral, ist hiervon unberührt, ausgenommen vielleicht die hyperaktive Aussenministerin, die allerorten Menschenrechte wahren möchte; doch allein sie ist es, die letztlich sich verrennt. Desungeachtet: wir sind westlich, westlich gesinnt, westlich informiert und westlich konsumierend, aller «Neutralität» trotz.
Die Welt ist verletzlich, und vor allem viel zu klein, alsdass alle Menschen sie gleichmässig und gleichzeitig derart ausbeuten dürften, so wie wir heute es pflegen und mitunter predigen, dies verschleiert unterm Segenswunsch, man müsse Wohlstand mehren. Ein Weltkrieg ist die Folge hiervon, wer wieviel Erde verbrauchen darf, weil alle nicht «gleichberechtigt» sie nutzen können. Und dass wir imstande wären, unsren Verbrauch zu reduzieren, glaubt wohl niemand, die versprengten Grünen ausgenommen.
Aller Krieg ist Wirtschaftskrieg, und dieser Krieg ist Vater aller Dinge, so ungefähr hiess es hier unlängst, als wir die Dekadenz des Westens thematisierten. Die Bereitschaft, für Überfluss und Wohlstand zu sterben und auch zu morden, ist immer noch dieselbe: nämlich keine. Vielleicht müssten wir unsere Vorfahren konsultieren, die unerschrocken die Welt noch kolonisierten, und zwar bloss deshalb, weil sie Rohstoffe und Absatzmärkte erhofften.
Doch auch diese tarnten ihre wahren Absichten unterm Mantel der Humanität; sie heuchelten denn, sie müssten fremde Länder «zivilisieren» und «christianisieren». Wir strapazieren stattdessen die sogenannten «Menschenrechte», derentwegen wir in fremde Länder einmarschieren dürften. Doch bloss dürften, weil ebendiese Bereitschaft, auch das Unvermeidliche zu billigen, geschwunden, wohl geopfert worden ist der Dekadenz.
Wir hatten unlängst eine Industrie installiert, deren Auftrag die Menschen zu manipulieren und zu täuschen ist dergestalt, dass sie Wirklichkeit und Fiktion nicht mehr unterscheiden können. Mithilfe dieser Industrie sollten also wir den Pöbel, der gewissenhaft bloss spielend ist, beeinflussen soweit, dass er Okkupation ungehorsamer Absatzmärkten und Rohstofflieferanten gutheisse, notgedrungen nur, als Notlüge gewissermassen, die ja verzeihlich ist.
Wer investiert, muss langfristiger denken, als der Zeitgeist es gebietet. Daher sind Investments, die allein der Altersvorsorge wegen getätigt, eine höchst weltanschauliche Frage. Es ist die Frage, die einen Zwanzigjährigen bangen, wie wohl die Welt in vierzig Jahren einem sich offenbaren mag. Darum müssen unsere Investments diese Frage, was kann ich erwarten, beantworten.
Einem Adoleszent, dessen Sehnsucht Apokalypse heisst, wird man daher raten, sich möglichst rasch und hoch zu verschulden, lebt er doch im Hier und Jetzt und vor allem mit der Gewissheit, dass alsbald eine etwaige Inflation, Finanzkrise oder Umweltkatastrophe das System demolieren und somit die eiligst angehäuften Schulden verdampfen werde.
Doch ein Jüngling, dessen Sehnsucht Familie heisst, muss gewissenhafter investieren, schliesslich kann er nicht hoffen, der unsrigen Welt drohe alsbald den Untergang, es sei denn, er hiesse Al Bundy. Hier zeigt sich die Weltanschauung eines jeden einzelnen. Nämlich so, wie wir investieren, oder ob wir überhaupt investieren.
Der Dandy, dessen Pessimismus unverbesserlich ist, prahlt, er investiere ausschliesslich in Rüstung, er schliesslich will meinen, der Mensch sei ein niederes Tier bloss, das der Weltherrschaft keinesfalls würdig sich erweise. Daher ist ihm gewahr, dass die Menschen auch fürderhin sich bekriegen werden, trotz allen Bemühungen, die einen vorschnellen Weltfrieden erzwingen möchten.
Der Realist hingegen, der auch glaubt, die Menschheit werde sich kaum bessern, aber zumindest demnächst nicht selber vernichtet, argumentiert, dass die Menschheit immer mehr Energie verschlingen werde. Diese Gewissheit des ewigen Wachstums legitimiert ihn, die Energiebranche zu übergewichten.
Und die Hausfrau? Investiert eine solche überhaupt? Kaum. Sie hat die Zucht zu bestellen. Die Strategie, wie wir investieren, verrät, wer wir sind. Sage mir, woran du glaubst, und ich sage dir, wer du bist. Es ist tatsächlich eine weltanschauliche Glaubensfrage, heute noch zu investieren; eine weitere Möglichkeit zur Differenz.
Daher überrascht nicht, dass heutzutage kaum mehr jemand spart. Insbesondere in den USA ist die Sparquote bedenklich tief. Anderseits kann man eine tief Sparquote auch so interpretieren, dass die Einwohner zuversichtlich sind. Aber auch, dass sie grundsätzlich pessimistisch sind, an keine Zukunft mehr glauben.
Der Autor investiert ausschliesslich in Rüstung, Europa und Energie. Wie und wo investiert ihr?
Der Unterhaltungswert des jetzigen Tagesgeschehen ist jämmerlich. Nirgends explodieren Bomben, und falls doch, dort, wo weder Öl gefördert wird noch Massentouristen saufen; also kaum unsere Aufmerksamkeit provoziert. Wie man unsere Zeit überdauern mag, ist wohl ein Rätsel. Infolgedessen überrascht nicht, dass die grosse Müdigkeit und Langweile den Fortbestand der menschlichen Unart gefährdet.
Die einzigen Verlässlichen, die unverbesserlichen Weltverbesserer, kapitulierten; bloss Abtrünnige derselben wettern noch, das System sei ungerecht und die Umwelt verschmutzt. Eine realistisch-pragmatische Idee, wie man die Welt denn läutern könne, aber findet und vermutet man nirgends. Man arrangiert sich, ausgenommen diejenigen, deren Körper keinen ökonomischen Wert hat.
Dabei wäre die Zeit günstig, die Umstände glücklich. Eigentlich müsste man nicht verzagen. Man könnte und dürfte hoffen. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, und sie ist verstorben, unwiderruflich, unwiederbringlich. Ohne Hoffnung, ohne Zuversicht basteln wir, was wir vermeintliche Zukunft heissen. Man erduldet den Weltgeist, oder wen auch immer, wer auch immer sich bemächtigt fühlt hierzu, die Welt zu verändern.
Man ist satt. Doch aussteigen kann und darf man nicht; Selbstmord ist kriminalisiert. Man ist verdammt, hier zu fristen, auch wenn man sich anderswohin sehnt, sich hier statt zugehörig und heimisch gänzlich entfremdet wähnt; mitnichten sich identifizieren mag. Und doch ist man gezwungen: zu überleben. Wer nicht leben will, wird dazu gezwungen, nötigenfalls mit physischer wie psychischer Gewalt.
Die moderne wird weder bestraft noch bestraft sie; sie ist die Strafe, so Nicolas Gomez Davila. Und um die Seele in dieser modernen Welt zu retten, muss man sie dem Teufel überantworten. Allein dort ist sie sicher, dort kann sie nicht verdorben und vergiftet werden. Den Körper hatten wir längst veräussert, wir sind allesamt ein Produktionsfaktor; uns multipliziert oder dividiert man. Wir sind also eine Funktionseinheit; wir rattern und brummen; wir funktionieren.
Um unsere Seele zu schützen, die hierunter, was Produktion und Selbsterhaltung in der modernen Welt heisst, leidet, ja verstümmelt, können wir sie, wie bereits verlautbart, einzig dem Teufel überschrieben; er weiss sie zu verwalten. Weil das Leben kalt, da modern ist, müssen wir auch unsere Seelen erfrieren. Besser wir konservieren wir sie in Teufels Obhut, alsdass wir sie schänden in der modernen Welt.
Es ist befürchten, dass die Seelen weltweit erloschen. Wir sind dies Bienenvolk, das fleissig und tüchtig, das also industria ist, das aber jenseits und daneben und darunter nichts achtet und wertschätzt; das eigentlich sinnlos ist. Allein der Sinn, die eigene Art zu erhalten, ist noch tatsächlich. Doch angesichts des menschlichen Schaffens auch dieser Sinn fraglich. Es ist bezeichnend, dass die Menschen die Sinnfrage zu beantworten scheuen, dass alle sie zögern, in den seelischen Abgrund sich zu wagen.
Da Gott verstorben, vertröstet allein der Teufel das unsägliche Fristen diesseits. Ihm können wir uns sowohl anverdienen wie auch anvertrauen. Oder wir beauftragen unsrer seelenlosen Wissenschaft, deren Werkzeug die Technik Halbgebildeter ist, die Nichtexistenz der Seele zu beweisen endlich, sodass die unsrigen Wehklagen, ob und wie wir seelisch denn noch existierten, obsolet werden. Dies ist die weitere Hoffnung, sodann siege denn die Technokratie gänzlich.
Die Verzweiflung eines solchen Textes ist tatsächlich. Hier spricht einer, der verbitterte, resignierte und kapitulierte, der sich dadurch letztlich arrangierte und arrivierte, dies aber verbüsst, fortan als seelenlose Hülle durchs Land wandeln zu müssen, weil entkernt, bloss noch eine Fassade, ganz sinnfrei, ganz funktional.
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