Neuerdings online verfügbar: Spenglers Der Mensch und die Technik:
«Man hatte es satt, sich mit dem Dienste von Pflanzen, Tieren und Sklaven zu begnügen, die Natur ihrer Schätze zu berauben – der Metalle, Steine, Hölzer, Faserstoffe, des Wassers in Kanälen und Brunnen –, ihre Widerstände zu besiegen durch Schifffahrt, Strassen, Brücken, Tunnels und Deiche. Sie sollte nicht mehr in ihren Stoffen geplündert, sondern in ihren Kräften selbst ins Joch gespannt werden und Sklavendienste tun, um die Stärke des Menschen zu vervielfachen. Dieser ungeheuerliche Gedanke, so fremd allen andern, ist so alt wie die faustische Kultur. Schon im 10. Jahrhundert treffen wir technische Konstruktionen von einer ganz neuen Art. Schon Roger Bacon und Albertus Magnus haben über Dampfmaschinen, Dampfschiffe und Flugzeuge nachgedacht.»
Dynamik statt Statik heisst Spengler das Programm des faustischen Drangs, der unendlichen Welt Grenzen zu entwinden, ja das Unendliche selbst zum Ziel aller Bemühungen anzupeilen, wohin die eigentümlich faustische Sehnsucht neigt, gleich mit dem faustischen, höchst abstrakten Gott, der in allen Dingen wirkt. Und als ob die schlichte Naturbeherrschung des faustischen Menschen Willen nicht genügend zähme, so will er dennoch die Natur selber automatisieren; selber die Natur kreieren und nicht nur beherrschen. Nämlich:
«Und viele grübelten in ihren Klosterzellen über der Idee des Perpetuum mobile. Dieser Gedanke liess uns nicht wieder los. Das wäre der endgültige Sieg über Gott oder die Natur – deus sive natura – gewesen: Eine kleine selbstgeschaffene Welt, die sich wie die grosse aus eigener Kraft bewegt und nur dem Finger des Menschen gehorcht. Selbst eine Welt erbauen, selbst Gott sein – das war der faustische Erfindertraum, aus dem von da an alle Entwürfe von Maschinen hervorgingen, die sich dem unerreichbaren Ziel des Perpetuum mobile so sehr als möglich näherten.»
So wurde die Technik nicht nur das Mittel, die rohe, gewalttätige, ewige Natur zu beherrschen, sondern gleichzeitig der Zweck, eine neue Natur zu erfinden, eine gewiss wohl eigene, von der ursprünglichen Natur unabhängige. Dies, und nicht nur dies allein, alle Neigungen nämlich, Gott ersetzen zu wollen, mitgezählt, bestärkt, beschleunigt und bewaffnet erst den Versuch, eine ähnliche Zeitlosigkeit zu erschaffen, die Gott oder wahlweise die Natur erbaute: endlich das enge Paradigma eines Raums und einer Zeit zu überwinden; raum- und zeitlos will der Mensch schliesslich werden und verenden, jenseits aller Grenzen, aller Vorstellungen, dem Unendlichen vorgerückt. Und so:
«Mit dem Rationalismus endlich wird der ‹Glaube an die Technik› fast zur materialistischen Religion: Die Technik ist ewig und unvergänglich wie Gott Vater; sie erlöst die Menschheit wie der Sohn; sie erleuchtet uns wie der Heilige Geist. Und ihr Anbeter ist der Fortschrittsphilister der Neuzeit, von Lamettrie bis Lenin.»
Und in dieser einseitigen Abhängigkeit, schliesslich brauchen wir die Technik, die Technik uns aber nicht, wir ahnen Düsteres, wird der Herr zum Sklaven seiner eigenen Schöpfung:
«Die Schöpfung erhebt sich gegen den Schöpfer: Wie einst der Mikrokosmos Mensch gegen die Natur, so empört sich jetzt der Mikrokosmos Maschine gegen den nordischen Menschen. Der Herr der Welt wird zum Sklaven der Maschine. Sie zwingt ihn, uns, und zwar alle ohne Ausnahme, ob wir es wissen und wollen oder nicht, in die Richtung ihrer Bahn. Der gestürzte Sieger wird von dem rasenden Gespann zu Tode geschleift.»
War zu Spenglers Zeiten die Abhängigkeit der Menschen von den Maschinen noch weniger offenkundig wie heute, so ist sie es heute umso mehr, je mehr die Maschinen sich verselbständigen, bis die Maschinen, O Gott bewahre, sich selber reproduzieren können, dies enthaupte endlich den Schöpfer, die eigene Schöpfung wäre Richter, Schöpfer der Gerichtete. Mehr noch:
«Die Mechanisierung der Welt ist in ein Stadium gefährlichster Überspannung eingetreten. Das Bild der Erde mit ihren Pflanzen, Tieren und Menschen hat sich verändert. In wenigen Jahrzehnten sind die meisten grossen Wälder verschwunden, in Zeitungspapier verwandelt worden und damit Veränderungen des Klimas eingetreten, welche die Landwirtschaft ganzer Bevölkerungen bedrohen; unzählige Tierarten sind wie der Büffel ganz oder fast ganz ausgerottet, ganze Menschenrassen wie die nordamerikanischen Indianer und die Australier beinahe zum Verschwinden gebracht worden.»
Angesichts des Unwort des Jahres «Klimawandel» überraschen uns derartige Mahnungen nicht sonderlich, jedoch um 1931, als dies Werk erstmals veröffentlichte wurde, glichen solchen Aussagen mehr düsterer Propheterie als nüchterner Tatsachenarbeit, dementsprechend gering waren die Reaktionen und Konsequenzen hierzu.
Und sobald das mechanisierte Denken, das rein zweckmässige, die einzige Kategorie desselben wird, wird auch die Welt tatsächlich mechanisch:
«Alles Organische erliegt der um sich greifenden Organisation. Eine künstliche Welt durchsetzt und vergiftet die natürliche. Die Zivilisation ist selbst eine Maschine geworden, die alles maschinenmässig tut oder tun will. Man denkt nur noch in Pferdekräften. Man erblickt keinen Wasserfall mehr, ohne ihn in Gedanken in elektrische Kraft umzusetzen. Man sieht kein Land voll weidender Herden, ohne an die Auswertung ihres Fleischbestandes zu denken, kein schönes altes Handwerk einer urwüchsigen Bevölkerung ohne den Wunsch, es durch ein modernes technisches Verfahren zu ersetzen. Ob es einen Sinn hat oder nicht, das technische Denken will Verwirklichung. Der Luxus der Maschine ist die Folge eines Denkzwanges. Die Maschine ist letzten Endes ein Symbol, wie ihr geheimes Ideal, das Perpetuum mobile, eine seelisch-geistige, aber keine vitale Notwendigkeit.»
Nun, zur Notwendigkeit wurden die Maschinen, wir sind heute abhängiger denn je von ihnen, die uns heimlich beherrschen, momentan noch im selben Masse wie wir zaghaft, scheu und unschuldig die Natur vor rund zweihundert Jahren beherrschten, erst nachdem die Technik uns endgültig bezwang und ausmusterte, sind wir ihr unterjocht. Dass die menschliche Technik keine «vitale Notwendigkeit» sei, kann freilich nur aus der Perspektive eines Gottes oder der Natur bejaht werden, mit menschlicher Brille hingegen betrachtet, ist die Technik statt Notwendigkeit vielmehr Schicksal, ein bitteres zwar, aber immerhin eines, das wir momentan noch selber formen können, solange wir selber Maschinen herstellen und die Produktion derselben nicht Maschinen abtreten.
Die Zeitlosigkeit Spenglers bezeugen gerade solche Sätze des Werks Der Mensch und die Technik, deren Tragik, da Weltgeschichte, insbesondere die Geschichte des faustischen Menschen laut Spengler immer eine tragische war, ist und bleibt, uns heute mehr erschüttert und verunsichert als damals (1931):
«Das Schwergewicht der Produktion verlagert sich unaufhaltsam, nachdem der [Erste] Weltkrieg auch der Achtung der Farbigen vor dem Weissen ein Ende gemacht hat. Das ist der letzte Grund der Arbeitslosigkeit [wegen der Weltwirtschaftskrise] in den weissen Ländern, die keine Krise ist, sondern der Beginn einer Katastrophe.»
Zunächst muss vergegenwärtigt werden, dass der Erste Weltkrieg nicht nur die Kulturgläubigen und die Pazifisten Europas sondern auch die «Farbigen» enttäuschte; gerade die Farbigen mehr noch als das überverfeinerte Bürgertum Europas, da deren Eliten Europa heimlich für die errungene Zivilität, fürs friedliche Miteinander, für den geschickten diplomatischen Umgang und für alle sozialen Losungen bewunderte, bis der Erste Weltkrieg die Fratze des reprimitivierten Europas entblösste, Europa als barbarisches Ödland verfinsterte, dem so fortan die unterwürfige Hochachtung der Farbigen nicht mehr gebühre.
Erst die Vereinigten Staaten von Amerika retteten Europa vor dem endgültig Untergang; die USA erhellten Europa während dunklen, zertrümmerten und hoffnungslosen Zeiten: finanziell, moralisch wie ideell. So war, gelinde gesagt, der «Untergang» aufgeschoben, ins Reich der Hypothesen und Urängsten verdrängt, bis heute, bis die Hegemonie der USA begann zu bröckeln, bis aufstrebende Nationen Asiens die Produktionskapazitäten und selbige Mittel Europas und Amerikas erheischten, kopierten oder selbständig konstruierten.
So dramatisiert der jüngst verlautbarte Befund zusätzlich die ohnehin wallende Tragik, dass die G8-Staaten, die die Welt untereinander aufteilen und miteinander eigennützig verwalten, nicht mehr die reale Wirtschaftsleistung derselben repräsentieren, also nicht mehr über 80% sondern nur noch 50% des Welthandels abfertigen, dadurch ist, und scheint nicht nur, die Legitimation und gleichsam Hegemonie der G8-Staaten, bislang unter weiser Führung der USA, gebrochen. Was nun folgen müsste, so Spenglers Ahnung, ist eine Epoche der kämpfenden Staaten; die um Ressourcen, Märkte und Humankapital ringen.
Spengler:
«Für die prachtvollen hochintellektuellen Formen eines Schnelldampfers, eines Stahlwerks, einer Präzisionsmaschine, die Subtilität und Eleganz gewisser chemischer und optischer Verfahren gebe ich den ganzen Stilplunder des heutigen Kunstgewerbes samt Malerei und Architektur dahin.»
Für Spengler, dessen Hauptwerk sinnigerweise den Untergang des Abendlandes vormalte, war die kulturelle Seele des faustischen, sprich: abendländischen Menschen erschöpft, die Kreativität erloschen, alle daraufhin folgenden kulturell-intellektuellen Strömungen, die «Innovation» und «Revolution» schrien, waren nur ein Würfeln und Puzzeln bisherig eingefangener Ideen; eine Auftürmung ausgehöhlter Materien.
Ein makaberes Spiel also, so schlussfolgerte Spengler, sei der heutige Kulturbetrieb, eine beispiellose Exhumierung. Der Zivilisation hingegen, der faustischen Seele entstammt, ohne Enthaltung aller Technik, im Raume sich ausdehnend, bescheinigte Spengler ausdrücklich Zukunft; denn sie, die unsrige fürwahr, reifte zur ersten Zivilisation mit planetarischem Ausmasse heran. Die nunmehr westliche als abendländische Zivilisation solle sich erheben über alle ausgehungerte, da seelisch ausgestorbene «Kultur».
Weil Kulturanstrengungen ohnehin nicht fruchteten, Mensch und Gesittung zu zivilisieren, soll das Fellachentum unsrer Weltstädten so wenigstens sich mit der Technik paaren; die Jugend müsse laut Spengler «der Technik statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik statt der Erkenntniskritik» sich zuwenden. Die Analogie zwischen Rom und Washington, das politische und militärische Zentrum unsrer Zivilisation, sei kein scheeler Vergleich, sie sei vielmehr eine Bestimmung, ein Schicksal.
Kulturen verenden unweigerlich, Zivilisationen hingegen können überdauern, sogar noch Jahrhunderte später, nachdem die ursächliche Kultur bereits verfiel. Spengler mahnte, dass nur die Technik die faustische Seele, wenngleich verstümmelt, verschandelt und entstellt, ins nächste Jahrhundert retten könne, denn die meisterliche Handhabung der Technik sei des faustischen Menschen Vorsehung, so sie gleichsam dessen Lebensgefühl entspräche.
Um als Zivilisation überleben zu können, urteilte also Spengler, müsse die abendländische Kultur den Schritt hin zur mechanisierten Zivilisation hürden: zur vollends hochtechnisierten, rationalisierten und funktionellen Zivilisation emporsteigen, da Kultur verbrannt, das Seelentum geplündert und die Kreativität erstarrt sei.
Mit dieser düsteren Ahnung sank Spengler endlich ins Grab, die Welt, die nicht nur er uns hinterliess, glich immer mehr der prophezeiten; nur dass an der Oberfläche der Kulturbetrieb kultische Opfer darreicht, selbst zum Kultus verkam und sich im industriellen Komplex vermasste, Zeit und Tugend also, den Untergang der Kultur zu anerkennen, ja gar zu würdigen, und nun die Entwicklung der Technik, Technokratie und Zivilisation zu forcieren.
Die Urhorde, so Freud, regierte ein strenger Vater, der seine Söhne vertrieb und alle Weiber der Sippe um sich scharte. Diese Söhne dann, des Triebverzichts überdrüssig, verbündeten sich untereinander gegen den übermächtigen Vater, dessen soziale Stellung sie einzunehmen trachteten. Der Entschluss, der Vater müsste kannibalisch einverleibt werden, war somit gefällt. Die Söhne ermordeten daraufhin den Vater und verschlangen dessen Körper.
Diese erste moralische Tat, den vom Vater auferlegten Triebverzicht zu bezwingen, konstituierte eine gewissermassen neue soziale Ordnung, weil keiner der Brüder in die Position des getöteten Vaters rücken konnte, da diese die väterliche Ordnung, worin ein einzelner dominanter Bruder erneut den andren die Bedingungen diktiere, wiederholen würde. Die Söhne mussten sich folglich neuartig organisieren. Später, nachdem die neue Ordnung endlich sich etablierte, bereuten die Söhne den Tod des Vaters ungemein infolge Schuldgefühlen.
Deshalb ersetzen sie den Vater mit einem Totem, dessen Verkörperung, meistens ein Tier, sie ehrten und dann und wann zeremoniell verspeisten, um die lebhafte Verbindung mit dem als Totem reinkarnierten Vater zu erfrischen; die Bindung und Verpflichtung zum toten Übervater zu stärken. Der Totem sollte fortan das Zusammenleben aller regeln und so eine «Religion» grundlegen, welche gewisse Tabus und Triebverzichte von den Angehörigen des jeweiligen Totems forderte, beispielsweise das Verbot, keine Weiber desselben Totems zu schwängern.
Gleichzeitig, als des Menschen Kulturtechniken sich weiterentwickelten, vermenschlichte der Totem sich. Denn sobald der Mensch mittels «Kultur» sich von der Natur deutlicher abgrenzen konnte, entsprach die damals übliche Sitte, dass ein Tier einen Menschen repräsentiere, nicht mehr dem Selbstverständnis des bewusst gewordenen Menschen. Er musste also anstelle eines Tiers einen vergöttlichten Menschen anbeten, mit dem er sich nun eher identifizieren konnte als mit einem Tier, wobei oftmals der Mensch die so neu geschaffenen Gottheiten mit einem Totem der Vorzeit verknüpfte, beispielsweise dass ein gewisser Gott ein gewisses Tier beschützte respektive ermordete.
Doch der lange Weg, ehe eine monotheistische Religion mit einem abstrakten, allmächtigen und prüfenden Gott entstand, der nebenbei die Menschen straft wegen des einstigen Mordes an den Urvater der Urhorde; ihnen so die christliche Erbsünde aufbürdete, was erst Christus ansatzweise sühnte, wollen wir verkürzen, indem wir die Objekte, denen die Menschen heutzutage bedingungslose Unterwerfung opfern, mit jenen der Vorzeit vergleichen.
Der sogenannte Warenfetisch, der zum Objekt gängiger Projektion wurde, vollendet den Totemismus unsrer Vorzeit. Denn der Konsument projiziert sowohl das Unbehagen, kaum welchen sozialen Ansprüchen genügen zu können, ins Objekt Ware, als auch die Sehnsucht, mithilfe ebendiesen Waren naturgemässe Unzulänglichkeiten zu kompensieren, ins selbige Objekt. Die Ware also zeigt uns dauernd, was wir nicht sind und was wir sein könnten, aber selten, was wir sind. Sie scheint vielmehr ideell, phantastisch, mythisch als realistisch, praktisch.
Genauso, wie die Söhne der Urhorde den Tod des Vaters bedauern, beklagen die heutigen Menschen ihre Unvollkommenheiten, die sie mit Waren zu verringern streben, wohlgemerkt genauso, wie die Söhne mit dem Totem den Schmerz um des Vaters Verlust zu lindern suchten. Oder: genauso, wie die Söhne die neue soziale Ordnung nach dem Tod des Vaters festigten mittels totemistischer Geboten und Tabus, basiert unsere gegenwärtige soziale Anerkennung auf Waren, deren Erwerb imperativ verlautbart wird.
Weiterführende Informationen
Sigmund Freud: Totem und Tabu
Europas Ursprung wurzle in der Antike, war plausibel und beliebt zu beteuern gleichermassen. Spengler hingegen korrigierte, die antike Kultur, genannt apollinische, war nicht dieselbe wie die abendländische, die faustische. Die apollinische Kultur war für Spengler vielmehr eine ahistorische, eine gegenwartsbezogene, eine sinnliche, eine menschliche, den Menschen also in den Mittelpunkt rückende, eine unendliche geschichtslose, deren Götter obendrein menschlich-körperlich den Menschen imitierten, demgegenüber der christliche, abendländische Gott als unsichtbare, übermächtige Kraft die Welt verwaltet.
Fernerhin organisierte die apollinische Kultur sich in Stadtstaaten mit begrenzten Kompetenzen, Befugnissen. Die faustische hingegen, stets ausdehnend und versuchend, das Unendliche einzufangen, gründet auf Flächenstaaten. Einzig die römische Zivilisation vermochte das eigene Stadtgebiet politisch überwinden, jedoch waren derlei politische Rechte römischer Reichsbürger nur insofern gültig, als sie selber, in Person verkörpert, am Forum in Rom sie einforderten. Für Rom, dessen Ursprung und Zukunft gleichsam und ausschliesslich in Rom pulsierte, wäre undenkbar gewesen, die politische Partizipation in die Provinzen auszulagern, seien es nur lokale Urnen.
Spengler, manchmal übereifrig, untermauerte die Unterschiede beider Kulturen ebenso anhand der Musik, der Mathematik und der Politik. Er widerlegte die damals vorherrschende Behauptung, die antike und die abendländische Kultur seien dieselbe, wiedem die abendländische nur die antike verlängere, was sich zeigt im schulischen Geschichtsverständnis; Geschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit aufzugliedern. Spengler veralberte dergestalt dreiteilige Geschichtsbewusstsein als eurozentrische Arroganz, die zu verallgemeinern die Eigenständigkeit und Individualität, sozusagen das Seelentum anderer Kulturen missachte.
Weiterführende Informationen
DER VERWERTER: «Der Fall Spengler – Teil I»
DER VERWERTER: «Der Fall Spengler – Teil II»
Was, will man fragen, überstand die Selbstaufopferung der abendländischen Kultur? Dass sie sowohl verschüttet als auch zerbombt wurde, diese einst mit Sendungsbewusstsein und Weltgeltung ohnegleichen strahlende Kultur Europas, kündigte der Erste Weltkrieg an und versteinerte der Zweite. Denn eine Kultur, die, ungeachtet Humanität, Zivilität und jeglicher Sittlichkeit, zynisch-kalt vollstreckte, dieses eine Volk, das nur aufgrund vager äusserlichen Merkmalen katalogisiert und als minderwertige Rasse ideologisiert, total maschinell-industriell zu vernichten, müsste die Selbstauflösung nicht nur beichten, sondern ausserdem deutlich zeigen.
Spenglers Verdienst war, die Selbstüberschätzung Europas zu ernüchtern. Er bedauerte mehrmals wortwörtlich die Ausrottungen eingeborener amerikanischer Zivilisationen, was er als «Unglücksfall» der Geschichte habgieriger weisser Männer bemitleidete, derbei niemals verhehlte, dass die in Europa den vierten Stand: die Masse blendende Arroganz letztendlich urteilen wird, ob sie, die Selbstherrlichkeit Europas Zivilisation rächend einäschern werde. Denn Kultur schwand sowieso, allein Zivilisation könnte überleben, aber ausschliesslich als lebloser Körper, ohne faustisches Seelentum, sondern lediglich als greise, erschöpfte Hülle, die Vitalität nur noch spiegle, jedoch keinerlei hauche.
Eine Zivilisation begrabt eine Kultur im Sinne, dass die Zivilisation plündert, was Kultur einst mühsam, bisweilen mit Blut erschuf, selber hingegen nichts mehr produziert, ausser Starre, Kälte, Zynismus, Funktionalität und Bürokratie. Eine Kultur pulsiert mit einem Volk. Eine Zivilisation jedoch verdunstet mit einer Masse. Dies Volk, das Kultur innehielt, zerstampft eine Masse, wohlgemerkt eine irrationale, hysterische, manipulierbare und viertelsgebildete. Sofern man Kultur als Entbarbarisierung und edle Gegenwartsbewältigungsform des Menschen definiert, scheiterte Kultur, den Menschen zu erziehen, zu zähmen, zu bändigen, ihn zu vermenschlichen. Anstatt urtümlich faustisch Forschung, Wahrheitsliebe und Bildung zu transzendieren, verwahrlost die Masse, wird mit Brot ernährt und mit Spielen zerstreut.
Will man Spengler demnach einen Kulturpessimismus vorwerfen, muss man unterscheiden zwischen Kultur und Zivilisation. Was Kultur betrifft, behielt Spengler Recht; unsere Kultur döst in Museen archiviert. Jedoch die Zivilisation wurde gestärkt, trotz Weltkriege und Globalisierung, ist unsere Zivilisation scheinbar selbstsicherer als je zuvor, wobei ausdrücklich nur des Scheins wegen, innerlich, weil unsere Zivilisation sich entwurzelt fühlt vom kulturellen Ursprung, gleichwohl Museen erinnern und ermahnen, den westlichen Menschen als Kultur- und nicht als Geldmenschen verkaufen, weiss unsere Zivilisation nicht recht, wohin sie steuern soll. Sie wirkt ziellos, gleichermassen identitätslos und unsicher darüber, was die Zukunft ihr beschere, vor allem angesichts der chinesischen Zivilisation, die, von Kultur und Herkunft noch nicht gänzlich entfremdet, die Welt erzittert.
Weiterführende Informationen
DER VERWERTER: «Der Fall Spengler – Teil I»
Spengler! Fürs Verstehen Spenglers Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes ist unabdingbar, dass man den Titel nicht wortwörtlich übersetzt, als Prophezeiung missdeutet: unser gelobtes Abendland ginge unter. Zwar, insofern die spenglerische und eigentümlich alteuropäische Unterscheidung zwischen Zivilisation und Kultur heutzutage noch geläufig ist, verschwand «Kultur», die abendländische, von Spengler als «faustische» spezifizierte Kultur, hingegen die Zivilisation, jene des Abendlandes und der USA überlebte, bestand etliche zerstörerische Prüfungen, und schickt nun einen sendungsbewussten Universalismus voraus.
Spengler! Nachdem Deutschland geschlagen war, der Friede von Versailles die deutsche Bevölkerung eher als schmachvoller Waffenstillstand erduldete; griffen vor allem die deutschen Leser begierig nach Spenglers Antwort auf die damals bangen Fragen: was mit Europa denn geschähe?, worin insbesondere Deutschlands Niederlage wurzle? Spengler, geschützt mit Gleichmut und mit dem Bewusstsein, die Planmässigkeit des Weltgeistes ohnehin nicht beeinflussen zu können, entwarf eine Theorie zyklisch auf- und abtretender «Kulturen», die daraufhin entweder in Zivilisationen vergreisen oder gänzlich absterben.
Die Kultur des Abendlandes, so Spengler, sei verdünnt, gepanscht, durchbohrt. Die Blüte des abendländischen Kulturschaffen verwelke. Was, laut Spenglers Behauptungen, danach folge, wäre die Wiederholung der Moden; die Kultur recycele, reproduziere sich selbst; taufe Althergebrachtes als Neuheit. Gezeichnet von Erschöpfung, Ermüdung und allgemeiner Fantasielosigkeit, verlerne die abendländische Kultur das Vitale, Organische, Lebendige, Progressive ihrer. Anstelle der einst dominierenden «Kultur» mechanisiere die abendländische Zivilisation nun die Bewegungen, Gedanken aller, sodann jene Geschichtslosigkeit sich bewahrheite, die man heutzutage als «Ende der Geschichte» fürchtet.
Spengler war gewissermassen kein revolutionärer Geist, er mischte alles, was er fand; er interpretierte sozusagen den Stand der damals «gegenwärtigen Forschungen»; vereinigte die Erkenntnisse des Darwinismus, der Lebensphilosophie, der modernen Physik, der neukantisch geprägten Schulphilosophie und der Zivilisationskritik Nietzsches mit der Soziologie eines im Wirtschaftszwang gefangenen Menschen. Allerdings war er der erste, der das eurozentrische Geschichtsbild verwarf: er verspottete Historiker seiner Zeit, die sämtliche Geschichte Europas zu universalisieren trachteten.
Dies ist der dritte Teil unsrer kleinen Serie «So ist die Jugend». Walther Paul Mosimann analysiert in diesem Kapitel das Spannungsfeld zwischen Sexualität, Erziehung und Zivilisation (siehe DER VERWERTER: «Sexualität und Zivilisation»). Wir beginnen sogleich mit dem Vorlesen:
«Eines Tages sucht eine aufgeregte Mutter den Klassenlehrer ihres dreizehnjährigen Jungen auf. Mit hochrotem Kopfe berichtet sie ihm, einige Kameraden ihres lieben Ernstli sprächen in letzter Zeit fast nur noch von Mädchen – nun ja, eben von unanständigen Dingen, die sie nichts angingen. ‹Sie werden schon wissen, was ich etwa meine …› fügt sie verlegen hinzu. Energische Abhilfe wird gefordert, und als der Lehrer beschwichtigend die Sache aufs richtige Mass reduziert, ereifert sich die Gute und klagt über die schrecklichen Sitten der heutigen Zeit. ‹Bei uns zu Hause gibt es halt nichts Sexuelles – und auch mein Kind soll rein bleiben›, stellt sie abschliessend, mit anklagendem Unterton gegen den Lehrer, nachdrücklich fest.»
Die Sexualmoral der Fünfziger wirkt verständlicherweise befremdlich. Doch solle sie in ihrer Ausartung mahnen, dass beide Extreme, wie damals und heute, nicht der Zivilisation und dem Fortschritt dienen. Heutzutage kehrte sich der Fall um. Was früher verschwiegen, unterdrückt wurde; wird nun öffentlich zur Schau gestellt und überschätzt. Allerdings ist nicht abzustreiten, dass wir das zeitgemässe Extreme auch erfahren müssen. Denn allein die Erkenntnis darüber, wo die Extremen ungefähr grenzen, verhilft, künftig einen stets balancierenden Mittelweg einschlagen zu können.
Ferner drängen die Eltern heutzutage die Jugendlichen beinahe zum Geschlechtsakt. Sie fordern tadelnd, dass ihre Zöglinge sexuell aktiv und erfüllt sein müssten. Aus diesem Grund leben sie eine aktive, erfüllte und zufriedenstellende Sexualität feierlich vor. Aber manchen Jugendlichen vereiteln die Eltern mit ihrer provozierend zur Schau gestellten Sexualität die Begeisterung und Lust dafür, würgen den Jugendlichen gleichsam den Reiz ab; etwas Verbotenes, etwas Geheimnisvolles verwirklichen und selbst erfahren zu können. Die oft zitierte Hypersexualisierung der Gesellschaft und auch der eigenen Eltern entwertet schrittweise die Sexualität, deklassiert sie zu einem gewöhnlichen Gut, welches man achtlos konsumiert und danach wegwirft.
Was wir uns allerdings nur bedingt vorstellen können, ist das Bekenntnis Ernstlis Mutters, bei ihr zu Hause gäbe es nichts Sexuelles. Ernstlis Mutter vermehrte sich vermutlich mithilfe der Sexualität lediglich, Spass oder Vergnügen, was wir heutzutage unter dem Begriff Sexualität reduzieren, beachtete oder kannte sie nicht. Wie gewohnt drehte sich die Situation. Sexualität wird nun nicht mehr für die Arterhaltung sondern «nur noch» zum Vergnügen praktiziert.
«Das Wissen, das die Mutter dem reinen Ernstli vorenthalten möchte, hat mit ‹Unsauberkeit› nicht das geringste zu tun; es schadet ihm in keiner Weise. Viel eher muss man um die Reinheit Ernstlis bangen, wenn man ihn ahnungslos oder falsch aufgeklärt ins Leben hinaustappen lässt.»
Heutzutage stellen wir das radikale Gegenteil fest. Besorgt sind jene Eltern, die glauben, ihre Kinder verschliefen die sexuelle Entwicklung. Und ebenfalls spart man nicht mit Aufklärung. Der Jugendliche wird von allen Seiten aufgeklärt und abgeklärt; sei es von der Strasse, in der Primarschule, in der Oberstufe, zu Hause. Die Überaufklärung paart sich nicht überraschend mit der Hypersexualisierung. Selbst die Wertung «sexy» wird als die massgebende und alles überragende Kategorie zur Urteilsbildung erkoren.
«Die Ordnung in sexuellen Dingen, die notwendige Beherrschung der Triebe, das Verzichtenkönnen und die Bewahrung einer natürlichen Schamhaftigkeit bilden und erhalten sich nur im grössern, umfassenden Rahmen einer Erziehung zu vernünftigen Disziplin, einer Erziehung, welche den Menschen aus seiner Ichbezogenheit hinaushebt und in die Gemeinschaft und deren Gesetze stellt.»
Nun, die sexuellen Dinge sind nicht geordnet, Triebe werden nicht beherrscht, man verzichtet selten und der Scham wurde als Überbleibsel des Spiessertums vollständig abgelegt. Die Sexualität unterlag einem Wandel hin zu vermehrter Öffnung und Vergesellschaftlichung. Trotzdem hemmte die Öffnung und Vergesellschaftlichung der Sexualität nicht die Ichbezogenheit. Was heutzutage heranwächst, ist eine selbstverliebte Generation Hedonisten, deren Maxime verlautet, möglichst viele Bedürfnisse mit möglichst kleinem Aufwand zu befriedigen. Von Gemeinschaftssinn fehlt dabei jede Spur.
Serie «So ist die Jugend»
DER VERWERTER: «So ist die Jugend» – Teil 1
DER VERWERTER: «Wir hatten auch kein Taschengeld» – Teil 2
Wie versprochen führen wir unsere jüngste Serie «So ist die Jugend» weiter. Nachdem vermutlich die Informationsflut das versprochene Wort wegschwemmte, sprechen wir mit Bedauern und Demut eine Entschuldigung aus; man möge uns die Verzögerung verzeihen. Das heutige Kapital heisst «Wir hatten auch kein Taschengeld». Zur Erinnerung: das Buch wurde für das Jahr 1958 verfasst.
«Vieles hat sich seit Grossvaters und selbst seit Vaters Zeiten geändert. Die Welt des Kindes wurde zu einer Miniaturausgabe jener der Erwachsenen. Ob dies von Gutem oder Schlechtem ist, soll hier nicht untersucht werden. Wir gehen einfach von dieser Tatsache aus, in der Annahme, dass eine Rückbildung der Verhältnisse in Beschaulichkeit und viel gepriesene Bescheidenheit kaum wahrscheinlich ist. Schliesslich entsprechen diese Verschiebungen in der Erlebniswelt des Kindes den Veränderungen, die der Lebensstandard der Erwachsenen erfahren hat; sie sind also Ausdruck einer weitgehend umgestalteten Lebensgrundhaltung. ‹Geld == Besitz, Besitz == Glück› steht als Lebensmaxime über vielen Häusern. Es ist undenkbar, dass sich ein Kind den Ausstrahlungen dieser in zunehmendem Masse auf das Materielle ausgerichteten Denkweise zu entziehen vermöchte.»
Wie Autor Walther Paul Mosimann richtig prognostizierte, wandelte sich auch die Lebensmaxime nach fünfzig Jahren kaum. Im Gegenteil, sie festigt radikal die Lebensgrundhaltung der westlichen Menschen; gewährt Stütze, wo andere zusammenbrachen und verhilft als Leitkultur zu Lebenssinn und Lebensmut.
«Aus Gesprächen der Eltern, aus dem Klatsch über Nachbars Anschaffungen oder aus Diskussionen über die Möglichkeit, ein Auto zu halten, spürt das Kind, wie sehr das Trachten der Erwachsenen auf Gelderwerb und sehr oft auch auf Zurschaustellung der materiellen Position ausgerichtet ist.»
Freilich ahmt das Kind die Eltern nach. Und freilich also äussert es auch materielle Bedürfnisse, richtet sich nach dem Glanz und Gloria der mit Geld gesegneten Eltern. Deswegen dürfen sich die Eltern nicht ärgern, insofern sowieso beizeiten als Vorbild ihre Verantwortung wahrnehmen müssten, wenn ihr Kind mehr Taschengeld einfordert.
«Wenn das Kind lernen soll, mit Geld richtig umzugehen, sinnvoll zu disponieren oder gar zu sparen, dann muss man ihm ein regelmässiges Taschengeld in die Hand geben, einen fixierten Beitrag, auf den es zählen kann. Nur so ist eine sinnvolle Beziehung erreichbar, kann es – was wir ja schliesslich auch erstreben! – Bedürfnisse und Einkünfte in Einklang bringen.»
Mit diesem Bekenntnis klärt Mosimann (für sich) den auch noch heute aktuellen Streitpunkt; ob das Kind mit einem regelmässigen oder mit einem sporadischen, zufälligen Taschengeld versorgt werden sollte.
«Sind im Grundsätzlichen die Eltern meist einig, so fällt es im allgemeinen schon bedeutend schwerer, die Meinungen über die Höhe des Taschengeldes unter den berühmten einen Hut zu bringen. Interessanterweise sind es häufig nicht die sozial Schwachen, die ein geringes Taschengeld zuteilen, sondern eher besitzende Kreise, die aus Tradition und Erfahrung Wert auf Bescheidenheit und Sparsamkeit legen. Dies ist natürlich nicht die Regel, wohl aber eine relativ häufig sie bestätigende Ausnahme. Am meisten tanzen erfahrungsgemäss jene Leute aus der Reihe, die plötzlich zu Vermögen gekommen sind und es ihrem Namen schuldig zu sein glauben, diese Tatsache der Umwelt möglichst drastisch vor Augen zu führen.»
Wir kennen dieses zwanghafte Verhalten etikettierter Neureichen bestens; ihren Reichtum penetrant öffentlich vorzeigen zu müssen. Aber auch kennen wir das Verhalten der Unterschicht, die fürchtet, ihre Kinder werden sozial ausgegrenzt, benachteiligt aufwachsen, wenn man sie nicht am materiellen Wohlstand ihrer Schulkameraden bindet. Heutzutage misst sich die geistige wie finanzielle Unterschicht vorzugsweise mit den dafür geschaffenen Stars; wollen demgemäss den Stars ebenbürtig sein und riskieren deswegen gar eine Verschuldung.
«An Gelegenheiten, die sich gegen Entgelt nützlich zu erweisen, fehlt es in unsern Konjunkturzeiten ja nicht. Dieses Selbstverdienen ist innerhalb eines tragbaren Masses nicht abzulehnen, doch birgt es gewisse Gefahren. Allzuleicht werden durch Überbeanspruchung vordringliche Dinge, wie Schule, Berufsausbildung, Schlaf oder Freizeit zu sehr geschmälert. Die Jugendzeit wird durch ein Spielmanko belastet, und das Sinnen und Trachten geht allein auf Gelderwerb aus, eine Haltung, die der kindlichen Unbekümmertheit und dem jugendlichen Idealismus entgegengesetzt ist. Das Verhältnis des jungen Menschen zur Gemeinschaft darf nicht verkommerzialisiert werden.»
Möglicherweise lasen nur die allerwenigsten Eltern 1958 dieses Buch, oder die wenigen erzogen ihre Kindern nach empfohlenen Richtlinien, welche 1968 wieder als Korsett empfunden und daher übereilt verworfen wurden. Die Unbekümmertheit und der Idealismus der Jugend gingen beidsam verloren. Den Jungen von Heute wird bereits früh eingeredet; sie lernten nur für die Wirtschaft, sie reiften nur für die Geldvermehrung heran. Tagtäglich wird ihnen die Realität zugeschoben, die ein emsiges Wirtschaften verlangt. Zynismus sind die Folgen einer Jugend, die abgehärtet und trainiert das Geldverdienen als einzig mögliche und gesellschaftlich vereinbarende Maxime erachtet.
Serie «So ist die Jugend»
DER VERWERTER: «So ist die Jugend» – Teil 1
Wer die Gegenwart verstehen will, muss zuerst die Vergangenheit verstehen. Wer aber aus der Vergangenheit die Zukunft verstehen will, regt unsere Aufmerksamkeit an. Wir fanden ein Buch in unsrer Haus-Bibliothek, dessen düstere Prophezeiungen sich nach fünfzig Jahren bewahrheiteten. Es trägt den Titel So ist die Jugend, geschrieben von Walther Paul Mosimann, einem Pädagogen und erschien 1958 im Gebrüder Wagner AG Verlag in Basel. Weil der Inhalt dieses Buch heute aktueller denn je ist, wollen wir eine neue Serie beginnen und wenn die Zeit uns begnadigt, täglich Kapital für Kapital vorlesen. Natürlich beschränken wir uns auf ausgewählte Stellen, kommentieren diese und wollen sie in die Gegenwart einbringen. Aber wir sollten uns immer erinnern, dass dieses Buch für 1958 und nicht für 2007 verfasst wurde.
Wir lesen aus der Einleitung vor:
«Die Väter – und leider oft auch die Mütter – stehen heute voll angespannt im Erwerbsleben; sie werden vom Lärm der Maschinen, dem Gehetze des Verkehrs, der Nervenbelastung eines durchrationalisierten Berufes durch die Stunden des Tages und der Woche gepeitscht. Ihr Zustand restlosen Aufgebrauchtseins fordert gebieterisch Entspannung, Ruhe, Sammlung, findet aber statt dessen eine durch die Vergnügungsindustrie hochgezüchtete Zerstreuung und Scheinerholung.»
Bereits dieser Abschnitt formuliert in aller Härte und Deutlichkeit, was unsere Gegenwart auszeichnet. Lediglich der Einschub, auch die Müttern seien erwerbstätig, wirkt ein bisschen veraltet. Weiter:
«Die Kinder sind diesem unruhigen Rhythmus ebenfalls unterworfen [...]. Sie wachsen in der Anonymität unüberschaubarer Wohnblöcke und Mietskasernen auf, sind von keiner Lebensgemeinschaft (oft nicht einmal ihrer Familie) getragen und stehen dadurch viel grössern Versuchungen und Gefahren gegenüber als frühere Generationen.»
Wir wiederholen die Bitte, man solle doch berücksichtigen, dass der Reifungsprozess der Jugend heutzutage bislang unbekannt erschwert wird, sei es nur künstlich durch übervorsorgliche Eltern und seien es äusserliche Umstände, die das Kind verlocken. Weiter:
«Dass sich in dieser Situation viele Erzieher unsicher fühlen, ist nicht verwunderlich, bedauerlicherweise scheuen sich jedoch viele, ihre Schwierigkeiten einzugestehen. Nun, die Zahl derer, die sich gerne beraten lassen, ist sicher im Wachsen. Es gehört allerdings zu den Zeichen unserer schnellebigen Zeit, dass viele nach Patentrezepten rufen und relativ wenig bereit sind, das Grundsätzliche zu überdenken und daraus ihr Handeln zu bestimmen zu lassen.»
Heutzutage wurde die Erziehung verwissenschaftlicht. TV-Formate wie Super Nanny belegen diese Entwicklung, gewissermassen bedauern wir diese Wendung, gestehen die Eltern doch mittlerweile ein, sie versagten in der Erziehung, wollen sie also folglich abdelegieren.
Uns verblüfft ausserdem die Klage gegen die schnelllebigen Zeit, wohlgemerkt schrieb man dazumal den Begriff noch korrekt mit einem Doppel-L. Geblieben ist allerdings immer noch den Ruf nach Patentrezepten, wir nennen diese Einstellung Fast-Food-Mentalität.
Morgen erwartet euch, falls die Zeit uns dieses Vorhaben genehmigt, ein anderes Kapital.