Die Wahl des Investments als Frage der Weltanschauung

Wer investiert, muss langfristiger denken, als der Zeitgeist es gebietet. Daher sind Investments, die allein der Altersvorsorge wegen getätigt, eine höchst weltanschauliche Frage. Es ist die Frage, die einen Zwanzigjährigen bangen, wie wohl die Welt in vierzig Jahren einem sich offenbaren mag. Darum müssen unsere Investments diese Frage, was kann ich erwarten, beantworten.

Einem Adoleszent, dessen Sehnsucht Apokalypse heisst, wird man daher raten, sich möglichst rasch und hoch zu verschulden, lebt er doch im Hier und Jetzt und vor allem mit der Gewissheit, dass alsbald eine etwaige Inflation, Finanzkrise oder Umweltkatastrophe das System demolieren und somit die eiligst angehäuften Schulden verdampfen werde.

Doch ein Jüngling, dessen Sehnsucht Familie heisst, muss gewissenhafter investieren, schliesslich kann er nicht hoffen, der unsrigen Welt drohe alsbald den Untergang, es sei denn, er hiesse Al Bundy. Hier zeigt sich die Weltanschauung eines jeden einzelnen. Nämlich so, wie wir investieren, oder ob wir überhaupt investieren.

Der Dandy, dessen Pessimismus unverbesserlich ist, prahlt, er investiere ausschliesslich in Rüstung, er schliesslich will meinen, der Mensch sei ein niederes Tier bloss, das der Weltherrschaft keinesfalls würdig sich erweise. Daher ist ihm gewahr, dass die Menschen auch fürderhin sich bekriegen werden, trotz allen Bemühungen, die einen vorschnellen Weltfrieden erzwingen möchten.

Der Realist hingegen, der auch glaubt, die Menschheit werde sich kaum bessern, aber zumindest demnächst nicht selber vernichtet, argumentiert, dass die Menschheit immer mehr Energie verschlingen werde. Diese Gewissheit des ewigen Wachstums legitimiert ihn, die Energiebranche zu übergewichten.

Und die Hausfrau? Investiert eine solche überhaupt? Kaum. Sie hat die Zucht zu bestellen. Die Strategie, wie wir investieren, verrät, wer wir sind. Sage mir, woran du glaubst, und ich sage dir, wer du bist. Es ist tatsächlich eine weltanschauliche Glaubensfrage, heute noch zu investieren; eine weitere Möglichkeit zur Differenz.

Daher überrascht nicht, dass heutzutage kaum mehr jemand spart. Insbesondere in den USA ist die Sparquote bedenklich tief. Anderseits kann man eine tief Sparquote auch so interpretieren, dass die Einwohner zuversichtlich sind. Aber auch, dass sie grundsätzlich pessimistisch sind, an keine Zukunft mehr glauben.

Der Autor investiert ausschliesslich in Rüstung, Europa und Energie. Wie und wo investiert ihr?

Die Firmenpsychiatrie

Ausserhalb scheint der gläserne Büroturm perfekt: man kultiviert eine schöne neue Welt, wo man stets schick gekleidet, stets gut gelaunt, stets kundenorientiert handelt und stets unternehmerisch denkt. Doch innerhalb eines solchen Komplexes reprimitiviert ein erbarmungsloser Naturzustand den Angestellten.

Es ist ein Kampf, und als solchen immer hart. Dass man schikaniert, brüskiert und lügt, ist folglich Alltag, endlich Gewohnheit; denn dies sind Waffen, deren Gebrauch routiniert ist; allein, um die eigene Position zu bessern, den eigenen Bereich zu verteidigen, die eigenen Kompetenzen zu erweitern oder zu verringern.

Dass daher auch die Menschen erkranken, wortwörtlich verfaulen, innerlich kündigen, vollends resignieren, letztlich bloss funktionieren, ja überleben, krampfen und oftmals erfolglos sich bemühen, ist die Konsequenz des totalen Wettbewerbs in allen Lebenslagen, in jeder Situation, in jeder sozialen Umgebung.

Und dass viele Angestellte diesen Kampf nicht meistern können, ist unabweislich. Doch statt die Überflüssigen und Schwachen der IV zu überverantworten, wo sie dann unwiederbringlich versiechen, sollte die Firma die Mitarbeiterschaft selber therapieren, selber wieder als tüchtigen und fleissigen Bienenstock erziehen.

Grosse, global präventiv und effektiv intervenierende Firmen müssten also einen Psychiater installieren, den man aber «Coach», «Betreuer» oder «Leistungsmanager» heissen sollte, möchte man doch keinerlei Schwäche benennen, ja niemals sagen, was ist, sondern stets verschleiern, das Menschliche unter Objekten hüllen.

Diese Abteilung wäre im Dienste totaler Produktivität, totaler patriarchalischer «Fürsorge». Gleichzeitig dürfte man prahlen, die hungrigen Medien füttern, hiermit agiere man sozial, sozialverträglich, weil man schone den Staat. Und auch wäre eine weitere Abteilung beschäftigt, noch mehr Bürokratie gefestigt.

Der erträgliche Pakt mit der Wirtschaft

Unbestritten, unabweislich scheint die Dominanz der Wirtschaft, welche unablässig den gesellschaftlich-öffentlichen Raum «privatisiert», alles ins Kalkulationsschema presst, das aussagt letztlich, ob etwas rentiert oder nicht. Man ist geradezu verbannt, auch als gewöhnlicher Bürger mit bescheidenen Ansprüchen, sich einzugliedern; nur so kann man überleben, nur so ist das Existenziellste und Elementarste: der Fortbestand der eigenen Art gesichert.

Daher muss jeder Mensch, ob weiss oder schwarz, ob früher oder später, diesen teuflischen Pakt besiegeln; also die Seele verkaufen, den Geist verhökern und endlich alle Ideale preisgeben, welche die totale Entfaltung wirtschaftlicher Nützlichkeit bloss blockieren. Selbstauflösung, Selbstaufopferung, Selbstaufgabe ist Programm, wer dessen sich weigert, den strafen wir mit Armut, sozialer Isolierung.

Das Unbehagen, diesen Pakt zu vollziehen, ist spürbar allerorten; doch der Widerstand ist als Symbolik verharmlost, welche bloss ein Zeichen setzen möchte gegen die unvermeidliche Ungerechtigkeit, unvermeidliche Ungleichheit und Sinnlosigkeit des von wirtschaftlichen Zwängen beherrschten Daseins. Letztlich ist er wirkungslos, machtlos; allein denn die Gewissheit, die allgemeine Ohnmacht zu kompensieren, indem man sich engagiert, vermeintliche Zivilcourage erwirkt, tröstet, immunisiert einen gegen das unübersehbare Elend.

Deswegen floriert eine, polemisch überschätzt, «Rettungsindustrie», deren Produkte protzen, mag vermöge die Welt zu retten oder mindestens zu bessern. So ist der «Protest» eine beliebige Ware, eine lediglich ethisch und ideologisch aufgeladene, wodurch der Mehrwert sich wohl gerade definiert. Dieser Protest sublimiert den Widerstand, verlagert ihn ins «System», ohne dass er aber das System verändert oder verändern kann.

Die Tragik des Pakts mit der Wirtschaft ist, dass er bedingungslos ist; man kann ihn nicht kündigen, im Gegenteil, man begehrt mehr, immer mehr, man verwächst immer tiefer ins System, das letztlich unentbehrlich, zum eigentlichen Sein wird. Der Preis, den man hierfür zahlt, ist, gleichviel man opponiert, die Rettungsindustrie frequentiert, dass das Leben das Fegefeuer der Hölle ist; wobei, dies ausdrücklich, man entschädigt und belohnt wird: mit materiellem Gewinn, materieller Sicherheit, materiellem Sozialstatus.

Das Leben, obschon eine Hölle, wird dadurch angenehm, bequem, zutraulich und endlich berechenbar; die Komplexität scheint denn verringert, aufs eben Notwendigste minimalisiert, dass Leben bloss Erwerbsarbeit beinhalte, gleichwie man nebenberuflich, als triumphal Freizeit geschellt, organisiert und kalkuliert man sich zerstreut. Hiermit erübrigt sich alle Lebensphilosophie, alle Bildung und allen Humanismus, ausschliesslich verschultes Nützlichkeitswissen darf gelehrt werden.

Nun also, falls wir resümieren, kann man den Pakt nur befürworten: er verheisst den Besserung, verspricht Hoffnung, er vereinfacht das Seins, weil er die Seinsfrage exkludiert, als Geschwurbel disqualifiziert, hat man doch das eigentliche Sein überverantwortet dem Teufelt. Die Angst, die innere Leere erblicken, in den Abgrund der Seins fallen zu müssen, ist endlich unbegründet, weil ist endlich überwunden, delegiert worden ans Warensystem.

Gerold Lauber als Befürworter der totalen Arbeitsdiktatur

Hinweis für regelmässige Leser: Eine weitere Polemik für die totale Arbeitsdiktatur anlässlich einer Sonntagspredigt eines Stadtrats.

Die gestrige Sonntagspredigt Gerold Laubers anlässlich einer Diplomfeier entzückte. Die Vorstellung, dass ein Politiker, der sich ums Wohl der Ökonomie sorge, unablässig Effizienz und Leistungssteigerung fordere von arbeitsscheuen Lohnabhängigen, war eine nahezu biblische. Doch sie verriet auch, dass die Dekadenz den bedingungslosen Leistungswillen einer zerfahrenen Zivilisation zu schmälern vermochte.

Womit Lauber bedingungslose Leistungssteigerung denn rechtfertigte, waren allein statistische Grössen, allen voran die beeindruckende demographische, welche die Ermüdung und Unfruchtbarkeit einer gealterten Zivilisation als «Chance» und «Herausforderung» deutete. Aber auch der sogenannte «Strukturwandel», will heissen, dass der Markt spuke dergestalt, dass niemand ihn bändigen mag, verursache und folgere lebenslängliches Lernen.

Der Wille Laubers, als Agent der Arbeitsdiktatur zu wirken, war spürbar und explizit. Kraft seiner tadellos akzentuierten und temperierten und artikulierten Rede verzaubert er dies merklich-merkwürdig hörige Publikum, das gerade eine Schule absolvierte, die ganz der bürokratisch-technokratischen Privatwirtschaft untertan scheint. Kaum Zwischenrufe, kaum Widerspruch; die Arbeitsdiktatur triumphiert.

Diese Chance, des Risikofaktors Mensch sich zu entledigen, begreifen allein weise Staatsmänner, die in Privatwirtschaft zuvor verdarben-vollendeten. Hieran sollen wir tüfteln: die Menschmaschine zu vervollkommnen. Ansonsten schröpfen die Hungrigen der Welt unsren edel erkämpften Wohlstand. Demokratie ist Verhandlungssache, unabdingbar ist aber Leistungsbereitschaft, die nie erschlaffe.

Lauber, ein Mann der Tat, weiss Rat; seine Volksschulen sind bereits als betriebswirtschaftliche Unternehmen rationalisiert worden, wo der Nachwuchs, den letzten, den wir aufgrund Unfruchtbarkeit und Hedonismus noch zu produzieren vermögen, ganz ebenso betriebswirtschaftlich erzogen und unterrichtet werde; umso früher sind also die Kinder akklimatisiert wie konditioniert der rauen Wirtschaft, wo allein der Wettbewerb siege.

Die totale Arbeitsdiktatur, die auch wir ersehnen, naht; jetzt müssten wir bloss noch Menschenrechte und Demokratie abschaffen, sodann wäre die wirtschaftsfeindliche Reaktion endlich eliminiert, welche die totale Entfaltung der Arbeit behindert. Denn technokratische Arbeitsdiktatur ist Hoffnung und Schicksal zugleich, unausweichlich für eine verdorrende Zivilisation.

Fragmente zur wirtschaftlichen Technokratie

Hinweis für regelmässige Leser: Zusammenhanglose Fragmente in einen grösseren Zusammenhang gerückt; pessimistisch-optimistisch, inspiriert von Ernst Jünger, Freud, Heidegger und Adorno.

Der grösste Irrtum des Liberalismus ist der des autonomen Subjekts: des sogenannten Wirtschaftssubjekt, dessen Freiheit erlischt im Moment, als es sich in Lohnabhängigkeit bequemt. Daher sind Aufklärung und Humanismus und Demokratie obsolet, weil alle sie aufs eine Subjekt sich berufen: nämlich aufs mündige, nunmehr aber niedergetrampelte und geschichtlich überholte Individuum.

So ist allein die radikal-wirtschaftliche Technokratie Hoffnung, den Menschen zu verwalten, dessen Individualität konserviert ist nur, weil man in den nun sich offenbarenden Abgrund zu blicken sich fürchtet. Die grossen Visionären Huxley und Orwell erkannten diese Tendenz; sie prognostizierten denn auch eine totale Technokratie: eine verwaltete Arbeitsdiktatur, ähnlich der unsrigen.

Doch zuvor musste Sigismund den Menschen kränken hiermit, indem er dessen Illusion entzauberte, er sei Herr im eigenen Ich. Technokratie denn bedingt diese Entdeckung; seither ist der Mensch entschlüsselt, weil aufs Notwendigste reduziert: Not heisse zu essen, vergnüglich zu kopulieren und zu schlafen. Man mag zwar relativieren, ob der Wohlstand nicht weitere Bedürfnisse, sprich Neurosen züchte, doch letztlich sind die elementaren Bedürfnisse auch die elementarsten.

So ist unsere technokratische Wirtschaft zu loben, deren Totalität, obgleich bereits des Körpers bemächtigt, bis ins Seelische dringt; schliesslich den Menschen vereinfacht in zeit- und geschichtsloser Lohnabhängigkeit, wovon der Markt gespielter Nachfrage sich leibt, dessen Funktionalität vermittelst der Werbung etwelche Absichtserklärungen simuliert, ob zu kaufen oder zu verkaufen man inspiriert sei.

Wie die Geburt, so ist auch das Leben innerhalb dieser technokratischen Arbeitsdiktatur geregelt; nichts scheint zufällig oder unberechenbar, und falls doch ausnahmsweise unberechenbare Faktoren stören, sucht, forscht und fahndet man, um diese daraufhin zu rationalisieren, eilends ins kausale System des Marktes zu zwängen, worin sie dann triumphieren als Symbole der technokratischen Potenz.

Die Distanz zwischen Ernst Jüngers Vision im Werk Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt und der technokratischen Wirklichkeit unsrer im totalen Arbeitsprozess arrivierten Gegenwart scheint geschrumpft, endlich vereint im Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Leistungsbereitschaft. Der tendenziell technokratische Kommunismus im Osten oblag zwar, doch die totale Technokratie siegte im Westen, bevor sie aber vom kapitalistischen Kommunismus Chinas übertroffen wird; die symbolische wie tatsächliche Rache des vermeintlich Bezwungenen.

Daher ist unsere Hoffnung allein die totale Technokratie, wie zuvor schon hier bemerkt. Das Prinzip der Leistung sollte nötigenfalls mittels Gewalt also allen überantwortet werden, ausnahmslos, weil Technokratie und Macht gemeinsam ausnahmslos sind, bloss das rigide Alles oder Nichts achten; technokratische Macht duldet denn keinen Kompromiss.

Dies, diese hoffentlich alsbald vollendete Technokratie ist keine Apokalypse, sondern Fortschritt, welcher die Produktivität unendlich zu steigern vermag; dies ist denn eine Vergeistigung der wirtschaftlichen Bewegung, eine Philosophie des radikalen Markts, jenseits von Liberalismus-Light und Kapitalismuskritik; ein Bekenntnis der Zuversicht, der Hoffnung.

Das Problem der Schnittstellen und Unternehmenskommunikation

Das Grossunternehmen ist naturgemäss ein bürokratischer Moloch, worin unzählige Lohnabhängige betteln, ob sie mehr entschädigt und weniger belangt werden können. Ganz der Maxime des rauen Marktes, wonach bloss der Stärkere überlebe, zanken Abteilungen um Budget und Kompetenz, aber auch, um Arbeit und Aufwand zu minimieren, bestenfalls zu delegieren.

So beanspruchen Kämpfe, wer denn wen unterstütze und wer denn wessen Arbeit bürde, vielfach Energie, die woanders alsdann mangle; solche Streitereien verteuern die Produktion. Auch verbittert der Angestellte niedriger Funktionsstufe; die Lösung eigentlicher Problemen wird somit verzögert, bishin, dass kaum einer noch verantwortlich ist, weil alle verantwortlich wären.

Schnittstellen sollten die Kommunikation erleichtern; sie sollten den Arbeitsprozess beschleunigen. Doch auch Schnittstellen sind wiederum besetzt mit eitlen Angestellten, die bloss das eigene Feld bewirtschaften wollen; und also hierfür, woran andere nagen, kaum Verständnis und Aufmerksamkeit opfern.

Die immense Komplexität eines beliebigen Grossunternehmens erzeugt eine allzumenschliche Ohnmacht des seelenlos und verloren «In-der-Welt-Sein» (Heidegger); man fällt auf sich selbst zurück, und bekanntlich lauert gerade hierin das radikale Nichts, das wir notdürftig verschleiern. Deswegen klammert der gemeine Angestellte, woran er meine, dies und allein dies sei ihm verständlich.

Aber weil die Komplexität im selben Mass wächst, wie das Unternehmen mitm Markt, muss ebendieser gemeine Angestellte das Portfolio der beruflichen Kompetenz statt verbreitern vielmehr verkleinern, andernfalls entrückt ausm Bewusstsein, man überschaue die Komplexität. Demgemäss verbarrikadiert der Angestellte sich in und mittels der unternehmerischen Bürokratie.

Diese Bürokratie tarnt jede Ineffizient und Faulheit, weil sie die Ursache solange und soweit als ordentlich-bürokratischer Aufwand aggregiert, bis nirgends mehr ein Urheber zu orten ist, den man der Schlamperei bezichtigen könnte. Hierüber wachen eigentlich Schnittstellen, ob fürs tägliche Geschäft unerlässliche Informationen auch kommuniziert und formatiert werden.

Doch ebendiese Schnittstellen sind das Problem; sie sind bloss mangelhaft vernetzt, informieren bloss einzelne Abteilungen. Der gesamte Arbeitsprozess aber, der, um zu vereinfachen, im Einkauf startet und Verkauf endet, wird nirgends beäugt; Schnittstellen betreffen denn ausschliesslich einzelne Abteilungen.

Doch eine interne Organisation zu institutionalisieren, die den gesamten Arbeitsprozess steuert, vervielfache erneut die Bürokratie, die ohnehin wildert, somit jede Kreativität lähmt, die allenfalls experimentiere. Und auch müssten Angestellte dieser Organisation unentwegt pendeln zwischen den einzelnen Schnittstellen und Abteilungen; ob dies zumutbar ist gemeinen Angestellten, ist äusserst fraglich.

Denn kaum einer wird noch fürs Grosse und fürs Ganze geschult, jeder ist spezialisiert; man flüchtet geradezu ins Detail, hierin erhofft man Übersicht und Klarheit, womit man aber sinnigerweise den Blick fürs Ganze und Grosse schwächt, der eigentlich unentbehrlich ist, möchte man jene Bürokratie verschlanken, die mittlerweile Alltag und Gewohnheit geworden ist und letztlich den gemeinen Angestellten entfremdet.

Wer ist denn heute noch unternehmerisch?

Unternehmen handeln unternehmerisch, müsste man meinen, allein schon des Namens wegen. Doch wir werden getäuscht; Unternehmen handeln zwar, gleichgültig wieviel und wofür, aber nicht unternehmerisch. Unternehmerisch heisst denn, nicht bloss aufs Quartalsergebnis zu schielen, sondern verantwortungsvoll zu rechnen, wie man das Kapital auch mehren solle, sodass kommende Generationen hiervon noch zehren können.

Als die Betriebe noch vererbt wurden, sodass jeder Vater nicht bloss des eigenen, sondern auch des Sohnes Reichtums wegen schuftete, war man gezwungen, unternehmerisch zu handeln; man konnte sich denn keinen Konkurs leisten, weil sowohl die momentane als auch die nachfolgende Generation hierfür haftete. Doch seitdem die schweigende Mehrheit lohnabhängig geworden war, schwand solcherart Verantwortungsbewusstsein.

Dass die Unternehmen keine Verantwortung tragen, ist nicht verwunderlich, trägt doch niemand eine: weder der Staat noch der Bürger; man fristet bloss im Hier und Jetzt, das man einigermassen erträglich und zumutbar zu überleben hat. Man kann deswegen die Unternehmen nicht der Untreue bezichtigten, veruntreut man doch selber die Zukunft, indem man bloss Lohn empfängt.

So müsste man sich eigentlich verselbständigen; aber auch hiermit erscheint einen die Zukunft ungewiss, funktioniert doch die Wirtschaftlich allein im Hier und Jetzt; wer würde denn heute noch beispielsweise einen Kant finanzieren, der sich fünfzehn Jahre geduldete, ein Meisterwerk zu vollenden? Auch die Anleger möchten nichts mehr riskieren; bloss einzelne, wohl geschulte achten noch, dass sie den Anlagehorizont von zehn Jahren nicht unterschreiten.

Die Mehrheit hingegen möchte rasche Gewinne verbuchen können; sowohl die Geduld als auch die Hoffnung scheint denn erloschen, dass die Zukunft sich bessern möge. So dürfte man die meisten Anleger als hysterisch und ängstlich pathologisieren, deren Unvermögen ist, zu harren, schlicht und einfach zu warten, nötigenfalls mit und dank Gottvertrauen. Ansonsten droht der Menschheit ein gänzlich geschichtsloses Bewusstsein, wovon tagischer Höhepunkt «Brot und Spiele» sei.

Das Marktversagen der Menschenzucht

Missraten scheint unsere Zuchtpolitik. Allein schon erschreckend ist, dass unverheiratete Weiber, obgleich weder versichert noch ausgebildet, gebären dürfen. Als früher der Staat noch intervenierte, um dies Marktversagen zu verhindern, indem er unverheiratete Weiber entweder sterilisierte, verwahrte oder enteignete, ist die heutige Politik gänzlich untätig, wohl keiner Verantwortung mehr habhaft. Dass Zuchtpolitik auch Gesellschaftspolitik ist, deswegen dringlicher Beachtung bedarf, die man anderswo aber verausgabt; dessen solle man gedenken, ansonsten ist eine Zukunft kaum zu sichten.

Jede Generation erneuert die Gesellschaft. Dies ist Sinn und Zweck des Lebens, andernfalls wären wir allesamt unsterblich, müssten uns dann weder bemühen noch vermehren; so würden endlich immer dieselben Milliarden Idioten den einen und uns einzigen Planeten plündern. Also muss die Zuchtpolitik gewähren, dass blosse die tüchtigsten und fittesten Einheiten überleben: nämlich die Funktionselite, die funktioniert ungeachtet der unwirtlichen Natur des Marktes.

Das Humankapital ist zu bessern. Zwar drillt man den Menschen, er müsse sich weiterbilden, ununterbrochen Kurse belegen, doch des Nachwuchses, das eigentlichste Humankapital, wird nicht mit gleicher Sorgfalt bedacht, die der natürliche Überlebenskampf verbissener Wettbewerber alltäglich gebietet. So will man meinen, dass die Gesellschaft dilettiert, und zwar dort, wo Professionalismus und Entschlossenheit dringlich, weil existenziell seien.

Scheitert der Markt, insofern bloss unverheiratete und mangelhaft ausgebildete Weiber geschwängert werden? Oder möchte der Markt vielmehr sorgen, dass die Gewinner weiterhin gewinnen, sodass man keine frische Konkurrenz fürchten muss? Man bangt geradewegs ob der Menschheit Zukunft. Können wir denn missratene Kinder subventionieren, die man des Markts untauglich erzog?

Die dogmatische Privatwirtschaft

Bedauerlich, dass die unsere Gesellschaft allein ums Primat der Leistung kreist. So will die Wirtschaft auch das Studium rationalisiert wissen. Wer einmal sich veräusserte, durfte erfahren, inwieweit die bürokratisierte Arbeit einen dehumanisiere und reprimitiviere. Nun soll der letzte, wenn auch verlorene Posten fallen: das Studium, wo entschlossene Männer noch den Geist schulten.

Bedauerlich, dass die teuflische Privatwirtschaft sich anmasst, allein übers Geistige verfügen zu dürfen. Der klassische, weil traditionell-abendländisch geprägte Geist stört bloss noch; er zickt und zankt, hinterfragt und zweifelt. Doch die Wirtschaft scheut und meidet diese ernste Prüfung anstatt sie zu meistern. Die Diskussion, wie sinnvoll sinnfreie Tätigkeiten seien, rüffelt die Privatwirtschaft mitm Hochmut, dass sinnvoll sei, was rentiere.

Dieser Allmachtanspruch, wie Gott entscheiden zu dürfen, was sinnvoll und sinnlos sei, beansprucht die Wirtschaft alleinig. Und zwar dogmatisch, eine Auseinandersetzung wird nicht geduldet. Dies Dogma ist ein Axiom, ein vermeintlich gültiger Ansatz, der nicht bewiesen werden müsste. Nun könnte man streiten, wessen Allmachtanspruch seliger war: jener der Kirche oder jener der Privatwirtschaft.

Die Kirche war reformiert, verbessert worden. Auch zivilisierte und verfeinerte die Kirche den Menschen. Sie war ja einberufen worden, den Menschen zu bekehren und zu zähmen. Sie war denn eine menschliche Sendung, ausserdem Ursprung abendländischer Humanität und Zivilität. Worüber man jedenfalls nicht allzu lange grübeln müsste, ist, ob die Privatwirtschaft genauso zivilisierend und humanisierend sei.

Die Ideologie der Privatwirtschaft, einer totalen Mobilmachung gleich, kann, so wollen wir hoffen, irgendwann als Irrtum der Geschichte entsorgt und sodann archiviert werden. Doch zunächst müssen wir leiden; bishin uns bekriegen und nötigenfalls vernichten. Wettbewerb, Konkurrenz ist ja Krieg, hierfür lese man den Wirtschaftsbund der NZZ.

Wir raten jenen Studenten, die, ungeachtet des privatwirtschaftlichen Drucks, Geist trainieren möchten, sie sollen harren, ja nicht resignieren und kapitulieren, auch wenn sie deswegen bisweilen hungern und dursten müssen. Seid würdevoll, schultert den Geist alleinig! Und fürchtet euch nicht, den Feind auszuspionieren! So lehrt, was die Privatwirtschaft predige! Viel Glück, ihr tapferen Männer!

Das apolitische Grossunternehmen

Grossunternehmen scheinen zutiefst apolitisch, geradezu verbindlich ist das Dekret, das Politische innerbetrieblich zu meiden. Auch ausserhalb des Glaspalastes ist das Politische bloss insofern relevant, als der Markt «ausnahmsweise» versage. Ansonsten übt man sich politischer Gelassenheit und Gleichgültigkeit; man ist ja überein, dass, egal wer politisch verfügt, der Markt an sich davon verschont sei.

Das Politische impliziert gesellschaftliche Verantwortung: das «Soziale» Thomas Manns, der, obzwar Artist und latenter Aristokrat, ahnte, dass das «Soziale» eine Gesellschaft harmoniere und stabilisiere, deswegen einer Huldigung und Verwirklichung bedürft.

Des Grossunternehmens Allmachtanspruch, allein sei man wertbildend und gesellschaftstragend, folgere, dass dasselbe Grossunternehmen gesellschaftlicher Verantwortung andiene. Doch mitnichten, vielmehr tadelt man, man sei bloss den Aktionären Verantwortung schuldig, die solange zufrieden und gesättigt, als deren Anteile fette Dividenden ausschütten.

Auch ist das Grossunternehmen vergnügt, das Wohl der Mitarbeiterschaft als blosse Aufwendung am jährlichen Finanzgericht zu beziffern: eine negativ verbuchte Grösse, inwieweit die Mitarbeiterschaft zu entschädigen sei, ansonsten ein moralisch gesäuberter Platz, jenseits von Gut und Böse.

Grossunternehmen verdummen und verbanalisieren die Mitarbeiterschaft regelrecht, insofern der Produktivität dienlich. Selten eifert denn ein Grossunternehmen, die Mitarbeiterschaft zu kultivieren, zu zivilisieren und endlich zu humanisieren, beispielsweise indem sie humanistische Bibliotheken installiere und innerbetriebliche Hochkultur sponsere.

Vielmehr reduziert das Grossunternehmen den einzelnen Mitarbeiter als Funktion innerhalb eines total spezifizierten Prozesses: einer verworrenen Bürokratie. Freilich scheint solcherart Entfremdung natürlich; den Menschen zu bessern und zu bekehren, hierfür verbluteten im 20. Jahrhundert Millionen.

Das Grossunternehmen ist, obschon weder fähig noch willens, politisch; höchst politisch insofern, als man eigentlich herrsche übers Wohl aller: das der Mitarbeiterschaft. Der Allmachtanspruch des Grossunternehmens scheint deswegen berechtigt, aber zweifelhaft hinsichtlich der Verwirklichung; das Grossunternehmen schmarotzt bloss.

Des Grossunternehmens Ansinnen wurzelt nicht im bedingungslosen und konsequenten Willen zur Macht, sondern in deren Vermeidung; so wie das Grossunternehmen konkrete Macht, fürchtet es gesellschaftliche Verantwortung. Vordergründig muss denn das tägliche Geschäft bestellt sein.

Man wäre zwar mächtig, ist aber dieser Macht nicht gewachsen; kaum überblicken Repräsentanten jeglicher Funktionsstufe den grossen Allgemeinplatz. Vielmehr flieht man: ins tägliche Geschäft. Hiermit erholt man sich, man verkleinert und simplizifizert die Welt zum dschungelähnlichen Markt. Davon erhofft man sich Seligkeit.

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