Das Problem des Bewusstseins

Arte dokumentierte heute einige Wissenschaftler, die alle mit der Technik und deren Folgen sich auseinandersetzten, voran die Frage, wie lange wir uns noch gedulden müssten, bis das Gehirn, dessen Funktionsweise grösstenteils noch delphisch scheint, gänzlich entschlüsselt ist, sodass man das Gehirn nötigenfalls transferieren und teleportieren kann, wohin gerade gewünscht.

Zufälligerweise widmeten wir uns bereits heute desselben Themas, nicht zum ersten Mal, denn solcherlei fasziniert uns, insbesondere die Frage, ob das «Bewusstsein», die bewusste Ichwerdung und deren geistige Erfahrung also, bloss simuliert sei oder ob tatsächlich ein Geist spuke, irgendwo irrlichtere, oder gar in biologischen Zellen verwoben oder im Gehirn verwurzelt sei.

Wir befürchten, dass das Gehirn das Bewusstsein bloss virtualisiert, also dass das Gehirn uns täuscht, wir seien bewusst, wir seien frei und handlungsfähig; tatsächlich sind wir jedoch allesamt «berechnet», auch wenn wir den Code eines solchen Programms noch nicht entziffern konnten; wir vermögen zwar zu veranschaulichen, welche Hirnfelder aktiviert werden bei gewissen Erlebnissen, Gedanken und Handlungen, doch weswegen gerade diese und nicht andere, weswegen eigentlich verhältnismässig «primitive» elektronische Impulse einen komplexen Organismus, vielmehr einen Geisteszustand namens «Bewusstsein» erzeugen können, ist uns noch schleierhaft.

Das Problem, was Bewusstsein ist, löste auch die Dokumentation nicht; es schien ausgeblendet, wohl deswegen, weil dadurch wiederum Fragen entstünden, deren Erklärung abermalige Untersuchungen bedürfen; solche, die momentan kaum moralisch wie gesellschaftlich zu bewältigen seien, müsste man doch den Menschen endlich begraben, zumindest die Vorstellung davon, was Mensch und Bewusstsein und Wille sei. Die Wissenschaft rast gewissermassen, ohne dass der eigentliche Mensch, dessen Wohlfahrt die Wissenschaft ja zu steigern erhofft, derselben Wissenschaft nacheilen könnte.

Auch ist das faustische Streben ins Unendliche unweigerlich ein teuflisches, weil somit der Mensch eine Technik erschaffen muss, die das Unendliche begrifflich und geistig verstehen kann, da er selber doch zunehmend überfordert und überbeansprucht dessen sich sieht, und zwar rechtens, und dies wiederum schlussfolgert, also müsse man auch den Menschen verbessern und erweitern, ganz mit der Technik vereinen, um somit die Erkenntnisse, die die Maschinen erzeugen, einigermassen begreifen zu können.

Und ferner bedrohen die Maschinen den Menschen, als Maschinen den Menschen überholen, und alsbald das Gehirn und somit das Bewusstsein entschlüsselt, dürften Maschinen mit Bewusstsein ausgerüstet werden; bloss wissen wir kaum, welche Eigendynamiken ein solches künstliches Bewusstsein entwickeln könnte, vielleicht eines, das noch ganz primitiv und barbarisch gesinnt ist und deswegen den Menschen sich überlegen glaube und dementsprechende Taten folgere. Wir dürfen also nicht riskieren, dass die Maschinen ein eigenes Bewusstsein entfalten, das wir nicht mehr steuern können, alsdann es pubertiert; so ungefähr wie Erwachsene Jugendliche nicht mehr beeinflussen können, nachdem sie gegen die elterliche Ordnung rebellierten.

Momentan forscht die Mainstream-Psychologie, wie das Bewusstsein organisiert und strukturiert sein könnte, doch auch diese Disziplin, die wir übrigens als Pseudowissenschaft schimpfen, weil sie nicht philosophisch und theologisch geschult ist, vermag des Rätsels Lösung nicht erraten; sie spekuliert bloss mittels Umfragen, wie gewisse Affekte und Reflexe im direkten oder indirekten Zusammenhang verknüpft sein könnten. Das Problem des Bewusstseins, das zu klären eigentlich Ziel der Forschung aller am Gehirn pfuschenden Menschen wäre, ist also noch unergründlich.

Als Konservative, die auf verlorenem Posten harren, romantisieren und idealisieren wir einen Geist, selbstverständlich mehr wegen Not statt Überzeugung, einen Geist also, der, obgleich von der «Umwelt» inspiriert und im Eigentlichen eines zutiefst abhängigen, vernetzten und sozialen Wesens gleich, trotzdem ein gewisses eigenständiges Bewusstsein erfahrt, das sowohl von sinnlicher, körperlicher Erfahrung wie auch von geistiger, metaphysischer und ideeller Spekulation geformt werde. Aber die momentan beliebte, ganz mechanische Beurteilung des Menschen, die den Menschen als funktionierende Einheit reduziert, behagt uns nicht, weil sie das Elementare, das Unergründliche, das Bezaubernde und Lebenswerte wie Lebendige, das Allzumenschliche und Sinnliche, und auch das Irrationale des Menschen verneint.

Die Forschung am Menschen

Wer sich erinnern mag; eigentlich diskutierte die momentan wegen eines hierin beinahe ignorierten «Versprechers» verruchte Kommission, inwiefern Forschung am Menschen zu reglementieren und zu handhaben sei. Nun, weil die althergebrachten Medien, denen wir sowieso misstrauen, weil sie bloss noch Quoten senden, dieses eigentlich bedenkenswerte Thema verschweigen, wollen wir unsere Leser informieren der Pflicht gemäss, Menschen aufzuklären und zu belehren.

Der Mensch ist ja tot, statt Subjekt nunmehr Objekt; wir sind Roboter, frohlockende obendrein, welche allesamt ach so glücklich und genügsam trotten, gewiss im nivellierenden Gleichschritt, der uns behütet und beschützt, das Bewältigen dieser irren Gegenwart vereinfacht. Und «Menschenrechte» entlarven wir, gesetzt: wir fristen im nihilistischen Zeitalter, als einen Willen zur Macht; deswegen beeindruckt uns das Gerede wegen Menschenrechten keineswegs.

Weil Arbeitspolitik immer Zuchtpolitik ist, dürften wir endlich uns streiten, ob wir nicht einen Menschenpark errichten sollten, der perfekte Menschen produziert, gerade soviel, wie der Markt gebietet; womit wir denn natürlich solcherlei menschlichen «Abschaum» meiden könnten, den jene kapitalistische Gesellschaft als Abfallprodukt ausstosst, der gewissen Totalitär mangelt. Ja eigentlich sollten wir die Fortpflanzung liberalisieren, auch dortselbst, wo die Kleinfamilie sie noch monopolisiert.

Bekanntlich werden Tiere besser behandelt als Menschen, weswegen sollten wir denn noch den Menschen schonen? Der Mensch als Objekt und Instrument der Macht und der Wirtschaft, als Handlanger des Teufels endlich, muss, will er überleben, also seine Produktivität verbessern, weil Selbsterhaltung Arbeitszwang bedingt, auch seinen Körper «mechanisieren»; wir spüren ja alle, dass der Mensch mangelhaft und ungenügend und schlichtweg unvollkommen ist; wir müssten ihn folglich, wo nötig und möglich, künstlich erweitern.

Die Katastrophe unsrer Zivilisation kann bloss verzögert werden, indem wir uns aller Menschlichkeit endlich entledigen; Liebe und Freude, Solidarität und Rücksicht behindern einzig den Fortschritt und des «Menschen» Werdegang; wir sollten uns solcherart Zwängen befreien; demnach, weil der Humanismus und der Mensch an wie für sich scheiterte, denn auch des Christentums Mission, den Menschen zu zivilisieren, misslang.

Die Technik, als Selbstzweck, ist die letzte Chance, den Menschen ins nächsten Jahrhundert zu retten; wir müssten endlich den Menschen in privatwirtschaftlichen, minimal staatlich beaufsichtigten, ansonsten grösstenteils deregulierten Parks züchten und den Marktbedingungen anpassen. So könnten wir die arbeitsscheue Unterschicht endlich eliminieren, wie auch das schlechte Gewissen, das manchen missbehagt, oder die Ethik, blosser Ballast, oder Menschlichkeit; denn werden wir endlich als Roboter fabriziert, kann das Gerede wegen etwaigen Menschenrechten uns ja nicht mehr bekümmern.

Der Geist ohne Körper

Neuerdings steuern Forscher einen Roboter mittels des Gehirns eines Affen, obschon nicht von Menschen selber ferngesteuert, bewegen beide Wesen sich doch immerhin simultan; hebt der Affe in den USA den Arm, so tut der Roboter in Japan das selbe. Ziel solcher Anstrengungen ist, zukünftig Prothesen fürs menschliche Geschlecht schmieden zu können, die direkt mit den Nerven verdrahtet sind und somit eine nahtlose Kommunikation ermöglichen.

Der menschliche Traum, den Geist zu konservieren, wo der Körper vergiftet ist, ist ein so christlich inspirierter wie faustisch erzählter. Laut des uns überlieferten christlichen Katechismus schwirrt bloss der Geist ins Jenseits, der Körper hingegen vergammelt im Diesseits; wohl, weil er wegen allerlei teuflischen Versuchungen verseucht, schlichtweg zu unrein fürs Paradies sei. Der Teufel bekanntlich verschleppt den Menschen samt Körper und Geist zur Hölle, wo diese aneinandergekettet, unzertrennbar und eins sind.

Diese neue Technologie, die in Bälde das Wissen und vor allem den Erwerb desselben Wissens umdeuten wird, verwirklicht vollends die christliche Vision der Himmelfahrt; der Geist übersteigt den Körper und, die materiellen, irdischen, diesseitigen Grenzen überwunden, transzendiert gewissermassen autonom, da ohne vielerlei leiblichen Unzulänglichkeiten, Verführungen und Einschränkungen, ins Jenseits. So wird der Geist endlich frei und mobil, kann gleiten, wohin ihm beliebt; womit zugleich der Körper als Fussnote, als Nebensächlichkeit abgestuft ist.

Wegen dieser Technologie scheint der Körper plötzlich veraltet, zusätzlich der uns gerade anvertraute Körperkult und der von hysterischer Politik verordnete esoterische Gesundheitswahn. Folglich ist der Körper bloss noch eine Hülle, die beliebig auszutauschen, zu modulieren und zu modellieren ist; ein grundsätzlich mangelhaftes und unzulängliches Produkt obsoleter Natur, welches nun sinngemäss zu verbessern, zu korrigieren, zu erweitern gilt, und zwar noch radikaler, noch unverblümter und noch skrupelloser als heute bereits.

Möglicherweise werden findige Hacker den Code voraussichtlich patentierter «Prothesen» im weitesten, «Modulen» des Jargons entsprechenden Sinne entschlüsseln, sodass auch finanziell benachteiligte Menschen die nötigen oder gewünschten «Erweiterungen» installieren können, allen voran den Internet-Uplink im Gehirn, womit zumindest der persönliche Wissenserwerb vorläufig gesichert scheint. Und vielleicht wird der Geist dadurch dergestalt mobil, dass man ihn von einem Körper zum andren transportieren könnte.

Weiterführende Informationen
DER VERWERTER: «Der neue Mensch und das Wissen»
DER VERWERTER: «Faustische Naturbeherrschung»

Der neue Mensch und das Wissen

Jede überlieferte Erzählung will einen «neuen Menschen» schmieden, mittels Disziplin erziehen und mittels Geboten verinnerlichen, so auch die klassischen wie beispielsweise die des Sozialismus. Doch alle Bemühungen, einen neuen, vermutlich besseren Menschen zu formen, sind gescheitert, wohl weil der Mensch nur widerwillig sich belehren und bessern lässt, ansonsten sich wehrt und schützt gegen alles, was in ihn eindringt, ihm Illusionen zermalmt, die seine Realität konstruieren.

Darum müssen die Instrumenten der Besserungen den Menschen selber verführen, das ist nämlich bloss Werbung; man wirbt, dass ohne Verbesserungen der Mensch nutzlos, überflüssig und mangelhaft sei, gerade hervorgehoben sollten wir wissen, dass der Mensch naturgemäss mangelhaft sei und so einer Verbesserung bedarf. Nun endlich: wer oder was den Menschen verbessert, ist die Technik, und der austauschbare Cyborg das Ziel dieser Forschung.

Zum Beispiel: das Grundlagenstudium der Physik verschlingt Jahrzehnte, bis der Mensch Neues experimentieren und erforschen kann. Obendrein wächst das Wissen der Physik täglich weiter, ehe also das bisherig gewonnene erlernt zu haben, endet ein Menschenleben. So muss der Prozess des Wissensgewinns, will man fürderhin neues Wissen produzieren, ungemein beschleunigt werden. Eine mikroelektronische Implantation, die das Gehirn direkt mit einer Wissensdatenbank verdrahtet, unterrichtet den jungen Menschen innert Sekunden der gesamten Physik.

Den immensen, äusserst spezialisierten Fortschritt nachzuholen allein mit Fleiss, Übung und einsamen Stunden in der Bibliothek, vereinfacht kaum die Aufgabe, das unermessliche Wissen zu sortieren, bewerten und zu analysieren, sondern lähmt letztlich den Fortschritt, weil der einfache, auch gelehrte Mensch stets dem immer mehr fortgeschrittenen und vertieften Wissen hinterher hinkt. So schliesslich ist vielmehr beklagenswert, dass niemand mehr recht über ein abstraktes Fach Bescheid weiss, ja dass möglicherweise bloss zehn Köpfe innerhalb der westlichen Geistesherrschaft tatsächlich die Grundlagen der zeitgemässen Physik auswendig kennen.

Um als Zivilisation endlich reifen zu können, muss erst das Wissen demokratisiert werden, das heisst, dass der prinzipielle Wissensgewinn keinen Fleiss, kein Geld, keinen Willen bedingt, sondern immerzu möglich ist, möglich durchaus, indem man das Gehirn mit einer universellen Wissensdatenbank vernetzt und so das Gewünschte ins eigene Gehirn lädt. Man bedenke, dass dadurch das Grundlagenstudium aller Fächer entfällt, eine Anstrengung wohlgemerkt, die die besten Jahren unsres Nachwuchses verschwendet.

Die kritischen Leser mögen erwidern, dass die theoretische dauernde Verfügbarkeit jedes erdenklichen Wissens unweigerlich den Kommerz anlockt, diesen Markt zu monopolisieren, ihnen und den momentan durchaus gerechtfertigten Einwänden sei versichert, dass eine Zivilisation, die das Gehirn entschlüsseln konnte, nicht mehr wegen Banalitäten wie Geld und Markt stürzt, denn solange diese des Menschen Kreativität und Fortschritt geisseln, ist auch keine Zukunft und kein Gewinn möglich, wir harren folglich sozusagen in einer «Zwischenzeit», in einer geschichtslosen Epoche.

Verstopfte Massenuniversitäten

In den Universitäten unserer Grossstädten, wohin Lohnarbeiter alljährlich Milliarden verpachten, will man meinen und erwarten, blühe die Intelligenz unsrer Gemeinschaft. Dementgegen freilich, vermasst zusehends selbst die Universität, einst die Brutstätte wahrhaftiger Übermenschen, deren gesellschaftliche Verpflichtung war und sein sollte, unsere ungebildeten, vollständig mechanisierten, willenlosen, hysterischen, ängstlichen und stumpfen Fellachen zu bevormunden.

Denn die Universitäten, weil vermasst, ähneln nunmehr üblichen Volksschulen, worin herrenlose Fellachen Durchschnittlichkeit und Genügsamkeit lullen, und deren einzige Kompetenz ferner wie ausschliesslich sie ermächtigt, teilzunehmen dem elenden eigentümlich postmodernen Referenzspiel, das ewige Zitieren, Kopieren und Referenzieren ins Endlose und bisweilen ins Absurde, was «Innovation» vortäuscht und letztlich Freigeisterei lähmt.

Die Diktatur des Durchschnittlichen verdünnt das Überdurchschnittliche, das, vermengt, verwässert, gepanscht, vollends schrumpft, bishin gänzlich schwindet oder bestenfalls emigriert dorthin, wo wahrhaft Eliten systematisch gefördert werden, nämlich zu sogenannten Privatinstituten, in denen nicht die Masse, nicht das Durchschnittliche, nicht die Konformität, sondern das Überdurchschnittliche, Ausserordentliche, Spezielle und Erfolgsverdächtige gegönnt, gelobt, bewirtet wie unterstützt wird.

Will man die schweizerischen Universitäten reinigen, muss man, gewiss radikal, mindestens 80% aller derzeit Studierenden exmatrikulieren, deren Büsse fürs Versagen, fürs lebensfeindliche Durchschnittliche sie fortan robotisiert, der Privatwirtschaft untertänigst Gehorsamkeit zu erweisen. Von dieser Regelung beausnahmt werden diejenigen frohlockend sich wähnen, die Überdurchschnittliches bewerkstelligen; keineswegs munter nachplappern, was Dozenten wüst spekulieren, sondern, mithilfe derselben Finanzmittel wie heutzutage, die massenhafte Verblendung im doppelten Zusammenhang unsrer «Elite» bremsen.

Diese Erlauchten, eine wahrhaft feine Elite geistreicher Männer, werden voraussichtlich Gleichwertiges, wenn nicht sogar Hochwertigeres produzieren als die derzeitigen fellachenhaften Massenstudenten, deren Faulheit, Verdruss und Fantasielosigkeit obendrein unsere Facharbeiter momentan noch gütig sponsern, weil sie Führung, Orientierung, Berichtigung und Erkenntnisgewinn dieser vom Arbeitsprozess gezielt abgesonderten Sprösslinge duldsam erhoffen. Ihnen, diesen Überdurchschnittlichen gebührt die Hochachtung und Bewunderung namens «Elite», nur ihnen, und keinen beliebigen Massenstudenten.

Die Antworten des Himmels

Seit der Mensch, bildlich gesprochen, «erwachte», als Kulturtier sich begriff und den Forderungen sowie Pflichten des Wachseins sich stellte, versucht er die grossen Daseinsfragen zu beantworten, die ihn beschäftigten. Zur unendlichen Reflexion verdammt, beobachtete der Mensch zuerst die «Natur» und den «Himmel». Mit einfachsten, uns heutzutage primitiv anmutenden Mitteln erklärte der damalige Mensch die Welt als von Gott gewollte Fügung, in der hinter jeder natürlichen Erscheinung, hinter jeder Naturgewalt ein Gott lauere, der die Geschicke der Welt lenke. Erst später, freilich als grosser «Fortschritt» und existenzielle Vereinfachung, verwuchsen die unzähligen, als Naturgewalten personifizierten Götter in einen einzigen allmächtigen Gott. Dies markiert den wegweisenden Übergang vom Mono- zum Polytheismus (siehe DER VERWERTER: «Das theologische Stadium»).

Insbesondere der Himmel, der nächtens als unergründliches, schier endloses Meer unterschiedlichst intensiv leuchtenden Sternen sich offenbart, ermuntert die Menschen heute wie damals, zu phantasieren und zu rätseln, wer in den Sternen denn «wohne» und wer eigentlich bewirkt, dass die Sonne morgens erglüht und abends hindämmert. In den Himmel, dessen «Unendlichkeit» der auf der Erde während frühster Kulturen glich, weil unser Planet dazumal noch nicht vernetzt, kommunikationstechnisch und mobil verwoben war, malte der Mensch ein Ebenbild, gewissermassen eine Wunschprojektion seiner selbst. Laut des menschlichen Verständnis aller Kulturen, die jemals den Himmel erblickten, thronten im Himmel die Götter, die über das Schicksal der Sterblichen wachten.

Der Himmel symbolisiert treffendst die Unendlichkeit, die des Menschen Leid und Trieb zugleich ist, ihn niemals ruhen lässt, ehe er die Unendlichkeit «fassen», einengen und benennen, demnach «bewältigen» kann (siehe DER DISSIDENT: «Gefasste Unendlichkeit»). Nachdem die Religion Autorität verlor, unter anderem die Rätsel des Himmels zu entschlüsseln, erprobte darauffolgend die Wissenschaft, dem Himmel dessen Geheimnisse zu entlocken, die jene zeitgemässe Menschen seit jeher faszinierten, deren Sicht nicht wegen Lichtverschmutzung getrübt ist. Natürlich ist rückwirkend zu würdigen, dass die damals religiös motivierte Astrologie die nun komplett rationalisierte Astronomie begründete, wobei erstere wider der Entzauberung in Gratiszeitungen und Boulevardmedien die Menschen noch «orientiert», wegleitet, ansonsten aber schwand die magische Kraft, die Autorität der Astrologie zugunsten der Astronomie.

Die Raumfahrt, als zusammengefasste, aller mit dem Kosmos sich beschäftigende Disziplinen, ist nicht überraschend eine äusserst populäre Wissenschaft, denn sie studiert, was die Sterne im Innersten zusammenhält. Auch des «gewöhnlichen» Menschen Gier und Neigung, dem Unendlichen aufzurücken, ist im Westen wie im Osten gleichwohl ausgeprägt, mithin als menschliche «Urkompetenz» gekennzeichnet, die des Menschen Überleben sichert, weil ihn immerfort antreibt. Der Mensch erhofft sich, dass der Himmel, auch heute noch in Zeiten wissenschaftlicher Kühle und Sachlichkeit, ihm die bangsten Fragen beantwortet. Sozusagen überträgt der Mensch in der heutig hoch technologischen Zeit seine Ungewissheit weitaus stärker als anhin in den Himmel. Bis der Mensch des «Himmels», das entweder stets sich ausdehnende oder bereits wieder schrumpfende Universum, «Code» allerdings knackt, verstreichen möglicherweise noch Jahrtausende – wenn nicht Ewigkeiten.

Bis dahin bürgt der Himmel für die metaphysischen Gelüste des Menschen, die neuerdings nur von der Wissenschaft ummantelt ist, im Geheimen aber immer noch dieselben Bedürfnisse verraten, die Urmenschen veranlassten, den Himmel genauer zu analysieren, darin endgültige, sich selbst aufwiegende Antworten bezüglich des menschlichen Seins zu finden.

Zynische Wissenschaft

Der Ruf, bestätigt wegen den eindrücklichen Erfolgen amerikanischer Universitäten, wird auch hierzulande lauter, die Universitäten möglichst rasch zu privatisieren, weil davon die meisten sich versprechen, die Universitäten müssten darauf folgend «effizienter» arbeiten, da sie nun allesamt neuerdings der ominösen, mithin magischen «Wirtschaftlichkeit» untergeordnet sind.

Als der Staat noch die Universitäten finanzierte, entschied er, was «richtig» oder «falsch» sei, also was «wahr» oder «unwahr» sei. Der Staat gestaltete die Lehrpläne mit oder alleinig. Streng prüfte er, ob nichts von dem, was täglich den hungrigen Studenten verfüttert wurde, seiner Gesinnung abwich. Der Staat glaubte, er «sei» die Universität. Deswegen wurden in jüngster Vergangenheit immer wieder Abtrünnige verbannt, die dem offiziellen Doktrin widersprachen. So musste beispielsweise ein Karl Marx verständlicherweise fliehen, denn er durfte seine Theorien an keiner Universität, die der Staat befehligte wie eine gewöhnliche Armee mit selben Auftrag, entwickeln und verbreiten.

Nun diktiert kein Staat mehr die Lehrpläne, sondern die weitaus mächtigere, deshalb schwerfälligere und innerlich gelähmte Wirtschaft. So wird «nur» noch das erforscht, was am falschen freien Markt sich verkauft. Die Wirtschaft subventioniert die Universitäten massiv, dies freilich mit der Hoffnung, die Ergebnisse vormals selbstlosem Fleiss lukrativ vermarkten zu können. Forschung, die wirtschaftlich sich nicht rechnet, wird «ausgelagert», den Grosszügigen überlassen, die anstatt der Menschheit «lediglich» der eigenen Eitelkeit dienen wegen ihres Einsatzes, unrentable Forschung zu bezahlen.

Dass überhaupt Lösungen entwickelt werden, die die weltweite Armut verringern, ist wirtschaftliches Kalkül. Denn wer über den Staaten kreist, denkt global, unterteilt die Welt in Wachstums- und in gesättigte Märkte. Und weil eben der riesige Markt von Milliarden an Hunger Leidenden strukturell unentwickelt respektive unterernährt ist, investiert man in entsprechende Forschung, die diesen eigentlich unsrem Wohlstand mehrenden Missstand behebt. Die Wirtschaft also korrumpiert die Forschung, erniedrigt sie zu einem Helfershelfer der sachlichen Wirtschaftlichkeit. Ehemals edle Selbstlosigkeit und Frondienst im Ansinnen, die Menschheit voranzubringen, wird nun kurzlebiger und renditeorientierter Wirtschaftlichkeit geopfert.

Weiterführende Informationen
DER VERWERTER: «Rettet die wissenschaftliche Immunität»

Der Erfolg der Systemtheorie Luhmanns

Den Erfolg Luhmanns Systemtheorie begründet, dass sie explizit beansprucht, die Komplexität der Welt nicht zu determinieren, auf kausale Zusammenhänge und Ursachen zu vereinfachen, sondern die Komplexität erfasst und beobachtet im jeweiligen Grade, wie der einfache Mensch selber imstande wäre, sie zu ermessen. Dies bewirkt, dass die Systemtheorie, vor allem wegen ihres flexiblen Charakters, allerorts rezipiert, adaptiert und dem persönlichen Geschmack entsprechend verfärbt wird.

Ferner sind die Begriffe der Systemtheorie dermassen universalisiert, dass mithilfe ihnen wir sämtliche Phänomen, auch die scheinbar systemfremden, begreifen, also folglich, weil immer etwas, was wir bei Namen nennen können, überwunden, abgehakt ist (siehe DER VERWERTER: «Die Sprache als Machtmittel»), verstehen können. Wiederum ebendies verdeutlicht die Flexibilität und hohe Anpassungsfähigkeit der Systemtheorie, was letztendlich die momentane Popularität der Theorie erklärt.

Allerdings verschüchtert die Systemtheorie einen bisweilen. Denn sie ist nur eine Theorie des Beobachtens, keine handlungsorientierte. Demnach weist sie auch keinen Weg, begehrt sich gegen keine verschlüsselten Gesetze auf, sondern analysiert, distanziert und objektiviert den in Systemen lebenden Menschen, tötet ihn sinnbildlich, weil die Systemtheorie ihn «nur» als funktionierende Einheit innerhalb eines Systems interpretiert. Ebenso bemüht die Systemtheorie sich nicht, der Welt – vermeintlich fälschlicherweise – bestimmte absolute Ursachen wie Triebe (Freud), Kapital (Marx) oder dergleichen zu unterstellen. Sie ist durch und durch entmystifiziert, anstelle dieses Mythos, einer, sagen wir, fixen Ideen, die angeblich die Welt beherrscht, erfriert, erstarrt sie die Welt und ist selber kalt, stumpf.

Die Kälte und Gefühllosigkeit der Systemtheorie passt bestens ins zeitgemässe Konzept des lediglich und leidlich funktionierenden Menschen, welcher der bedingungslos der Wirtschaft gehorcht. Auch der Gedanke, dass die Gesellschaft, das System, in unzählige Subsysteme aufgesplittert ist, ergänzt unseren, die Gesellschaft sei in unterschiedlichsten Gemeinschaften, die eigene Gemeinden, Orte der gegenseitigen Bejahung, Bestätigung, polemisch: Kuschelrunden unterhalten, geteilt, die Identität durch radikale Abgrenzung bilden (siehe DER VERWERTER: «Die existenten Parallelgesellschaften»).

Kadaverphilosophie

Was heutzutage sich Philosophie rühmt, ist die Vollendung einer Schule, die anstatt sich dem eigentlichen Leben einer abstrakten, weltabgewandten Ideologie widmet. Tot und leblos verschanzen sich die Professoren in ihren Fakultäten, zitieren überschwänglich sich gegenseitig; erzeugen dadurch einen Hauch von Exklusivität und gefühlte Wichtigkeit. Für den einfachen Menschen sind die Ergebnisse, welche die Professoren samt Studenten jahrelang ausbrüten, weder bestimmt noch zu deren Bestimmung vorgesehen.

Die Kadaverphilosophie bezweckt, weil der Philosophie ohnehin Wirtschaftlichkeit mangelt, die eigene Eitelkeit zu schmeicheln. Denn sie ist nicht mehr die Königin der Wissenschaften, sie ist vielmehr angesichts der totalen Wirtschaftlichkeit unsrer Alltagskultur die überflüssigste Wissenschaft, deren Abschaffung allerorts, vor allem seitens der Praktiker, die den Geistigen seit jeher sich überlegen fühlten, gefordert wird: sie ist, präzisiert, eine tote Wissenschaft, abgestorben und wird inzwischen nur noch künstlich beatmet.

Einen Kant beispielsweise könnte die moderne Geschichte mühelos streichen. Einen Napoleon hingegen ist aus keiner Geschichte wegzudenken. Menschen, die das Schicksal verkörpern, schreiben Geschichte. Dem entgegen sind Menschen, die das Schicksal insgeheim ablehnend analysieren, Sklaven eines Schicksals, das sie selber nicht auserwählten. Die Philosophie schreibt keine, sondern gehorcht der Geschichte, reiht sich einer ein. Die Philosophie ist nicht, sondern fügt sich dem Schicksal, befolgt deren Anweisungen, ist aber ausserstande, selbst eines gestalten.

Dilettantismus bejaht

Redlich, die Expertengesellschaft berät einen, sie weist den Weg, beschränkt das Denken, operiert entschieden nur dort, wo ihre Kartelle walten. Zunächst entlud sich der Vorwurf, als man den wohlklingenden Begriff Interdisziplinarität erfand. Somit wollte man sinnbildlich von Oben herab erzwingen, dass die Herren in ihren eingeengten Höhlen das Licht jenseits ihres Spiegelbildes erblicken könnten. Vergebens jedoch, Interdisziplinarität avancierte sich zu einem beliebigen Modewort, verschossen und entkräftet, wirkungs- und machtlos.

Zum Organon bemängelt berechtigterweise:

«[...] Unsere Fachgespräche sind so streng geregelt, dass nur Fachleute, die sich in den Formalien auskennen, mithalten können. Aber diese Formalien lasten zunehmend den Einzelnen aus, so dass über die Einhaltung des Protokolls hinaus keine Kräfte mehr übrig bleiben. Wir sind so hoch professionell, und so wenig neugierig! Wir lassen keinen Raum mehr zur freien Entfaltung der Einbildung, zu neuen Verbindungen und Sichtweisen. Wir hacken fest an Vorstellungen, aus denen wir seit Jahrhunderten nicht heraus kommen. Da gibt es nur einen Ausweg: Nieder mit den Fachidioten, es lebe der gebildete, allgemein interessierte Dilettantismus!»

Falls man ein nächst grosses Ding anpreisen möchte, dann jenes, dass zukünftig der Mensch seine Dinge, die er gebraucht, selber herstellt, dass er, was er beileibe beansprucht, selber besorgt, dass er, wenn Rat sucht, selber einen erteilt, dass er, wenn er denkt, selber denkt. Also wollen wir tatsächlich das Ideal Individualismus verwirklichen, müssen wir uns auch selber darum kümmern. Ansonsten zerfällt das Ideal Individualismus zu Marketinggeschwurbel.

Weiterführende Informationen
DER DISSIDENT: «Der Ruf nach Vordenker»

Seiten: 1 2 Nächste