Das kommende Massenbesäufnis in Zürich

Jugendliche möchten sich besaufen; nun auch in Zürich, wogegen aber Protest sich formiert. Der Vorwurf: Dekadenz und Masslosigkeit. Einverstanden, Dekadenz und Masslosigkeit sind Übel, notwendige, der unsrigen Zeit; sie sind kaum zu vermeiden. Vielmehr sind sie Grundlage aller fabrizierten Kultur, genauso Bedingung ewigen Wachstums, das progressive Masslosigkeit voraussetzt, andernfalls, so könnten wir doch mit einem gewissen Status uns begnügen, wären sämtliche ökonomischen Aktivitäten tatsächlich sinnfrei.

Wir sollten erbarmen, diese Jugendliche begnadigen. Wir dürfen nicht beargwöhnen, dass der kommende «Event» kaum einen Steuerfranken erwirtschaftet, ausgenommen beim nahen Getränkehändler, der sich wohl freue angesichts triebwütiger Jugendlichen, die mindestens zwanzig Franken zu vergeuden haben. Weil: es ist sittlich, es ist geradezu eine bürgerliche Pflicht, falls man die Erhaltung der unsren Kultur wünscht, derentwegen man denn auch fristet, die Dekadenz zu billigen, dieselbe zudem zu begünstigen.

Doch sorgen wir uns nicht, dass die Jugend verblöde. Niemand ist verblödet, wird sind bloss verloren. Die Jugend vermag sich auch nicht zu retten, falls sie einmal trinkt; es ist bereits eine Tatsache, dass sie trinkt; und deswegen nicht plötzlich überdenkt, man solle fürderhin nicht mehr trinken. Diese Jugend ist eine verlorene Zucht, unabhängig, ob sie nun das Massenbesäufnis tätigt oder nicht. Einzig, dass sie noch mehr sich zerstreut, immer mehr konsumiert, immer weiter sich entfremdet, ist die Alternative.

Eigentlich ist diese Geschichte harmlos. Es brüskiert bloss, dass die Jugendliche scheinbar «sinnlos» sich verabreden. Kein sonstiger «Anlass» umrahmt denn das Saufen; dies erschwert offenbar die Sinnsuche, vor allem das Verständnis hierfür. Doch muss Dekadenz sinnvoll sein? Eine prophylaktische «Sinngebung des Sinnlosen» ist das Leben allemal, das Massenbesäufnis folgerichtig deren Dekor, mehr nicht. Gut möglich aber, dass der kommende «Event» instrumentalisiert wird, um zwischen progressiven und regressiven Stimmbürger unterscheiden zu dürfen.

Es ist letztlich Unterhaltung, wer was befürwortet und weswegen. Es ist genauso Spiel und Spass, sich zu streiten, bevor oder ob der eigentliche Anlass beginne, wie der eigentliche Anlass selbst. Es gehört zum täglichen Spektakel, sich zu echauffieren, andernfalls wäre die sogenannte «Demokratie» erübrigt, deren Sport Empören und Entsetzen man heisst. Seien wir also sportlich, gewähren den Jugendlichen die unvermeidbare Dekadenz, die zukunftsweisende Dekadenz, die Bruttosozialprodukt steigernde Dekadenz.

Die Urmenschen im Zoo

Unlängst veröffentlichte Bilder, worauf fromme Wilde der Zivilisation ehrbar trotzten, erregten kurzweilig aufmerksam; nunmehr scheint das Thema endlich restverwertet, auch etwaige Besorgnisse sind schon geäussert; wiedem, ob solcherart «Barbaren» eigentlich zugleich «Kannibalen» seien.

Medien, deren Gemeinplatz der Boulevard war und weiterhin ist, spekulierten hierüber dankbarst und erwartungsgemäss. Sowohl Blick als auch Bild verunzierten die verpixelten «Steinzeitmenschen» gleichermassen dergestalt, dass man des Eindrucks nicht mehr sich erwehren konnte, sie würden diese Menschen zusätzlich «virtualisieren», weil bloss als skurrile und quotenträchtige Rarität quantifizieren.

Doch vielfach beschämender ist letztlich allein das Ansinnen der unsren Zivilisation, Überlegenheit zu prahlen; und zwar derart ostentativ, dass man darob eigentlich zweifeln müsste. Gewiss, wir sind die «Entdecker»; wir bereisen denn auch fremde Länder, kolonisieren und kultivieren sie gleichsam, doch im Eigentlichen sind wir selber verunsichert, ob wir tatsächlich das Final der Geschichte seien; deswegen ist eine Negation vonnöten:

Eine solche nämlich, die spiegelt und bestätigt, widerspruchslos zwar, ohne Wenn und Aber, dass wir fortgeschrittener seien als die im Urwald des Lustprinzips untertänigen Menschen. Hierfür gereicht allein die Frage, ob man dort auch Frauen diskriminiere und Menschenfleisch fresse, sodass wir endlich vergewissert sind, wir seien die eigentlichen Herren der Welt.

Tatsächlich vervollkommnt ist diese Art und Weise üblicher Naturbeherrschung im Zoo worden, wohin wir unsere beherrschten Tiere sperren; so sind auch solche Fotos regelrechte «Triumphzüge» der Zivilisation, siehe weiterführende Informationen.

Weiterführende Informationen
Nichtidentisches: «Steinzeitmenschenalarm im Dschungelcamp»

Die Hungeraufstände als Hoffnung

Mittlerweile ist man dergestalt pessimistisch-fatalistisch gesinnt, dass, so ist man versucht zu meinen, selbst der Untergang, die wohl letzte Erlösung des irren Menschenschicksals, «unterging». Ja, als vordem der Untergang einen noch ermunterte und bekräftigte, das Leben sei noch zu retten, ist man nun vollends resigniert und hat kapituliert. Selbst der Untergang ist unzuverlässlich. Trotzdem, die eine letzte Hoffnung keimt.

Die weltweiten Hungeraufstände nämlich. Momentan füttern wir noch die Armen, deren Armut selbstverschuldet ist, so unsere Lehre des Wirtschaftsdarwinismus. Unsere Rohheit veredeln wir gelegentlich, indem wir Brotsamen senden, Almosen spenden, die Hungrigen und Zerlumpten einkleiden und manchmal ihrer während Sonntagspredigten gedenken. Dies vermarkten wir als Menschenrechte. Doch nun gut.

Weil das Brot sich verteuerte, weswegen ist einerlei, müssen die Hungernden noch mehr darben. Sie dürften verrecken, unsere Bilanzen sind hiervon verschont, unsere Moral einigermassen unbeschadet, sofern wir uns noch zu täuschen wissen. Wir bedauern den Hungertod nicht, vielmehr erscheint er uns als statistische Grösse, welche wir, die wir mit kaltem wirtschaftlichem Blick geschult sind, bloss registrieren.

Ob die Hungeraufstände sich ausweiten, ist allein die Hoffnung verlorener und vergessener Fatalisten. Möglich, dass die Hungernden sich rächen; wo dies allein noch möglich scheint, ist hier, hier nämlich im Zentrum der Gefrässigkeit, wo die Menschen derart verfetteten und verfaulten, dass man sie mühelos überrennen könnte. Sie wüssten sich nicht einmal mehr zu wehren. Immerhin. Doch ebendiese Hoffnung ist ungenügsam gesät, auch sie mag kaum fruchten.

Denn die Hungernden wissen nicht, wohin und worauf sie den Protest lenken sollten; überhaupt sind genauso Masse wie die unsrige, deswegen naturgemäss ohne jede Kontrolle und Steuerung. Ein wilder Pöbel, gleichsam des unsrigen, der sich «spontan» entlädt, den man aber nicht mobilisieren könnte, um, so eine hoffnungsvolle Eventualität, das unsrige Land zu verwüsten. Man ist also schon pessimistisch genug, um zu erkennen, dass selbst dieser Pöbel uns nicht ausrotten könne.

Untröstlich, dass wir noch fristen dürfen. Eine Beleidigung Gottes, den Eigentlichen, den wir ehren und würdigen sollten. Die Hoffnung, dass die Hungernden das längst verhängte Urteil vollstreckten würden, ist hoffnungslos, vergebens. Wir vermögen zwar das Brot abermals zu verteuern, doch deswegen ist keine Revolution zu befürchten. Vielmehr ernüchtert auch die dortige Bevölkerung. Obgleich der Hunger noch Menschen mobilisieren mag, ist er doch bloss ein Übel, das man einwilligt, aber dem man nicht widerspricht.

Weltweit scheinen die Menschen ermüdet, sogar zum Protest. Eine bedauerliche Erschlaffung, wogegen man wiederum nicht aufbegehren kann. Allein darf man hoffen, dass die unsre Rohheit uns dergestalt degeneriere und sensibilisiere, dass wir Auschwitz wiederholen könnten, und zwar direkt-tatsächlich, nicht so, wie wir den Massenmord praktizieren, heute, nebenbei, als Hobby, worüber sich zu empören blosse Koketterie und Attitüde ist.

Kulturstadt Solothurn

So gelegentlich, anlässlich der Literatur, die in Solothurn gastiere, meint man sich genötigt, die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Kulturstadt Solothurn zu besuchen, allein, um der heimatlichen Tristesse zu entfliehen, welche, so den Legenden gewahr, einen doch deprimiere und frustriere und bishin töte.

Nun wahrlich, Solothurn erscheint aufgeputzt und geschmückt sondergleichen; richtiggehend ungewohnt dünken einem die opulent kostümierten Damen und jene flinken und vermeintlich belesenen Herren, die durch die Gassen hasten, hierfür unterm Arm stets eine Qualitätszeitung geklemmt.

Auch die Stadt selbst blendet, gleichwohl weniger sie als der auffällige Pöbel, der sie «kultiviert». Folglich überall «Kultur», ganz plakativ, eigentlich unübersehbar, so, dass jedermann dämmern müsse, allein hierin gedeihe Kultur. Man wähnt umgehend, Solothurn produziere zwar nichts Greifbares, wisse aber wenigstens abstrakte und überflüssige Kultur erfolgreich zu vermarkten. Immerhin dies, ja, gleichsam einer «Kulturnation».

Irritierend, wofür Kultur heutzutage bürgen muss. Denn auch sind etliche Ateliers schon «Kultur», die den individuellen Ausdruck einiger Wohlhabender bezwecken, ansonsten kaum Substanzielles und Relevantes zur allgemeinen Kulturleistungen einer dekadenten und kranken Gesellschaft subsumieren. Ebenfalls heisst man die zahllosen, jede Seitengasse wohl aufwertenden Kräutersammlungen Kultur, die des verlorenen oder verdrängten Wissens der Natur erinnern.

Und schliesslich die Literatur, ganz pompös und spektakulär angekündigt, als Event ohnegleichen inszeniert, den man, will man sich des Vorwurfs erwehren, man sei barbarisch, mindestens aufsuchen müsse. Und endlich sich eingefunden, wobei zuvor rasch spioniert, welche Bildungsschichten denn versammelt seien, ist man angewidert ob der Konformität der Maschinen, die ein und aus funktionieren, ein und aus marschieren.

Erstaunt hat die Frauenquote, man müsste deswegen ja folgern, Literatur sei die liebste Freizeitbeschäftigung unterforderter Hausfrauen, oder ist man bloss getäuscht, geschlechtlich manipuliert? Nichtsdestotrotz, hierüber sei noch geklärt, dass die Damen mehrheitlich mit vermeintlich selbstgebastelten Kettchen sich überhäuften, wohl ein Erkennungsmerkmal der kulturell interessierter Frau.

Die Herren waren kaum bemerkenswert, diejenigen, denen man trotzdem Aufmerksamkeit gönnte, schienen klassisch-elegant maskiert, wovon aber nicht Charakter, sondern eine fürsorgliche Frau daheim zeugte. Bedauerlich eigentlich, dass bloss noch die äusserliche Erscheinung einen inspiriert. Worin dies wurzle, ist nicht zu beantworten, vielmehr sei einmal behauptet, dass Literatur selber bloss noch eine Erscheinung sei, die sich unmittelbar verflüchtigt, sobald betrachtet.

Nun, man ermüdete rasch, alsdann der Himmel sich verdunkelte, die Menschen heiter und komischer sich gebärdeten, immer lustvoller und interessierter, auch kommunikativer wirkten, war denn beschlossen, die Kulturstadt Solothurn frühzeitig zu verlassen. Man vermisste doch die Heimat, jene kalte und unwirtliche Stadt, worauf ausschliesslich Mist blühe.

Immerhin dort glaubt man sich einigermassen «heimatlich», einigermassen «verbunden»; denn man braucht den Palaver «Kultur» nicht hören, nicht dauernd und dermassen übertrieben, dermassen angestrengt und verkrampft, ja scheinbar dermassen verbittert, so, als hätte man ausser «Kultur» nichts mehr zu predigen und zu ehren. Die totale Mobilmachung der Kultur ist wohl das Merkmal ihrer Vollendung, somit ihres Untergangs. Punkt.

Gegen die EURO 2008

Fussball. Kein Kommentar. Ein Spektakel. Die Vollendung von «Brot und Spiele». Ein Vorklang der Endzeit, als Menschen funktionierend frohlocken wie frohlockend funktionieren, jubeln und kreischen, stöhnen und hecheln, wieder ganz Tier und Barbar werden. Ach. Man mag den Event bloss noch beseufzen, wir konnten ihn immerhin ignorieren, auch, weil in Olten man kaum etwas davon spürt, sieht und hört.

Wenigstens weiss unsere Regierung, das widerspenstige und vergnügungssüchtige Volk mittels Spielen zu züchtigen. Ja allein Spielchen müssten wir ansonsten entbehren. Doch nicht mehr lange, allzu lange denn kann der mit Brot zu häufen hinlänglich zerstreute Mensch kaum sich gedulden, so hysterisch, so nervös und so jetztfixiert wie er ist. Jetzt naht die Erlösung, sozusagen die Endlösung der Spektakelfrage.

O Schreck. Die Lohnabhängigen dürften nun das alltäglich gestaute und mehr schlecht als recht gekaute augenblicklich, punktuell und staatlich begünstigt auskotzen, als Event ohnegleichen neutralisieren. Ja man sorgt sich doch rechtens, dass allein Brot noch kein Leben beseelte und noch keine Seele belebte. Deswegen giert die Horde wilder Lohnabhängigen nach Spielchen, die der Staat, diesmal ganz Mutter, grosszügig sponsert.

Man beabsichtigt ja, durchaus ehrbar, die ansonsten ziemlich verrosteten Maschinen zu ölen, sodass deren Funktionstüchtigkeit abermals sich beweise; spätestens als es gilt, den Abfall zu räumen, den eine infantile Meute desgleichen erwartungsgemäss verursacht. Ein kurzer Rausch, eine kurze Party, hierzu einen auserwählten Patriotismus, einen soignierten Fanatismus beigemengt, ja schlicht und einfach «feiern», dies sei Programm und Inhalt, Sendung und Botschaft.

Doch was wollen wir denn beklagen? Dass der Mensch reprimitiviert scheint? Ist er schon längst. Dass der Mensch jedwede Sittlichkeit verschachert? Hat er schon längst veräussert. Was dürfen und können wir denn überhaupt bemängeln? Beispielsweise, dass der Staat die totale Mobilmachung proklamiert, alle bloss erdenklichen nationalen Arbeitsleistungen komprimiert als Euphorie, deren niemand sich erwehren kann?

Ach, wir hoffen allein, dass der Taumel alsbald verwehe, sich verflüchtige, so rasch und so unerwartet, wie er plötzlich wirbelte und tobte, stürmte und rauschte. Sind wir wirklich allesamt Narren? Sind wir wirklich allesamt dergestalt beeinflussbar, dass wir uns begeistern lassen, wofür nicht einmal der Hund sich krümmt? Ach, wir sind zwar nicht ratlos, meinen Antwort hierauf zu wissen, doch wir schweigen, wollen doch keines Manns einzige Identität verderben und verunglimpfen.

Die Selbstreferenz der SVP

Die SVP liebt Selbstreferenz; momentan beschäftigt sie sich denn, ob ein Parteimitglied, das rechtens gewählt wurde, auszuschliessen sei, weil es angeblich mit feindlichen Kräften konspirierte. Nun, der junge Präsident der SVP poltert, man könne nicht mehr zurück; folglich sei die Frage endlich zu klären. Desungeachtet politisiert und verwaltet die neue Bundesrätin; doch der Mob der SVP wütet und tobt; selbst ein wahrhaft bürgerlicher Event, wo die Herren geschmückt und die Damen verhüllt, bedroht derselbe SVP-Mob, welcher sich bürgerlich reklamiert.

Dieser Mob ist kaum noch zu bremsen; im Internet zermüllt und peinigt er jedes Forum, das nicht der SVP-Linie entsprecht. Er ist statt Ausdruck vielmehr Symptom des Fellachentum; wilde, rohe, barbarische, bestialische endlich reprimitivierte Urmenschen, die nörgeln und stänkern, bloss weil man sie betrog, berechtigterweise, denn auch die SVP belog das Volk mitsamt Parlament. Angesichts eines solchen Narrenspiels, das sie SVP selber inszeniert, als ob die Partei an sich allein schon Programm wäre, darf man bedenken, inwieweit die SVP noch bürgerlich und konservativ ist.

Statt Sachpolitik zu kultivieren, wie von SVP-Bundesrat Samuel Schmid vorgeschlagen, verzettelt sich die SVP in diffusen Personalfragen; und zwar bloss, weil der Mob meutert; nicht die SVP selber also, sondern SVP-Wähler sind das Problem; sie veruntreuen Konservatismus, Liberalität und Bürgerlichkeit, als sie solche Werte schwindeln. Seitdem die SVP beispielsweise Konservatismus allein beansprucht, ist jede andere Bewegung, die desgleichen sich ziert, verschmutzt, mit SVP-Assoziationen verseucht.

Zum fünfjährigen Jubiläum des Irakkriegs

Endlich jährt jener beispiellose Angriff sich, der die Weltwirtschaft rettete und das Sicherheitsbedürfnis westlicher Staatsbürger befriedigte. Zunächst fand das Vorspiel allein virtuell statt; die dekadenten Jugendlichen harrten, ganz gespannt und erregt, vorm Fernseher, prüften die unterschiedlichsten Waffen ob ihrer Tauglichkeit, bewunderten die amerikanische Potenz und diskutierten über die Notwendigkeit des Krieges als letztes legitimes Mittel; sie alle waren richtiggehend ungeduldig, konnten den ersten Schlag kaum erwarten, der solange vorbereitet.

Und sodann erfolgt, genossen wir das Spektakel am Fernsehen, mittels bester Qualität wohlgemerkt und versüsst mit allerlei Keksen, in gemeinsamer Heiterkeit fürwahr, und mancher einer leistete nebenbei sogar eheliche Beischlafspflichten, während die ersten Häuser brannten. Dies ist TV-Krieg, der wahrhaft amüsiert, so fern und doch so nah, multimedial ganz spektakulär dargestellt, und immer aus der einen Perspektive, nämlich jener des «Täters» respektive des «Befreiers», der die Bomben warf, wohingegen die Perspektive der «Opfer», denen die Bomben galten, sinnigerweise ausgeblendet wurde.

Besonders weltwirtschaftlich war dieser Krieg ein grosser Erfolg; wer erinnert sich denn noch der Rezession, seit die stählernen Türmen zusammenbrachen? Wohl niemand mehr, wer trotzdem, weiss, dass, nachdem der Irak bombardiert wurde, weltweit der Bulle durchs wirtschaftliche Etablissement raste. Dieser Krieg widerlegte denn die psychologischen Ängsten jener Anleger, die befürchteten, die USA seien zu keinerlei entschlossenen Handlung mehr fähig, werden also wegen einigen Terroristen und Diktatoren kapitulieren.

Allmählich gelingt den USA das im alten Europas oftmals als Desaster gescholtene Irak-Abenteuer; besonders wir «neutralen» Schweizer dürfen uns freuen, sind wir doch die ersten, die von einer interventionistischen Aussenpolitik der USA profitieren; wir werden folglich immer fetter, dürfen noch geschmackvoller speisen. Ach, so schön kann ein gerechter Krieg sein, alle gewinnen, sogar jene, deren Kapital dumpfer Antiamerikanismus ist; sie wähnen sich denn abermals bestätigt.

Weil die Wirtschaft unser Leben regelt, dürfen wir uns nicht empören, wenn Kriege immer Wirtschaftskriege sind. Das Zeitalter politischer Ideologien ist sowieso, nachdem die letzten scheiterten, überwunden und dementsprechend obsolet; wir anverdienen uns also bloss noch der Wirtschaft, die ja selig und glücklich macht; wer widerspricht, kann auswandern ins kommunistische Kuba. Deswegen, da der Irakkrieg die westliche Wirtschaft stimuliere, ist er denn auch ehrbar und rechtens.

Die Empörung des Westens wegen Chinas Tibetspolitik

Ach, nun empört man sich, wegen den Chinesen, die die armen und süssen Bewohner Tibets schänden, ganz miesig verstümmeln, manche sogar erdrosseln, gegen die Hundertern derer, so will man schätzen oder befürchten. Deshalb protestieren einige Politiker schon, man solle die Olympischen Spielen boykottieren, genauso, als 1980 die angeblich teuflische Sowjetunion das friedliebende Afghanistan überrollte.

Bloss: wir sind Kapitalisten, und als solche allein des Kapitals Untertan; weil eben die Chinesen unentwegt Kohle schaufeln, sind wir die Chinesen zu schmeicheln gezwungen; wir säuseln deswegen vom «Wachstumsmarkt», von einer «Chance», und so fort; wir kennen das Gerede denn ja genügend, immer dieselben, eigentlich von Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht triefenden Phrasen.

Was könnten wir denn tun? Beabsichtigt jemand ernsthaft, den bösen Chinesen nochmals zu verärgern und zu demütigen? Falls ja, sollten wir zuerst aufrüsten; mindestens zwölf Millionen Mann bewaffnen, die unsrige, sowieso schon gebeutelte Produktion mittels Zöllen schützen und die Grünen und Roten in Umerziehungslagern internieren. Ansonsten sollten wir niemandem drohen, niemanden mit Worthülsen beschiessen, besonders nicht den nach Rache dürstenden Chinesen.

Klar, technologisch sind die Chinesen noch zu besiegen, wirtschaftlich als vereinigter Westen ebenfalls, doch moralisch? Unsere Menschenrechte hatten wir ja längst veräussert, mit diesen trotzdem noch zu argumentieren vernichtet sie endgültig. Wir sollten vielmehr fragen, weswegen wir dermassen erzürnt sind, wenn Chinesen den Tibet kolonisieren. Waren denn nicht wir die echten Herren? Allein Gottes Stellvertreter?

Unsere Vergangenheit verbietet uns, moralisch zu läutern, unsere Moral ist verstorben, bloss noch ein Geschwätz, dem niemand mehr glaubt, auch die Chinesen spotten über unsere Doppelmoral, und nicht nur die Chinesen, die gesamte farbige Welt denn. Wir sind zum Gespött der Welt geworden, ein lächerlicher Altherrenclub, der die Welt zu beherrschen sich verweigert, bloss noch zum selbstverliebten Konsum bequemt; eine dekadente und folglich erkrankte Gesellschaft.

Die Zukunft der NATO

Die NATO, ein Problemkind des Kalten Krieges, fristet wohl noch, bis die westliche Altherrenschaft die NATO endgültig entsorgt; andernfalls entrümpelt und, wie so gern des Zeitgeistes gemäss, reformiert; ganz zügig und rasch, ganz den neuen geopolitischen Herausforderungen misst, die eigentlich die alten sind; sozusagen the Great Game reloaded.

Wegen Selbstzweifel erst scheinheilig, sind wir bemüht, des Eindrucks uns zu erwehren, wir regierten, ja kolonisierten die Welt. Wir sind bloss noch das Gewissen der Welt, eben das scheinheilige und kaum integere; dies kräftigt sinnigerweise kaum unsere Glaubwürdigkeit. Dementsprechend und demzufolge zaudert die NATO hier und dort, bare Entschlossenheit zu demonstrieren und pure Macht zu obwalten.

Weil die Naturschätze des Westens grossenteils geplündert sind, wodurch zu versorgen die unsrigen gierigen Volkswirtschaften gefährdet scheint; sind wir in Abhängigkeit gescheiterter Staaten verdammt, wovon die meisten uns vorsichtig, einige bishin feindlich gesinnt sind. Obschon das unsere Kapital bedürfen deren Eliten, zwecks Dämpfung und Zerstreuung dortigen Massen mittels dröhnenden Unterhaltungsindustrien und barmherzigen Sozialleistungen, sind uns die Rohstoffe wichtiger als denen das Kapital.

Vielmehr als sie sind wir also abhängig, sind doch ungebildete Massen nötigenfalls noch militärisch zu züchtigen, unsere verselbständigte und herrschende Wirtschaft hingegen nicht und solcherlei gar verdriesslich. So ist denn auch endlich die NATO gemeinsame Interessen zu verteidigen einberuft, auch jene der Schweiz, deren Westintegration faktisch längst abgeschlossen ist, bloss noch symbolisch und völkisch, fürs Volkstümlich-Populistische also Souveränität simuliert.

Die Medien sind verängstigt: China! So solle man schaudern ob dergestalt Potenz! Doch letztlich, allen Unwahrheiten bereinigt und Übertreibungen entledigt, sind immer noch wir die Herren; die grössten Armeen bewirten, die gröbsten Kapitalisten ködern denn auch wir. Ausgenommen Chinas moralische Integrität, die weder scheinheilig noch Universalität beansprucht, schlichtweg gar keine, besser als irgendeine ist, dürfte der angeschlagenen westlichen abermals ätzen.

Um die Weltherrschaft zu sichern, als die Welt zersplittert, sind transnationale und hochmobile Armeen vonnöten, deren Befehl weisen, von völkischen und populistischen Manipulationen verschonten Männern obliegt, die zunächst fürs wirtschaftlich-geopolitische, dann erst fürs gesellschaftliche Wohl sorgen. Dies nebenbei, um etwaige Eindringlinge oder Aufstrebende abzuschrecken, denn wir verschmutzen mehr Erde als vorhanden und sind momentan kaum gewillt, den unsren Konsum zu minimieren, da wir nichts Gewonnenes und Errungenes entbehren können.

Der NATO-Bündnisfall in Afghanistan

Uneingeschränkte Solidarität versprach Schröder einst den USA; demzufolge auch bedingungslose Bündnistreue, schliesslich war des 11. Septembers erstmals ein NATO-Staat angegriffen worden. Doch Deutschland, das allmählich erwachte und wieder erstarkte, zaudert mit dem Westen; statt Gehorsamkeit und Pflicht zu erweisen gegenüber jener Ideologie, die das deutsche Volk rettete vor dem Untergang und somit vor sozialer Isolation bewahrte, verweigert Deutschland nötige, auch kampfbereite Militäreinheiten am Hindukus zu stationieren.

Afghanistan zu befrieden ist ein westliches Projekt, das nunmehr zu unterstützen und zu finanzieren sei, weil andernfalls das Land verrohe und wiederum der Barbarei anheimfalle; wodurch in Afghanistan ausgebildete, bis zum Bittersten entschlossene Fanatiker letztlich erneut den Westen bedrohen würden, auch Deutschland, auch Italien und Spanien, und auch die Schweiz, die, obzwar immer aller Neutralität bedacht, de facto genauso westlich, wenn nicht sogar westlicher als beispielsweise Deutschland ist.

Die amerikanische Herrschaft ist wohl die beste, die man wünschen könnte, eine andere, vermutlich chinesische, täte uns bloss ungut; wir profitieren allesamt, sowohl vom Dollar wie auch vom US-Handelsdefizit. Amerikas Herrschaft verbreitete Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft; vermehrte Wohlstand, Glück und Recht. Dies alles, ohne dass wir ordentlich Tribut zollen mussten; wir schlemmten ja beinahe gratis, schnüffelten kostenlos Freiheit. Den USA dankten wir kaum, stattdessen wucherte im Kleinbürgertum der tumbe Antiamerikanismus.

Also ist Deutschlands Pflicht, den eigenen Pazifismus zu überwinden und weitere Truppen nach Afghanistan zu entsenden, dorthin; wo Barbarei, Willkür und Korruption naturgemäss freie Menschen beuteln. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir das einzige universalistische System kultivieren; ein System folglich, das allen zusteht, allen Menschen zu verwirklichen geraten sei. Diese gewissermassen religiöse Sendung zu verteidigen ist die Pflicht und die Ehre potenter westlicher Nationen, solche wie Deutschland, aber auch die Schweiz.

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