Dieser Artikel erschien erstmals in der September Ausgabe Zürichs des ensuite-Kulturmagazins..
Kultur und Krieg? Darf man denn solches mischen? Definitiv nicht, protestiert die Kulturlinke, deren Humanität und Integrität beispiellos und vorbildlich sei (ist). Doch das war nicht immer so. Kultur und Krieg sind, seit Kultur erwachte, miteinander verknüpften, bedingen einander; ohne Kultur keinen Krieg, und kein Krieg ohne Kultur.
Früher war der Krieg kultiviert und sittlich; man vereinbarte einen Ort, einen Zeitpunkt, schlürfte zuvor noch Tee, und alsdann man sich gegenseitig Glück wünschte, rannte man aufeinander los; solange, bis eine Gruppe unterlag oder kapitulierte. Es war ein genormter Krieg. Jene, die diesen Regeln nicht gehorchten, sind als Barbaren geschmäht worden, denen man Heldentum entsagte. Bis der berühmte Stratege Carl von Clausewitz 1812 in seiner «Bekenntnisdenkschrift» hiervon sich verabschiedete und einen totalen Krieg antizipierte.
Als 1914 der Krieg die westliche Dekadenz kurierte, waren die ersten und lautesten, die brüllten, hauptsächlich Kulturanschaffende aller Nationen; man war befreit, weil jetzt endlich wieder Spektakel, Aufregung, das Gegengift der Degeneration und Dekadenz, dessen Tatsache allen oberen Schichten bereits gewahr war. Aufbruch und Zuversicht waren die Folge. Allein, dass dieser Krieg insgesamt «langweilig» war, weil er sich kaum bewegte, ist wohl eine weitere Tragödie der Menschheit; doch für sich keine bemerkenswerte.
Die Kulturlinke protzt, man rettet den Planeten, man schützt den Regenwald, füttert Waisen; man engagiert sich sozial, beweist «Zivilcourage», so die gängigen Phrasen. Es sind Bekenntnisse, die die bezwecken müssen nur, dass der Schein etwaiger Erhabenheit und Selbstgewissheit weiterhin blende. Es ist Marketing, Propaganda oder Schauspiel; wiewohl man es nennt, es ist Attitüde, kraft gewissenhafter Plattitüden. Dass eine solche Kulturlinke den Krieg verneinen muss, überrascht kaum; es ist Konzept, es ist sogar gefordert; irgendwer muss ja den Quotenrebellen, der immerzu opponiert.
Doch vergessen wir die Kulturlinke, deren parallele Kulturindustrie kaum Markt, geschweige Marktwert aufweist; sie ist letztlich irrelevant, den Pöbel nicht bestimmend. Vielmehr ist die Kulturlinke ein Raunen ewiggleicher Probanden, eine Selbsthilfegruppe sozusagen, wo man gegenseitig sich bestärkt und stützt; also bloss ein Randproblem.
Wichtiger ist, wie der Pöbel antwortet, den müsste man eher thematisierten, viel mehr als eine Kulturlinke, die bloss stöhnt und ächzt, die Industrie und den Fortschritt verteufelt, deswegen aller Menschlichkeit abhold, ist doch massenindustrielle Vernichtung, Tod und Wiederaufbau allein menschlich.
Der Pöbel ist «unterwandert»; Computerspiele simulieren eine Wirklichkeit, derentwegen manche gar die eigentliche Wirklichkeit preisgeben. Eigentlich kaum erwähnenswert, dieser Fortschritt, der die menschliche Kreativität und Idee ins Virtuelle schiebt, wäre nicht die Tatsache, dass Computerspiele authentischere, relevantere Kultur ist als alles das, was die unsägliche Kulturlinke dilettiert. Hier ist bemerkbar, dass die Kultur den nichtsahnenden Nachwuchs drillt; mit virtuellen Auszeichnungen honoriert, mit lustigen Filmchen zwischendurch entschädigt und vor allem mit der «Speichern-und-Wiederherstellen»-Funktion motiviert.
Dass die meisten Computerspiele beabsichtigen, den Knaben zu vermitteln, dass Fleischfresser böse, Beerenpflücker gut seien, ist zu bezweifeln; wir alle überhöhen den schändlichen Einfluss sogenannter «Killerspiele», doch niemand würdigt den positiven derselben. Es heranwächst nämlich eine militarisierte Generation, vermittelst der Kultur, denen das Töten und Morden angeboren scheint, nicht so wie die unsrigen verweichlichten Vätern, die nicht einmal einen Scheidungskrieg für sich entscheiden können.
Was lässt sich denn schon vom Frieden erzählen? Der Friede langweilt. Es sind kaum Geschichten überliefert, die den Frieden verherrlichen, und falls doch, dann ist dem Frieden ein langjähriger Krieg vorausgegangen. Und wie solle nun ein Künstler inmitten einer Friedensepoche wüten? Künstler zu sein, als die Welt döst, ist wahrlich ein undankbarer Brotberuf.
Die heutige Welt ist zu harmlos, sie echauffiert niemanden; also ist die Kunst verdrossen. Wie solle man denn wirken, ohne dass man sich ärgern müsste? Eine heile, reine und glückliche Kunst? Ohne Teufel? Kaum. Eine solche Zeit wird künstlerisch niemals produktiv sein.
Krieg ist Frieden, las der letzte Mensch Europas 1984; und tatsächlich, solange Krieg ist, ist auch Friede, seelischer und künstlerischer Friede. In langweiligen Friedenszeiten ist die Kulturindustrie hingegen verpflichtet, die Lohnabhängigen wahlweise zu zerstreuen oder zu entsetzen. Es ist also Aufgabe, Menschen zu täuschen, sie zu vertrösten.
Und ach. Es ist langweilig. Es wäre mir recht, im Krieg sinnlos zu sterben, als sinnlos hier zu gammeln. Eine blühende Kultur bedingt eine wirre und wilde Zeit. In dieser Öde ist Kultur genauso sinnfrei wie ökonomische Aktivitäten. Daher konserviert man das Überlieferte im Museum, weil ängstlich, man könne die Ausdrucksweise wilder Vergangenheit verlieren.
Obschon Medienkritik mit Ernst Jünger anderswo eigentlich dringlicher sei als hier, möchten wir, allen Widerreden trotz, die unablässig brüllen, Ernst Jünger sei nationalsozialistisch gesinnt gewesen, unsren ehrwürdigen Sturmtruppführer zitieren; diesmal im Zusammenhang mit der Sprache, die Medien vereinheitlichen bis vereinfachen. Ernst Jünger, Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt:
[...] Das Lesen ist nicht mehr mit dem Begriff der Musse in Einklang zu bringen; es tritt vielmehr mit den Kennzeichen des speziellen Arbeitscharakters auf. Dies wird dort deutlich, wo man Gelegenheit hat, den Leser zu beobachten, also vor allem in den Verkehrsmitteln, in deren reiner Benutzung sich bereits ein Arbeitsakt vollzieht. Man wird bei dieser Beobachtung eine zugleich wache und instinktive Atmosphäre feststellen, der ein Nachrichtendienst von höchster Präzision und Geschwindigkeit angemessen ist.
Hinsichtlich der Ausrede, man sei gestresst, bedarf daher knapper und prägnanter Informationen, welche die Fülle verdichten dergestalt, dass man sie nebenbei konsumieren kann, ist der Fortschritt gutzuheissen, den Medien pünktlich servieren. Und falls die totale Arbeitsdiktatur siege, wie hier mehrmals ersehnt, weil dadurch der Unsicherheitsfaktor Mensch erübrigt, kann solcher Fortschritt bloss recht sein; wir sollten denn auch keine Zeit vergeuden.
Dürfen wir also noch jammern, noch Poesie wünschen? Ja, dürfen wir, und tun wir auch: in unzähligen Reservaten nämlich, wo die «Kultur» den Vorwurf beschwichtigt, sie koste bloss und sei unproduktiv, nicht der Arbeitsdiktatur angemessen; dort also, wo Kultur vermeintlich noch gedeihe, dürfen wir unsere Sehnsucht ausschütten. Abgezäunt, vollends ummauert von einer Leistungsgesellschaft, fürchtet die faule Kultur ums Überleben; der Gegner scheint denn übermächtig.
Sie ist nunmehr eine Parallelgesellschaft, deren Nährboden der arbeitenden Mehrheit Milde ist, jene bemerkenswerte Gabe, sich vorzutäuschen, man sei als Arbeitsdiktatur noch gesittet und kultiviert, falls man die «Kultur» abseits subventioniere. Dorthin rinnt die überflüssige Sprache also, welche veranschaulicht, wie die Dinge an sich scheinen oder vielmehr schienen. Denn weil die Alltagssprache bloss noch Nützlichkeit lehrt, ist der Wortschatz geschrumpft dergestalt, dass ausschliesslich das Notwendigste kommuniziert werden kann. Das vormals Vielschichtig-Verschlungene des menschlichen Seins ist heutzutage gestreckt aufs Nützlich-Wesentliche.
Der Sieg dieser Nützlichkeit bescheinigen Medien, welche täglich drucken, was geschah, aber selten kommentieren, wieso etwas geschah. Diese Sprache ist tatsächlich aufs Notwendigste reduziert; die Verben wiederholt, die Sätze zerstückelt, die Aussagen an abstrakten Objekten geklammert, deren Handgreiflichkeit zweifelhaft ist. Kaum Pausen, die zu besinnen ermuntern sollen, unterbrechen diesen unaufhörlichen Fluss; man lebt ja in Gewissheit stetiger Verknappung, so scheint selbst Geist knapp.
Ebensowenig wundert nun, dass Journalisten das Nützliche als das Ästhetische erachten; so ist bloss die nützliche Sprache die ästhetische. Der Text als Kunstwerk hingegen schwindet, wird bestenfalls ins Museum gelagert; dort aber erstarrt und vergessen, unwiderruflich verloren. Bloss Schüler der Reservate, die Kunst und Kultur studieren, weil die Eltern anderswo diesen müssigen Nachwuchs nicht einzusperren wüssten, begutachten, so der Lehrer will, den künstlerischen Text vergangener Jahrhunderten.
Doch dieser Verlust menschlicher Mannigfaltigkeit ist ein Gewinn wirtschaftlicher Effizienz. Kaum Effizienz steigern würde denn, falls Finanzreporte lyrisch gesungen werden müssten; jedermann wäre sogleich überfordert, verdrossen, diesen Schund, der kaum facts liefert, zu lesen; allgemeine Empörung wäre die Folge. Die Sprache, aufs Notwendigste geschlagen, beschleunigt Kommunikation, sodann auch den Arbeitsprozess, und dies ist das Gebot der Stunde; besonders hinsichtlich einer stets komplizierteren Wirtschaftswelt.
Dieser Artikel erscheint zugleich in der Juni-Ausgabe Zürichs des ensuite-Kulturmagazins.
Hierin ist man ja abgeklärt; beiläufig erwähnte ich denn schon, dass der Selbstmord die letzte Rebellion sei. Nichtsdestotrotz träumen «ernste» Künstler, die Kunst möge die Welt revoltieren; vermutlich erben wir bloss Wagners Einfluss, jener Zauberer und Verführer, der mittels der Kunst die Gesellschaft verändern wollte. Und obwohl einen die Geschichte belehrt, dass das letzte Subjekt, welches die Geschichte nachhaltig prägte, leider Hitler war, schmachten Künstler nach Veränderungen; nach individuell getätigter.
So dürfte niemand überraschen, dass eine Organisation füttern möchte, wem gelänge, die Gesellschaft zu schockieren. Die Sehnsucht, die letzten Tabus zu entblössen, scheint ungebrochen; und entzündet wohl jede Jugend, deren Sinn und Aufgabe ja eigentlich wäre, das Hergebrachte weiterzuentwickeln und das Verwachsene zu verjüngen. Doch diesmal ist die Pflicht ungleich anspruchsvoller; unsere Eltern hatten denn bereits randaliert, Sittlichkeit und Anstand derart verwüstet, dass wir lebenslänglich beschäftigt sein müssten, sie zu restaurieren und zu renovieren.
Hieran bemerkt man, dass uns eine Konservative Revolution drohe; glücklicherweise keine der SVP, denn diese Partei ist kaum konservativ. Doch das Versprechen, der Dekadenz zu trotzen, deren Merkmal jene verwilderte Komplexität ist, wogegen man allerorten rauft, ist uneingelöst. Statt die Komplexität sich reduziere, steigert sie sich; unaufhaltsam, bis die SVP endlich triumphiert, weil die Welt simplifiziert, sodass jedermann sie verstehe. Doch hierüber möchten wir nicht verargen, sondern erhellen, weswegen gerade die Kunst Besserung und Läuterung verspricht.
Man ist ja unterrichtet, der Künstler sei individuell, den einzigen Individualisten, den wir dulden und den wir auch finanzieren. Künstler gelten folglich als durchgeknallt und abgedreht, verwildert und roh; leben und verkörpern die Libertinage und die Narrenfreiheit. Dies Cliché verzaubert, durchaus und vor allem den Gesitteten und Verhäuslichten und Veräusserten und Verdingten. Mag sein, dass man bloss projiziere; den Künstler ehre hierfür, dass er verwirkliche, was man einem selber versage.
Deswegen sucht man ebendiesen Künstler, will ihm applaudieren, will ihn nähren und motivieren. Man giert geradezu nach Skandalen, die sogenannte Künstler medial wiederholen; man möchte sich denn sowohl empören als auch faszinieren hierob. Doch ein Künstler, der nicht sich bloss inszeniert, so, als wäre er Künstler, fristet im Unbekannten wie Verborgenen; jenen könnte auch kein Kulturmanager vermarkten, weil er schlichtweg nicht gesellschaftsfähig wäre.
Trotzdem möchte ich einen Künstler porträtieren, und zwar einen Anti-Künstler, sozusagen einen Teufelsanbeter, der irgendwo im Geheimen vergammelt und versiecht; und eigentlich, hätte ihn nicht der Alkohol gebändigt, längst Unschuldige massakrieren würde, allein um die Statistik gewalttätiger Schweizer zu frisieren. Nennen wir ihn fortan den Ankläger. Und nein, ich verrate niemanden, wer und wo er denn sei. Ebendiese eingangs erwähnte Organisation, die bis zum 15. Juni lost, wer wohl noch zu provozieren vermöge, würde anerkennen, er besässe eine «gesunde Wut im Bauch», welche jenseits läge, was Schulen produzieren.
Vorweg: nichts schadet der Kunst mehr als ein euphorisches Publikum, das unaufhörlich jubelt und applaudiert; dieser Affekt verzehrt die eigentliche Kunst. Manche Kunst sollte besser verschlossen bleiben, so wie diese hier, die ich nun alsbald präsentiere; man müsste sie dem weltstädtischen Kunst-Pöbel verheimlichen, andernfalls drohe, dass sie geschändet werde. So erklärt sich, weswegen die tatsächlichen Künstler keine Berufskünstler sind; sie meiden denn das gierig-hysterische Publikum gänzlich, das die Kunst bloss missbraucht, um nicht immer übers Wetter plauschen zu müssen.
Eine Stimmung. Ein betonierter Keller, worin man nicht mehr zwischen Tag und Nacht, zwischen Arbeit und Kunst unterscheiden kann, worin also die Zeit als Grösse verwirkt, das Leben zu regeln. Hierin rauscht bloss der Impuls, allein ein unkontrollierbarer Stoss, eine Wand zu beflecken. Hierin ist Mensch Maschine, Sklave seiner selbst; das Bewusstsein erloschen. Man stelle sich diesen Keller vor: Die Flaschen türmen sich, die Luft ätzt.
Und der Ankläger, der hantiert mit Scherben, kleckert mit Blut, vergisst zu schlafen wie zu essen. Er ist eigentlich tot, deswegen «malt» er: eine groteske Szene; ein Geschlechtsakt zweier Farben, dergestalt verdünnt, vermengt, dass man sie kaum noch differenzieren kann. Hierüber endet das Latein nüchterner, weil verbitterter Gelehrsamkeit. Man wähnt schliesslich, allein der Teufel vermöge dies Urteil zu vollstrecken, das den Ankläger peinigt, nunmehr verdammt und doch bannt.
Dionysios scheint zugegen, die Geburt des Lebens scheint verfügt. Eine Stimmung sondergleichen. Ruhe. Der Ankläger erwacht, und stürzt; geschweige, dass er die Zeit bemerke, die hierin sich unwiderruflich verflüchtigte. Er zittert, schnaubt, lechzt, und schluckt, mehrmals. Und er trinkt, immer mehr, immer wieder, masslos. Er schlägt, rennt gegen die Wand; blutet. Der Nihilismus ist greifbar, gegenständlich; für nichts und wieder nichts lohne sich zu kämpfen, lohne sich zu sterben; auch Selbstmord ist bloss die eine weitere Sinngebung des Sinnlosen.
Der Ankläger schweigt. Die Ruhe stört. Der Ankläger verzweifelt, zweifelt ob seiner «Kunst»; zerreisst das Bild, verbrennt das Werk. Qualm. Und droht schliesslich zu ersticken. Ein Suizidversuch? Wahn? Nein, weder-noch, sondern «Alltag». Wer erkühne, diese Vorstellung in eine ordinär-biedere Vernissage zu schleusen, dem gebühre Spott und Hohn. Kunst solle schon provozieren, aber nicht die Öffentlichkeit, sondern allein den Künstler.
Naturgemäss ist eine Masse roh und wild; wer sie nutzen möchte, müsste sie veredeln, sodann kann man herrschen. Andernfalls wäre jede Masse ganz Pöbel, der bloss fresse, ansonsten mitnichten fruchte. Deswegen sollten wir die Massenkultur statt verwünschen vielmehr ehren, hierfür, dass sie die Masse einigermassen zähmt und züchtigt; auch drillt, falls geboten, auch überzuckert, falls aufsässig.
Stundenlang könnte man philosophieren, wie man den Menschen denn erziehe, insoweit, bis er menschlich-eigentümlich werde. Doch überein käme man darin, dass der heutige Mensch keiner humanistischen Erziehung bedarf, weil der Humanismus als Hoffnung verwirkte, das Menschengeschlecht zu zivilisieren.
Statt die Klassiker Weimars sollte man jene Hollywoods lehren; hierin fände man weitaus mehr Quintessenz und Essenz des eigentlichen, nunmehr vollends verwalteten und organisierten Lebens einer jeden Funktionseinheiten. Wofür sollten wir denn noch althergebrachte Klassiker büffeln, deren messbare Nutzbarkeit keinen Finanzbericht tangiert? Allein der Liebe der Weisheit wegen, jener Kunst, die keinen nährt?
Um sämtliche Funktionseinheiten mobilisieren zu können, ist eine Maschinerie vonnöten, die das Leben aller subsumiert als beliebige, weil austauschbare Grösse eines Wettbewerbs. Hierfür agitiert die Massenkultur, die daher politisch ist, weil sie wirklicher Politik verdriesst. Sie rüstet die Funktionseinheiten des Überlebenskampfs hörig, ermuntert, dass die grosse Erzählung des «Erfolgs» sich bewahrheite.
Ein jeder darf und kann reüssieren, insofern er sich befleissigt; eine rhetorisch umfunktionierte, grundsätzlich jedoch gleichbedeutende protestantische Arbeitsethik, deren Sendung dieselbe ist, welche auch die bildungsbürgerliche Chancengleichheit theoretisiert; wonach also ausschliesslich die Fleissigsten und Tüchtigsten laben dürfen. Diese Rauheit, wofür Kriege Jahrzehnte schleiften, verwirklicht die Massenkultur innert Monaten.
Gleichsam, dass die Massenkultur gefügige Funktionseinheiten züchtet, deren Lebenssinn gebietet, die Fülle der Waren seinsvergessen zu mehren, uniformiert sie ebendiese, und zwar nicht bloss äusserlich, dessen Schein eine Industrie unentwegt vergebens zu fragmentieren und differenzieren müht, sondern vor allem innerlich-metaphysisch. Eine solche gänzlich geeinte und unterworfene Masse ist denn auch einfacher zu kontrollieren.
Man traut sowieso keiner Masse, sollte man auch nicht, aber unsrer darf man trauen; diese ist nämlich vollends bevormundet, ihretwegen bräuchte keine Regierung sich zu fürchten, solange zumindest, als der Masse ausreichend Spielchen serviert werde. Und ebenhier fungiert die Massenkultur, deren abermaliger Verdienst ist, der eigentlichen künstlerischen Leere zu trotzen, ja die vollendete Kunst jahrtausendelanger Tradition zu recyceln, bis dass jedermann meine, sie wäre jüngst erschaffen worden.
Insofern der Harmonie und der Stabilität unsrer Gesellschaft wahrhaft dienlich, sind auch die Medien zu loben, hierfür, dass sie bloss noch Trivialitäten ebensogut austauschbarer Halbgöttern vervielfältigen. Denn dadurch, indem die gewöhnliche Funktionseinheit das latente Unbehagen mit der Zivilisation transzendiert dorthin, wo dasselbe Unbehagen entschwindet als flüchtige Projektion, ist die Revolution unwiderruflich vertagt.
Gesetzt, wir fristeten allesamt in der bestmöglichen aller Welten, so rette die Massenkultur uns abermals. Ansonsten, beispielsweise, indem das Fernsehen bloss quirlige Hochkultur sende, wären die Funktionseinheiten gänzlich entfremdet und daher der «Realität» überdrüssig. Doch eben weil die Massenkultur eine Realität simuliert, die immer realer ist, schon als die eigentliche Realität erscheint, können wir noch futtern und des Morgens ins Büro trotten.
So ist unsere Masse vielmehr eine gesteuerte als eine anarchistische, genau diese Entwicklung heissen wir willkommen, denn sie bahnt den Weg einer Apokalypse ohnegleichen, die, weil umso mehr verdrängt, umso heftiger irgendwann sich entladen, endlich das Final unsrer Zivilisation erklingen werde. Hierfür wissen wir denn auch noch zu beten.
So gelegentlich, anlässlich der Literatur, die in Solothurn gastiere, meint man sich genötigt, die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Kulturstadt Solothurn zu besuchen, allein, um der heimatlichen Tristesse zu entfliehen, welche, so den Legenden gewahr, einen doch deprimiere und frustriere und bishin töte.
Nun wahrlich, Solothurn erscheint aufgeputzt und geschmückt sondergleichen; richtiggehend ungewohnt dünken einem die opulent kostümierten Damen und jene flinken und vermeintlich belesenen Herren, die durch die Gassen hasten, hierfür unterm Arm stets eine Qualitätszeitung geklemmt.
Auch die Stadt selbst blendet, gleichwohl weniger sie als der auffällige Pöbel, der sie «kultiviert». Folglich überall «Kultur», ganz plakativ, eigentlich unübersehbar, so, dass jedermann dämmern müsse, allein hierin gedeihe Kultur. Man wähnt umgehend, Solothurn produziere zwar nichts Greifbares, wisse aber wenigstens abstrakte und überflüssige Kultur erfolgreich zu vermarkten. Immerhin dies, ja, gleichsam einer «Kulturnation».
Irritierend, wofür Kultur heutzutage bürgen muss. Denn auch sind etliche Ateliers schon «Kultur», die den individuellen Ausdruck einiger Wohlhabender bezwecken, ansonsten kaum Substanzielles und Relevantes zur allgemeinen Kulturleistungen einer dekadenten und kranken Gesellschaft subsumieren. Ebenfalls heisst man die zahllosen, jede Seitengasse wohl aufwertenden Kräutersammlungen Kultur, die des verlorenen oder verdrängten Wissens der Natur erinnern.
Und schliesslich die Literatur, ganz pompös und spektakulär angekündigt, als Event ohnegleichen inszeniert, den man, will man sich des Vorwurfs erwehren, man sei barbarisch, mindestens aufsuchen müsse. Und endlich sich eingefunden, wobei zuvor rasch spioniert, welche Bildungsschichten denn versammelt seien, ist man angewidert ob der Konformität der Maschinen, die ein und aus funktionieren, ein und aus marschieren.
Erstaunt hat die Frauenquote, man müsste deswegen ja folgern, Literatur sei die liebste Freizeitbeschäftigung unterforderter Hausfrauen, oder ist man bloss getäuscht, geschlechtlich manipuliert? Nichtsdestotrotz, hierüber sei noch geklärt, dass die Damen mehrheitlich mit vermeintlich selbstgebastelten Kettchen sich überhäuften, wohl ein Erkennungsmerkmal der kulturell interessierter Frau.
Die Herren waren kaum bemerkenswert, diejenigen, denen man trotzdem Aufmerksamkeit gönnte, schienen klassisch-elegant maskiert, wovon aber nicht Charakter, sondern eine fürsorgliche Frau daheim zeugte. Bedauerlich eigentlich, dass bloss noch die äusserliche Erscheinung einen inspiriert. Worin dies wurzle, ist nicht zu beantworten, vielmehr sei einmal behauptet, dass Literatur selber bloss noch eine Erscheinung sei, die sich unmittelbar verflüchtigt, sobald betrachtet.
Nun, man ermüdete rasch, alsdann der Himmel sich verdunkelte, die Menschen heiter und komischer sich gebärdeten, immer lustvoller und interessierter, auch kommunikativer wirkten, war denn beschlossen, die Kulturstadt Solothurn frühzeitig zu verlassen. Man vermisste doch die Heimat, jene kalte und unwirtliche Stadt, worauf ausschliesslich Mist blühe.
Immerhin dort glaubt man sich einigermassen «heimatlich», einigermassen «verbunden»; denn man braucht den Palaver «Kultur» nicht hören, nicht dauernd und dermassen übertrieben, dermassen angestrengt und verkrampft, ja scheinbar dermassen verbittert, so, als hätte man ausser «Kultur» nichts mehr zu predigen und zu ehren. Die totale Mobilmachung der Kultur ist wohl das Merkmal ihrer Vollendung, somit ihres Untergangs. Punkt.
Man muss nicht grossartig unterrichtet sein, um zu erahnen, dass die Musik den Menschen schon seit frühster Bewusstwerdung begleitete. Plausibel ist, dass die Musik einmal Geschichten erzählte; dadurch Wissen vermittelte, das den Nachgeborenen veranschaulichte, wie die Zeit wirkte. Später, als die Sprache erweitert worden war, lange bevor man Gedanken beliebig vervielfältigen konnte, überlagerten eingängige Gedichte die vordem allein melodiösen Erzählungen.
Das relative Etwas allgemeiner Bildung informiert, dass schon Adorno den Jazz schimpfte. Jenen Jazz, der wir heutzutage als «Hochkultur» verbuchen. Je nach Standpunkt, den man einnimmt, erscheint jede Entwicklung als Zerfall: Jazz gegenüber Klassik, Popmusik gegenüber Jazz. Diesmal bangen wir bloss, der klassischen Perspektive getreu, ob die allgemeine Musik, nunmehr allein Popmusik, noch tiefer sinken könne.
Vielleicht. Aber eigentlich ist auch die heutige Musik nicht entfremdet. Vielleicht ist die Musik die letzte Handlung, die letzte Gesinnung, die noch «natürlich» und «unverdorben» sei. Wenn man prüft, weswegen Menschen schon vor viertausend Jahren musizierten, obgleich der Unterhaltung oder der Religion wegen, die mittels der Musik den Kultus aufwertete und intensivierte, ja wenn man dessen gewahr ist, ist einem die heutige Musik so, als ob sie ihrer selbst treu blieb.
Darf man deswegen hoffen? Vermutlich ja, dass allein die Musik überlebte hier, wo der Rest menschlicher Natürlichkeit zerrann, ist tatsächlich bewundernswert, eigentlich unglaublich. Mag sein, dass die Musik immer anspruchsloser werde, doch den Anspruch, die Menschen zu beseelen und zu verzaubern, diesen reklamiert sie trotzdem und wohl gerade deswegen. Man mag über Qualität und Geschmack streiten, doch nicht über den Sinn, allein der ist beständig.
Zweitklassige Autoren, die hauptberuflich die Massen mit Spielchen bewirten, ganz Unterhaltungsliteratur also, aber nebenberuflich trotzdem politisieren möchten, beschämen den eigentlichen politischen und ernsthaften Schriftsteller, konkurriert dieser doch plötzlich mit Narren, deren Empörung bloss eine künstliche ist, weil irgendein beliebiger Autor, dessen Namen hierin nicht erwähnt wird, jüngst konstatierte, die hiesigen und vor allem zeitgemässen Schriftsteller würden schweigen angesichts des Triumphs der SVP.
Darüber können wir nur stöhnen, dass jenes Moment, das den Erfolg der SVP verursachte, eigentlich vielmehr den totalen Sieg der SVP folgern müsste, also bishin, dass die SVP endlich die absolute Mehrheit in allen Kantonen kapern würde; so denn, weil die humanisierenden und zivilisierenden Gesinnungen, die zuvor die Gesellschaft einigermassen harmonisierten und stabilisierten, seit 1989 ausgerottet sind. Soviel hierüber.
Genauso widerlich ist, dass solche Literaten regelmässig sich entsetzen ob der Welt Elends; insofern regelmässig, als nachfrageorientiert. Statt der Tragik sich zu fügen, dass eine Zivilisation, die ihre vermeintliche Zivilität generalisiert und universalisiert, gleichzeitig aber nicht die weltweit Hungernden nähren kann, und zwar nicht, weil die Produktion überfordert wäre, sondern, weil die Güter umzuverteilen jeden geizt, ja statt anzuerkennen, dass eine solche Zivilisation der Weltherrschaft nicht würdig ist, lamentieren die Literaten, wie die Welt denn zu bessern und zu belehren sei.
Die Welt ist unverbesserlich, unbelehrbar; Allgemeingut ist ja, wir wiederholen, dass die Geschichte noch keinen belehrte und besserte; selbst Auschwitz ist noch real, denn bekanntlich, so Adorno, beginnt Auschwitz dort, wo Menschen einen Schlachthof besichtigen und sich beschwichtigen, das seien ja bloss Tiere. Wir wissen ja hinlänglich, wofür wir Tiere missbrauchen, selbst die uns lieb gewonnen: die Haustiere, selbst denen wird hierzulande seit 2006 einen Chip implantiert. Einzig, wie lange man denn noch den Mensch hiervon verschont, scheint relevant, und doch auch einer Antwort gewiss: nicht mehr allzu lange.
Die Unterhaltungsliteraten sollten also statt die Welt zu retten, die sie ohnehin nicht mehr retten können, vielmehr die Menschen ablenken und zerstreuen; statt sensibilisieren immunisieren, statt erinnern zu vergessen lehren; hierfür zollen wir Respekt, hierfür ehren wir unsere Unterhaltungskünstler, hierfür wollen wir sie denn auch lesen, aber nicht, weil sie nebenbei politisieren und stänkern, schlimmstenfalls sich sogar vereinigen und dadurch noch einheitlicher agitieren.
Dieser Artikel wird in der April Ausgabe Zürichs des ensuite-Kulturmagazins erstmals veröffentlicht.
Ist der Künstler Bürger, politischer Aktivist oder bloss ein «Künstler», der parasitär vom Überfluss einer dekadenten Gesellschaft zehrt? Und inwiefern konferieren, koagulieren oder kooperieren Künstler und Gesellschaft?
Der Künstler ist Beobachter, zumindest alteuropäisch theoretisiert, residiert ausserhalb der Zivilisation; atmet und spürt bloss «Kultur»; ist deswegen empfänglicher und sinnlicher gesinnt fürs Menschlich-Kulturelle statt fürs Maschinell-Politische, wobei letzteres ziemlich barbarisch und auch sinnfrei anmutet, besonders den ach so sensiblen und verletzlichen, ob des Weltschmerzes klagenden Künstler peinigt.
Und ist der Künstler auch ein Intellektueller? Gewissermassen ja, denn beide wollen unabhängig sein; beide sind Individualisten, die einzigen, die wir auch finanzieren wie billigen; wohingegen das Fellachenvolk der Lohnabhängigen doch kaum individuell, sondern uniformiert, maskiert und bloss mittels «Gadgets» personalisiert ist, anhand diesen es sich untereinander identifizieren wie bewerten kann.
Aber alle Jahre wieder, und des letzten Monats vom «Tagesanzeiger» initiiert, bemäkelt der am Sterbebett darbende Journalismus, die Intellektuellen seien hierzulande verstummt; man gemahnt den alten Herren, besonders Max Frisch, der sich ja gern und oft äusserte, dadurch polarisierte und somit wohl Diskussionen stimulierte, und natürlich auch mit politischen Grössen dinierte und parlierte, ganz Weltbürger war.
Fraglich ist, weswegen Intellektuelle sich noch «melden» müssten; wozu denn? Die wir abgeklärt und abgehärtet sind, wissen ja, wie die Welt funktioniert; aufgrund dessen, dass die Welt bloss in den Kategorien des Gelds denkt – und der Künstler ebenfalls -, durchschauen wir denn auch die öffentliche Moral, welche wir entlarven als falsche, die ausschliesslich Aufmerksamkeit provoziert um ihrer Selbsterhaltung willen.
Übrigens: dass Künstler und Intellektuelle politisch partizipieren müssten, forderte erst die Moderne; zuvor war es üblich, dass die Künstler sich eigenbrötlerisch anverdienten, wo auch immer, doch allen politischen Kommentaren sich enthielten; man wollte doch den von Gott verfügten Potentat schmeicheln statt zu hinterfragen. Nachdem das Volk fälschlicherweise demokratisiert wurde, schrie die anonymisierte und folglich verantwortungslose «Öffentlichkeit» plötzlich nach «Intellektuellen», die man als moralisches Gewissen zuerst lancieren und dann nötigenfalls enthaupten könnte. Doch die Intellektuellen antworteten nicht, bloss einmal erlaubten sie sich einen Kommentar: und zwar 1914; ein Irrtum, wie eine spätere Generation übermütig richtete. Daraufhin verschanzten sich Intellektuelle wie Künstler, enttäuscht und gedemütigt in selbstgewählter Isolation, ironischerweise während einer Epoche, der gerade Zivilcourage mangelte, die das ansteigende Unheil allenfalls zu mildern vermochte.
Besinnen wir uns auf Manns «Betrachtungen eines Unpolitischen», sollten Künstler wie Intellektuelle verstummen; dies aber muss verantworten, dass eine irrige völkische Bewegung erstarkt, welche die künstlerische und intellektuelle Dekadenz zu überwinden schwindelt. Das Schweigen verursacht ebendiese Dekadenz, weil man innerlich erlöschte, resignierte und kapitulierte. Die Situation ist vertrackt; die Künstler können einerseits sich nicht mehr engagieren, weil sie der Welt mangelnde Geschichtlichkeit unterstellen, wollen aber anderseits rekurrieren gegen die elende Dekadenz und sittliche Verwahrlosung.
So wie Gott, der Kritiker und der Autor, verstarb auch der Künstler; soviel ist allen fürs Zeitgemässe Empfänglichen gewiss, besonders jenen, die vom Kunstzirkus sich distanzierten, weil angeekelt und enttäuscht. Zuviel versprach die Kunst, zuwenig aber eingelöst; sie lärmt bloss, noch solange, bis der von der «Weltwoche» heilig gesprochene Steuerzahler den Jahrmarkt der Eitlen zu subventionieren storniert.
Auch die Postmoderne, die peinliche Flucht vor der Moderne, erzieht den Menschen, rasch und harsch Seiten zu wechseln, Perspektiven zu tauschen, Positionen zu amten; ganz so, als ob man mobil und flexibel, ja austauschbar und beliebig sei. Eines Intellektuellen, der inständig auf immer denselben Positionen harrt, wenngleich auf verlorenem Posten, bedürfen wir nicht.
Ein romantischer Künstler hasst das Bürgerliche; bevor zum Künstler gediehen, war er ganz Bürger, wurde minutiös bemuttert; fühlte sodann sich eingeengt im bürgerlichen Korsett. Doch seitdem das Bürgertum plötzlich künstlerischen Schicks sich anbiedert, Bürger und Künstler eins werden, weil der Bürger Bürger zu sein aufhört, ist denn auch der randständige Künstler fragwürdig, da bloss noch ein Produkt bürgerlicher Popkultur.
Oder ist der Künstler bloss noch der grosse Vereinfacher, so wie Nietzsche Wagner gescholten hat? Der Mann, der die Welt reduziert, spektakulär und konsumentenfreundlich aufputzt, sodass sie niemand mehr missverstehen müsse? Wohl muss der Künstler dekonstruieren; er muss leiten und führen, er muss interpretieren und entziffern; bishin enträtseln, aber darf nicht entzaubern; er sollte denn die Welt mythisch, fantastisch, metaphysisch verhüllen, wortwörtlich verkleiden. Doch preisen wir einen führenden und die Welt entschlüsselnden Künstler, bedrängt uns unweigerlich die Gretchenfrage, ob denn der Künstler auch herrschen dürfe, politisch im Sinne der Macht. Der Künstler als «Philosophenkönig» oder bloss als besserer, da nachsichtigerer und engagierterer Demokrat? Ein Künstler, der Welt und Anschauung vermittelt, Perspektive und Gesinnung weist, wäre der ideale, in Worten Webers gefasst, «charismatische Führer», den zu ehren jedermann freiwillig sich erböte.
Oder ist vielmehr Nicolas Gomez Davila Aphorismus zu bejahen, wonach «der Künstler niemanden ausser sich selbst erzieht»? Dass Künstler etwas therapiert, das wohl unaussprechlich ist, scheint neuerdings Gemeingut malender Hausfrauen jenseits den Wechseljahren, die auch die Galerien stürmen und den Markt überschwemmen mit quasichinesischer Massenware. Kunst bloss als Beschäftigungsprogramm, als Gegenwartsbewältigungsform, ganz individuell und persönlich, ohne einen eigentlichen Markt und eine Mission?
Um Sartre zu ahmen, damit nun zu sagen, dass der Künstler angesichts eines hungernden Negerkinder dekadent und pervers sei, so müsste, urdeutscher Konsequenz gemäss, auch das opulente Mahl verboten sein. Kunst ist dekadent, das wird sie umso mehr, alsbald sie begreift, dass sie «Kunst» ist, wohingegen authentische, volkstümliche Kunst diese Selbsterkenntnis fehlt.
Oder soll man argumentieren, dass der Künstler sowieso obsolet und dekadent ist in einer Zeit, die bloss Kohle zu schaufeln ereifert ist; vorausgesetzt, auch der Geist erlag. Die Philosophie schweigt, lispelt höchstens abstrakte Wissenschaftstheorie, ist aber weder des Lebens gemäss noch den Menschen alltäglich dienlich. Ja, während einer solchen Zeit ist der Künstler genauso überflüssig wie Demokratie und Meinungsfreiheit, deren nicht bedarf, wer bloss konsumieren und sich vergnügen möchte.
Ich glaube, dass der Künstler das vielfach beschworene «Pathos der Distanz» kultivieren muss, will er überleben, will er seinen Habitus als authentischer, weil edler und aristokratischer Individualist bewahren.
Die Wirtschaft, die ja die Gesellschaft okkupierte, verdrängte das Rauschhafte, das Sinnliche und Menschliche, soweit, dass am Abgrund bloss noch der Künstler klagt, sorgenvollst und resigniert der unseligen Wirtschaftszukunft hinaufblickt. Am Rande der Wirtschaftszivilisation, im Dunkeln, im Schatten der Vernunft also beheimatet, inszeniert der Künstler sich als Aussenseiter, als kranke Missgeburt seiner Zeit, die zu überwinden er sich abmüht, womit er denn «zeitlos» und folglich «ewig» zu werden sich erhofft.
Wagner, der begriff, dass der Tod des Absoluten und Wahren der Welt allgemeine Sinnlosigkeit und Leere, Funktionalität und Sterilität beschere, wollte mithilfe Nietzsches «Tragödie», der den bereits Zerfall verortete, wo Sokrates den uneingeschränkten und bedingungslosen Logos propagierte, und seither die Geschichte deswegen bloss noch degeneriere, den ausgeschlossenen Künstler wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit und der Revolution rücken.
Ja, der Künstler solle die Welt verbessern und verändern; weswegen Wagner auch das sogenannte «Gesamtkunstwerk» kreierte, ein Werk, das die Welt vereinfachte und fassbar, greifbar, allgemein verständlich dehnte, solange, bis der Zuschauer, der diesmal direkt involviert, entzücken und sich verzaubern würde; so wurde Wagner auch zum Verführer. Dieser Zauber war ja auch nötig, dringender als sonst, gerade im 19. Jahrhundert manifestierten denn die Naturwissenschaften die Sinnlosigkeit des und den blossen Kampf ums Dasein.
Mittlerweile ist der zeitgemässe Künstler zum Hofnarren verharmlost; gelegentlich provoziert, wer Stipendien und hypermediale Aufmerksamkeit erhaschen möchte, ansonsten ist die Kunst geschwächt, bishin gänzlich entkräftet, erschöpft. Auch der politische Künstler, der wegen gesellschaftlichen Missstände sich quält, ist bloss noch eine minimal anspruchsvollere Form des Kults beliebiger Stars, die für Weltfrieden, Tierschutz und gegen Klimawandel öffentlichkeitswirksam sich engagieren.
Dieser Artikel erscheint in der März Ausgabe Zürichs des ensuite-Kulturmagazins.
Normalerweise widersprechen Kultur und Zivilisation sich, besonders, da der Westen zweifellos Zivilisation beherbergt, aber weder Kultur noch Geist; vielmehr ist blosse Kälte und Entschlossenheit, blosse Macht und Militärgewalt des Westens Präferenzen. Wir gelten denn ja auch als raue, unbarmherzige und materialistische, obendrein frohlockende Roboter, welche die Welt ausschliesslich in Märkte teilen; in jene, die wir bereits beliefern, und in solche, die noch unterentwickelt, also Wachstumsmärkte seien.
So, weil der westliche Durchschnittsbürger keinerlei Kultur verorten kann, borgt er sich exotische und esoterische des fernen Auslands, die als salonfähiger Lifestyle verkommerzialisiert, dessen wohl gefühlte kulturelle Leere stopfen möge. Doch die eigene Kultur, nämlich die glorreiche und beispiellose des Westens, wird verleugnet wie verleumdet, endlich als Fälschung der Kulturindustrie gescholten, der bedingungslos anzudienen jedermann sich entsagt, da Reputationsverlust befürchtet.
Die westliche Kultur ist die erste der Weltgeschichte, die den gesamten Planeten eroberte; wir dominieren jenen uns einzig vergönnten denn kulturell wie militärisch gänzlich. Dies deswegen, weil unsere Kultur plastisch, dehnbar ist; dergestalt, dass eigentlich sie die wahre Weltreligion sei, die jeden erlösen und beseelen könne, vorausgesetzt, man gehorche ihr; konsumiere also, was geboten und modisch sei.
Zu loben ist besonders unsere sendungsstarke Werbekultur, die in Amerika begann, von Goebbels veredelt und in Amerika wiederum vervollkommnt, sodann unübertroffen ist, den Menschen zu schwindeln, sie seien wichtig und mündig und der Weltgeschichte würdig. Dieser Industrie, die mittlerweile als kreative Kunst geadelt, verdanken wir zugleich unsere Propaganda, die Menschen drillt und politisch formatiert nötigenfalls, als sie sich entpolitisieren und ins Heiter-Lässige abschwirren.
Die westliche Werbung, die auch militärisch-politisch nicht zu unterschätzen sei, ist mittlerweile deshalb so achtbar, weil sie gesellschaftlich wie wirtschaftlich als «Mehrwert» verbrämt ist und gleichzeitig den Kapitalismus, den wir ja ehren, künstlich vergrössert; sozusagen um eine metaphysische Ebene erweitert, wodurch plötzlich kulturelle und eben metaphysische Bedürfnisse sublim befriedigt werden können. Dies, dass die Werbung die naturgemässe Leere und Sinnlosigkeit, die Tragik unsres Daseins verschleiert, ist denn auch ihr grösster Verdienst.
Unsere Kultur verschimmelt den Planeten, und wir profitieren; denn wo auch immer Menschen, ganz gierig und fanatisch, westliche Kulturgüter verprassen, ob Lichtspiel oder «popular music», unsere Leiber verfetten. Und doch sind wir unersättlich, genau diese Ideologie, die ewiges Wachstum predigt, ist Schicksal und Verhängnis zugleich, weil wir uns nie ausruhen dürfen, deshalb auch stets neuen Abfall produzieren müssen, der soweit gediehen, dass wir ihn letztlich selber schmecken, als delikat vergöttern, oder zur Not, als dessen verdrossen, exportieren können.
Die vielfältige westliche Kultur, die alle anderen assimiliert, einverleibt und sodann vermarktet, als Eigenproduktion deklariert, gewährt unsren politisch-militärischen Weltherrschaftsanspruch; denn feindlich gesinnte Nationen können auch kulturell okkupiert werden; und so sie bezwungen wurden, sind sie angefixt, infiziert, süchtig nach unsren, obschon dämlichen, dennoch begehrenswerten kulturellen Produkten.
Dies, indem alle Welt westliche Kultur ins eigne Bewusstsein spritzt, schwächt zusätzlich den wirtschaftlichen wie ideologischen Gegner, insofern; als der Gegner uns unterstellt, wir seien dekadent, und wir, noch entschlossen reagierend, ihn deshalb solange kulturell korrumpieren, bis er ebenfalls dekadent wird. Dekadent sind Gesellschaften, falls sie bloss noch sich vergnügen, falls dadurch, wenn die Geburt plötzlich eine Frage der Möglichkeit wird, das Leben insgesamt fragwürdig ist, ja falls die Menschen geschichtslos fristen; gesetzt, dass das Geld das Blut gefror, und nun allerhand sinnfreie ökonomische Aktivitäten die Moral destabilisieren und den Geist verhöhnen. So ist Kultur zugleich Krieg, psychologische Kriegsführung; Schlachten, wer den Weltmarkt und die Natur exklusiv, will heissen ungerecht und einseitig ausbeuten darf, werden dann ebenfalls kulturell entschieden.
Den ins Schöngeistige Verfahrenen, die Kultur als Dialog preisen, wiewohl allabends an Vernissagen torkeln, sei hiermit vergewissert, dass diese, ganz stubenreine und museale Kultur als blosse Dekadenzerscheinung katalogisiert ist, die weder Schlachten gewinnt noch Bilanzen frisiert; jedoch stählerne Volkswirtschaftskraft verschwendet, ja überdies den ungebildeten Menschen verunsichert wie verstört, somit entfremdet und verweichlicht, fürs Sinnlich-Feine sensibilisiert, das während Epochen der Kälte, Härte und des Wirtschaftsdarwinismus falscher und verhängnisvoller Rat ist.
Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass unser beispielloser Wohlstand darauf beruht, dass die Menschen, und damit auch die Nationen ungleich sind, wodurch die Ressourcen ebenfalls ungleich und ungerecht verteilt. Wir können also die vermeintlich erhabene Salonkultur bloss finanzieren, weil unzählige Menschen hungern. Und da diese Menschen allesamt westliche Kultur schlucken, nach unsrer glitzernden und blendenden, und doch wiederum seligmachenden Konsumwelt trachten, so ist tatsächlich zu befürchten, dass sie uns irgendwann überrennen werden; sei es nur, dass sie plötzlich dieselben Naturressourcen beanspruchen, die naturgemäss endlich, hingegen in der unendlichen Börsenwirtschaft bloss künstlich verknappt sind.
Uns wäre also geraten, statt für Museen und Eitelkeiten Kultur für Weltmarkt und Heiden zu fabrizieren; sodass den Wilden, die erwartungsvollst gegen Westen schmachten, eine heile Welt simuliert ist, wodurch nebenbei die Emporkömmlinge eingeschüchtert sind, die das Ende der Geschichte zu vereiteln und somit unsren Wohlstand zu mindern anmassen. Dass diese Simulation die erfahrungsgemäss trostlose und tragische Realität, auch eine noch so deprimierende, bestens vertuschen mag, ist hierin, wo Menschen allesamt plärren und narren, ja tatsächlich geglückt, andernfalls hätten die weltstädtischen Massen längst die Institutionen erstürmt.
Wir können also überleben, weiterhin am Sonnenplatz der Weltgeschichte uns bräunen, sofern wir unsere Kultur mitsamt unsrer Dekadenz exportieren, auslagern und somit unbefleckte Völker beschmieren, zur Dekadenz und zum Zerfall drängen. Und solange die Armen und Fremden dermassen einfältig und töricht sind, unseren stumpfsinnigen Schund zu beneiden, sind wir denn auch fett und werden noch fetter, bis der Bewegung unfähig oder verdrossen, bis endgültig verfault und verloren. Weil also Kultur die letzte Ware ist, die wir noch feilbieten können, denn die Produktion ist längst abgewandert und das Kapital untreu, flink und windig, somit umso länger je mehr versickert, müssen wir besonders der kulturellen Serienproduktion dringendst uns befleissigen.
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