Eine Gesellschaft ähnelt gewissermassen einem Computer, folglich gilt beiderseits derselbe Imperativ für den Administrator: ändere nie eine bestehende, funktionierende Konfiguration. Unsere Gesellschaft funktioniert bestens, und zwar wahrhaft im Sinne «funktional», weshalb sollte man also etwas ändern? Gerade jetzt, als die Beschäftigungsquote, die Löhne wie die Zufriedenheit steigen und gleichzeitig die Steuerlast schrumpft, ist die Nachfrage, die ausgebrüteten Utopien zu verwirklichen, kleiner als je zuvor.
Das Zeitfenster, in dem wir fristen, ja mehr weilen denn fristen, scheint unbegrenzt; wir leben gesättigt, mehr fetter als eigentlich recht; demnach schwindet die Bereitschaft, etwas zu transformieren, Bewährtes mit Neuem zu experimentieren; was letztendlich das Ansinnen, angelangt am Ende aller Geschichte zu sein, nochmals bestätigt, gerade insofern, als die grossen Erzählungen, die allesamt die Gesellschaft zu revolutionieren ersehnten, scheiterten; in Kriegen und Wirtschaftskrisen, in Elend und Verzweiflung ermatteten.
Die letzte Erzählung, die geheimtuerisch herumgereicht, ist die des bedingungslosen Grundeinkommens, die Utopie einer Gesellschaft, worin der Wert eines jeden Menschen ungeachtet desselben Kondition evaluiert, worin das die Kälte und Barbarei produzierende wie reproduzierende Leistungsprinzip, dessen Anspruch gewahr, das alleinige selig machende zu sein, widerlegt ist, und worin Humanität und Liberalität gar die höchsten menschlichen Errungenschaften sind. Das bedingungslose Grundeinkommen träumt eine solche Gesellschaft, und gewiss vielmehr als aufgezählt, zu realisieren.
Doch wir, die wir resignierte, verbitterte und frustrierte Kulturpessimisten sind, entgegen, dass eine solche Gesellschaft heute blosse Utopie sei; denn die gegenwärtige Situation, je nach Einkommen und Bildung bebrillt, scheint einfach zu vollkommen, hierin sind nämlich Utopien vorneweg undenkbar. Bis das bedingungslose Grundeinkommen also plötzlich mehrheitsfähig wäre, so des Pöbels Gefallen und Wohlwollen fände, müsste die jetzige Situation sich erst drastisch wie dramatisch verschlimmern.
So müssten also noch mehr Arbeitskämpfe wüten wegen empfundener Ungerechtigkeiten, noch mehr Verzweifelte protestieren wegen unbefriedigenden Produktionsverhältnissen, noch mehr Kinder hungern wegen verarmten, alleinerziehenden Müttern, noch mehr Menschen alle Sicherheiten, ergo den Arbeitsplatz, verlieren wegen der globalisierten und total rationalisierten Konkurrenz, noch mehr Lohnabhängige psychisch erkranken wegen Leistungsdruck und noch mehr Kleinkriminelle die Weltstädte plündern wegen wirtschaftlicher Not, bis endlich eine längst gebrochene Gesellschaft saniert werden könnte.
Wir wissen, mündlich überliefert, dass die Utopien der Gegenwart die Realitäten der Zukunft seien, wir wissen ebenfalls, dass jede Utopie, die in einer Zwischenzeit entstand, ihre Verwirklichung ins Jenseits, in die Zukunft vertagt, und wir wissen ganz gewiss, dass der Untergang unsrer Gesellschaft innerlich längst vollstreckt ist, bloss äusserlich noch nicht erkennbar, da wir unsren Zerfall mit allerlei Zerstreuung und Beschönigung verschleiern; im Kern verfault, an der Hülle aufgeputzt, so beurteilen wir unsere Gesellschaft.
Die Proteste, die Streiks und die zunehmenden Demonstrationen seitens des üblichen Volks versinnbildlichen sowohl den endlichen Aufstand der Massen, welche die theoretisch und juristisch zugesprochenen Rechten reklamieren, wie auch die, wo nicht spezielle, dann allgemeine Krise der Arbeit, denn derlei mobilisiert bloss das Unbehagen mit der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation.
Verschärft und journalistisch zugespitzt, teils die Angst vor dem Verlust aller Arbeit und teils die unterschwellige Unzufriedenheit mit der Form und mit dem Inhalt selbiger Arbeit umfassen die überwiegenden Motiven dieses «Aufstands». Der momentan kaum sichtbar regierenden Elite, deren Reichtum stündlich sich mehrt im Mass, das fern aller bürgerlich-völkischen Vorstellungen verschleiert ist, wäre also geraten, dergestalt Proteste dringend ernstzunehmen, so sind sie nämlich die reinsten, pursten und authentischsten Abdrücke eines gewandelten Befinden.
Solche schlichtweg zu ignorieren, entfacht erneut den Zorn derer, die vernachlässigt und schlecht behandelt sich ohnehin glauben, deshalb kann man die Strukturkrisen nicht mehr wie bislang üblich als zyklische Wirtschaftskrisen verharmlosen, obendrein kann man die Gesellschaft und die Politik nicht mehr bloss als gefällige Liebesdiener selbiger Wirtschaft erniedrigen, denn der Sieg der Wirtschaft über die Politik war wohl der tragischste und schwerste überhaupt.
Sondern ja, man muss die Barbarei, die momentan als «Innovation» sich aufputzt und als «Markt» sich beschönigt, bremsen, zumindest einschränken, bloss nicht regulieren und kontrollieren, dafür sind die Mechanismen nämlich ungeeignet und prinzipiell gescheitert, stattdessen muss man endlich den Wert der Arbeit neu bemessen, dringend den Zwang lockern, dass Arbeit gleichsam Selbsterhaltung sei.
Ja endlich anerkennen, dass auch Arbeit Werte jenseits den materiellen und finanziellen erwirtschaftet werden kann und dass Arbeit nicht bloss Selbsterhaltung und Selbstbereicherung heisst, dies alles verwirklicht ein bedingungsloses Grundeinkommen, das die Menschen gleichstellt vor Wirtschaft und Gesellschaft, sind den Menschen nämlich erst einmal von existenziellsten Sorgen befreit, so ist die Kreativität und Innovation endlich stimuliert.
Das Menschenbild, das genau das Gegenteilige behauptet, ist ausschliesslich eine elegante Rechtfertigung derer, die den Takt der Selbstzerstörung aller diktieren; man darf Gutes und Wahres von den Menschen nämlich tatsächlich erwarten, man darf hoffen, dass nicht alle faulenzen, ja weil der Zwang, sich irgendwie produktiv zu beschäftigen wie sinnvoll zu betätigen, längst verinnerlicht ist.
Dies Grundeinkommen, das wir desöfteren als Rezept wohlwollend dosieren, die Gesellschaft gegen Unbehagen, Aufstand und Unmut zu impfen, ist gewiss umstritten. Wir vermuten, dass, sobald die Sozialbürokratie entfällt, der Staat noch mehr entmachten wird, noch mehr Kompetenzen ablegen müsste, als dies heute schon gefordert ist (siehe DER DISSIDENT: «Mein toter Staat»). Denn bislang drangsaliert die Sozialbürokratie den Menschen, mit Peitsche und Zuckerbrot werden Leistungsverweigerer bestraft wie belohnt für Mühen, die eines westlichen Menschen nicht mehr angemessen scheinen.
Die Sozialbürokratie kontrolliert, funktioniert als perpetuierendes Panoptikum, welches die Bürger überwacht und argusäugig prüft, ob niemand abweiche oder die Leistungsbereitschaft gesundschrumpfe. Die Sozialbürokratie ist gewissermassen das letzte Machtmittel, freilich nebst dem Gewaltmonopol, das der Staat noch allein für sich beanspruchen kann. Deswegen lehnt der Staat ein Grundeinkommen kategorisch ab, weil dieses ihn erleichtere um Kompetenzen, die er existenziell bedürft, damit seine «Legitimation», welche ohnehin schwankt, gerechtfertigt ist.
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DER VERWERTER: «Das Grundeinkommen als neue Erzählung»
Den Menschen fehlen Erzählungen, die das momentan herrschende System infrage stellen, mithin Alternativen phantasieren, welche erzählen, inwiefern eine Utopie menschliches Zusammenlebens möglich sei. Die klassischen Erzählungen, die das 20. Jahrhunderten in eine aufregende, ereignisreiche, aber auch Tod bringende wegen Ideologiekämpfen Zeit verwandelten, können in der Gegenwart nicht mehr skizziert werden. Sie alle büssten an Kraft, an Legitimation und «Realität» ein. Denn die Geschichte lehrt resignierend, dass sämtliche grossen Utopien der Vergangenheit entweder kläglich scheiterten oder als willkürliche entfremdete Gesellschaften vergammelten, deren historisches Erbe uns bisweilen heute noch belastet, beispielsweise im Sinne einer damals äusserst umstrittenen Ostmilliarde.
Stattdessen vollendete der Kapitalismus sich (siehe DER VERWERTER: «Die Vollendung des Kapitalismus»). Er, als Sieger zweier konkurrierender Systeme, ruht auf dem Podest sich aus. Ihm sind deswegen, weil «niemand» ihn herausfordert, antreibt, aber innere Entwicklungen verwehrt, wobei selbstredend der Kapitalismus an der Oberfläche sich weiterentwickelt, sofern man technologischen «Fortschritt» und die unaufhaltsame subtile Perfektionierung der ohnegleichen ausgeklügelten westlichen Verkaufs- und Werbekultur als solchen Fortschritt wahrnimmt (siehe DER VERWERTER: «Die westliche Kultur»).
Der moralische Zerfall, der den Kapitalismus zwangsläufig mitverursacht, weil er Menschen als mitunter barbarisch getriebene Urmenschen deklassiert (siehe DER DISSIDENT: «Der ‹Urmensch› in der Weltstadt»), damit sie im Kampf des täglichen Wirtschaftsdarwinismus «Freiheit», «Unabhängigkeit», «Selbstbestimmung» und «Mündigkeit» verteidigen können (siehe DER VERWERTER: «Bedrohung Wirtschaftsdarwinismus»), ist keinesfalls gebannt. Im Gegenteil, «Solidarität», «Gutmensch», «politisch korrekt», «sozial» und ähnliche, vormals edle, menschliche Begriffe wurden abgewertet, als Überbleibsel einer Vergangenheit geschimpft, die nicht mehr einzuholen ist. Diese überkommene Moral behindert folglich und letztendlich die wirtschaftliche Selbstverwirklichung. Deswegen ist sie historisiert, als Nostalgie und geschönte Erinnerung an «bessere Zeiten» archiviert.
Das Grundeinkommen schwärmt von einer anderen Gesellschaft, in der Mensch nicht das Recht auf Arbeit sondern das Recht auf Konsum beanspruchen darf. In einer Gesellschaft, in der Mensch Arbeit sich teilt, sind alle beschäftigt. In einer Gesellschaft, in der Sozialbürokratie abgeschafft ist, fühlt auch der Mensch sich als Mensch, der notgedrungen, weil äussere Einflüsse ihn zwingen, nicht arbeiten kann. In einer Gesellschaft, die keine Arbeitsplätze künstlich beatmen muss, weil «Sozialverträglichkeit» Unternehmungen dazu bislang verdammte, kann die Wirtschaft ungeahnt sich «rationalisieren». In einer Gesellschaft, in der existenzielles Geld Selbstverständlichkeit für alle wird, wird unausweichlich das «Andere», das gegenwärtig verkannte Geistige wieder beliebt.
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DER VERWERTER: «Der totale Markt»
Dass der bislang als freie getarnte, aber tatsächlich berechnete und kontrollierte Markt nur spektakulär gespielt ist; hatten wir bereits früher verständigt (siehe DER VERWERTER: «Der freie Markt als Farce»). Nun wollen wir beweisen, inwiefern ein totaler Markt möglich sei.
Das grösste Hindernis des Marktes und dessen Vollendung stellt immer noch der Mensch an sich. Denn der Markt ruft nach Arbeitskräften, anstelle diesen pendeln Menschen. Wohlgemerkt diese, die man nicht will, weil sie der Firma, ein typisch abendländisches, weil durch und durch anonymisiertes Gebilde, soziale Verantwortung und dergleichen aufbürden. Ohnehin ist der Markt gefesselt und eingeengt wegen ebendiesen sozialen Auflagen und Pflichten. Und überdies mahnt stets das ethische Gewissen, beschneidet den totalen Markt in dessen Entfaltung und Ausbreitung.
Die Wirtschaftsdarwinisten (siehe DER DISSIDENT: «Wirtschaftsdarwinisten») aller Parteien, deren Welt einzig und allein der der Wirtschaft entspricht, sind deshalb abermals bestrebt – obendrein angesichts der Globalisierung und totalen Verkommerzialisierung jeglicher Lebensbereiche -, dass der Markt endlich vervollkommnt wird. Und deshalb schlagen wir vor, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen, dessen Charakter eigentlich äusserst unsozial ist, weil das Grundeinkommen allen Menschen, ungeachtet des Einkommens und des sozialen Standes, ein nur gering variables Einkommen vermittels des Giesskannenprinzips ausschüttet.
Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte den bislang gespielten, weil wegen sozialen Verpflichtungen und moralischen Bedenken gehemmten Markt in einen totalen umwandeln, der sich weder um soziale Gerechtigkeit noch um das Recht auf Arbeit schert. Denn wenn das Menschenrecht Konsumation, das wohlgemerkt auch die Gesellschaft befriedet und sie gegen radikale Ideologien impft, hernach selber wieder eine Ideologie aufbaut; allen Menschen, eben unabhängig der Ausbildung und des Standes, gewährt ist, muss die Wirtschaft auch nicht mehr die Interessen der Arbeitnehmer berücksichtigen, sondern darf und kann buchstäblich «wüten», durchstarten.
Man stelle sich hierbei vor; die Arbeitnehmer werden nicht mehr vor Kündigung geschützt, teure, weil behinderte Menschen werden konsequent ausgegliedert, die Leistungsschwachen irreparabel abgesetzt – alle sie werden mit einem Grundeinkommen abgespeist. Und ebenfalls muss die Wirtschaft keine Arbeitsplätze mehr subventionieren, sondern kann diese bedenkenlos und moralisch gereinigt streichen. Stattdessen kann die Wirtschaft Arbeitsplätze künstlich verknappen (gesundschrumpfen) und nur noch diejenigen Menschen arbeiten lassen, die auch arbeiten wollen mit Herz und unterwürfiger Seele.
Der totale Markt wäre vollendet, würde ein bedingungsloses Grundeinkommen den Menschen minimalste Lebenswürde monatlich aufs jeweilige Bankkonto auszahlen. Der Markt könnte sich dann seiner Kernkompetenz widmen, nämlich die Menschen, die er Arbeitskräfte taufte und neuerdings auch als Human Kapital beschönigt, grenzenlos ausbeuten, denn existenziell abgesichert sind diese bereits, also muss die Wirtschaft sich nicht um die Menschen sorgen, sondern kann das Eigenkapital vermehren.
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DER VERWERTER: «Grundeinkommen (Bürgergeld)»
DER DISSIDENT: «5. IV-Revision»