«Der einzige richtige Weg»

Gewissermassen ist man vorbelastet, ja geradezu verdächtigt, voreingenommen zu sein, ist man doch aufgewachsen in unmittelbarer Nähe menschlicher Schaffenskraft, menschlicher Innovation und menschliches Ausdrucks, die Natur zu beherrschen und damit ausserordentlich zu verantworten, wie die Welt fortschreiten soll. Insofern sind Zweifel ob der Integrität des Autors durchaus wünschenswert.

Und auch einmal mehr ist es eine Randnotiz, die eigentlich keinen recht bewegen mochte, welche nun erschüttert und, als verdichtet, als aus dem Kontext mutwillig gerissen, als Beleidigung des Menschenverstands umgekehrt wird: eine Polemik wider Frauenpower für Solarenergie, deren Anspruch, den einzigen richtigen Weg zu weisen, wahrlich jede Vernunft, jedes Abwägen und Relativieren, Vergleichen und Differenzieren beleidigt.

Selbstredend gilt es die Privatsphäre zu bewahren derer, welche des Feierabends oder während der Arbeitszeit einem Hobbyverein dienen, dort sich engagieren und sonstwie agitieren. Das ist ein gutes Recht aller; man heisst dieses Recht auch Meinungsfreiheit; man darf meinen und behaupten, verkünden und verlauten, man besässe, man wisse den richtigen Weg, man habe die Erlösung persönlich getroffen aller Probleme – aller Energieprobleme.

Annuscha Schmidt präsidiert die schweizerische Vereinigung für Sonnenenergie, ein hiesig kaum bekannter Verein, dessen Ziel es ist, wohl formal statuiert, eine dezentrale Energieversorgung hierzulande zu fördern und, wo nicht möglich, allenfalls zu begünstigen. Frau Schmidts Überzeugung, 30% bis 40% des schweizerischen Energiebedarfs durch auf Dächern oder sonstwo installierten Kollektoren decken zu können, ist gewiss löblich.

Unlöblich ist es aber, so zu tun, als sie dies die einzige Alternative. Nicht bloss die mutmasslich alternativen Energiequellen sind eine «Alternative», es gäbe auch hier, einmal mehr und immer wie mehr, die Kernenergie als passables Provisorium zu präsentieren und auch zu unterstützen, bis die wahrliche Erlösung aller Sorgen diesbezüglich in einer Kernfusion sich offenbart. Aber nur insofern die Menschheit die Energieerzeugung konzentrieren möchte. Denn Frau Schmidts Vorschlag bedingt, dass Energie dezentral erzeugt wird und somit auch verteilt, geliefert, balanciert werden muss.

Alles kein Problem, technisch machbar, keine Frage. Unbehaglich ist, dass mit dem Ende der sogenannten Grosskraftwerke eine gewisse Kontrolle, ja ein Quasimonopol der Energieerzeugung fällt und ersetzt wird durch etwas, was wir momentan nicht administrieren können. Ebenso opferten wir alsdann die Idee, dass der Mensch als Menschheit, organisiert und strukturiert, planmässig und mit bestem Wissen aller, die Umwelt forme.

Dies, weil Grosskraftwerke Verantwortung, planerisches und organisatorisches Geschick erfordern. Zweifelsohne bedinge eine dezentrale Energieversorgung ebenso Geschick und eine Verwaltung, bloss mit dem Einwand, dass man eine vollends dezentrale Netzstruktur sich nicht von Oben herab koordinieren lässt. Und nicht zuletzt wäre damit der typisch männliche Bezug eines Grosskraftwerks, gemeinsam Anstrengungen zu unternehmen, um etwas Beispielloses, etwas derart Komplexes zu errichten, das das Kind und das Kind im Manne eines jeden Tages erstaune, verloren.

Es sind ebensolche Projekte, vergleichbar mit dem Manhattan-Projekt, welche tatsächliche Innovationen erst ermöglichen; sie fesseln, sie entfesseln. Die Menschheit kann bloss als Gesellschaft überleben. Und wenn sich eine Gesellschaft ein Grosskraftwerk leistet, ist sie gezwungen, sich zu arrangieren und auch, wer es immer scheut, Verantwortung zu tragen: der Umwelt wie auch der Nachwelt gegenüber.

Quelle:
http://www.nein-zu-neuen-akw.ch/de/handeln/portraits/annuscha-schmidt/

Wieso Kernenergie Kultur ist

Dieser Artikel erscheint zugleich voraussichtlich in der August Ausgabe Zürichs des ensuite-Kulturmagazins.

Wer übers Land reist, mitm Zug, erspäht zwischen Zürich und Olten irgendwann eine technische Anlage, deren Grösse jedermann beeindruckt, deren Kraft und Symbolik aber bloss geahnt werden können. So rätselt ein jeder Bub, der die Welt entdecken und verstehen will, was diese Anlage denn produziere, da sie dergestalt auffällig ist, dass man sie kaum verschweigen könnte.

Der gestrenge Vater, ganz Autorität, so dessen Unfehlbarkeit noch ist, schildert dem interessierten, weil naturgemäss wissbegierigen Jüngling die beispiellose Funktion dieser geheimnisvoll-faszinierenden Anlage, worin also die Zivilisation Atome spalte, dadurch die Kraft der Natur in konsumierbaren Strom transformiere, der letztlich den Alltag elektrisiere.

Der Jüngling, im Zug am Fenster klebend, ist fasziniert, und doch auch eingeschüchtert. «Atome spalten» – hierunter kann er sich denn nichts vorstellen; es sind abstrakte Begriffe, gegenstandslos für einen achtjährigen Knaben, dessen Intellekt noch sinnlich-empiristisch justiert ist. Allein der massive Reaktor-Block mahnt, dass dort wohl etwas Gefährliches geschähe; dass man dort die Natur bedrohlich kitzle, herausfordere.

Dass die Natur, wogegen der Knabe noch freundlich gesinnt ist, man bändigen, beherrschen, ja geradezu ausbeuten und plündern müsse, ist ihm unverständlich, schliesslich ringt ein jedes Kind selber mit der eigenen «Natur». Es ist dieser Urkonflikt, vereinfacht ausgedrückt, zwischen Kopf und Bauch, zwischen Ratio und Empirie, der zeitlebens den humanistischen Charakter bildet.

Erst später, als erwachsen, als endlich den mächtigen Trieben gewahr, welche die Natur allen vorinstallierte, so uns zu erinnern versucht, dass wir vor nicht allzu langer Zeit noch durch die wilden Wälder Europas vagabundierten, ohne Aussicht, jemals sesshaft zu werden, ohne Absicht, der inneren Natur sich zu entledigen, erst nach diesem Prozess der Zivilisierung überwindet der Mensch die Natur, somit auch das Kind. Nun endet der Spass, die kindische Unschuld gleichsam, nun kann der Jugendliche verantwortet und verpflichtet werden; nun muss er.Ob er will oder nicht, ist einerlei; das gesellschaftliche Leben strafft jeden.

Diese innere Natur also zu zähmen, ist Grundlage und Voraussetzung der Zivilisation wie Kultur, ist die Bedingung jedweder Sozialität. Man gedenke Freuds These, wonach die Brüder der Urhorde zunächst sich verschwören mussten, ehe sie den jähzornigen, sämtliche Weiber alleinbeanspruchenden Urvater morden konnten. Um aber zu verhindern, dass einer der Brüder plötzlich die Position des Urvaters ergaunere, mussten sie sich organisieren, soweit und solange, bis eine einigermassen stabile Ordnung sich konstituierte, deren Konsens war, dass jedermann verzichte, die lustvollen Privilegien des Urvaters zu begehren.

Diese Epoche, als der Mensch noch wütete, als bloss das Lustprinzip den Alltag regelte, beschämt uns; es ist uns peinlich, erinnert zu werden, woher wir stammen. Dies erklärt, weswegen heute noch gewisse Randgruppen die Evolution leugnen; man möchte sich von der Natur distanzieren, posaunen, man sei anders, etwas Höheres, ja gar etwas Auserwähltes. Mag man zwar diese Illusion als solche schimpfen, doch man muss anerkennen letztlich, dass sie sowohl die Zivilisation wie auch die Kultur fundamentiert. Ohne diese Selbstgewissheit wäre weder das eine noch das andere möglich.

Aber Naturbeherrschung heisst auch, so wie wir die menschliche Psyche domestizieren, mittels Medikamenten nivellieren, so müssen wir auch die Natur verwalten, einebnen.

Die Verantwortung, welche eine Zivilisation meistern muss, die Atome spaltet, die Natur dergestalt beherrscht, dass sie kaum noch sich zu wehren weiss, ist eine, die manche, vor allem die Grünen, scheuen. Viel lieber erträumt man eine paradiesische Unschuld, ein Zustand grünster Natur, wo der Mensch in den Tag friste.

Doch wir können nicht faulenzen, wir können nicht, wollen wir unsren Wohlstand steigern, der Natur gänzlich anheimfallen, indem wir sie als gleichberechtigter Partner aufwerten, den man achten und berücksichtigen müsse. Die Geschichte der Zivilisation ist denn die Geschichte der Naturbeherrschung. Diese begann, als der Mensch erstmals den Boden bestellte, aber vollendete nicht, als der Mensch Atome spaltete.

Wir sind geradezu verdammt, zwar nicht in vermeintlicher «Freiheit» zu siechen, so aber die Natur zu beherrschen, allein unsrer Selbsterhaltung und Selbstzüchtigung willen. Eine Zivilisation denn, die entartet, weil jahrtausendelange Kulturanstrengungen populistischer Grünpolitik opfert, droht zu degenerieren. Das Unvermeidliche zu bejahen, heisst, Kernenergie als Kulturanstrengung zu befürworten.

Gewiss ist die Kulturlinke Zürichs beleidigt, deren Kulturbegriff ein ethnologischer ist, deren Doktrin Kernenergie verteufelt, schmäht als «veraltete Technologie». Man rühmt sich zwar «progressiv», ist aber letztlich rückschrittlich, selber überkommen; und vor allem ist man naiv, wenn man glaubt, dass der gegenwärtige Mensch mit der Natur zu versöhnen sei. Hierfür müsste man einen «neuen Menschen» erschaffen, doch alle solche Experimente, seien sie von Jakobiner, Kommunisten oder Nationalsozialisten lanciert, misslangen.

Nachhaltiger wäre, an der Baustelle Zivilisation weiterhin zu werken, und aber keinesfalls, sie zu zertrümmern, bloss weil der Zeitgeist es gebietet. Unentbehrlich ist die Zivilisation mittlerweile denn geworden, wir erfassen intellektuell gar nicht mehr, welche Anstrengungen sie bedingt, welchen Mühsal und welcher Krampf ihrer vorausging. Wir meinen, sie «sei» einfach, ohne dass wir mitwirken, mitgestalten müssten. Insbesondere die Grünpartei meidet die schicksalhafte Verantwortung, auch Kultur und Zivilisation zu fördern. Dies dann als «nachhaltig» zu vermarkten, ist vermessen, ja schlichtweg töricht und vor allem hedonistisch.

Wir müssen etwas riskieren, fürdass wir versorgt sind. Energie konsumieren wir, unablässig, unaufhaltsam, voraussichtlich immer mehr; diese müssen wir denn auch produzieren. Es ist eine Frage der Kultur, des Anstandes, ob wir weiterhin experimentieren, forschen, bis wir die Energieversorgung vervollkommnen können. Wir dürfen nicht kapitulieren, bloss weil einige hysterische Hausfrauen Kernenergie fürchten. Ziel solcher Kulturanstrengungen müsste die Verwirklichung der Kernfusion sein, und in ferner Zukunft sollten wir auch Schwarze Löcher nutzen können Nur wer so denkt, jenseits der Tagespolitik, ist nachhaltig; denkt wirklich an die eigenen Kinder und gedenkt nicht bloss der eigenen Angst.

Und trotzdem kann ich jeden verstehen, der jetzt noch rätselt, wieso Kernenergie denn Kultur sei. Kernenergie, ganz sozialdemokratisch, setzt bloss ein Zeichen, ist also lediglich symbolisch. Symbolisch hierfür, dass der Mensch die Natur bezwingt und weiterhin bezwingen möchte, sodass die Natur nicht ihn bezwinge. Der Mensch möchte sich also schützen, verteidigen. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, der Natur ausgeliefert zu sein. Beispielsweise, dass wir bloss funktionieren können, falls der Wind weht. Wir kämpften jahrtausendelang, dass wir uns von der Natur emanzipieren konnten. Und jetzt, plötzlich, weil der Zeitgeist dramatisiert, meinen wir, wir sollten allen Fortschritt aufgeben. O Gott, erbarme unsrer; ich wüsste und kenne keinen, der tatsächlich beabsichtigt, morgen im Wald zu kriechen, Beeren zu sammeln und Vieh zu erlegen. Ich wüsste tatsächlich keinen, der einer solchen Prüfung standhalten könnte. Keinen. Wir sind ja allesamt häuslich geworden, zahm, sesshaft, bequem und vor allem «schuldig», mitschuldig an der Welt.

Unsere Unschuld verloren wir, als wir Gott töteten. Gott schonte uns, solange wir ihm trauten, solange wir ihm folgten. Doch wir trotzen unsrem Verhängnis, wir wollen nicht wahrhaben, wir wollen nicht akzeptieren, dass wir unsren Werdegang selber zu verschulden hätten. Daher träumt die Grünpartei, uns wieder ins Naturreich einzugliedern, plant, dorthin uns zu bannen, woher wir stammten, aber längst uns entfremdeten, längst entfernten, weil längst eine eigene Wirklichkeit erbauten.

Wir können nicht mehr zurück, es ist zu spät. Also müssen wir die Kultur und die Zivilisation forcieren, wir müssen Kernenergie als Kulturanstrengung interpretieren, die uns Anständigkeit ermöglicht, uns erzieht, soweit, dass wir unser Schicksal selber verantworten können. Wir sind keine Kinder mehr, wir sind erwachsen, wir kommunizieren über Satelliten und spalten Atome. Dies erfordert Gesinnung, dies erfordert Intelligenz.

Weitere Fragmente über die Unschuld und die Kernkraft

Hinweis für regelmässige Leser: Wiederkehrende Gedanken, Fragmente, siehe «Ähnliche Beiträge»; so eigentlich wenig Neues, bloss anders ausgedeutscht.

Die allgemeine Unschuldsvermutung ist auch dem Menschen gebilligt, sooft er auch ramponiere den Planeten, dessen Unversehrtheit stündlich schrumpft. Denn obwohl der Mensch Atome spaltet, fingiert er Unschuld nur, sodass von aller Verantwortung entbunden.

Folglich verrät die Absicht, von Kernkraft sich zu trennen, bloss das Bedürfnis, den unschuldigen Naturzustand zu restaurieren, dessen Verantwortungslosigkeit man geradezu ersehnt. Denn wohl mag sein, dass die Verantwortung, welche eine Zivilisation solcher Grösse und solcher Prüfung schultern müsste, die unsrige überfordere.

Wohl, weil wir damals vermutlich nicht ahnten, als die Naturbeherrschung endlich radikalisiert im Elementarstem, welche Konsequenzen folgen mögen, so könnte man diesen Wagemut noch als jugendliche Naivität verharmlosen. Doch unsere Zivilisation wäre, rein rechnerisch, längst erwachsen, weil dem Infantilem entwachsen; daher bedarf sie entsprechender Verantwortung und Luzidität der Selbsterhaltung wegen und vor allem willen.

Aber die allgemeine Bequemlichkeit, bloss in kurzfristigen Kategorien weniger zu denken als vielmehr zu handeln, gebietet, diese beispiellose Verantwortung, welche über die unsere Zukunft richten wird, kurzerhand zu delegieren ins Nirgendwo und Irgendwann; daher ist die Grünpartei nicht nachhaltig, trotz des Slogans, man gemahnt den Kindern der Zukunft, weil letztlich grundsätzlicher zivilisatorischer Nachhaltigkeit sich widerstrebend.

Naturbeherrschung ist ein Programm, das kein Zurück duldet, sondern bloss eine etwaige Aussöhnung oder eine einseitige Radikalisierung. Hier mag allein die Technik schlichten, wo dem Menschen die ungeheure Verantwortung zu meistern misslingt. So sind wir geradezu verdammt, die Kernkraft zu intensivieren, weil die Alternative bloss Zivilisationsverneinung ist, welche den Menschen entmündigt, die Technik verantwortungsvollst nutzen zu können.

So vergewissert das Kernkraftwerk, dass wir zwar die Natur bändigen, letztlich aber genauso Natur sind, weil genauso involviert, integriert und immer noch, trotz etlichen Bemühungen und Anstrengungen und Fortschritten, die im faustisch-westlichen Geiste stammen, ihrer abhängig, endlich ihr gewissermassen schutzlos ausgesetzt; es ist die grosse und alleinige Motivation aller Zivilisation, der brutalen Natur sich zu erwehren, indem sie zu ergründen, indem sie zu zivilisieren.

Das Ende des Humanismus ist die Zukunft der Maschine

Dass der Humanismus ein Hindernis ist, das bloss die totale Verwirklichung verzögert unsrer Arbeitsdiktatur unzähliger Lohnabhängigen, worin allein die Funktionalität den Wert einer Einheit misst, ist uns, desto länger wir hierüber sinnieren, desto mehr gewiss, und umso mehr billigen wir diese Tendenz als unausweichlicher Fortschritt, der unsere planetarische Zivilisation vollenden möge.

Momentan bürgt noch der Humanismus, dass wir menschlich, letztlich also emotional, irrational und unberechenbar seien. Doch eine junge Wissenschaft forscht, bis das Bewusstsein entschlüsselt, die Seele entzaubert und der Mensch gänzlich mechanisiert werde. Diese Wissenschaft in einen direkten Zusammenhang mit Wirtschaftswachstum und Effizient gerückt, öffnet den Blick fürs wahrlich Grossartige.

Denn sobald der Mensch tatsächlich bloss noch eine Maschine ist, und derselbe auch bloss funktioniert wie eine Maschine, somit gleichsam berechenbar, beeinflussbar und austauschbar ist, dann meinen wir die momentan dilettantische, marktfeindliche und ineffiziente Wirtschaft endlich revolutioniert, weil der «Unsicherheitsfaktor» Mensch entfällt, den man erfahrungsgemäss, gleichwohl man bürokratisch sich überanstrengt, letztendlich nie totalitär verwalten kann.

So befreie dieser Fortschritt uns vom Menschlichem, das allerorten Faulheit, Ineffizienz und Rezession rechtfertigt und verursacht und eigentlich auch verantworten müsste. Auch wären die zwischenmenschliche Kontakte vereinfacht, weil gänzlich aufs Funktionelle reduziert; etliche Konflikte, die heutzutage noch wertvolle Arbeitszeit vergeuden, sind folglich erübrigt. Ebenso müsste man nicht Moral heucheln, ob gewisse Produktionsbedingungen menschlich seien, weil nun nichts mehr menschlich sein müsste; die totale Arbeitsdiktatur siege.

Diese Zukunft ist unausweichlich, weil krönt unsere Zivilisation. Ewiger Fortschritt ist die Folge. Und weil weder Glück noch Unglück Maschinen beeinträchtigen mögen, wären wir immerzu «zufrieden», da wir rasch und beliebig zu programmierende Einheiten, denen man nötigenfalls eine von Kulturindustrie vermarktete Wirklichkeit simulieren könnte. Doch bloss eine Frage könnte die Harmonie stören: wofür das Ganze? Aber weil bekanntlich Maschinen nicht grübeln, droht auch hier keine Dissonanz.

Fortschritt, Naturbeherrschung und Kernkraft

«Jetzt geht`s los», brüllen die Grünen. Kernkraft emotionalisiert zweifellos. Nun dürfen wir ein mediales Spektakel erwarten: Befürworter und Gegner duellieren. Doch diesmal siegt nicht, wer mehr Soldaten befehligt, sondern, wer die Menschen «positiver» emotionalisiert.

Kernkraft symbolisiert die totale Naturbeherrschung; dies Paradigma, worauf unsere beispiellose Zivilisation fusst, andernfalls könnten wir den dilettierten Humanismus unwiderruflich bestatten. Daher ist die Frage, ob man Kernkraft weiterhin billige, vielmehr die, wie wir unsere Umwelt handhaben wollen, insbesondere hinsichtlich einer drohenden Umweltkatastrophe.

Als Männer allein des Lustprinzips hörig waren, also weder Boden beackerten noch Wälder rodeten, daher geschichtslos fristeten, war die Naturbeherrschung keine Notwendigkeit. Vielmehr fürchtete die Männer damals die Natur; sie drohte unentwegt, allein sie erschwerte das Überleben.

Seitdem der Mensch sich aber im Boden verwurzelte, somit auch Zivilisation und Kultur begründete, erschien die Naturbeherrschung als existenzielle Notwendigkeit: sie war elementar geworden, da unausweichlich, noch aber unaussprechlich; die Natur war eine Gewalt, die, obzwar sie zu bändigen versucht, man nicht recht begreifen konnte.

So institutionalisierte sich weltweit ein Polytheismus, der die Komplexität der Natur verdinglichte, bisweilen auch vermenschlichte. Dies war der erste Versuch, die Natur zu beherrschen, indem man sie eines Namens, einer Aufgabe bedachte; somit drang sie ins Bewusstsein, teils als Objekt, teils als Gewalt, teils als Magie.

Nun spalten wir Atome, kommunizieren über Satelliten und kommandieren Roboter; plündern und zermüllen aber gleichzeitig auch den Planeten. Die Naturbeherrschung scheint vollendet, und nachgerade im Kernkraftwerk verdichtet: hinter Beton, wogegen auch Grossraumflugzeuge wirkungslos sind, brüten wir das Ungeheuerlich-Unfassbare, das Menschen entzweit, weil entweder fasziniert oder entsetzt.

So wie dies Faszinosum, dies Entsetzen irrational, so ist auch die Naturbeherrschung gänzlich irrational: weil einer rationalen Notwendigkeit und zugleich eines irrationalen Unbehagens ursächlich. Man will ja einerseits die Welt retten, vorm Schlimmsten bewahren, doch anderseits ist man realistisch-pessimistisch genug, um das Notwendige zu bejahen.

Schliesslich lautet das Akronym totaler Naturbeherrschung totale Unterwerfung der Natur; ein Zustand, dessen sich zu entledigen die Summe des Fortschritts ist. Doch Naturbeherrschung ist nicht endlich; ist sie zumal einseitig getätigt, rächt sich die Natur; erobert zurück, was Mensch ihr raubte.

Momentan scheint uns die Zivilisation erschaffen-vollendet und die Naturbeherrschung nebensächlich, weil vorausgesetzt; Zivilisation bedingt Naturbeherrschung, Naturbeherrschung Zivilisation. Doch an den Rändern zerfranst unsere Zivilisation; sie ist labil, auch wenn sie sich als agil vermarktet.

Der Widerstand, der sich gerade formiert: gegen das Symbol der Naturbeherrschung, ist somit nicht überraschend. Man wittert eine Chance, die Zivilisation nochmals zu blamieren, gleichviel sie, weil ohnedies angeschlagen, aufm Boden kullert-ächzt. Diese Lust, die Zivilisation nochmals zu zertrampeln, ist unwiderstehlich.

Doch statt sich als Grabredner der Zivilisation kurzfristig zu profilieren, wofür man weder Lohn und Dank ernten mag, da derentwillen die Welt ohnehin verendet, sollte man den Glauben bestärken; jenen Glauben, dass Zivilisation und Natur miteinander zu versöhnen seien; dass also die Menschheit keine Negation der Natur sei. Hierfür müssen wir aber noch proben.

Dies im Kernkraftwerk, wo wir die Geheimnisse der Natur eher entschlüsseln können als, indem wir auf allen Vieren im Wald kriechen. Nicht zuletzt verspricht die Verantwortung, welche eine Zivilisation schultern muss, die Atome spaltet und somit der Möglichkeit gewahr wird, die eigene Existenz restlos zu vernichten, dass wir «nachhaltiger» leben.

Kernkraft zwingt die Menschheit also geradezu, vernünftiger zu haushalten sowohl mit der Natur wie auch mit der Menschheit selber. Dies, weil der selbstgemachte Untergang plötzlich eine Option ist. Daher solle man die Kernkraft und zusätzlich, weil die Zukunft zu meistern unvermeidlich ist, die Kernfusion fördern, welche die Sonne simulieren könnte.

Eine bislang beispiellose Kraft, mittels der die Technik abermals sich reife; somit auch das Bewusstsein vergrössere für weitere «Pflichten» und «Verantwortungen» einer derart fortgeschrittenen Menschheit. Doch damit ist die Naturbeherrschung nicht bewältigt; noch unzählige Kräfte, wie beispielsweise die der unheimlichen Quasare inmitten einer beinahe jeden Galaxie, sind unerschlossen, noch unergründet; noch gänzlich unverständlich.

Die Menschheit muss, will sie nicht frühzeitig scheitern, sich der Natur annehmen; muss sie zuweilen auch «vergewaltigen»; reuelos hiermit experimentieren, denn bloss so mag sie lernen, bloss so mag sie gedeihen, bis, ja bis die Menschheit selber auch im Geiste der Natur gewachsen ist. Es ist dies der einzige Weg, den wir beschreiten müssen.

Die Maschinen – eine Wiederholung

Nicolas Gomez Davila, Aufzeichnungen eines Besiegten:

Zuerst befreit eine Erfindung, danach versklavt sie

Obgleich wohl wissend, dass jede Vereinfachung das Vereinfachte schände, ihrer Komplexität und somit «Schönheit» entzaubere, trachten alle wir, die das Leben als komplex und wirr lästern, nach totaler Vereinfachung und Bequemlichkeit. Hiervon scheint die Technik genährt, denn allein noch sie, so sind wir bangend, vermag noch die Welt zu dekonstruieren.

Hinlänglich ist uns gewahr, dass die heutige Technik das Leben statt befreit versklavt; Maschinen, deren Handhabung den einzelnen überfordern, regeln und ordnen immer mehr den Alltag, das Leben, das eigentlich allein aller unsrige. So scheint der «Wille» immer mehr untersetzt, wohl weil gänzlich degeneriert, um einen «Willen» noch entfalten zu können. Hierfür erbittet die Menschheit, die Maschine, deren Sklave fürderhin sie heisse, die Maschine selber möge willens sein.

Egal weswegen, egal wofür die Maschinen schuften; uns gereicht, sie ersetzen den unsrigen «Willen», bestenfalls derart, dass wir selber nichts mehr «wollen» müssten. Vielmehr dürften wir alsdann bloss noch ruhen und gelegentlich prüfen, ob die Maschinen den «Willen» vollstrecken.

Wir warnen schon seit jeher, dass der Mensch sich zu bequemen versagt, beispielsweise etwelche Mitmenschen eigenhändig zu ermorden, nötigenfalls, als diese ihm Futter stibitzen oder die Seinigen ausbeuten. Insofern werde Fortschritt bloss, als das Morden erleichtert und verbessert sei. Erwartungsgemäss, weil der Mensch, sobald fett und gesättigt, faulenzt, wird er das Töten automatisieren.

Doch gerade dessen ahnden wir die Menschheit, weil solcherart «Fortschritt» irgendwann sich rächt. Momentan gelingt zwar noch dieser Fortschritt, da Menschen noch von Menschen erschossen werden, auch wenn der Schütze im klimatisierten Büro gediegen einquartiert ist, der Schuss also immerhin noch selber feuert. Doch zu befürchten ist, dass auch dieser Prozess demnächst rationalisiert werde, spätestens dann, als «Brot und Spiele» die Heimatfront bezwang.

Vielleicht manipulierte uns bloss die Popkultur, die ist ja geradezu ertüchtigt, den Menschen weiszumachen, die Maschinen seien bösartig, sobald sie verselbständigt sind. Wohl einer Dekadenzkritik gleich, moniert dergestalt Popkultur, irgendwann und irgendwie müsse der Mensch seine Bequemlichkeit verbüssen.

Weil die Natur ausgepumpt, somit unfähig, und die Menschen bloss noch um Wachstumsmärkte quasi-kriegerisch balgen, somit abgelenkt, erhofft man die Endlösung der Menschheitsfrage von den Maschinen. Aber noch sind wir nicht verloren, noch nicht, die Maschinen sind noch zahm, einzig im Büro, falls die Computer streiken, fluchen und wimmern wir, als ob wir niemals zivilisiert und humanisiert worden wären.

Die Entstofflichung des Menschen

Als Gegner der Unsterblichkeit warnen wir schon seit längerem, dass der Tod des Todes der Welt Unordnung und Chaos beschere, weil fürderhin das Leben, dessen Eintritt wie Austritt geregelt ist, fragwürdig erscheine. Und doch ersehnen Menschen Unsterblichkeit, wohl weil somit der Zwang entfiele, das Leben zu meistern, das gewisse Ordnung und Planung, aber auch Überraschung und Spontaneität fordert.

Wir bangen bloss noch, wer wie die Unsterblichkeit zuerst ermöglicht: entweder die Medizin, die die biologischen Zellen verjüngt und erfrischt, nötigenfalls Organe austauscht, oder die faustische Technik, die den menschlichen Geist entstofflicht, somit vom unvollkommenen Körper entbindet und in einen digitalen Speicherraum transferiert.

Gerade, weil der menschliche Körper wegen den zeitgemässen Anforderungen des Marktes kapituliert, weil schlichtweg ungenügend und mangelhaft ausgestattet, muss er doch schlafen, sich zerstreuen und sozial engagieren, gerade deswegen befürchten wir, dass elektronische Implantationen und individualisierte Leistungsmedizin alsbald den Menschen verbessern, geradewegs dopen werden.

Solcherlei Bemühungen, den Menschen erweitern zu wollen, bedingen ein Menschenbild der Negativität; wodurch der Mensch ist, was er nicht ist: die Werbung suggeriert ja, die Menschen seien mangelhaft, falls sie nicht dies und das konsumieren; die Kosmetik verunsichert, der Mensch sei hässlich, falls er nicht hier und dort sich verschönere; und die Medizin beschwichtigt, dass bloss der kranke Mensch ein gesunder sei.

Dieses negative Menschenbild verschuldet den eigentümlich westlichen Wunsch, Menschen zu verbessern, zu erweitern und zu modifizieren soweit, dass sie entsprechen den Bedürfnissen des alleinseligmachenden Markts, der nach solchen Arbeitskräften ruft, die niemals erschlaffen, selten Lohnansprüche reklamieren und sowieso füglich und dienlich sind.

Alsbald das Gehirn entschlüsselt, sodass wir wissen, wie unser Bewusstsein und damit wohl auch unsere «Seele» funktioniert, dann ist der Körper überwunden, bloss noch Ballast; fürderhin kann die «Seele», wenngleich eine verstümmelte, irgendwo schwirren, sie ist denn nicht mehr im mangelhaften Körper gefangen, der ja sowieso naturgemäss begrenzt und endlich ist, widerspricht unsrer faustischen Vision, ins Unendliche zu streben.

Dann wäre die «Seele» tatsächlich «unsterblich», weil des sterblichen Körpers sich entledigt; dies ist ganz christlich, die Verwirklichung eines solchen Traums also bloss real existierende Theologie. Wir prophezeien, dass aufgrund des unaufhaltsamen technischen Fortschritts solcherart Entstofflichung der Seele innert dreissig Jahren zu bewerkstelligen ist; aber was dann noch Mensch ist, darauf möchten und können wir nicht antworten; vielmehr scheint dann Mensch endlich reiner Geist.

Der Geist ohne Körper

Neuerdings steuern Forscher einen Roboter mittels des Gehirns eines Affen, obschon nicht von Menschen selber ferngesteuert, bewegen beide Wesen sich doch immerhin simultan; hebt der Affe in den USA den Arm, so tut der Roboter in Japan das selbe. Ziel solcher Anstrengungen ist, zukünftig Prothesen fürs menschliche Geschlecht schmieden zu können, die direkt mit den Nerven verdrahtet sind und somit eine nahtlose Kommunikation ermöglichen.

Der menschliche Traum, den Geist zu konservieren, wo der Körper vergiftet ist, ist ein so christlich inspirierter wie faustisch erzählter. Laut des uns überlieferten christlichen Katechismus schwirrt bloss der Geist ins Jenseits, der Körper hingegen vergammelt im Diesseits; wohl, weil er wegen allerlei teuflischen Versuchungen verseucht, schlichtweg zu unrein fürs Paradies sei. Der Teufel bekanntlich verschleppt den Menschen samt Körper und Geist zur Hölle, wo diese aneinandergekettet, unzertrennbar und eins sind.

Diese neue Technologie, die in Bälde das Wissen und vor allem den Erwerb desselben Wissens umdeuten wird, verwirklicht vollends die christliche Vision der Himmelfahrt; der Geist übersteigt den Körper und, die materiellen, irdischen, diesseitigen Grenzen überwunden, transzendiert gewissermassen autonom, da ohne vielerlei leiblichen Unzulänglichkeiten, Verführungen und Einschränkungen, ins Jenseits. So wird der Geist endlich frei und mobil, kann gleiten, wohin ihm beliebt; womit zugleich der Körper als Fussnote, als Nebensächlichkeit abgestuft ist.

Wegen dieser Technologie scheint der Körper plötzlich veraltet, zusätzlich der uns gerade anvertraute Körperkult und der von hysterischer Politik verordnete esoterische Gesundheitswahn. Folglich ist der Körper bloss noch eine Hülle, die beliebig auszutauschen, zu modulieren und zu modellieren ist; ein grundsätzlich mangelhaftes und unzulängliches Produkt obsoleter Natur, welches nun sinngemäss zu verbessern, zu korrigieren, zu erweitern gilt, und zwar noch radikaler, noch unverblümter und noch skrupelloser als heute bereits.

Möglicherweise werden findige Hacker den Code voraussichtlich patentierter «Prothesen» im weitesten, «Modulen» des Jargons entsprechenden Sinne entschlüsseln, sodass auch finanziell benachteiligte Menschen die nötigen oder gewünschten «Erweiterungen» installieren können, allen voran den Internet-Uplink im Gehirn, womit zumindest der persönliche Wissenserwerb vorläufig gesichert scheint. Und vielleicht wird der Geist dadurch dergestalt mobil, dass man ihn von einem Körper zum andren transportieren könnte.

Weiterführende Informationen
DER VERWERTER: «Der neue Mensch und das Wissen»
DER VERWERTER: «Faustische Naturbeherrschung»

Der neue Mensch und das Wissen

Jede überlieferte Erzählung will einen «neuen Menschen» schmieden, mittels Disziplin erziehen und mittels Geboten verinnerlichen, so auch die klassischen wie beispielsweise die des Sozialismus. Doch alle Bemühungen, einen neuen, vermutlich besseren Menschen zu formen, sind gescheitert, wohl weil der Mensch nur widerwillig sich belehren und bessern lässt, ansonsten sich wehrt und schützt gegen alles, was in ihn eindringt, ihm Illusionen zermalmt, die seine Realität konstruieren.

Darum müssen die Instrumenten der Besserungen den Menschen selber verführen, das ist nämlich bloss Werbung; man wirbt, dass ohne Verbesserungen der Mensch nutzlos, überflüssig und mangelhaft sei, gerade hervorgehoben sollten wir wissen, dass der Mensch naturgemäss mangelhaft sei und so einer Verbesserung bedarf. Nun endlich: wer oder was den Menschen verbessert, ist die Technik, und der austauschbare Cyborg das Ziel dieser Forschung.

Zum Beispiel: das Grundlagenstudium der Physik verschlingt Jahrzehnte, bis der Mensch Neues experimentieren und erforschen kann. Obendrein wächst das Wissen der Physik täglich weiter, ehe also das bisherig gewonnene erlernt zu haben, endet ein Menschenleben. So muss der Prozess des Wissensgewinns, will man fürderhin neues Wissen produzieren, ungemein beschleunigt werden. Eine mikroelektronische Implantation, die das Gehirn direkt mit einer Wissensdatenbank verdrahtet, unterrichtet den jungen Menschen innert Sekunden der gesamten Physik.

Den immensen, äusserst spezialisierten Fortschritt nachzuholen allein mit Fleiss, Übung und einsamen Stunden in der Bibliothek, vereinfacht kaum die Aufgabe, das unermessliche Wissen zu sortieren, bewerten und zu analysieren, sondern lähmt letztlich den Fortschritt, weil der einfache, auch gelehrte Mensch stets dem immer mehr fortgeschrittenen und vertieften Wissen hinterher hinkt. So schliesslich ist vielmehr beklagenswert, dass niemand mehr recht über ein abstraktes Fach Bescheid weiss, ja dass möglicherweise bloss zehn Köpfe innerhalb der westlichen Geistesherrschaft tatsächlich die Grundlagen der zeitgemässen Physik auswendig kennen.

Um als Zivilisation endlich reifen zu können, muss erst das Wissen demokratisiert werden, das heisst, dass der prinzipielle Wissensgewinn keinen Fleiss, kein Geld, keinen Willen bedingt, sondern immerzu möglich ist, möglich durchaus, indem man das Gehirn mit einer universellen Wissensdatenbank vernetzt und so das Gewünschte ins eigene Gehirn lädt. Man bedenke, dass dadurch das Grundlagenstudium aller Fächer entfällt, eine Anstrengung wohlgemerkt, die die besten Jahren unsres Nachwuchses verschwendet.

Die kritischen Leser mögen erwidern, dass die theoretische dauernde Verfügbarkeit jedes erdenklichen Wissens unweigerlich den Kommerz anlockt, diesen Markt zu monopolisieren, ihnen und den momentan durchaus gerechtfertigten Einwänden sei versichert, dass eine Zivilisation, die das Gehirn entschlüsseln konnte, nicht mehr wegen Banalitäten wie Geld und Markt stürzt, denn solange diese des Menschen Kreativität und Fortschritt geisseln, ist auch keine Zukunft und kein Gewinn möglich, wir harren folglich sozusagen in einer «Zwischenzeit», in einer geschichtslosen Epoche.

Faustische Naturbeherrschung

Neuerdings online verfügbar: Spenglers Der Mensch und die Technik:

«Man hatte es satt, sich mit dem Dienste von Pflanzen, Tieren und Sklaven zu begnügen, die Natur ihrer Schätze zu berauben – der Metalle, Steine, Hölzer, Faserstoffe, des Wassers in Kanälen und Brunnen –, ihre Widerstände zu besiegen durch Schifffahrt, Strassen, Brücken, Tunnels und Deiche. Sie sollte nicht mehr in ihren Stoffen geplündert, sondern in ihren Kräften selbst ins Joch gespannt werden und Sklavendienste tun, um die Stärke des Menschen zu vervielfachen. Dieser ungeheuerliche Gedanke, so fremd allen andern, ist so alt wie die faustische Kultur. Schon im 10. Jahrhundert treffen wir technische Konstruktionen von einer ganz neuen Art. Schon Roger Bacon und Albertus Magnus haben über Dampfmaschinen, Dampfschiffe und Flugzeuge nachgedacht.»

Dynamik statt Statik heisst Spengler das Programm des faustischen Drangs, der unendlichen Welt Grenzen zu entwinden, ja das Unendliche selbst zum Ziel aller Bemühungen anzupeilen, wohin die eigentümlich faustische Sehnsucht neigt, gleich mit dem faustischen, höchst abstrakten Gott, der in allen Dingen wirkt. Und als ob die schlichte Naturbeherrschung des faustischen Menschen Willen nicht genügend zähme, so will er dennoch die Natur selber automatisieren; selber die Natur kreieren und nicht nur beherrschen. Nämlich:

«Und viele grübelten in ihren Klosterzellen über der Idee des Perpetuum mobile. Dieser Gedanke liess uns nicht wieder los. Das wäre der endgültige Sieg über Gott oder die Natur – deus sive natura – gewesen: Eine kleine selbstgeschaffene Welt, die sich wie die grosse aus eigener Kraft bewegt und nur dem Finger des Menschen gehorcht. Selbst eine Welt erbauen, selbst Gott sein – das war der faustische Erfindertraum, aus dem von da an alle Entwürfe von Maschinen hervorgingen, die sich dem unerreichbaren Ziel des Perpetuum mobile so sehr als möglich näherten.»

So wurde die Technik nicht nur das Mittel, die rohe, gewalttätige, ewige Natur zu beherrschen, sondern gleichzeitig der Zweck, eine neue Natur zu erfinden, eine gewiss wohl eigene, von der ursprünglichen Natur unabhängige. Dies, und nicht nur dies allein, alle Neigungen nämlich, Gott ersetzen zu wollen, mitgezählt, bestärkt, beschleunigt und bewaffnet erst den Versuch, eine ähnliche Zeitlosigkeit zu erschaffen, die Gott oder wahlweise die Natur erbaute: endlich das enge Paradigma eines Raums und einer Zeit zu überwinden; raum- und zeitlos will der Mensch schliesslich werden und verenden, jenseits aller Grenzen, aller Vorstellungen, dem Unendlichen vorgerückt. Und so:

«Mit dem Rationalismus endlich wird der ‹Glaube an die Technik› fast zur materialistischen Religion: Die Technik ist ewig und unvergänglich wie Gott Vater; sie erlöst die Menschheit wie der Sohn; sie erleuchtet uns wie der Heilige Geist. Und ihr Anbeter ist der Fortschrittsphilister der Neuzeit, von Lamettrie bis Lenin.»

Und in dieser einseitigen Abhängigkeit, schliesslich brauchen wir die Technik, die Technik uns aber nicht, wir ahnen Düsteres, wird der Herr zum Sklaven seiner eigenen Schöpfung:

«Die Schöpfung erhebt sich gegen den Schöpfer: Wie einst der Mikrokosmos Mensch gegen die Natur, so empört sich jetzt der Mikrokosmos Maschine gegen den nordischen Menschen. Der Herr der Welt wird zum Sklaven der Maschine. Sie zwingt ihn, uns, und zwar alle ohne Ausnahme, ob wir es wissen und wollen oder nicht, in die Richtung ihrer Bahn. Der gestürzte Sieger wird von dem rasenden Gespann zu Tode geschleift.»

War zu Spenglers Zeiten die Abhängigkeit der Menschen von den Maschinen noch weniger offenkundig wie heute, so ist sie es heute umso mehr, je mehr die Maschinen sich verselbständigen, bis die Maschinen, O Gott bewahre, sich selber reproduzieren können, dies enthaupte endlich den Schöpfer, die eigene Schöpfung wäre Richter, Schöpfer der Gerichtete. Mehr noch:

«Die Mechanisierung der Welt ist in ein Stadium gefährlichster Überspannung eingetreten. Das Bild der Erde mit ihren Pflanzen, Tieren und Menschen hat sich verändert. In wenigen Jahrzehnten sind die meisten grossen Wälder verschwunden, in Zeitungspapier verwandelt worden und damit Veränderungen des Klimas eingetreten, welche die Landwirtschaft ganzer Bevölkerungen bedrohen; unzählige Tierarten sind wie der Büffel ganz oder fast ganz ausgerottet, ganze Menschenrassen wie die nordamerikanischen Indianer und die Australier beinahe zum Verschwinden gebracht worden.»

Angesichts des Unwort des Jahres «Klimawandel» überraschen uns derartige Mahnungen nicht sonderlich, jedoch um 1931, als dies Werk erstmals veröffentlichte wurde, glichen solchen Aussagen mehr düsterer Propheterie als nüchterner Tatsachenarbeit, dementsprechend gering waren die Reaktionen und Konsequenzen hierzu.

Und sobald das mechanisierte Denken, das rein zweckmässige, die einzige Kategorie desselben wird, wird auch die Welt tatsächlich mechanisch:

«Alles Organische erliegt der um sich greifenden Organisation. Eine künstliche Welt durchsetzt und vergiftet die natürliche. Die Zivilisation ist selbst eine Maschine geworden, die alles maschinenmässig tut oder tun will. Man denkt nur noch in Pferdekräften. Man erblickt keinen Wasserfall mehr, ohne ihn in Gedanken in elektrische Kraft umzusetzen. Man sieht kein Land voll weidender Herden, ohne an die Auswertung ihres Fleischbestandes zu denken, kein schönes altes Handwerk einer urwüchsigen Bevölkerung ohne den Wunsch, es durch ein modernes technisches Verfahren zu ersetzen. Ob es einen Sinn hat oder nicht, das technische Denken will Verwirklichung. Der Luxus der Maschine ist die Folge eines Denkzwanges. Die Maschine ist letzten Endes ein Symbol, wie ihr geheimes Ideal, das Perpetuum mobile, eine seelisch-geistige, aber keine vitale Notwendigkeit.»

Nun, zur Notwendigkeit wurden die Maschinen, wir sind heute abhängiger denn je von ihnen, die uns heimlich beherrschen, momentan noch im selben Masse wie wir zaghaft, scheu und unschuldig die Natur vor rund zweihundert Jahren beherrschten, erst nachdem die Technik uns endgültig bezwang und ausmusterte, sind wir ihr unterjocht. Dass die menschliche Technik keine «vitale Notwendigkeit» sei, kann freilich nur aus der Perspektive eines Gottes oder der Natur bejaht werden, mit menschlicher Brille hingegen betrachtet, ist die Technik statt Notwendigkeit vielmehr Schicksal, ein bitteres zwar, aber immerhin eines, das wir momentan noch selber formen können, solange wir selber Maschinen herstellen und die Produktion derselben nicht Maschinen abtreten.

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