Begriffsverwirrung
Freidenker, ein unterhöhlter Begriff. In theokratischen Staaten wird gegen den Begriff Freidenker erbarmungslos polemisiert, so dass er wie z. B. in Malaysia als Schimpfwort durch die Philister stupriert wird. In unser Gegend verwechseln noch manche Unaufgeklärte oder fundamentale Religionsfetischisten die Freidenker-Vereinigung mit einer frevelhaften Sekte. Halbbildung und Begriffsverwirrung spriessen und gedeihen. Also liegt es an, Unklarheiten zu beseitigen und verschmutzte Begriffe zu reinigen.
Ursprünge
Die ersten selbst ernannten Freidenker (englisch „Free-Thinker“) entstanden gegen Ende des 17. Jahrhunderts in England, die sich gegen die Verabsolutierung und der Deutungshoheit über die Bibel der damaligen Kirche auflehnten. Sie selbst bezweifelten noch nicht die Existenz Gottes, aber plädierten für einen Gottesglauben basierend auf der Vernunft (Deismus). Erst später lösten sich die englischen Freidenker gänzlich von ihrem Gottesglauben los.
Im deutschsprachigen Raum etablierten sich die Freidenker in der Epoche des Biedermeiers (Restauration, Vormärz). Sie bekämpften die Dogmen der Kirche und die willkürliche Autorität der Obrigkeit. Ihre Ambitionen stützten sie hauptsächlich auf die klassische Aufklärung, dessen Hauptfrage Kant höchstpersönlich in seiner Schrift “Was ist Aufklärung“ beantwortete.
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
Heutiger Zustand
Die Freidenker büssten von ihrem Ansehen an. Noch zu Nazi-Zeiten wurden sie verfolgt und gehetzt. Heutzutage werden die Freidenker zumeist mit Sekten gleichgesetzt, obwohl sie sich explizit von Sekten und sektenähnlichen Konstrukten abgrenzen. Aber die Mehrheit des Volkes schert sich nicht um das Selbstverständnis der Freidenker, sondern verurteilt basierend auf Halbwissen vorschnell.
Die Freidenker beklagen sich über das Erstarken der Religion, welche noch verhängnisvoller das Dogma umklammern und schwadronieren, als hätte die Aufklärung nie existiert. Dies besorgt die Freidenker. Sie versuchen in den Medien ihre Botschaften zu verbreiten, doch selten gewährt man ihnen eine Plattform. Einzig und allein dient „Sternstunde Philosophie“ schweizweit als einen Hort der Freidenker und der Aufklärung. Zudem sterben die Freidenker noch aus, denn die meisten Mitglieder altern rapid, während der Nachwuchs ausbleibt.
Grundsätze des humanistischen Manifests
Das überlieferte humanistische Manifest der weltweiten Freidenker-Vereinigung proklamiert folgende Grundsätze:
- Wir fordern die strikte Trennung der Kirchen von allen staatlichen Institutionen, einschliesslich Schule und Armee.
- Wir unterstützen alle Bestrebungen zur Förderung des Weltfriedens in allen Erdteilen.
- Wir fordern eine sinnvolle Unterstützung der hilfsbedürftigen Länder.
- Als Gegner jeder Unterdrückung und Ausbeutung in aller Welt fordern wir in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Mitbestimmung aller, also die Demokratie.
- Wir verlangen nachdrücklich die Reform und den Ausbau aller Bildungsstätten von der Vorschule bis zu den Hochschulen.
- Wir fordern die gleichen Bildungschancen für alle, ohne Rücksicht auf Geschlecht und soziale Herkunft.
- Die Wirtschaft hat dem Volk zu dienen und darf nicht zum Selbstzweck werden.
- Der Fortschritt im menschlichen Wissen und Können ist für die Menschheit einzusetzen, nicht für Einzelinteressen.
- Wir treten nachdrücklich ein für die volle Emanzipation des Menschen.
- Wir verlangen wirksame Massnahmen zum Schutz der Umwelt.
(Quelle: http://www.freidenker.ch)
Nietzsche antizipierte in seinem 1879 veröffentlichten Werk tiefenpsychologische Erkenntnisse, dass sogar Freud persönlich entschloss, das Buch beiseite zu legen, um die Erkenntnisse selbst zu erfahren.
Nietzsches Ansammelsurium geistreicher Aphorismen behauptet sich, es sei den, der Mensch revolutioniere die Selbstwahrnehmung seines Wesens, auch noch in der Gegenwart. Denn noch nie war das Bedürfnis nach banalen Lebenswahrheiten so akut wie heute. Demzufolge schmollt und schwellt die Ratgeberliteratur an, aber Nietzsche brilliert weiterhin mit zeitloser Geistesfülle. – Dies ist ein Buch, das wir auch noch morgen mögen und mit jedem Lebensjahr tiefsinniger interpretieren und verstehen werden. Aus diesem Grund möchten wir lediglich ein bisschen vorlesen:
318.
Schmeichelei. – Personen, welche unsere Vorsicht im Verkehr mit ihnen durch Schmeicheleinen betäuben wollen, wenden ein gefährliches Mittel an, gleichsam einen Schlaftrunk, welcher, wenn er nicht einschläfert, nur um so mehr wach erhält.
Wir misstrauen immer verheissungsvollen Versprechungen, verräterischen Offenbarungen und überspitztem Gutmenschentum. Uns wurde schliesslich beigebracht, wir könnten niemandem mehr ausser uns selbst trauen. So sträuben wir uns vehement gegen Schmeicheleien jeglicher Art und mutmassen in jeder Wohltat eine böswillige Absicht.
323.
Undank vorauszusehen. – Der, welcher etwas Grosses schenkt, findet keine Dankbarkeit; denn der Beschenkte hat schon durch das Annehmen zu viel Last.
Wir alle wiedererkennen uns in der Situation, ein grösseres Geschenk anzunehmen, welches wir vorerst verweigern und nur durch das Nachhacken des Schenkers endgültig in Obhut halten.
327.
Das Geheimnis des Freundes. – Es wird Wenige geben, welche, wenn sie um Stoff zur Unterhaltung verlegen sind, nicht die geheimeren Angelegenheiten ihrer Freunde preisgeben.
Sprich: Ein Freund ist einer, der über uns nicht der Unterhaltung wegen intime und vertrauliche Informationen ausplappert.
Gottes Tod hatten wir schon mehrmals angebrochen, aber verfehlten, den Gedanken zu vollenden und die Todesursache genauer zu erläutern. Diesmal holen wir es nach: Gott starb durch unsere Hand. Wir ermordeten ihn, weil der wissenschaftliche Fortschritt klarstellte, dass man gewisse Dinge oder anders ausgedrückt Phänomen nicht per se einem allmächtigen Gott zuschreiben, sondern sie auch alternativ (wissenschaftlich) ergründen konnte. Folglich trugen wir die Immunität Gottes kontinuierlich mit jeder neuen wissenschaftlichen Erkenntnis ab und schürften somit die Einsicht zu Tage, dass nicht Gott die Welt lenke, sondern die Welt sich selbst nach Gesetzen, die wir noch nicht ganzeinheitlich verstehen, aber bestrebt sind, sie zu erfassen, zusammenhalte.
Gott, im Allgemeinen das scholastische Christentum, zögerte nicht, ihre Auslegung Gottes Wort den damaligen (mittelalterlichen) Menschen schmecken zu lassen. Als Reaktion des „harten Lebens“ im Diesseits vertröstete die Himmel-und-Hölle-Fiktion des Christentums die Menschen auf ein ergebenes Dasein im Jenseits. Somit rüstete sich die christliche Dogmatik selbst an, die Menschen zu kontrollieren und einigermassen zu zivilisieren, denn dieser Drill gewährte Ordnung und Stabilität, Identität und Sicherheit. Um den Erhalt bzw. die Legitimation des Christentums zu sichern, erträumte sich der Klerus wahnwitzige Spekulationen, die Gottes Existenz und Allmächtigkeit apologetisierten. Das gewöhnliche Volk schluckte diese mundgerechte und vorbereite Kost. Wie konnte es auch anders, denn es besass ja damals keine Alternative. So wurden der Vulgus zu Gehorsamkeit, Dienstreue und Ehrfurcht erzogen, Werte, die uns auch heute nicht befremden.
Den ersten Dolchstoss verabreichte die Reformation. Sie richtete sich nicht primär gegen Gott, sondern kritisierte vehement die zumeist eigennützige Ausbeutung (Ablassbriefe) des gemeinen Volkes durch den Klerus. Der Zweifel der Reformatoren, dass der Papst als höchste Leitinstanz den Kirchenbetrieb moralisierte, instrumentalisierte und politisierte, revolutionierte das damalige Weltverständnis. Zum ersten Mal stellte man den christlichen (katholischen) Absolutheitsanspruch in Frage. Dementsprechend sprudelten mythische, mystische und esoterische Weltsbetrachtungen und zugleich vergoss Europa edles Blut in nie enden wollenden Religionskriege, bis das Primat der Vernunft einkehrte: die Geburt des Rationalismus. Der Rationalismus ebnete das Eingeständnis der Menschen vor, dass nicht nur die Religion bevollmächtigt ist, die Welt nach ihrem Willen zu glätten. Ebenso vermögen auch andere Kräfte die Welt zu erklären. Dieser Erkenntnis zu Grunde wurzelten die neuen Wissenschaften, die sich von der christlichen Hegemonie abspalteten und Sezessionen herausriefen. Doch die Empörung seitens des eingeklemmten Klerus war ihnen sicher, aber dies hinderte wagemutige Haudegen nicht, selbst nach der absoluten Wahrheit zu fahnden. Gefunden, dies wissen wir rückwirkend, haben sie sie allerdings nie, denn auch wir schwanken auf dieser Suche, dessen Endziel uns bei jedem Fortschritt wieder meilenweit entgleitet.
Und dann kam die Aufklärung, sah und bewegte. Sie inspizierte die Gegenwartssituation und mutmasste, nicht Gott verschulde unsere Existenz, sondern wir selbst müssen unser Handeln und unsere Existenz verantworten. Dieser damalige Dissens katapultierte den Menschen auf sich selbst zurück, die manche überforderte und im Freitod münden liess. Verzweifelt klammerten sich die Menschen an dubiosen Werten fest und rätselten, was ihnen noch übrig bliebe, wenn doch Gott tot sei. Die Situation schien zu eskalieren. Doch die Wirtschaft sprang ein und schulterte die Menschen: eine Art Surrogat wurde erschaffen. Die Wirtschaft einverleibte das gewöhnliche Volk in seinen Prozess, lenkte sie somit vom Nachdenken ab und versüsste deren Existenz mit neuen „Jenseitsvorstellungen“: Konsumgüter, die unerreichbar thronen und dessen Erlangung den Lebensinhalt versinnbildlicht. Dem Gros der Proletarier blieb aber die klebrige und zuckrige Konsumwelt vorerst verwehrt: Sie beschränkten sich aufs Träumen (für eine Weltrevolution).
Allmählich begriff die geballte Geistesmacht der Aufgeklärten, dass Gottes Tod nicht einfach überwunden werden konnte. Demzufolge entwarf man neue Konstrukte, ganzeinheitliche Weltsbetrachtungen, Ideologien, konsistente Theorien, Ersatzreligionen oder fortschritts- und wissenschaftsgläubige Wissenschaften, welche ewig frohlockten. Vor allem die Wissenschaft, der Szentismus, betörte das Volk und gewann laufend an Zuspruch. Das grossartige Zeitalter des ausufernden Fortschrittsglaubens wurde eröffnet und bereicherte somit die Wissenschaften, aber unterjochte zugleich wieder die Menschen, indem sie den gewöhnlichen Menschen der Wissenschaft unterstellte.
Wir zerstückeln nun die Geschichte und fokussieren uns auf die Gegenwart: Der Fortschrittsglaube wurde laufend demontiert. Letztendlich erstach ihn die Postmoderne. Da die Wissenschaft ihrer Ersatzrolle als Religion nicht mehr nachkommen konnte, krochen aufgefrischte und „modernisierte“ Religionen aus ihren Grüften und rodeten den blühenden Hain eines verwilderten sowie ungezähmten Szientismus. Parasiten, denke mal nun wohl, wir denken anders: Gegenseitige Nutzniesser. Der Mensch beansprucht Heil, Geborgenheit und Antworten auf seine metaphysischen Fragen, was über der Physik schwebt und was seinen Sinn des Lebens ausmacht. Die neuen Religionen stillen seinen Hunger nach Wahrheit, obgleich wir einräumen, dass diese Wahrheit, wie sie zumeist vermittelt wird, ein verschrobenes und anrüchiges Gefilde symbolisiert, welches sich übermässig und unseriös verabsolutiert, so dass wir als Freidenker daran ersticken.
Doch zurück zu Gott. Was hinterliess uns Gott? Wir behaupten eine Metapher. Wir erzählen gerne über Gott, wenn wir Gott mittels an sich schon aus unsrem Erkenntnishorizont verbannen und zugeben, dass alles Göttliche das Unerklärbare dokumentiert. Im Sinne von unerklärlich gelten auch wir Menschen als Götter, denn der Mensch ohne Geistesbegriff kann sich auch heute noch nicht für alle zufriedenstellend definieren. Dasselbe wollte uns schon die Aufklärung weismachen, dass niemals einen Gott existierte, weil wir selbst Götter waren und es noch sind. Ohnehin bezeugen moderne Wissenschaften wie Gentechnologie am Griffigsten unser Streben nach Allmacht. Also, die Herausforderung, dass kein Gott unsere Taten bürgt, zu meistern, verlangt viel Selbstkritik und Eingeständnisse sich selbst gegenüber. Ob wir überhaupt gewillt sind, unsere Göttlichkeit anzunehmen, präzisiert unsere Frage, denn bequemer kauert man doch, wenn man unliebsame Fragen auf unbekannte Dritte abwälzen kann, die man soundso nicht kennt, aber gedenkt, dass man sie besser verstünde als sich selbst.
Uns dünkt’s, die Aufklärung, sofern sie jemals eine Aufklärung beanspruchte, wurde beigesetzt und kein Mensch kümmert sich um den schuldbeladenen Nachlass. Die Postmodernität raubt den fliehenden Menschen sowieso ihre letzte Sicherheit: die Identität, auf dass die Menschen sich um so energischer und hilfloser an der Religion klammern, obgleich wir Gott eigenhändig und kollektiv töteten. Dies ist die Geburt der neuartigen Religionsfetischisten.
Fetischisten pflegen ihren Fetisch liebevoll und mühsam. Der Fetisch wiederum verlangt nach Zuwendung, aber bedankt sich beim Anhänger mit einer gesicherten Identität. Der Fetischist weiss, wer ist, weil er ein Fetischist ist. Wir erkennen einen Fetisch in der Religion, wenn sie von ihren Anhänger euphorisch vergöttert, bedingungslos verehrt und selbstlos beschützt wird. Zugleich bekennzeichnet einen Fetischisten die gefährliche Übersteigerung seines Fetisches. Dies bedeutet, dass der Fetischist unumgehend Klage erhebt, wenn sein Fetisch kritisiert oder sprichwörtlich zerrissen wird. Denn wer seine Identität stehle, attackiere persönlich den Mensch hinter dem Fetisch. Dies offenbart die Hilflosigkeit und fatale Abhängigkeit des Fetischisten gegenüber seinem Fetisch.
Nun beugt sich auch noch die Deutsche Oper, der Hort für aufgeklärte Menschen, dem Wunsch eines ungebildeten, zügellosen, unbeherrschten und religionsfetischistischen Mobs. Wo driftet eine Welt hin, deren Bewohner nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden können, ja beides vorschnell gleichsetzen, ohne die Auswirkungen ihres Fehlverhaltens zu bedenken? – Ins Irrenhaus, würde man meinen, doch weit gefehlt: ins Etablissement, in die Salons und die massenkulturtaugliche Verankerung. Seit Fernsehen die Realität verwässert, bestreitet auch niemand mehr die Existenz eines Allmächtigen, der die Geschicke der Welt lenkt. Der Zulauf der Religionen widerspiegelt die gesellschaftliche Identitätskrise. Plötzlich gilt es wieder als chic, eine aufgefrischte aber immer noch dogmatische Religion zu kultivieren.
Was uns als Freidenker dabei beängstigt, ist die Radikalisierung, Instrumentalisierung und Fundamentalisierung der Religion. Vor allem der Islam sollte dringendst reformiert und aufgeklärt werden. Doch der Mob kann dieser Zusammenbruch seiner Identität nicht aus den eigenen Taschen bezahlen. Viel mehr überhöht er seinen Fetisch und erklärt ihn zur Allmacht ausser Konkurrenz und Kritik. Dieser Fetisch beunruhigt uns sehr.
ARTE, das Bildungsfernsehen, welches sich selbstbewusst von der Masse abgrenzt und seinen Zuschauern ein Gefühl eines aufgeklärten Elitismus versprüht, dokumentierte gestern humorvoll, wie die Visionen Star Treks, die zumeist aus einer Not entstanden, Tüftler und Wissenschaftler aller Welt inspirierten, welche unsren Alltag massgebend beeinflussten. Dabei porträtierte Julian Jones für ARTE unterschiedliche Köpfe, die namhafte Entwicklungen innerhalb ihres Fachgebietes beschleunigten.
Der Erfinder des handlichen Mobiltelefons, Marty Cooper, welcher durch den schnurlosen „Kommunikator“ Star Treks dermassen begeistert war und noch heute ist, dass er sofort selbst solch ein praktisches Gerät entwarf, krönte die Synthese zwischen Fantasie, Vision, Utopie Star Treks und der Realität. Er verwirklichte Star Treks Vision des „mobilen Menschen“, welcher jederzeit kommunizieren kann.
Ebenso verbindet die NASA mit Star Trek eine intime und gegenseitige Freundschaft, indem Star Trek den Forscher eine potenzielle Zukunftsvision vermittelt und sie folglich ermutigt, auch weiterhin an ihren Problem zu knobeln. Also bedankte sich die NASA bei Star Trek für das unerschöpfliche Reservoir wissenschaftlicher Inspiration mit der Taufe des ersten Space Shuttles auf den berühmten Namen „Enterprise“.
Die Sendung wird am 2. Oktober 2006 um 17.20 Uhr wiederholt und den zweiten Teil überträgt ARTE heute Abend um 19.00 Uhr.
Wenn Menschen leiden, sich unglücklich und verfolgt fühlen, empfängt sie der lokale Extremismus mit offenen Armen. Darum konnten die Nazis aufgrund diverser Faktoren während der Dreissiger ins politische Etablissement aufsteigen. Zum Einen belastete das „Versailler Diktat“, zum Andren die Weltwirtschaftskrise den armen und einfachen Mann an der Basis. Solche summierte „ungünstige“ Faktoren verhelfen extremistischen Gruppierungen zu offiziellen Wählerstimmen. Diesbezüglich änderte sich auch heute nicht viel. Vergleich:
Wenn die Bevölkerung über keinen Wasserzugang verfügt, grösstenteils sogar noch arbeitslos vergammelt und ständiger Repressalien einer wohlhabenden, Wasser trinkenden und McDonald’s Kost essenden Nation ausgesetzt ist, bündelt und stärkt dies unausweichlich die extremistischen lokalen Kräften. Dieses offensichtliche Beispiel konstatieren wir im Palästina-Konflikt, welcher schon seit der israelischen Staatsgründung andauert.
Wenn bildungsferne, gelangweilte und arbeitslose Unterschichtler den materiellen Wohlstand ihrer Mitmenschen beneiden und nicht mit dem verglichenen finanziellen Niveau gleichziehen können, beanspruchen sie einen Sündenbock, der ihr Verderben verantwortet. Sie selbst würden ihr Fehlverhalten und ihren mangelnden Anpassungswillen nie eingestehen. Die extremistischen Kräften beichten ebenfalls nie den wahren Grund einer gegenwärtigen Misere, sondern versuchen aus dieser nur ihre extremistischen Ideale zu verwirklichen oder wenigstens temporären Zuspruch dafür im Volk zu erhalten. Dieses bedrohliche Beispiel geistert als braunes Gespenst durch Ostdeutschland.
Extremismus kann verhindert werden, wenn Menschen nicht mehr ertragen müssen, dass andere Menschen massiv, mutmasslich auf ihren Kosten, überbevorteilt werden. Anderseits dürfe es nicht zum hauptsächlichen Sinn der menschlichen Existenz verkommen, sich alldauernd mit andren Menschen zu messen, wie jüngst Mathias Binswanger in seinem neuen Buch, „Die Tretmühlen des Glücks“, bemerkte.
Extremismus beginnt also immer dort, wo die eigene Unzufriedenheit herrscht. Folglich sollte man die Unzufriedenheit minimieren. Die unterschiedlichen Instrumente und Institutionen zum kollektiven Glück besitzen wir schliesslich.
Die Folgen der Industriellen Revolution haben sich für die Menschheit als eine Katastrophe erwiesen. Unsere Lebenserwartung ist dadurch in den “fortgeschrittenen” Ländern bedeutend gestiegen, gleichzeitig aber trat infolgedessen eine Destabilisierung der Gesellschaft ein, das Leben wurde unerfüllt, die Menschen gerieten in eine unwürdige Abhängigkeit, diese Entwicklung hat zu weit verbreiteten psychischen Problemen geführt (in der Dritten Welt auch zu organischen Krankheiten) und der Natur wurde unermesslicher Schaden zugefügt. Die kontinuierliche Entwicklung der Technologie wird die Lage weiter verschlimmern. Mit Sicherheit wird die Menschheit in noch grösserem Masse abhängig werden und es werden noch gewaltigere Naturschäden auftreten. Wahrscheinlich werden sich die soziale Entwurzelung und die psychologischen Probleme noch verstärken und schliesslich auch in den “fortgeschrittenen” Ländern zu einem Anstieg von Krankheiten führen.
Theodore J. Kaczynski, besser bekannt als der „Unabomber“, terrorisierte von 1978 bis 1995 die USA mittels Briefbomben. Seinen Terrorismus rundete er mit dem 1995 veröffentlichten Manifest ab, von welchem wir zuvor den ersten Satz zitierten. Das Manifest können sie auf dieser Webseite selbst nachlesen:
http://www.roteswinterhude.de/zukunft.pdf
Als radikaler Dissident stellte er offen das von ihm benannte „System“ in Frage, welches gänzlich von der Wirtschaft dirigiert wird. Er liess sich, nicht ersichtlich aber offensichtlich, von Guy Debords Hauptwerk, „Die Gesellschaft des Spektakels“ inspirieren, denn viele Gedanken wiederfindet man auch in seinem Manifest. Er plädierte ehrlich für eine „Revolution“, doch die leicht-verständlichen und massentauglichen Rezepte lieferte er uns nicht mit.
Schon 1967, im zarten Alter von 25 Jahren, wurde der hochbegabte Jüngling zum Assistenzprofessur der Berkeley Universität berufen. Jedoch brach er schon zwei Jahre später seine Lehrtätigkeit ab. Er dokumentiert mit seinem bewegenden Lebenslauf augenscheinlich, wie es einem hochsensiblen und empfänglichen Menschen ergeht, der das „System“ durchblickt und an ihm letztendlich zerbricht. Im Augenblick jedoch fristet Theodore J. Kaczynski seine lebenslängliche Freiheitsstrafe im Hochsicherheitsgefängnis ADMAX Florence ab, weil bei seinen bisherigen Bombenattentate drei Menschen starben und 29 verletzt wurden.
http://de.wikipedia.org/wiki/Theodore_Kaczynski
Im Grunde genommen, diese wusste schon Schopenhauer, „lebt jeder in seiner eigenen Welt“. Zwar atmen wir alle Luft derselben Erde, doch dem Individualisierungswahn haben wir zu verdanken, dass sich heutzutage die Menschen frenetisch untereinander abgrenzen und sich in kleinen Gruppen verbrüdern sowie verschwestern. Wenn Politiker uns eine „Parallelgesellschaft“ aufhalsen, dann werfen sie assimilierungsunwilligen Immigranten vor, sie würden sich nicht konformistisch in die Gesellschaft integrieren. In andren Worten: sie arbeiten nicht! Dabei vernebelt dieser politische und dementsprechend polemische Begriff das Kernproblem unser individualisierten Gesellschaft:
Von allen Seiten wird eine Individualisierung erwartet und folglich muss man sich individualisieren. Die Wirtschaft unterstützt uns zusätzlich, nicht ohne Eigeninteressen, in der permanenten Individualisierung. Doch nun sind alle so verbissen und versessen darauf, etwas Besonderes sowie Individuelles zu verkörpern, dass sie sich nur noch mit gleichgesinnt besonderen Menschen zusammentun. Während der Jugend formieren sich die Menschen noch anhand der Musik, aber später spalten sie sich aufgrund ihres Einkommens, ihrer Religion, ihrem Familienstand oder ihrem Lebensstil auf.
All die Menschen, die sich trennen und wieder vereinen, kommunizieren nur verkrampft mit Menschen, die nicht ihrer Gemeinschaft dazugehören. Man verweilt lieber unter Seinesgleichen und scheut Kontakt mit Andersartigen. So schnell entstehen die berüchtigten Parallelgesellschaften, welche sich nicht mehr an eine Ober-Gesellschaft orientieren, sondern eigenbrötlerisch und selbstversunken innerhalb ihrer Gruppe etwas tüfteln und nach ihren Lebensmaximen handeln. Dadurch wankt und schwankt die altbekannte und zunehmend verpönte gesellschaftliche Solidarität. Niemand beglaubigt und beschwichtigt solche Werte, die das Wohl der Mitmenschen dem eigenen Wohl vorziehen. Dabei entsprang die Zivilisation doch aus einem gesellschaftlichen Prozess und die antiken Griechen ahnten schon, dass der Mensch ein Herdentier sei. Dies alles opferten wir dem scheinheiligen und oberflächlichen Individualisierungszwang.
Wir sind die Unverbesserlichen, die Aufklärung und Gemeinwohl beanspruchen, jedoch die Welt nicht verbessern, aber Missstände innerhalb unser zerfallender Gesellschaft aufdecken wollen.
Wir sind die Verstörten einer uns entgleisten Welt, mutmasslich sind wir schon längst korrumpiert, trotzdem wühlen wir Unliebsames auf und befördern es dadurch an Oberfläche.
Wir sind frei, doch zäunen wir uns in bestimmte Kategorien ein: Begrifflichkeiten, Blätterwald, Blogosphäre, Gesellschaftskritik, Jugendlichkeit, Kunst, Literaturwerkstatt, Metaphysik, Politik, Rezensionen, Satire, Wirtschaftswelt und Wissenschaft. Wir behalten uns das Recht vor, die Kategorien laufend zu erweitern oder notfalls einzelne gar gänzlich aufzugeben.
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Der Herausgeber, David ‚bd‘ Berger.