Im ersten Teil interpretierten wir die Literatur als Zeugnis einer Zivilisation, die erwachte, um den Schmach der Selbstreflexion würdevoll zu meistern, gleichsam aber mithilfe der Literatur ein Instrument entwickelte, welches den Menschen Ausbruch, Sinn, Bestätigung, Identifikation und Geborgenheit zu vermitteln sucht, währenddessen das Leben der Menschen im Alltag nach allen Manieren der Ordentlichkeit und Struktur sich weiterführt.
Wir vereinfachten im letzten Beitrag die unterschiedlichen Literaturgattungen, wollten so dem Leser Überblick über einen Kulturbetrieb schaffen, der lebendiger nicht sein könnte, aber in einem einzigen literarischen Werk sich erstarrt, wundervoll weiterhin sich öffnet, auf dass man in kommenden Jahrhunderten ein mutmasslich längst vergessenes Werk von Neuem lesen kann, schliesslich verlangt Lesen eine Interpretation, welche das Werk mit neuem Sinn ehrt. Wir lesen heute noch begeistert aus den antiken Werken vertraute und zeitgemässe Gedanken aus, verleihen so einem verstaubten Werk neuen Geist respektive Sinn, denn ein Werk überdauert Epochen, endet demnach nie, es sei denn, es wird nicht gelesen.
Bevor die Literatur aber zum Gegenstand überhöhter Abstraktionen verkommt, sollten wir zurückblicken, wie Literatur im letzten Artikel skizziert wurde: nämlich als persönliches Ausdrucksschaffen, eine Zeitgeistdokumentation, eine Momentaufnahme, ein flüchtiger Blick in eine vergängliche Welt mittels einer ganz persönlichen Weltsbetrachtung, im engsten Sinn ein Kunstwerk; persönlich, individuell und eigenhändig unterschrieben, trotzdem verantwortet immer der Zeitgeist und die Gesellschaft ein Werk jedes Einzelnen, ausgenommen er lebt isoliert, buchstäblich weltfremd oder in einem Elfenbeinturm mit Seinesgleichen.
Die Literatur wünscht, sich bei gesellschaftlichen Diskussionen zu beteiligen, literarisiert sie soundso mit dem Anspruch, gegenwärtige, geistige Strömungen aufzufangen, ein bisschen mitzuschwimmen, aber sie letztendlich gekonnt, passabel und zielgruppengerecht auszudrücken. Immer wieder deutet Literatur auf Diskussionen hin, manche Bücher sind mit lauter solchen Anspielungen angereichert, sichtlich eifert der Bildungsexhibitionismus, aber auch die Ambition, seine Ideen und Anschauungen in aktuelle Diskussionen einfliessen zu lassen, motiviert das Unterfangen Literatur.
Die von uns idealisierte Literatur beansprucht, dem etymologischen Ursprung des Begriffs Literatur Treue erweisend: insbesondere seien hierbei die wissenschaftlichen Journale genannt, welche die neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen, Entdeckungen und Diskussionen austauschten, Gedanken und Ideen anschaulich, unterhaltend aber auch belehrend zu verbreiten. Literatur als Medium erfüllt den Zweck, dem Volk schmackhaft Ideen zu verkaufen, für welche es sich im Normalfall nicht begeistern liesse.
Versprengte Grüne und gleichgesinnte Dilettanten klopfen sich heute noch auf die Schultern, dass sie das sechste AKW verhindern konnten. Ein Trugschluss, der sich erst jetzt zeigt, weil die fünf noch aktiven AKWs bald ihre Laufzeit überschreiten, folglich ausgemustert werden müssen, ohne dass eine greifbare und vom Volk beglaubigte Alternative die Lücke kompensieren könne. Leider wird der Stromverbrauch der Schweiz laut dem politlog.ch zukünftig sogar noch um 23 Prozent ansteigen. Die Lücke, die die in zwanzig Jahren vollständig abgeschalteten AKWs hinterlassen, klafft tief und weit. Wer nun nach Stromimporten ruft, gleichzeitig sein ökologisches Gewissen beruhigen möchte, irrt sich, denn auf Atomstrom wird vor allem beim westlichen Nachbar gesetzt. Sowieso widersprechen Stromimporte dem soundso überholten Wahlspruch der Schweiz, die bedingungslose Unabhängigkeit zu wahren.
Die Stromproduzenten beschäftigen sich heute schon mit der Situation in zwanzig Jahren und prognostizieren, dass man, weil politisch Atomkraftwerke umstritten seien, notfalls auch zu Gas- und Kohlenkraftwerke greife, deren ökologische Leistungsbilanz trotz modernster Technik immer noch von uns als unzureichend gekennzeichnet wird. Für den Bau neuer Atomkraftwerke müssen wir uns demnach beeilen, denn bekanntlich dauern Bewilligungsverfahren in der Schweiz Jahrzehnte und der Bau selbst beansprucht auch noch seine Zeit, wenn wir den Strom-GAU in zwanzig Jahren abwenden möchten.
Hier taugt die Kernenergie als relativ sichere Übergangslösung, wobei wir diesmal bestätigen, dass so etwas wie eine totale Sicherheit nur als Illusion überhaupt existieren kann, denn ein Restrisiko bleibt bei jeder Stromgewinnung bestehen, selbst bei Windkraftwerken, denn wer garantiert schon einen ewig wehenden Wind? Dass die Kernenergie in ihrer Technik bald auch veraltet, gestehen wir ebenfalls, daher wollen wir die Erforschung der Kernfusion im nahen Frankreich unterstützen, sie verspreche zumal die endgültige Erlösung vom menschlichen Energieproblem für die nächsten zweihundert Jahren.
Nachdem wir bereits früher bemängelt hatten, dass die heutigen Stars sich von uns Normalsterblichen gar nicht mehr unterscheiden, prangert heute auch Noel Gallagher in der Berliner Zeitung die Stars an, sie reden den Menschen dauernd ein, sie seien so wie sie. Die Distanz, die früher offenkundig zwischen den Stars und den Normalsterblichen klaffte, wurde mithilfe von Casting-Formaten und dem Internet überbrückt. Noel Gallagher beteuert:
«Die Leute verlangen nach Rockstars. Wenn du von der Schule heimkommst, brauchst du die Gewissheit, dass es irgendwo da draussen Leute gibt, die aus Cowboy-Stiefeln Champagner trinken, während sie von Kronleuchtern schwingen. Das gibt dir einen Grund zum Leben. Du willst nicht heimkommen und dir überlegen, was Thom Yorke (von Radiohead) heute wohl gemacht hat. wahrscheinlich ist er auf eine Demonstration gegangen, weil ein Igel sich das Bein gebrochen hat, also unterstützt er jetzt eine Kampagne für Verkehrberuhigungsmaßnahmen in der Nachbarschaft … Fuck off!»
Wir befinden, dass die Stars von Morgen wieder sich exzentrischer vom gemeinem Volk abheben sollen, dadurch dem Volk auch Orientierung gewähren, dass es nun halt Volk ist und Volk bleibt, sich demnach nicht von falschen Träumen verführen lässt, es könne auch wie ein Star leben, denn eine Gesellschaft voller Stars erübrigt die Sehnsucht und die Reize, die ein Starleben auszeichnen.
Vorausahnend prognostizierten schon viele grosse Denker (Machiavelli, Kant), dass wenn der Mensch von Gott abfällt, von ihm zurückweicht, er schliesslich zum Räuber verkomme, welcher ungesittet, ungehorsam und ohne Acht auf das verbindliche und uns letztlich zusammenschweissende Gesetz des Staates wütet. Demnach überrascht es uns nicht, wenn immer mehr Menschen auch auf Erden nicht mehr Geld und Reichtum in ihrem Dasein motiviert, sondern religiöse Gefühle überragen.
Dass der Mensch ein metaphysisches Bedürfnis hegt, ist auch wie vieles sonst keinesfalls neu. So unterrichtete uns bereits Schopenhauer in einem einzelnen Band seines Hauptwerks “Die Welt als Vorstellung und Wille” über das seit je her zeitgemässe, aber immer noch akut unbefriedigte metaphysische Bedürfnis des Menschen. In die heutige Zeit versetzt gelangt diese Erkenntnis, dass auch der Mensch sich nicht alleine durch den materiellen Reichtum befriedet sieht, zur einer eindrücklichen Aktualität. Gerade jetzt, wo man dauernd klagt und weht, die Welt entgleise und verändere sich, alles hänge nur am Geld und nichts mehr eifert dem Geistigen nach, suchen die Menschen vermehrt Erfüllung in den geistigen Alternativen, sei es in der Religion, die sich im übrigen rüstet, wennschon sich die meisten schwertun, eine Verbindung zwischen Geist und Materie einzugehen, dem Menschen Sinn zu stiften oder in der Esoterik, eine populärere, aufgefrischte und hedonistisch angereicherte Ersatzreligion, welche dem Menschen einen variabel anwendbaren Sinn in der Welt und im Leben vergütet.
Anhand Gegenwartsbeobachtungen, selbstgefällig im Streben, Sinn im Leben zu finden, folgern wir, dass es niemals so schwer wie heute war, überhaupt Sinn aufzustöbern, Sinn zu verwerten und Sinn zu entdecken, konkurriert man schliesslich dauernd mit dem extravaganten Sinn der Mitmenschen. Jeder wettstreitet über die Exklusivität seines Sinns, im Trachten den Andren möglichst zu übertrumpfen, rechts zu überholen. Das allgemeine Streben nach Sinn wird dadurch beschleunigt, aber trotzdem nicht gestillt. Soundso führt dies zu einer Entfremdung von der ursprünglichen Bitte, das metaphysische Bedürfnis zu befriedigen.
Der Wertverlust, die gelockerte Strenge der Erziehung und schwindende gesellschaftliche Moral werten die Sehnsucht nach Metaphysik auf. Nun werden wieder die althergebrachten Forderungen lauter, die Strenge in der Erziehung zurückzuführen, patriotische Werte in Zeiten der Globalisierung wiederzubeleben und eine neue, allübergreifende Moral zu zimmern, die ihrerseits alle im Zeichen des metaphysischen Bedürfnis des Menschen basieren. Diese Rückbesinnung auf Werte, andersherum auch eine Wiederkehr von Autorität und Disziplin, Kultur und Glaube verschuldet das jahrelang unterdrückte metaphysische Bedürfnis des Menschen, welcher sich seit der letzten grossen Kulturrevolution in Europa (1968) nur noch auf die Geldvermehrung und auf das Karrierebewusstsein als Ersatzreligionen beschränkte. Demnach darf man nicht klagen, dass die Religionen erstarken und die Sinnstifungs- und Freiheitsverwertungsindustrie ungehemmt wachsen.
Angenommen, sie und ich, wir beide stellten uns die Welt nur vor, schliesse dies mit ein, dass wir beispielsweise Farben nur als Farben vorstellen, die Vorstellung der Farben demnach unser Gehirn produziert, selbstredend Gesetzen unterliegend, die wir meistens alle miteinander teilen, obgleich wir den eigentlich Programmcode, welche “Lichtstrahlen” wir als welche Farben umdeuten, noch nicht entschlüsselt haben. So dürfen wir uns die Welt nur als Produkt unser Vorstellung interpretieren.
Interessant kann aber die Frage sein, ob sich unsere Weltvorstellungen intersubjektiv gleichen, deine und meine, oder ob sie sich unterscheiden, und wenn, wie sie sich unterscheiden. Beim Farbenbeispiel können wir uns einigen: wir alle sehen rot als rot. Nur einige Minderheiten, denen aufgrund eines genetischen Defekts verunmöglicht wird, Farben wie wir sie kennen als solche wahrzunehmen, widersprechen dieser Regel.
Ein einsamer, von Verwandten verlassener Waise kauert demütig in einer Anstalt, in der eingewiesen wurde, weil auf der Strasse verwahrlose er. Tagsüber verrichtet er Frondienst zugunsten der Allgemeinheit; er mäht den Schulsportrasen, kürzt den Friedhofshecken und budelt für ein staatliches Beschäftigungsprogramm ein Loch aus, welches er am nächsten Tag wieder zuschütten muss. Nach geschaffter Arbeit speist er zuerst, schliesslich muss auch er genährt und gestärkt werden, verdaut seine Anstaltskost und kreist in einer halben Stunde, bei jeder Witterung übrigens, um die Anstalt. Sobald er heimkehrt, entspannt er sich kurz auf seiner Liegematte, blickt später sehnsüchtig und verträumt, den Ellbogen an der Fensterbank abstützend, zum Himmel hinauf und sinniert:
Unausweichlich stellt er sich die Frage, die ihn seit je her beschäftigt; ob gleichgültig was mit ihm geschähe, er immer der einzige sei, der so denkt, fühlt und handelt wie er, ob tatsächlich alles nur seiner Vorstellung unterliegt, diese Welt, wie er sie konstruiert, nicht entdeckt übrigens, denn Entdecken setzt gewissermassen voraus, die Welt funktioniere nach objektiven, systematischen und universalen Gesetzen, die wir auch begrifflich und handgreiflich buchstäblich entdecken können und ob ihn seine Vorstellung nicht täusche. Auch erkundigt er sich danach, ob jenseits seiner Vorstellung etwas Allgemeingültiges auf sich wartet, um diesmal entdeckt zu werden, etwas, das alle Menschen entdecken können, sofern sie nur wollen.
Der Waise wird jedoch dauernd, sobald er grübelt und knobelt, mit einem Dilemma konfrontiert, das er nicht so schnell abschieben kann, wie es ihm eigentlich genehm wäre: ihm fehlt schlichtweg eine konsistente Theorie, eine deterministische Weltanschauung, die verheisst, dass die Welt nicht nur eine Vorstellung ist, sondern einem System abhängt, dementsprechend auch systematisch abläuft und sich strukturiert. Diese Stütze einer konsistenten Theorie kläre ihm möglicherweise die Frage auf, ob ihm die Vorstellung nur einen Spuk spielt oder ob sich hinter dem wahrlich etwas verbirgt, das er nicht erkennen, nicht konstruieren, letztendlich nicht vorstellen kann, sondern entdecken muss.
Er wäre sehr beruhigt zu erfahren, seine Vorstellung äussern auch andere Menschen, gleichwohl welche, Hauptsache welche. Dies mindere das Einsamkeitsgefühl, aber auch die Ohnmacht, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, nur selbst die Welt subjektiv zu ermessen, zu konstruieren, also vorzustellen, ohne von einer Systemtheorie unterstützt zu werden. Der radikale Konstruktivismus eignet sich einfach nicht für den Waisen, der soundso auf sich selbst beschränkt ist, scheinbar autonom und ohne Umfeld, geschweige davon von einer Sozialisierung respektive Vernetzung profitierend. Schliesslich müsste der Waise, um seine Rolle und seine Identität zu bestätigen, auf ein Umfeld zurückgreifen, weil sein Vater als Sinn- und Identifikationsstifter schon früh verstarb. Somit beklagt sich der Waise, auf sich selbst fixiert, konstruierend, phantasierend und vorstellend, über einen Orientierungsverlust, wenn er sich nicht vergewissern kann, dass abseits seiner Vorstellung manche Menschen seine Vorstellung in gewissen Einzelpunkten zustimmen.
Täglich wiederholt sich das Schauspiel seiner Weltbühne: sind seine Vorstellungen allgemein wahr oder nur für ihn wirklich, können sich auch darüber hinauswachsen, dass sie nur Vorstellungen sind. Er müht sich jeden Abend damit ab, eifrig zu forschen, ob etwas existiert, dass auf jedes Subjekt, welches Vorstellungen hegt, anwendbar ist, etwas Universelles, Allgemeingültiges, Absolutes für den Menschen, auch wenn es nur Farben sind, die wir alle übereinstimmend vorstellen, irgendetwas muss einfach existieren, stöhnt er fortan. Die Menschen übrigens, vernetzt und sozialisiert in ihrem Umfeld, handeln den Konsens, was nun tatsächlich als wahr existiert, dauernd neu mithilfe der Sprache aus.
Bedrückend wirkt nur, dass der Waise von diesen Prozessen ausgegrenzt ist, ein vereinsamtes Einzelleben führt, ohne sich am Disput beteiligen zu können. Auch wüsste er nicht, ob er sich überhaupt beteiligen wolle, schliesslich, auch wenn das Umfeld zu einem Konsens der Wahrheit zusammenfindet, entwerfe ein anderes Umfeld einen variierenden und abweichenden Konsens der Wahrheit, immerhin behaupten dies der kühle Relativismus. Zugleich wenn alles letztlich relativiert werden kann, senden auch seine und fremde Vorstellungen keine Gültigkeit, aber bewahrheiten sich immerhin subjektiv, denn so viel steht geschrieben: den Zweifel an der eigenen Erkenntnisfähigkeit kann nicht widerlegt werden, auch wenn sie nur Vorstellungen betreffen, die lediglich subjektiv wirklich sind. Leider muss der Waise seine Erkenntnis mit andren, nun aber mit einem nicht vorhandenen Umfeld versöhnen, abstimmen und abgleichen, sofern er sich auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen möchte, so ungefähr, bis sie sich alle Teilnehmende wieder in die Arme fallen, um Gesichertes zu sprengen, vermutlich um Neues zu konstruieren, jeder seiner Vorstellung folgend, ohne aber die Quellen sorgfältig zu beachten, wie der Waise übrigens gepeinigt feststellen musste. Seine versiegelte vorzeitig, ende und verende, ächzt er, sende und blende, werde und klemme, so viel und so vieles wie du nur kannst.
Dass wir die Literatur überhaupt entwerfen können, zeugt von einer ausserordentlichen Zivilisation, die über Triebvergegenwärtigungssorgen wuchs, folglich als Luxusprodukt eingeordnet wird, welches wir hier im Westen übrigens ausschweifend, masslos und verschwenderisch leisten, ohne sich daran zu erinnern, dass dieser gegenwärtige, überfüllte und unsättigender Zustand mühsam buchstäblich erkrampft, erarbeitet und erschuftet werden musste.
Wir als Zivilisten, selbstredend in der Rolle des Rezipients, interpretieren Literatur nicht nur, wir stillen mit ihr auch die Bedürfnisse nach Weltlichkeit, Ausbruch, Sehnsucht und Geborgenheit. Literatur erfüllt wie die Kulturindustrie allgemein, als Teil ihrer freilich, das menschliche Bedürfnisse nach Erholung, Genesung und Ablenkung, andersherum nach Eskapismus, um einer entgleisten und vielfältigen Welt Herr zu werden, die, so der beliebte Anschein, sich von unser Kontrolle drückt.
Die Literatur, verwandt mit Fernsehen, überbrückt, vereinfacht und reduziert die Welt, die wir bekanntlich nur, ebenso beschwerlich, physikalisch ermessen können, auf eine überschaubare, kompakte und handliche Welt, die wir in der Literatur wiederfinden. Sie erhebt wahlweise den Anspruch der Belehrung, Unterhaltung oder der Interpretation der Welt. Für jedwede Zielgruppe wurde ergänzend ein Paket geschnürt, das jeden Geschmack bedient und jedem Anspruch genügt. Mit freudiger Anteilnahme werden die Pakete entpackt, zerlegt und sorgfältig aufbewahrt, gelte es doch, Bücher wie Schätze auszustellen und bei Bedarf stolz vorzuzeigen.
In der Gegenwart dominieren zwei literarische Strömungen: die einte Strömung operiert mit dem Anspruch, die Dinge abzubilden, wie sind sie, also realistisch, erzählt demgemäss von rührenden Schicksalen, Erlebnissen und frustrierenden Erkenntnissen des Autors. Sie interpretiert und determiniert zudem die Welt, verkleinert sie, damit jedem Zugang zu dieser selbst ergründeten Welt gewährt bleibt. Die zweite Strömung befasst sich mit dem Ausbruch von der Realität, sie ist fantastisch, erwirkt anmutiges Schwärmen und möchte die Welt hinter sich lassen, um variabel eine heile oder noch schlimmere Welt zu kreieren, die manchmal nach denselben Gesetzen wie in der “Realität” funktioniert, oder im Zweifelsfall eigene baut. Sie fungiert letztlich selten der Belehrung, gelegentlich nur als Ermahnung, sondern in erster Linie der Unterhaltung, während der realistische Roman hauptsächlich belehrt und aufklärt.
Wir setzen Literatur eigentlich mit Fernsehen gleich, denn beide teilen denselben Anspruch, gleichgültig ob Belehrung, Aufklärung, Weltinterpretation oder Unterhaltung. Hingegen wird die Literatur meistens von einem kultivierten Publikum beigezogen, nicht nur um ihre teuer erkaufte Bildung zur Schau zu stellen, sondern auch weil sie sich dadurch von einem fernsehguckenden Pöbel abzugrenzen suchen, zumal dies, wie könnte es denn anders sein, kostbare und rare Identität bildet. Literatur dient demzugrunde auch zur Identifikation. Aber auch die Figuren der Literatur verhelfen den Menschen zu Identität. Alles in Allem verrichtet die Literatur Identifikation, Trost, Hoffnung und auch Zeitgeistdokumentation.
Um eins vorwegzunehmen, es läge nicht in unsrem Interesse, die Geschlossenen Gesellschaften an sich abzuschaffen, erlauben sie uns doch, unliebsame und störrische Querulanten bequem und gesellschaftlich legitimiert abzuschieben, bis sie wieder reifen, sich ordentlich anpassen, um sie letztlich wieder im Arbeitsprozess integrieren, denn ausgenommen der Arbeit besitzen wir keine systemübergreifende Parteilinie, der wir alle geeint zustimmen könnten.
Auffangbecken Geschlossene Gesellschaft
Die Geschlossenen Gesellschaften, auch bekannt unter dem pathetisch sowie anmutig wirkenden Begriff Panoptikum, komprimieren gesellschaftliche Prozesse und Probleme auf einen engen Raum, der unter anderem von selbst ernannten Helfer begleitet wird, ständig mit dem seligen (Gottes-)Glauben propagierend, man möge doch das Leid der Kunden schmälern. Nebst der vorschriftsgemässen Heilung von namentlich Kranken, hauptsächlich psychisch kranken Menschen, die laut Anklage nicht mehr befähigt sind, sich ohne Widerrede in den Arbeitsprozess zu einverleiben, letztlich wieder der Gesellschaft zu dienen, strafft die Institution Geschlossene Gesellschaft die Gedanken der Menschen Wer negativ auffällt, sich entweder kruden Verschwörungstheorien hingibt oder anderweitig Sittenwidriges äussert, muss damit rechnen, dass er früher oder später in eine Geschlossene Gesellschaft gegen seinen Willen (ein Euphemismus: FFE, fürsorglicher Freiheitsentzug) eingeliefert wird, so aber auch den bekanntlich langsamen und schwerfälligen Mühlen der Psychiatrie ausgeliefert ist.
Strukturierte, programmierte und gespielte Stabilität
Der Tagesrhythmus einer Geschlossenen Gesellschaft wird durch die eiserne und gedrillte Struktur geprägt, der sich niemand entziehen kann. Man sucht so den Patienten Ordnung und Stabilität in einem sonst so aufgewühlten Leben in einer dementsprechend unruhigen Zeit zu verhelfen. Die Tagesabläufe wiederholen sich zwar dauernd, doch man strebt eine gewisse Abwechslung herbeizuzaubern, die darüber hinwegtäuscht, dass man eigentlich ohne eigenen Wille in dieser Anstalt haust. Gesellschaftliche Programme, intern beschönigend als “Aktivierung” deklariert, ermöglichen den Kunden den sozialen Kontakt mit seinesgleichen, erhöhen gleichsam dadurch bedingt auch die Stabilität sowie das Vertrauen in das gegenwärtige Umfeld respektive Milieu. Wurde jedoch ein Mensch mit der volkstümlichen Diagnose “Halb-Krank” beziehungsweise an der Schwelle zum Kranksein etikettiert, schmachtet dieser Mensch, der sich nebenbei oftmals vereinsamt und verlassen fühlt, nach Aus- sowie Abgrenzung aus dieser Geschlossenen Gesellschaft. Das einerseits befremdliche Milieu, von Sorgen und Leiden geprägt, das den zerfressenen Körper und den verstörten Geist hervorheben sowie das militärisch angehauchte Klima provoziert beim Halb-Kranken den eigentlichen Ausbruch seiner Krankheit. Er wäre gut geraten, hätte man ihn anderweitig weggesperrt.
Überforderte Therapie – Flucht ins Medikamentöse
Im Sinn und der Funktion solch einer Institut vertraut, befassen sich die Geschlossene Gesellschaften strenggenommen mit der linientreue Gedankengleichmacherei. In staatlichen Anstalten überwiegt nicht der Glaube an die therapeutische Heilung, sondern man eifert das Leiden zu minimieren, übt sich also in Schadensbegrenzung. Stillende und beruhigende Medikamente, generös im Volk als “schlimme Medikamente” verschrieen, begünstigen diesen Prozess, zumal die meisten Medikamente eine gefährliche Abhängigkeit mit sich bringen. Beispielsweise lässt sich klären, dass es im Interesse unser dominierenden Pharmaindustrie läge, abstrahierend sämtliche Heroin-Abhängige auf Methadon umzuschulen, verdiene sie und der Staat dabei, während sich der Heroin-Markt aus der Steuerpflicht und staatlichen Aufsicht entzieht.
Gefährdete Menschen
Schnell können wir klassifizieren, welche Menschen gefährdet sind, das Schicksal in einer Geschlossenen Gesellschaft hinzunehmen und welche nicht. In erster Linie züchtigt die Geschlossene Gesellschaft gehorsame, ergebende und arbeitswillige Menschen, die von der Lebensmaxime der Gesellschaft künden. Aber auch ganz sensible, feinfühlige Menschen, die die Welt ohne Schutz und bürgerliche Kälte erblicken, sind gefährdet, in Geschlossenen Gesellschaften zu verenden, weil sie die Welt nicht mehr verkraften können, so auch ihre eigene Welt gefährden und aus der Struktur herausbrechen, die uns alle immer wieder auffängt, vertröstet und ordnet, falls sich die negative Erlebnisse summieren. Diese feinfühligen Menschen werden dann zu Unrecht in Geschlossenen Gesellschaften untergebracht, streng mit der Hoffnung genährt, sie werden bald genesen und das Unheil werde vergleichbar mit einer Teufelsaustreibung, welche übrigens noch im 21. Jahrhundert praktiziert wird, verjagt. In erster Linie sediert (dämpft, beruhigt, stumpft ab) man solche Menschen, dass sie wieder einen Blick durch die Welt riskieren können, ohne an ihm zusammenzubrechen müssen.
Der Autor
Der Autor dieses Textes befasste sich in seiner Jugend intensiv mit dem Ding Psychiatrie, arbeitete er auch selbst in solch einer Unternehmung und ist tief mit der Thematik sowie mit der dazu gehörenden Problematik vertraut. Die suggerierte Satire kleidet sich nur satirisch, um die Tatsachen ein wenig augenzwinkend zu überblicken, ohne in die Wehmut und Demut vor dem Leben zu versinken.
Weiterführende Informationen
Wenn der Intellektuelle von sich aus spricht, beteuert er seine unbeschränkte geistige Freiheit und wünscht sich für die Andren Gleichheit herbei. Nicht unbegründet oder gar unverschuldet lastet etwas Kritisches am Begriff des Intellektuellen. Sie bezieht sich aus der Distanziertheit, mit dem der gewöhnliche Intellektuelle seine Rolle wahrnimmt, aber wird auch die bittere Resignation gekennzeichnet, die ein Intellektueller in der heutigen Gesellschaft erfährt, welche sich hauptsächlich mit ideologisch vorbelasteten und sonst so wohlklingenden Begriffen wie Erlebnis-, Risiko- und Spassgesellschaft, schliesslich die Gesellschaft des Spektakels, zusammenfasst. Daher darf hier von einer Bitterkeit, gewiss auch von einer Arroganz geredet werden, wenn der Intellektuelle sich seiner Intellektualität bewusst und sicher ist.
Wunschbild einer Rolle des Intellektuellen
Obendrein idealisierte der Intellektuelle seine Rolle in der Gesellschaft. In der Rolle des Unabhängigen und Freien schwebt er gerne über die Weltbühne, bekundet Misstrauen, lanciert Projekte, kritisiert das Systematische und prangert die Gedankengleichmacherei an. Diese Rolle bestätigt ihn, stellt er sie doch gerne idealisiert, aber dennoch schwärmerisch wie utopisch vor. Die Gesellschaft allerdings will sich nicht belehren lassen, denn ihre organische Funktionalität beweist sie täglich, indem sie schlichtweg funktioniert. Wenn hingegen Krisen die gespielte und vorgetäuschte “Harmonie” die Gesellschaft stören, sieht sich die Gesellschaft genötigt, Intellektuelle verkleidet als so genannte Experten zu konsultieren, welche dann bestätigt, stolz und ehrfürchtig (meistens vor dem Fernseher) unterrichten, wieso es überhaupt soweit kommen konnte.
Parallelgesellschaften der Intellektuellen
Die Intellektuelle fungieren als Marionetten, mutmasst das tendenziell halbgebildete Publikum mit feierlichem Hang zum Zynismus und stumpfen Antiamerikanismus, dazu zählen insbesondere die jungen Urbanisten, abtrünnige, aber wirtschaftlich bestens integrierte Kulturpessimisten und ideologisch verbrannte Extremisten jeglicher Farbe. Wir halten entgegen, dass Intellektuelle meistens in ihrer “eigenen Welt” hausieren, manchmal auswärts übernachten, dies allerdings nur mit dem Gedanken verbunden, man werde früher oder später wie sehnsüchtig erwartet heimkehren. Sie fühlen sich fremd, entfremden sich auch und viel schlimmer: die Gesellschaft entfremdet sie, indem sie sagt, für Intellektuelle besitzen wir keinen Sinn (demnach keine Rolle), wenn sie sich nicht der Wirtschaftlichkeit unterordnen. Nur wenn die Welt brennt, treten Intellektuelle hervor und doppeln nach, Alles habe sich so entstellt, wie sie insgeheim immer gewarnt hätten. Und nebenbei befriedigen sie ihren eigenen Drang nach Geltung und Sendung.
Der Intellektuelle als profilierter Berater
Gegenwärtig hält der Intellektuelle eine Beraterrolle per Anfrage inne. Er wird beansprucht, wenn es brenzlig wird, beispielsweise die Politik beziehungsweise die Wirtschaft moralisch oder ethisch versagte. Oder wenn unschuldige Menschen unfassbar massakriert werden. Ansonsten wendet er sich selten an ein breites Publikum, sondern er verkriecht sich mit Seinesgleichen in einer eigenen, bildungsversierten und -abgeklärten Welt. Plattformen für die Selbstdarstellung dieser von Bildungsbürger für Bildungsbürger gewährt das Feuilleton; der erhabene Kulturteil einer Qualitätszeitung, die mit dem Anspruch eines hartnäckigen, aber verbindlichen Intellektualismus’ operiert.
Organisierte Intellektuelle
Natürlich existieren auch Intellektuelle, die abseits einer verniedlichten Beraterrolle stehen und ihre Intellektualität verwirklichen. Sie gesellen sich auch dauernd mit Ihresgleichen. Der Vorwurf einer Abschottung aber scheint überdies ungerechtfertigt, brüten die Intellektuellen zwar nur verschanzt, trotzdem aber veröffentlichen sie letztlich ihre “Ergebnisse” der Konzepte, so dass eine potenziell interessierte Masse ihre Werke studieren kann. Sie organisieren sich mittels Denkfabriken, Interessenvereinigungen oder sind bei einer Universität oder einem anderem Forschungsinstitut angestellt. Das Internet erwirkt – es gründete ja in dieser Absicht -, dass die Ideen der Intellektuellen schneller und grenzenlos verbreitet werden können, zumal dies die Ideen der Intellektuellen erfrischt und belebt, weil geistige Inmobilität das Denken versteift und auf fixe Ideen beschränkt.
Diese Formel vereinfacht die Ich-Suche. Man weicht der eigentlich sonst so beschwerlichen Seinsfrage (DER DISSIDENT versuchte es beispielsweise) aus, indem man die Seinsfrage erübrigt und sie zu einem simplen Dasein entstellt. Dabei klärt die beliebte Formel “Ich bin Ich” nicht auf, was denn das Ich umschliesst. Häufig aber legitimiert man dadurch “nur” seinen Lebenssinn, gleichgültig wie er sich auch wiedergibt. Der Bequemlichkeit unterliegend könnte man dauernd unliebsame Fragen mit dieser einfältigen, abgenutzten und seit je her verbrauchten Formel abfertigen.
Identität durch Abgrenzung
Uns aber befriedigt diese Antwort nicht, wennauch wir die Frage stellen, wer wir sind, weil sie uns immer wieder beschäftigt. Früher, da glaubten wir, müssten wir uns den andren anpassen, damit wir nicht ausgegrenzt werden. Wir wollten teil etwas Grösserem sein. Und dies gelang uns auch. Später hingegen, frühsten zu Beginn der Pubertät, bemerkten wir, dass Uniformität noch lange nicht eine Identität bildet, die unser Wesen umschreibt, definiert, aber auch nach eigens für in sich selbst harmonierenden Grundsätzen leitet. Wir beanspruchten demnach die Absonderung aus der Masse. Auffallen um jeden Preis motivierte zusätzlich unser damaliges Unterfangen, selbständig eine eigene Identität zu konzipieren, und damit die Frage, wer wir denn seien, endgültig und befriedigend zu beantworten.
(Hierbei sei empfohlen, weiterführend den Artikel “Jede Gegenbewegung wird gezähmt” zu studieren, welcher voraussagt, dass jedwede Gegenbewegung früher oder später von der Massenkultur für wirtschaftliche und unterhaltende Interessen instrumentalisiert wird.)
Geschichtliche Ohnmacht
Identität und Seinsfrage wechselwirken. Wer zu wissen glaubt, wie er sich selbst reflektiert, stiftet überdies Sinn, aber beichtet auch, variierend nach Bildungshintergrund, dass wenn selbst die abendländische Philosophie seit 2500 Jahren rätselt, es gar nicht so einfach ist, endgültig zu definieren, wer man denn sei. Daher prädestiniert sich die profane Ausflucht, man sie schliesslich sich selbst, weil sie Frage schmalspurig umgeht.
Scherzfrage
Die Frage, wer wir eigentlich seien, ist eine Scherzfrage. Und die humoristisch angereicherte Antwort auf diese eindrückliche Frage behauptet, man sei sich selbst, was im übrigen impliziert, man weiss selbst nicht, wer man sei, denn ansonsten könne man diese Scherzfrage elaborierter erwidern. Stefan m. Seydel z.B. kontert (frei zitiert), was er sei, darüber wird er lebenslänglich knobeln, jedoch fällt es ihm umso leichter zu erkennen, was du seist!
Die Anforderungen an unsere eigentlich schlichte und einfältige Existenz steigern dauernd: zum einten muss man sich möglichst berührungslos in den Arbeitsmarkt integrieren, zum zweiten muss man der gesellschaftlichen Maxime nach Individualität Herr werden und zum dritten kämpft eine hartnäckige Bewusstseins-, Kultur- und Werbeindustrie um unsere Aufmerksamkeit.
Als ob wir nicht schon genügend Dinge summierten, die dem Menschen das Leben erschweren, erweckt die verspielte Welt mit ihrem überladenen Weltgeschehen, welches uns in einer Informationsflut erreicht, den Anschein, sie selbst verstünde sich auch nicht mehr. Und hier kauern wir demütig, blicken sehnsüchtig hinauf, vielleicht zu den Göttern, oder nach Hilfe, Ruhe und Orientierung, die uns abhanden kam.
Freiheit, das heisst, die Welt öffnete sich uns mit ihren Verheissungen und Versprechungen. Wir brauchen sie nur auszuwählen und für uns einzusetzen, dann nennen wir die Welt eigen. Pathetisch mutet es in der Tat an, die Welt zum Gegenstand unser Handlungen zu definieren und wir verkörpern, ja gar gestalten die Welt, die uns die Freiheit erduldet.
Freiheit, das heisst insbesondere aber auch, dem eigenen Denken und Dünkel unterliegend Entscheidungen zu treffen, die wir, so glauben wir, frei bestimmten. Aber die Vielfalt an Entscheidungsmöglichkeiten werden durch Nichts begrenzt, – hier lauert nur das Nichts, das sich einfügt, wenn wir die Entscheidungen verpatzen -.
Der Westen zeichnet sich dadurch aus, dass er den vermeintlich höchst-möglichen Grad der Freiheit gewährt: nirgends ist die Welt freier als im Westen, lautet die Weltregelung. Wer also Freiheit bedürft, siedelt in den Westen um. Die Freiheit zwischen Cola und Pepsi entscheiden zu können, versinnbildlicht aber nur die Spitze des Eisbergs. Die Freiheit wurzelt viel tiefer. Man ist hier auch frei, seinen Werdegang zu planen, denn theoretisch hindern uns keine Einschränkungen an unser Entfaltung. Wir war auch jene, die den Begriff “Selbstverwirklichung” erfanden. Aber genau dieser Begriff birgt die Gefahr.
Selbstverwirklichung will heissen, unbeschwert, freiheitlich, aber orientierungslos seine Existenz nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Selbstverwirklichung stellt aber gleichermassen den Anspruch, seine eigene Existenz besonderen Anforderungen anzulehnen, jedoch Anforderungen, die riskieren, uns zu überfordern, eventuell auch zu unterfordern. Harmoniert letztlich die “Realität” (welch schreckliches Wort) nicht mehr mit den selbst gehegten Vorstellungen respektive Anforderungen, bricht schnell eine Welt buchstäblich zusammen. Hier erst macht sich Selbstmord erkennbar.
Die Schweiz rühmt sich, den Bürger eine einzigartige Freiheit zu gewähren, sei es nur politisch, bezüglich der Selbstverwirklichung oder wirtschaftlich, denn die Schweiz, so ersinnt sich das Ausland, bade schliesslich im Geld. Die einzigartige Freiheit in der Schweiz verantwortet aber auch die einzigartige, aber befremdlich hohe Selbstmordrate unsres Staates. Die Freiheit, die man dem Bürger einräumt, vor allem in einer vielfältigen (euphemistisch: pluralistischen) Welt, muss von jedem Menschen einzeln und alleine verarbeitet werden. Daran scheitert er aber meistens und zieht den Rat diverse Freiheitsverwerter bei, die die Freiheit erklären, aufzeigen, was möglich oder unmöglich ist, Orientierung vermitteln, aber auch Sinn stiften.
Der Trugschluss, dem der Pakt mit der Freiheit folgert, wird erst ersichtlich, wenn man die nicht gerade frische, aber seit je her aktuelle Frage in die Runde wirft, wie viel Freiheit der Mensch eigentlich ertrage? Den Selbstmordzahlen zu Grunde liegend dürfte man frech und keck beantworten, die jetzige, masslose Freiheit lähme die Entwicklung des Menschen, weil er sich überfüllt, zugleich entleert und unbefriedigt fühlt, da alles möglich und erreichbar scheint. Er besitzt in diesem Sinne keine Grenzen mehr und übertreibt die Anforderungen an seine eigene Existenz.
Was nach aussen so schön glänzt, glitzert und voller Möglichkeiten strahlt, verrät sich nach dem Wegraspeln der tadellosen Fassade als eine Verschleissung, – die aber nur im Untergrund kommuniziert wird, seines Zeichens als Geheimwissenschaft zirkuliert, die zudem von der breiten Masse nicht wahrgenommen wird -, dass auch Freiheit nicht nur Gutes verheisst.