Zyklisch tagen die Potentaten der ökonomisch führenden Staaten der Welt. Dem Gipfel gehen stets Bedenken und Proteste der, sagen wir, Leistungsschwachen und Minderbemittelten voraus, deren Unbehagen und Unmut kontinuierlich mit jedem Gipfel gegen die Repräsentanten der Macht und gegen die straffe (westliche) Zivilisation insgesamt wächst.
G8 schliesst die westliche Industrieproduktion zusammen, vereint die rivalisierenden Wirtschaftsnationen des gebrochenen, wegen China und Indien ernsthaft herausgeforderten Westens. Inzwischen an der Heimatfront, dessen Verlauf bislang ausgeblendet, wohlwollend verfälscht wurde, spöttelt die schweigende Mehrheit, der G8-Gipfel sei ein Anlass der gepflegten Eitelkeit; sowieso wirkungslos. Tendenziell ohne Ergebnis und ohne rechtsgültigen Beschluss kehren die jeweiligen Vertreter heim und verkünden daraufhin stolz einen Erfolg, der darauf beruht, das Gesicht nicht verloren zu haben, sondern vorsichtig zu bedecken mit verschossenen Worthülsen.
Aber eigentlich, seien wir ehrlich, ist eine Demonstration des G8-Gipfel eine ohnegleichen. Eine, die die Macht des Staates kurzfristig aus dem Sarg hievt. Eine, die die Ohnmacht des Nationalstaates im allgemeinen Sinne symbolisiert. Eine, die, wennauch verkrampft und gestellt, übt, dem Bürger Autorität aufzubinden. Eine, die künstlich als ebendiese Autorität sich inszeniert. Eine, die, trotz dass des Staates Macht sich verflüchtigt, eine sendungsbewusste Macht befristet erzeugt; darin wie eine unverletzliche Blase schwebt, schwirrt; letztendlich zerplatzt, sobald die Medien den Gipfel vergessen.
Der politische Staat ist tot, erledigt von der Wirtschaft, die nun anstelle des Staates das Leben der Menschen bestimmt, den Staat abkommandiert zum wirtschaftsfreundlichen Dienst; möglichst fürs Wirtschaften günstige Rahmenbedingungen zu entwerfen. Der Staat folglich verdichtet nun die Hülle, welche die Wirtschaft schützt; immunisiert gegen wirtschaftsfeindlichen Äusserungen. Deshalb ist die Alibiübung G8 eine, die verdient, missachtet und ignoriert, als symbolischer Aufstand eines Staates begriffen zu werden, dessen Macht und Kraft allmählich schwindet; zur Wirtschaft überläuft.
Grossunternehmungen zollen lediglich ihren Logos, Marken Treue. Den Rest tauschen sie beliebig, lagern beispielsweise die Produktion in ferne Länder aus, wo derzeit die günstigsten Bedingungen Grossunternehmungen anlocken. Die einzelnen Abteilungen, die konkurrierenden Subsystemen innerhalb des riesigen unüberschaubaren Systems Grossunternehmung entfremden sich im selben Grade von ihrem Ursprung und Herz, wie der gewöhnliche Arbeiter sich von deren Produktionsmethoden entfremdet. Das einzige, was die Grossunternehmungen noch wiedererkennbar und besonders macht, ist die Marke, das Logo, folglich das einzig nennenswerte identitäts- wie umsatzstarke Zeichen dessen. Allerdings ist das Zeichen leer, ausgespült, weil die Grossunternehmung schlichtweg nur noch vermittels dieses Zeichens kommuniziert, alle andere Aspekte der Grossunternehmung wegfallen, stets ausgewechselt werden können.
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DER VERWERTER: «Planmässig der Selbsterhaltung wegen gezüchtete Bürokratie»
Dieser Artikel soll aufzeigen, dass Huxleys insgeheim befürchtete Vision einer schönen neuen Welt alsbald bereits heute verwirklicht werden könnte. Insbesondere die Glücksdroge «Soma», deren Hauptmerkmal ist, dass sie keine Nebenwirkungen verursacht und die Menschen in der schönen neuen Welt von kritischem Denken befreit, möchten wir umschreiben, inwiefern deren Einsatz heutzutage ermöglicht sei und schleichend angekündigt wird.
Eine Droge, die den Menschen zufriedenstellt, ihn entbindet vom kritischen Wachsein, welches bekanntlich dessen Lebensqualität gefährdet (siehe DER VERWERTER: «Lebensrisiken des Denkens»), ist seit jeher ein Traum aller Gesellschaften, die der Totalität entstammten oder die Totalität anstreben. Die politische Totalität, die gründet und dämmerhaft verendete in klassischen, aber vernichtenden, bishin selbstzerstörischen Ideologen des 20. Jahrhunderts, bedroht nicht mehr unsere Zivilisation. Denn der Konsumismus impfte uns gegen ebendiese. Er, dieser kollektiv ins Wahnsinnige gesteigerte Trieb, das Leben mithilfe des Konsum zu erleichtern, bringt stattdessen Konformität und wiederum eine Totalität hervor, die man allerdings nicht mit einer politischen verwechseln darf.
Trotzdem ist die Totalität des Konsumismus und des maschinellen Funktionalismus der Menschheit eine reelle Bedrohung, wird der ohnehin falsche Tatsachensinn der Zivilisation, deren Auftrag ist, die Menschen auf Wirtschaftlichkeit zu erziehen (siehe DER VERWERTER: «Wirtschaftsfreundliche Erziehung»), unbewusst aufgeweicht, als Leitkultur ausgehöhlt. Aufgrund dessen häuft Unzufriedenheit sich, allzu viele Menschen empfinden sich als Verlierer, als Getriebene eines selbsterhaltenden Systems, welches sie nicht überblicken oder gar verändern können. Diese Menschen müssen abgefertigt werden. Heutzutage sperrt man sie ein; diagnostiziert psychische Krankheiten, verabreicht ihnen Medikamenten, die sie beruhigen, dämpfen, letztendlich wie erhofft zum Schweigen zwingen.
Allerdings kann man diese Praktiken nur anwenden, falls eine kleine Minderheiten von derartigen Sorgen und Nöten betroffen ist. Mehrt schliesslich sich sowohl der Unmut als auch das Unbehagen mit der Zivilisation, steckt dies die auch bislang reibungslos funktionierenden und dem Wirtschaftlichkeitszwang untergebenen Menschen an. Daraufhin ist die Wirtschaftlichkeit einer Gesellschaft, die nur auf Geld beruht, existenziell bedrängt, will sie ihre Funktionalität auch fortan gewährleisten, welche sinnigerweise nur funktioniert, wenn Menschen ordnungspolitisch unterjocht den Grundsatzvertrag der Wirtschaftlichkeit ohnmächtig, weil keine Alternativen das Prinzip Hoffnung bestärken, unterzeichnen.
Wir als empfindliche Seismografen vernehmen gegenwärtig, dass die Anzahl deren, die entweder «depressiv» oder «ausgebrannt» sich fühlen, stetig zunimmt. Uns besorgt demnach, dass ein Teil der Bevölkerung überfordert ist von den zivilisatorischen Erwartungen und Verpflichtungen. Diesen Teil stumpften wir bislang erfolgreich ab, indem wir sie mehrheitlich mit Medikamenten und Luxusartikeln volldröhnten, die das Leiden überdecken, vergessen lassen. Allerdings belasten diese Menschen weiterhin die Erfolgsrechnung unsrer Volkswirtschaft, bammeln im quersubventionierten sozialen Netz der Wohlfahrt. Falls wir tatsächlich unsren Pragmatismus konsequent vollendenden wollten, müssten wir diese Leistungsschwachen und Nutzlosen ausschaffen; nach Afrika verschleppen oder schlichtweg vernichten. Leider heucheln wir Menschlichkeit, Humanismus, Menschenrechte und dergleichen, was uns ermahnend verbietet, die Folgen der politischen Totalität des 20. Jahrhunderts zu wiederholen.
Stattdessen also müssten wir eine Kunstdroge entwickeln, die den Menschen dauerhafte Glückseligkeit und tiefe innere Befriedung vorgaukelt. Diese wäre imstande, die Arbeitsmoral zu heben, Ausfälle im Arbeitsprozess wegen psychischen Krankheiten zu verringern und die ohnehin unaufhörlich ansteigenden Gesundheits- sowie Wohlfahrtskosten zu senken. Obendrein wäre die Gesellschaft losgekettet von kritischen Geistern, die immerzu verstörend nörgeln und hinter allem und jedem eine Verschwörung mutmassen. Folglich erfülle uns eine Harmonie ohnegleichen, eine, die Widerstände wie Widersprüche austreibt, und eine, die wahrhaft dem Ideal einer schönen neuen Welt ähnelt und Ideale dessen totalitär verewigt ohne Widerrufungsoption, die man danach selbstredend auch nicht mehr benötigt.
Laut Theorie des zeitgenössischen wirtschaftlichen Oligarchismus funktioniert der Mensch und muss überdies nur funktionieren, will er überleben und von den Segnungen kosten, die ihn entlohnen für seine schlichte Funktionalität: des Serum des Kapitalismus für Gewinner (siehe DER VERWERTER: «Wirtschaftsfreundliche Erziehung»).
Nun, dass gerade diese Funktionalität, die bisweilen als Beleg wirtschaftlicher Primärtugenden dient, nur oberflächlich «funktioniert», derweil im Untergrund, im menschlichen Unterbewusstsein beängstigend überschwappend die unreinste Irrationalität lodert, ist für uns hier, wohlauch für aufmerksame Beobachter, die verstörende, hypermedial als kollektive Orgien gefeierte Kulte empfindlich vernehmen, keinesfalls neu (siehe DER VERWERTER: «Gefälschtes Zeugnis der Zivilisation»).
Denn obschon der Mensch von kleinauf auf Wirtschaftlichkeit, Nützlichkeit und Sachlichkeit, also Rationalität getrimmt wird, zeugen einige Beispiele unsrer öffentlichen Alltagskultur mit Vehemenz, dass dem, was wir als Vorteil unsres Wirtschaftens bejahen, eben nicht so ist. So unterhalten wir diverse Rituale, die versichern, dass der Mensch gelegentlich sich ablenken, andersherum sich ausdrücken und vergessen kann; die Ekstase findet, mithilfe der er das enge Korsett der Zivilisation mit ihren Konventionen und Verpflichtung kurzweilig auflockert.
All die Ersatzgötter der realistischen Prominentenfabrik, die den Tot eines Allmächtigen noch jahrzehntelang verarbeiten, sind ebenso mit dieser Ekstase gemeint wie die Tempeln des hypermedial inszenierten Sports, dessen Fetischcharakter wiederum eine Sehnsucht offenbart nach Gott, welcher bekanntlich bedenkenlos vernichtet wurde, umgehend deshalb der Mensch nun an seiner Stelle folgen kann, woraufhin dieser notgedrungen die als Ratio geheiligte hofiert als erhoffte Erlösung und Wegweisung für die fortan gottlose Zukunft. Und ferner ist eine vereinigte Masse, die beispielsweise entweder die Börse stürmt oder öffentliche Plätze aufwiegelt, synonym mit der freilich immerzu gern totgesagten Irrationalität, die in Gruppen zusammengefasste Menschen zum viral allmählich sich verbreitenden Leben erwecken, gewissermassen einen Virus herstellen, der alle Menschen, die er «emotional» berührt, ansteckt.
Denn was mitunter zum Schlagwort der Gegenwart sich mauserte, ist das Bekenntnis zu Emotionen; die schleichende Emotionalisierung sämtlicher öffentlicher Lebensbereiche, welche anhin im privaten stattfanden. Nur wer auch emotionalisiert, kann Menschen fesseln. Deswegen übertreffen die Medien sich in der Vermittlung von mehrheitsfähigen Emotionen. Aber nicht nur die Medien tüfteln mit, sowohl die Werbe- als auch die Unterhaltungs-, ergo Kulturindustrie proben mit neuen Zusätzen im Serum, das verabreicht, den Menschen nicht etwa wie gemeinhin behauptet emotionalisiert, sondern im Gegenteil gerade abstumpft; von Emotionen befreitet und anstelle von echten, impulsiven, starken und ergreifenden Emotionen künstliche, falsche und scheinheilige liefert; letztlich die Emotionalität des Menschen eigentlich abschwächt als stärkt.
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DER VERWERTER: «Falscher Tatsachensinn»
Sofern die Gesellschaft nicht sich ändert; sondern ungestüm weiter drängt, woher und wohin auch immer; immer mit Begleitung des Geldes; das buchstäblich das einzige ist, was noch zählt, seitdem der Kapitalismus ohnehin das konkurrierende System bezwang; kann nur eine dementsprechende Erziehung des Menschen auch fortan gewährleisten, dass der Mensch bedingungslos sich einreiht und den Forderungen, Pflichten einer mit Geld handelnden Gesellschaft nachgebend funktioniert.
Dem Nachwuchs, den wir leider heutzutage nur noch zögerlich zeugen, wird bereits glaubhaft vermittelt, freilich alternativlos, von seitens den Schulen, welche die erste Sozialisation regeln, dem Zögling die zivilisatorischen Erwartungen unterrichten; dass der Schlüssel zum Glück darin steckt, worin auch das Geld, welches verknüpft mit einer ehrenwerten, sozial angesehenen Arbeit ist, sich verbirgt.
Darauffolgend, sobald der Nachwuchs in die Oberstufe übertritt und die bangen Fragen der Arbeitsbeschaffung auch ihm allmählich sich stellen, verkündet die Schule mit mahnendem Bemühen; der Zögling, dessen Werdegang allein abhängt davon, ob eine Ausbildung ihn bescheinigt, dem Syndikat Wirtschaft gehorsam zu dienen, müsse sich, insofern sein Leben nicht als gescheitertes frühzeitig verenden will, bestmöglich «verkaufen»; was die Schule mit ernster Vehemenz nicht als zynische Ohnmacht erklärt, sondern als einzige Wahl alarmiert, denn würde der Zögling sich aufbäumen gegen das System, aussteigen und «fremdgehen»; wären ihm künftig auch alle Beruhigungsmitteln, die den Glauben der in sich selig werdenden Konsumation bekräftigen, strengstens verwehrt.
Man müsste, falls man tatsächlich beabsichtige, die Quote der Aussteiger und Verweigerer der Leistungsgesellschaft zu verringern, den Nachwuchs entbinden von der Annahme; er könne frei wählen und entscheiden, sein Schicksal mitbestimmen. Denn was andere Gesellschaftsformen, die nicht der offenen Gesellschaft vorausgingen, auszeichnete, war, dass man üblicherweise in einen Beruf oder in einen Stand geboren wurde, deswegen, weil diese Ordnung scheinbar von Gott gewollt war, auch nie erträumte oder zu träumen wagte, an diesem Zustand zu rütteln. So arbeitete der, der für den Arbeiterstand geschaffen wurde, gottesfürchtig. Das einzige, was ihn gelegentlich vertröstet, war die bange Hoffnung auf ein Jenseits, das ihn entlohnt und entschädigt für die diesseitigen Mühen, die er nachgiebig erduldet.
Heutzutage allerdings schwärmt man von einer Erzählung, dass jedermann nur kraft seines Fleisses und vermeintlich freien Willens den gewünschten sozialen Stand alsbald innehalten werden kann. Denn nichts ist unmöglich, die Welt, deren Möglichkeitssinn bisweilen gar einen zu überfordern droht, überläuft sie schliesslich mit unendlichen Optionen, ist unbeschränkt und frei. Das freie Leben, zumindest der Glaube sowie das Vertrauen in dies Ideal, wurde zum Killerargument für unsere Gesellschaftsform. Jedoch, was oftmals vernachlässigt wird, verantwortet das Ideal eines sowohl freien als auch selbstbestimmten Lebens, dass die Quote der Aussteiger, die nicht mit der offiziellen Lehrmeinung eines glücklichen Lebens sympathisieren, zunimmt oder abnimmt, je nach dem wie die Welt schwankt oder die Wirtschaft in wessen Grade die Menschen geisselt.
Also verschuldet eine Gesellschaft, die nicht totalitär strukturiert ist, klammheimlich sich dennoch an eine Totalität der Wirtschaft sich sehnt, dass geradewegs immerzu eine Quote hindämmert, die der Konformität des totalitären Wirtschaftslebens entflieht, sodann auch von den zivilisatorischen Errungenschaften wie beispielsweise eines Sozialstaates schmarotzt. Will man die freiwilligen Leistungsschwachen, die den Gesellschaftsvertrag kündigten, konsequent ausschaffen und zukünftig vermeiden, müsste man zuerst die Erziehung diesem Wunsche nach überarbeiten. Folglich dem Nachwuchs versichern, dass keine Alternativen bestünden, dass er nicht selber über sein Leben walten könne, sondern nur ein nichtiges Getriebe im riesigen Ganzen des unüberschaubaren und zutiefst verschlüsselten Komplexes Wirtschaft versinnbildlicht.
Die zivilisatorische Kabinettsdemokratie, welche aus der Ferne dirigiert und diktiert, entspricht dem derzeitigen mehrheitsfähigen Dünkel über eine Gegenwart, die angeblich nicht zu beherrschen sei. Hierzulande hingegen wird immer noch das schillernde Märchen der volksnahen, weil direkten Demokratie herumgereicht; als Geschichte verschnürt, die den einfachen, von Realpolitik ohnehin entfremdeten Bürger schmeicheln soll.
Die Konsequenzen wiederholen täglich im hypermedialen Spektakel sich. Zank und Stank infolgedessen überraschen nicht, sondern sind im Gegenteil das notwendige politische Ergebnis einer blauäugigen Gesellschaft, die trotz Vermächtnis Aufklärung und Moderne aller Ernstes noch selig glaubt, der Bürger entscheide mit oder hätte überhaupt etwas mitzuentscheiden.
Die Demokratie, die hierzulande als vorbildliches Muster auf einer dementsprechenden Musterschau feierlich ausgestellt wird, ist, seien wir diplomatisch, nur eine schöne Fassade, mit der jedes häusliche Zimmer jedes einzelnen Bürgers tapeziert ist, der daraufhin an der Schönheit dieser sich erlabt, damit er abends, sodann die Tagesschau pünktlich das politische Tagesgeschehen verklatscht, beruhigt, besänftigt im Gewissen ist; er sei relevant, bestimme die Politik mit.
Tatsächlich aber wird die Politik, insofern sie rollt, etwas bewegt, über den Köpfen jenen hinweg gestaltet, die derweil prahlen, sie nehmen teil. Denn eine Politik, die sämtliche Einzelinteressen berücksichtigen muss, erlahmt. Die Politik, die eben bewirkt, wird nicht im Kleinen entschieden, sondern im Grossen verlautbart; gewissermassen von Oben herab befehligt. Der kleine Mann unterdessen blockiert diesen Prozess nur, nur wegen seinen, im nationalen Vergleich nichtigen Eigeninteressen.
Eine Firma ist ein selbsterhaltendes System. Innerhalb dieses unüberschaubaren Systems konkurrieren wiederum Subsysteme, sogenannte Abteilungen. Diese wetteifern um Budget, Geldbeträge und um Kompetenzen. Manche Abteilungen täuschen zwar oberflächlich ein partnerschaftliches Verhältnis vor, sind aber im Unbewussten trotzdem verfeindet; bekämpfen sich, ohne dass sie dessen sich bewusst wähnten.
Weshalb diese schwerfällige, erstarrte und leblose, weil ohnehin maschinelle und bürokratische Verwaltungsstruktur einer öffentlichen überlegen sein kann, ist eine klug vermarktete Erfindung der frommen und im Geldkreislauf trottenden Wirtschaftsdarwinisten (siehe DER DISSIDENT: «Wirtschaftsdarwinisten»), die dauernd kopflos schwärmen, wie «effizient», «produktiv» und «gewinnbringend» eine privatwirtschaftliche Verwaltung gegenüber einer öffentlichen sei.
Ohne Zweifel dampft hier der grösste Bullshit unsrer Generation (siehe DER VERWERTER: «Bullshit-Generator und -Generation»). Denn die privatwirtschaftliche Verwaltung verkörpert eigentlich all das, was linientreue Wirtschaftsdarwinisten verachten, ja gar inbrünstig verabscheuen sollten. Sie bürgt für Intransparenz, Ineffizienz, Neusprech, Floskelmentalität, Unüberschaubarkeit, interne Grabenkämpfe und für Wirtschaftsfeindlichkeit.
Allerdings können geblendete Wirtschaftsdarwinisten, über deren Köpfe das zersetzende Gift des Darwinismus strahlt, nicht nachvollziehen, dass der grösste Feind der Wirtschaft in der Wirtschaft selbst, tief im Innern einer Firma sitzt; dort viral sich ausbreitet und eine Firma, die eine bestimmte kritische Masse überschritt, konsequent herunterwirtschaftet. Zudem, was Wirtschaftsdarwinisten gern verschweigen, ist die privatwirtschaftliche Verwaltung weder demokratisiert noch kundenorientiert, nein weder-noch, im Gegensatz zu einer öffentlichen, die täglich gerügt, pervers beobachtet und besessen geprüft wird.
Die einzig halbwegs demokratische Institut, die eine Firma kennt, ist die Aktionärsversammlung. Wobei dieser buchstäbliche Event mehrheitlich als Spektakel aufgezogen wird, das den kläffenden, ansonsten lediglich gaffenden Kleinaktionär besänftigt respektive besänftigen muss. Und überdies kann man ohnehin Stimmen im wahrsten Sinne des Wortes kaufen, was erneut die Glaubwürdigkeit dieser «Demokratie» mindert.
Die schlimmste aller Bürokratien wird deswegen nicht etwa in der staatlichen Verwaltung planmässig der Selbsterhaltung wegen gezüchtet, die übrigens seit längerem dermassen kritisch beargwöhnt wird, dass sie schlichtweg sich nichts mehr leisten kann, sondern eben in der von der Aufsicht und Kontrolle entbundenen Firma; die, wie Wirtschaftsdarwinisten nur zugern rechtfertigen, für den Markt arbeite, der angeblich automatisch reguliert, falls eine Firma schlecht werke. Tatsächlich ist dieser Markt, den die Wirtschaftsdarwinisten als Beweis und Legitimation ihrer Ineffizienz missbrauchen, ebenso nur eine Erfindung der selben Wirtschaftsdarwinisten (siehe DER VERWERTER: «Der freie Markt als Farce»).
Erinnern wir uns zurück; bishin zu einer Epoche, in der Menschen die Natur noch nicht beherrschten (siehe DER VERWERTER: «Grüne Natursehnsucht»), sondern im Gegenteil das menschliche Verderben oder Gelingen dem Wohlwollen der Natur abhing. Während dieser Zeit war die Welt, unser Planet, noch nicht vermenschlicht, also weder besiedelt noch bevölkert im heutigen Sinne. Beispielsweise in einem Raum von der Grösse Mitteleuropas wanderten höchstens, aber auch allerhöchstens ein Dutzend Horden mit einigen hundert Köpfen herum.
Derweil sie das Land durchstreiften, von Ressource zur nächsten zogen, waren sie, diese primitiven Stämme, nicht vorbereitet darauf, «Tieren» zu begegnen, die ihnen ähnlich erschienen, die gar «ihresgleichen» waren. Man muss demnach heute sich mal vorstellen, zumindest im guten Ansatz dies probieren, welch eindrückliches und folgenschweres Ereignis den zwischenmenschlichen, rein zufälligen Kontakt mit Menschen inmitten einer im wahrsten Sinne des Wortes wilden Natur, die bislang die Menschen als «menschenleer» glaubten, heraufbeschwor; folglich inwieweit tief im Bewusstsein deren, die gegenseitig sich «entdeckten», einschnitt.
Ebenso muss man sich veranschaulichen können; wie die damaligen Mensch kommunizierten, ob sie überhaupt mit anderen sich verständigten oder ob sie gar vom ersten Augenblick an innig sich verfeindeten. Möglicherweise, so dürfen wir heute annehmen aufgrund des ohnehin zwischenmenschlich verwurzelten Menschenhasses, schockierte die buchstäbliche «Entdeckung» von Mitmenschen die damaligen Menschen ohnegleichen. Dies war eine schicksalhafte Fügung, die sie mit Abscheu, affektiert in der Angst, verarbeiteten, infolgedessen den «anderen» Menschen bekämpften, bishin erschlugen, um – möglicherweise – den Mythos der eigenen Einzigartigkeit inmitten der wilden Natur, das umgehend ein Gefühl der Auserwähltheit und Besonderheit hervorruft, sich einzureden.
Allerdings endeten nicht alle Begegnungen im Blutbad, was wir fairerweise korrigieren müssen. Oftmals, und so hoffen wir, überwog das Staunen, dies Voraussetzung ist für Ehrfurcht, Respekt vor den erscheinenden Dingen. Rückwirkend können wir beurteilen, dass die Menschen mehrheitlich sich bestaunten, voneinander lernten; Werkzeuge, Anschauungen, Ideen austauschten, somit zum ersten Mal handelten, ohne Staat, ohne Markt, ohne Reglementen oder einer sichtbaren Hand. Dies legte den Grund zu Gemeinschaften, die auch über den Horden hinweg sich herausbilden konnten.
Deutschlands Antiamerikanismus, so dachte man bislang, sei im Untergrund abgetaucht, denn zu schwer lastet das eigene Verschulden des Zweiten und Ersten Weltkriegs im Bewusstsein der Deutschen. In der neueren Geschichte getraute erst Schröder sich, die Amerikaner herauszufordern und deren Befehle zu verweigern.
Nun, während des Ersten Weltkriegs waren das Deutsche Reich und die USA offiziell verfeindet. Deshalb verblüfft nicht, dass die deutsche Kriegszeitung der 1. Armee damals, heute aufgeschnappt via think eMeidi, 1918 ungezügelt gegen die USA wetterte.
«Es ist erwiesen, dass der Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika bereits 25 Minuten nach Empfang der österreichischen Friedenseinladung seine Ablehnung entsandte. Dieser Vorgang, der klarer als ausführliche Schilderungen die im ‹Lande der Freiheit› waltende autokratische Gewaltherrschaft eines einzigen Mannes aufzeigt, ist von historischer Tragweite.»
Moment. Wurde damals Deutschland nicht ebenfalls von einem einzigen Mann beherrscht? Nämlich von Wilhelm II, der beinahe dreissig Jahre lang «regierte» und dessen Vorliebe für militärischer Prunk weltweit gefürchtet wie geächtet war. Item.
«Die Umlagerung des weltpolitischen Schwergewichts nach Amerika meldet sich als vollzogen an. Über das Schicksal der Erde entscheidet nicht mehr das in blutigem Zwiespalt sich erschöpfende Europa. Englands Rolle als einziger Weltbeherrscher ist ausgespielt. Die Bestimmungen über den Ablauf des weltpolitischen Geschehens ist in die Gewalt jenes Landes geglitten, in dem hinter einer die Wahrheit nicht mehr verhüllenden demokratischen Kulisse die Autokratie der Dollarmagneten und der Eroberungssinn der amerikanischen Trustkönige selbstherrlich die Völkerschicksale bestimmen.»
Tatsächlich, damals wurde die Entwicklung vollendet, die Europa Weltgeltung absprach, stattdessen den USA Führung, Sendungsbewusstsein und Zukunft ausmalte. Der Erfolg, damals wie heute, der USA gründet, wie die obige Hetze unbewusst verriet, im wirtschaftlichen, im wirtschaftlichen Pragmatismus. Europa derweil, kulturverdrossen und ohnehin im Krieg zerschossen, fühlt sich verängstigt, bedroht durch die ökonomische Potenz eines Amerikas, das von blutigen Kriegen in der Heimat bislang verschont blieb. Und der letzte Satz gar, angesichts der zeitgemässen Trustkönige: den «Heuschrecken», nahm mit prophetischer Vorausahnung die populäre, aber unwirksame Kapitalismuskritik der Gegenwart vorweg.
Also verstärkt der europäische Dünkel, kulturell der barbarischen, lediglich auf wirtschaftlichem Nützlichkeitsdenken grundierenden Zivilisation überlegen zu sein, den in Europa seit dem Ersten Weltkrieg schlummernden latenten Antiamerikanismus, freilich ungeachtet dessen, dass wir die kulturelle Hoheit längst gegen die amerikanische Kulturindustrie verloren und dass wir ebenso «amerikanisiert» wirtschaftlich-pragmatisch denken wie handeln.
Der zeitgemässe Punk, der auf den Strassen die Öffentlichkeit zu schockieren versucht, wohlgemerkt vergebens, denn die Masse, abgehärtet und abgekühlt, ergrimmt längst sich nicht mehr über die natürliche jugendliche Sünde Punk, die jeder vermeintlich aufgeklärte Jugendliche einmal selber durchleben musste – falls nicht, die Masse eher besorgt als beunruhigt; führt ein kleinbürgerlich-romantisches Spektakel auf.
Kleinbürgerlich ist er deshalb, weil er seinen Idealismus, mithilfe dessen er seine unschöne Realität, die ihn zerfetzt, ersetzen möchte, kein Idealismus im Sinne ist, er engagiere sich für hehrere Ziele; verfolge einen politisch mehrheitsfähigen Plan zum Zwecke, die Welt, die ihm offenbar nicht gefällt, zu bessern. Er ist ein genau genommen ein Politiker ohne Programm, ein getriebener Verwirrer und Unruhestifter, der überdies noch von der Kulturindustrie sich einspannen liess, um seine eigene Lächerlichkeit aufmerksamkeitserheischend zu verkaufen.
Und obendrein beweist sein vergrämtes Kleinbürgertum, dass er nicht weltlich, kosmopolitisch denkt und handelt, sondern lediglich aufs Lokale sich beschränkt; nur den Horizont zu seinem Vergnügen, nicht für eine bessere oder anständigere Welt, beschreitet. Im weiteste Sinne nahm der Punk den zeitgemässen Hedonismus vorweg; die Einstellung; die Welt sei ohnehin dem Untergang geweiht, und folglich muss er sich um nichts anderes als um sein eigenes Vergnügen und Wohlergehen kümmern (siehe DER VERWERTER: «Das Goldene Zeitalter»).
Der Punk, der der Gesellschaft vorwirft, sie sei asozial und verantwortungslos, ist im selbigen Masse dies, und ebenfalls der geistige Vater der Generation Sorglos, der Vollstrecker des Nihilismus, nicht Prophet sondern Agent des Untergangs. Aber just dieser vermeintlich subversive Punk wurde restlos von der Kulturindustrie aufgefressen, als lässige Ohnmacht und als «Lifestyle» recycelt und wiedervermarktet. Entkernt ist unterdessen der Lebensstil, auf eine trag- wie austauschbare Aussenhülle massgeschneidert, als variables und Identität durch Abgrenzung stiftendes Angebot den Subkulturen übergeben.
Er spielt mittlerweile lediglich den symbolischen Widerstand gegen die Zivilisation, er – spielend – bestätigt ungewollt dadurch die Legitimation der Zivilisation mit seiner blinden und unreflektierten Gegenwehr (siehe DER VERWERTER: «Der symbolische Widerstand am 1. Mai»). Aber alsbald, ohne dass er ahnt, reift auch er zu einem bestens funktionierenden Steuerzahler heran, der rückwirkend gern sich an seine Jugendsünde erinnert; sie gewissenhaft übertrieben romantisiert. Deshalb ist Punk auch Romantik, die Orgie des eigenen Mythos einer symbolträchtigen und vorbildlichen Jugend; die auch einst begann, indem man sich auflehnte, wenngleich wirkungs- und ereignislos, und endete, sobald die erste Steuerrechnung im Briefkasten landete.