Die Totalität des Geldes

Die Gesellschaft des Spektakels:

«In dem Moment, wo die Gesellschaft entdeckt, dass sie von der Wirtschaft abhängt, hängt die Wirtschaft tatsächlich von ihr ab.»

Diesen Punkt hatten wir längst überschritten, zurückkehren, wohin auch immer, ob ins Naturreich oder zum bäuerlichen Tauschhandel, können wir keinesfalls, sondern wir sind gefesselt, gefangen im System der Warenwirtschaft, was des einen Leid und des andren Freud zweifelsohne ist. Selbst unser Denken eifert, «geschäftlich» zu denken: sämtliche Tätigkeiten werden nunmehr als geschäftliche empfunden, sogar das vormals von Erwerbssinn verschonte Private wird ebenso wie die sozialen Beziehungen in die geschäftliche Totalität eingespannt. Alles ist also Markt, und der Markt ist alles, was wir kennen.

Spengler kapitulierte:

«Wer dieses Denken beherrscht, ist Meister Geldes. Die Entwicklung geht in allen Kulturen diesen Weg. Lysias stellt in seiner Rede gegen Getreidehändler fest, dass die Spekulanten im Piräus manchmal das Gerücht verbreiteten, eine Getreideflotte sei gescheitert oder ein Krieg ausgebrochen, um eine einträgliche Panik hervorzurufen. In hellenistisch-römischer Zeit war es eine verbreitete Sitte, auf Verabredung den Anbau zu beschränken oder die Einfuhr stocken zu lassen, um die Preise hinaufzutreiben.»

Machtlos, die wir sind gegen Weltgeist und Wirtschaft gleichermassen, werden auch wir sowohl von Spekulanten (siehe DER VERWERTER: «Der Spekulant») als auch von künstlicher Güterverknappung (siehe DER VERWERTER: «Künstlich verknappte Güter») «betrogen». Wir sind anstatt freie Bürger, denen man Freiheit als Konsumfreiheit gnädigst etikettiert, vielmehr Sklaven eines Systems, das nicht einmal die Gelehrten durchblicken (siehe DER DISSIDENT: «Rätsel Wirtschaft»), aber jene, die es intuitiv überschauen, bereichern sich rechtens, was wir daraufhin bewundern, verehren als «Unternehmensgeist», «Geschäftssinn».

Alle achten Geld, dies ist obendrein die einzige Tatsache, die uns verbindet, ob Chinesen, Amerikaner oder Europäer, solange wir mittels Geld uns anonymisieren, zum Objekt wirtschaftlicher Interessen deklassieren, glauben wir uns selig. Wer hingegen geldwirtschaftlich anders denkt, wird vom allgemeinen Verblendungszusammenhang ausgepeitscht und verelendet allmählich. Genau derartige Totalität, die erstens alle Lebensbereiche betrifft und zweitens sämtliche Gedanken manipuliert, ist, was die Menschlichkeit, die Humanität und die Kultur letztendlich zerstört.

Spengler nochmals:

«Zivilisation bezeichnet also die Stufe einer Kultur, auf welcher Tradition und Persönlichkeit ihre unmittelbare Geltung verloren haben und jede Idee zunächst in Geld umgedacht werden muss, um verwirklicht zu werden. Am Anfang war man begütert, weil man mächtig war. Jetzt ist man mächtig, weil man Geld hat. Demokratie ist die vollendete Gleichsetzung von Geld und politischer Macht.»

Gesetzt, dass Geld und politische Macht tatsächlich einander bedingten und unsere Demokratie trotzdem «Freiheit» des Einzelnen reklamiere, wäre Hohn und Spott für Menschheit, zuallererst für die Demokratie. Denn diese rühmt im Werbeprospekt sich als «unabhängig», «freifinanziert», in Wahrheit allerdings rahmt unsere Demokratie ausschliesslich «Standortvorteile» für die Wirtschaft, sie knechtet vollends fürs Geld, das mitunter global zirkuliert, dementsprechend vergänglich verweht, und dies nicht einmal unentgeltlich, denn jene Politiker, die die Wirtschaft im Schaffen begünstigen, werden grosszügig entschädigt und obendrein von Wirtschaftsdarwinisten vergöttert.

Weiterführende Informationen
DER VERWERTER: «Die Totalität des Kapitalismus»
DER VERWERTER: «Wirtschaftliches Neusprech»

Die Nation als Religion

Insbesondere Menschen einer auf Materien getürmten Zivilisation wie die unsrige verhungern metaphysisch, und selbst Bauern unsrer Vorzeit, die, im Boden verwurzelt, einst Felder beackerten, fürchteten die Macht aller Götter, von denen mündlich sie unterrichtet wurden. Götter, die das irdische Leben begleiteten, ob lebensnahe Götter griechischer Mythologie oder ob einen «abstrakten» Gott christlicher Kirche, der allmächtig des Weltgeistes Pläne diktiert, beseelen seit jeher das Leben aller hiesig verdammten Menschen.

Wer das metaphysische Bedürfnis des Menschen leugnet, will vielmehr den Menschen entwürdigen, der, robotisiert und funktionell, frohlocken müsste, als ihn erbauen. Menschen, soweit die Geschichte lehrt, sehnen sich nach Übersinnlichem, sozusagen nach «ewigen Wahrheiten», die nicht zu enträtseln – und letztlich – nicht zu entzaubern sind. Die Religion ist eine «Wahrheit», die fasziniert, eine, die keinerlei wissenschaftlicher Erklärung bedarf, sondern eine, die zeitlos überdauert, wohin der Mensch als Treibholz auch anschwemmt im Flusse des Zeitgeistes und der Moden.

«Gott ist tot», soviel ist klar, wir hatten ihn eigenhändig ermordet, was obendrein niemand bereut. Anstelle jenseitiger Götter vertröstet nun diesseitige Wirtschaft und frommes Wirtschaften des Menschen Werdegang. Besonders Fabrikate unsrer Wirtschaft, namentlich Fetischwaren, Sport und Unterhaltungsidole, sedieren die zerstreuten Massen, die die Herrschenden, Mächtigen und Regierenden, kurzum: die noch nicht vermasste, also keineswegs mittelmässige Elite verängstigen, wann und wie sie protestieren, rebellieren könnten.

Fetischwaren stiften Identität, Sport erotisiert den Leistungswillen und Unterhaltungsidole motivieren zum Arbeiten, zum Erfolgreichwerden; darauf ruht die Stabilität unserer Gesellschaft – genauer, bildlicher gesprochen – deswegen schläft unsere Gesellschaft eigentlich. Nun, was neuerdings hinzukommt, ist die Nation als Religion, vereinheitlicht als abstrakte Idee, wer wo heimisch sich wähnen darf. Obzwar jedweder Nationalität weltgeschichtlich Bedeutung entschwindet, klammern Fellachen je nichtiger Nationalität global wird, umso hilfloser dem fest.

Strassenkunst

Inmitten verwilderter Weltstädten glänzt, was die Sterilität, Kälte und Funktionalität angeblich unterminiert, nämlich etwas namens «Strassenkunst». Obschon minderer Fantasie verschuldet, fasziniert dergestalt Subversivität, genau jene Wänden zu verschmieren dort, wo entweder niemand sie reinigen kann oder jedermann beachten muss, vor allem Nomaden, die in Mietkasernen hausen und von Heimat wie Blut sowieso entwurzelt sind.

Ob jene Zeichen, die das Systematische, Tote, Starre und Leblose unsrer Zivilisation bisweilen eindrücklich verhöhnen, als Aufstand gedeutet werden können, ist fragwürdig insofern, weil mitunter – um der Inflation willen den Begriff «inflationär» inhaltlich zusätzlich auszuhöhlen – inflationär sie sich vermehren, dadurch, scheinbar; je kontrollierter, umso voraussehbarer, desto niedriger die eigentliche Subversivität wird.

Wer dennoch «Strassenkunst» als «Kultur» titelt trotz der gegenwärtig «Kultur»-Gläubigkeit respektive -sehnsucht, da offensichtlich wir keine mehr körperlich atmen, wovon allesamt unsere unzähligen Museen zeugen, beerdigt «Kultur» vorneweg, denn was derzeit überhaupt funkelt, ist das letzte Lebenszeichen einer ehemals dynamischen Kultur; die letzte Regung sozusagen erwirkt unsere Strassenkunst.

Zeitloses Politik-Spektakel

Der Aufstand der Massen (1930, Madrid):

«Prüft man das öffentliche Leben derjenigen Staaten, in denen der Triumph der Masse am weitesten fortgeschritten ist [...], so ergibt sich überraschenderweise, dass man dort politisch in den Tag hineinlebt. [...] Die öffentliche Macht liegt in den Händen eines Vertreters der Massen, die so mächtig sind, dass sie jede Opposition unterdrückt haben. Sie sind in derart unangreifbarer und gesteigerter Weise die Herren im Staat, dass man schwerlich in der Geschichte eine gleich unumschränkte Regierung finden wird. Und dennoch lebt die öffentliche Macht, die Regierung, in den Tag hinein. Keine Zukunft kündigt sich in ihr an; sie erscheint nicht als ein Anfang, dessen weitere Entwicklung man sich vorstellen könnte. Mit einem Wort, sie lebt ohne Lebensplan; sie hat nichts vor. Sie weiss nicht, wohin sie geht, weil sie strenggenommen überhaupt nicht geht; sie hat keinen vorgezeichneten Weg, keine zu durchlaufende Bahn.»

Dass die westliche Kabinettsdemokratie vollends versteift, deren Exponenten kaum unsere Fellachen repräsentieren, wodurch zusätzlich eine grundsätzliche Legitimationskrise sich anbahnt, muss nur besorgen, insofern diese simulierte Demokratie zeitlos sich verflüchtigt, will heissen, dass sie Vergangenheit ignoriert und Zukunft missachtet, sozusagen: kurzfristig spekuliert, nur denselben Tag, den sie zu überstehen hofft, vergegenwärtigt.

Jene Demokratie, theoretisch ein Realgeschäft voraussichtiger, ergo rationalisierter Entscheidungen weiser Männer, welche nunmehr unüberlegt die Unterhaltungssucht unsrer Fellachen stimuliert, zerschellt im Spektakel, trotz oder eben wegen unzähliger Populisten, selbst hierzulande, die mittels kurzsichtigen Stammtischweisheiten, freilich als ewige verklärt, das Rationale, das Konstruktive unsrer Demokratie vergiften: die Agenten des Spektakels kurzum.

Verstopfte Massenuniversitäten

In den Universitäten unserer Grossstädten, wohin Lohnarbeiter alljährlich Milliarden verpachten, will man meinen und erwarten, blühe die Intelligenz unsrer Gemeinschaft. Dementgegen freilich, vermasst zusehends selbst die Universität, einst die Brutstätte wahrhaftiger Übermenschen, deren gesellschaftliche Verpflichtung war und sein sollte, unsere ungebildeten, vollständig mechanisierten, willenlosen, hysterischen, ängstlichen und stumpfen Fellachen zu bevormunden.

Denn die Universitäten, weil vermasst, ähneln nunmehr üblichen Volksschulen, worin herrenlose Fellachen Durchschnittlichkeit und Genügsamkeit lullen, und deren einzige Kompetenz ferner wie ausschliesslich sie ermächtigt, teilzunehmen dem elenden eigentümlich postmodernen Referenzspiel, das ewige Zitieren, Kopieren und Referenzieren ins Endlose und bisweilen ins Absurde, was «Innovation» vortäuscht und letztlich Freigeisterei lähmt.

Die Diktatur des Durchschnittlichen verdünnt das Überdurchschnittliche, das, vermengt, verwässert, gepanscht, vollends schrumpft, bishin gänzlich schwindet oder bestenfalls emigriert dorthin, wo wahrhaft Eliten systematisch gefördert werden, nämlich zu sogenannten Privatinstituten, in denen nicht die Masse, nicht das Durchschnittliche, nicht die Konformität, sondern das Überdurchschnittliche, Ausserordentliche, Spezielle und Erfolgsverdächtige gegönnt, gelobt, bewirtet wie unterstützt wird.

Will man die schweizerischen Universitäten reinigen, muss man, gewiss radikal, mindestens 80% aller derzeit Studierenden exmatrikulieren, deren Büsse fürs Versagen, fürs lebensfeindliche Durchschnittliche sie fortan robotisiert, der Privatwirtschaft untertänigst Gehorsamkeit zu erweisen. Von dieser Regelung beausnahmt werden diejenigen frohlockend sich wähnen, die Überdurchschnittliches bewerkstelligen; keineswegs munter nachplappern, was Dozenten wüst spekulieren, sondern, mithilfe derselben Finanzmittel wie heutzutage, die massenhafte Verblendung im doppelten Zusammenhang unsrer «Elite» bremsen.

Diese Erlauchten, eine wahrhaft feine Elite geistreicher Männer, werden voraussichtlich Gleichwertiges, wenn nicht sogar Hochwertigeres produzieren als die derzeitigen fellachenhaften Massenstudenten, deren Faulheit, Verdruss und Fantasielosigkeit obendrein unsere Facharbeiter momentan noch gütig sponsern, weil sie Führung, Orientierung, Berichtigung und Erkenntnisgewinn dieser vom Arbeitsprozess gezielt abgesonderten Sprösslinge duldsam erhoffen. Ihnen, diesen Überdurchschnittlichen gebührt die Hochachtung und Bewunderung namens «Elite», nur ihnen, und keinen beliebigen Massenstudenten.

Unsere kulturellen Herausforderungen

Kunst ist Künstlichkeit, kontrastiert die Natur. Kunst verknüpft Urbanität mit Natürlichkeit. Die Natur erneuert Kunst, wodurch Kunst die schöpferische Kraft der Natur bewundert, zuweilen sie, bislang (noch) vergebens, zu kopieren strebt. Demnach inspiriert Natur fürderhin als Grundlage sämtlicher Kunst menschliche Kultur.

Die Kunst als Gegenwartsvergegenwärtigungsmittel veredelt die menschliche Kultur. Kultur ist, sobald der Mensch besinnt; Sinn der Natur, der Umwelt entwindet, diesen für sich selbst gewinnt, emanzipiert von Natur freilich. Mithilfe der Kultur bewältigt Mensch Gegenwarten. Kultur spiegelt folglich immerfort das eigene Bewusstsein und dasjenige der Gesellschaft.

Kulturelle Techniken gebärt und fortentwickelt der Zeitgeist rekursiv. Einst genügte vollends, um Kultur sagen zu können, auf Höhlen vergleichsweise primitivste Befindlichkeit zu kritzeln. Das heutige Angebot, kulturell sich auszudrücken, produziert die Kulturindustrie, wobei nunmehr unterwürfige Konsumation anstelle des selbständigen Ausdrucks kultureller Erzeugnisse Volksmassen dressiert.

Naturgemäss roh, verfeinert Kultur Mensch zum Kulturmenschen, zumindest theoretisch. Kultur entbarbarisiert, versöhnt den Widerspruch Natürlichkeit und Künstlichkeit. Natürlich ist, was die Natur in Jahrmillionen mittels eindrücklicher Präzision sorgfältig erschuf. Künstlich hingegen ist, was der Mensch mit keinerlei natürlicher Voraussicht asphaltiert; Urbanität ist sozusagen das Endprodukt dieses Herstellungsverfahrens.

Bürger, die partizipieren, zeitigen eine Demokratie. Eine Demokratie pulsiert, wenn die Verantwortung der Gesellschaft sämtliche Teilnehmer derselben schultern. Dergestalt Menschen müssten Kulturmenschen sein, kulturell sich verständigen und ausdrucken können; ausscheiden, was verstopft. Denn Kultur reinigt, ist die kollektive Psychohygiene, welche die Seelen aller säubert. Jeder mündige Bürger ist demnach Künstler.

Mündigkeit bedeutet, den Mut, seines eigenen Verstandes bedienen zu können, aufzuweisen. Weil Mensch empfinden, naturgemäss nicht mechanisiert sind und als sorgenlose Roboter frohlocken, müssen Menschen das Empfundene verdauen. Die Kulturindustrie unterstützt, das Erlebte zu verarbeiten, fürdass Menschen nicht ersticken, wenn sie nur herunterwürgen, was ihnen aufgetischt wird.

Aber Kulturindustrie bevormundet. Längst vor der Wirklichkeit kapituliert, erschlafft die menschliche Kultur in Passivität. Niedergesenkt und gedemütigt, kauert Mensch vor Fernseher und Massenmedien, will sich verköstigen, zerstreuen, und sehnt letztlich, aufdass man ihm die Lasten der eigenen Bewältigung abnimmt.

Derlei Entmündigung wird gewiss freiwillig vollstreckt. Denn die wortwörtliche Kunst, Kulturmensch zu bleiben, der selbständig Kultur hervorbringt, überfordert unsere verängstigten und eingeschüchterten Massen, die das auf- und abgehende, surreal und irrlichternd erscheinende Spektakel des Tagesgeschehen verfolgen stets mit Einsicht, dem nichts beimischen zu können.

Barbarische Zivilisation

Jede Kultur verwelkt mit jener Zivilisation, die sie verdient. Von den Mühen und Plagen eines Kulturmenschen längst befreit, narkotisieren wir uns als immerfort sich ausdehnende Zivilisation, die Welt, Markt und Geist herrisch verabsolutiert. Nunmehr kleidet Mensch jene Konfektion, die, industriell in Serienproduktion fabriziert, seitens der Kulturindustrie als «Kultur», als «Erlebnis» und als «Event» zweifellos bislang erfolgreich vermarktet wird.

Allerdings wackelt selbst unsere Zivilisation, die vermeintlich sicher gesetzt sich stuhlt. Denn eine Zivilisation, laut Norbert Elias` Überlegungen, bedinge, dass persönliche Schamschwellen eigener Handlungen bezüglich sich erhöhten im selben Masse wie Peinlichkeitsschwellen Handlungen anderer bezüglich, dass die fortschreitende Psychologisierung das Verständnis des menschlichen Innenlebens insgesamt verbessere, dass die Rationalisierung des Menschen Handlungen langfristig kalkulieren liesse, dass die Gewaltbereitschaft zwischen Mitglieder derselben Gesellschaft sänke, dass die Sexualität vielmehr kontrolliert, beherrscht und tabuisiert würde, dass Essgewohnheiten sich verfeinerten und dass Ausscheidungsfunktionen aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwänden.

Sämtliche Bedingungen, die eine Zivilisation für Zivilität bräuchte, erfüllt unsere nicht. Schamlos zerlumpen Menschen, Fernsehpsychologen denunzieren oberflächlich und öffentlich opferbereite Probanden, deren Peinlichkeitsscham nahezu vollständig zerrann, die Unternehmungen, welche Geist, Seele und Verstand ewig pachteten, wirtschaften gänzlich irrational, kurzfristig, das staatliche Gewaltmonopol wird liberalisiert, die Sexualität wird schonungslos entblösst, die Esskultur zerfällt und Metapher für Fäkalien werden allerorts abstrahiert – all dies bezeugt, dass selbst unsere Zivilisation gar nicht so zivilisiert ist, wie sie immer im Ausland prahlt.

Online-Werbemarkt

Derzeit wirbt irgendein beliebiger Dachverband einiger erlesener Agenturen und Werbevermittler, wovor andere bereits sich entwöhnten, dass etwas Bestimmtes «nur ein Inserat könne», nämlich die Teilnahme einer sooderso abgestimmten Lotterie, die man «Wettbewerb» nennt, dies blendende Verlosungsprinzip, auf dem wesensgleich unsere von bezahlten Parteien simulierte Demokratie fusst.

Dergestalt Eigenwerbung, man ahnt und befürchtet Böses, verkündete die eigene Fantasielosigkeit, verhüllt das eigene Scheitern, in das die klassische Werbebranche insgesamt führerlos schifft. Ob man nicht sich schämt, wofür man täglich schuftet, ungeachtet dessen der Misserfolg sichtbar naht, dennoch hochmütig verheimlicht, was tatsächlich ist, und trotzdem die Vorteile klassischer Werbung als ohnegleichen, einzigartig und wegweisend anpreist?

Der einzige Werbemarkt, der organisch wächst, ist derjenige, welcher online ist. Was Online-Werbung nämlich kann, ist vielmehr als einen Coupon für einen formlosen «Wettbewerb» zu drucken, der obendrein sowieso frankiert werden muss. Online-Werbung interagiert und reagiert, ist schlichtweg «klickbar». Wer fürs umworbene Produkt sich interessiert, klickt, kann dieses gegebenenfalls sogar kaufen, ja, wird wortwörtlich Umsatz generieren, eine grosse Erzählung des Internets, die bewahrheitet werden will.

Druckwerbung hingegen ist passiv, tot, starr, unflexibel. Sowieso kann man nicht auswerten, wie viele Menschen wie lange Werbung beachten; ob sie klicken, weiterführend sich informieren wollen, ob sie sich fürs entsprechende Produkt gewinnen liessen und so weiter. Man investiert blind, man vertraut den druckenden Medien, die behaupten, ja gewiss doch, unsere Zielgruppe sei hedonistisch, konsumfreudig und vermögend.

Allerorts ermüdet das Mantra des Kapitalismus, man müsste Investitionen abwägen, diversifizieren, Risiken streuen, doch gerade der Werber verhält sich irrational, prüft kaum getätigte Investitionen, wobei diese auch nicht seine sind, was ihn von Verantwortung und Mitschuld entbindet; ernährt wird er eben wegen der Leichtgläubigkeit seiner Kunden.

Politik und Kunst – Teil II

Kunst ist Sport, ein Wettbewerb gehobener Eitelkeiten. Sowohl der Künstler ist Sportler als auch der Sammler, dessen Bescheidwissen mitunter in Geld gezählt werden kann. Dass Kunst wiedem Sport längst politisch instrumentalisiert wird, darf man der Kunst nicht verübeln, weil Kunst, die politisch wirbelt, wenngleich nihilistisch und ohne Partei, automatisch Aufmerksamkeit anfacht, die unabdingbar den Werdegang eines Künstlers entweder bestenfalls pflastert oder schlimmstenfalls eben verbarrikadiert.

Insbesondere die zeitgemässe Popkultur, freilich wegen mangelnden Alternativen, dies gelangweilte, unterforderte und sensationslüsternde Fellachenvolk, das im Gleichschritt abends ins Lichtspiel marschiert, emotionell und intellektuell zu fesseln, politisiert zunehmend, zwar wertlos, mit keinerlei Parteiprogramm und Sendung, trotzdem immerhin politisch inspiriert. Beispielsweise verhöhnt zeitgemässe Popkultur allein der Mode willen mehrheitlich Politiker, deren Glaubwürdigkeit sowieso hinlänglich zerfranste.

Paradigmen wurden selbstredend – und berechtigterweise – gewechselt. Vormals verkroch Kultur sich in Elfenbeintürme, darin geborgen, verachtete Kunst das ihr zutiefst widerspenstig Scheinende der Entscheidung, der Tat, der Handlung, des Willens. Kunst, verherrlichte man, müsste demnach sich nicht irdischen Lasten und Sünden widmen. Heutzutage, weil derart idealisierte Kunst starb, so oder so, muss Kunst politisieren, sich integrieren und – wie grauenvoll für die Kunst – partizipieren.

Des zeitgemässen Künstlers Selbstverständnis heisst nunmehr, seine Arbeit sei Öffentlichkeitsarbeit, er wolle ermahnen und Missstände aufzeigen, jedoch politisch und wirtschaftlich nicht einverleiben lassen. Allerdings, ohne dass der Künstler dies ahnt, ist er längst verwachsen ins Spektakel, das er eigentlich zu durchleuchten, zu kritisieren und zu beobachten strebt. Denn der sobald der Künstler Öffentlichkeit anzielt, wird er öffentlich und somit einen Teil des Spektakels.

Weiterführende Informationen
DER VERWERTER: «Politik und Kunst – Teil I»

Mythos «Kultur» in Zürich

«Zürich lebt», agitierte einst eine verschrobene Werbeagentur. Dass Zürich fürwahr «lebt», müssen nun Fellachen verbriefen, jenes kulturloses Gesindel; das parasitär, nomadenhaft, traditionslos, in formlos fluktuierender Masse, irreligiös, zynisch-intelligent, unfruchtbar und das Bauerntum verachtend fortan Zürich besiedelt und obendrein beansprucht, «Kultur» zu verkörpern.

Gewiss, einst war «Kultur» zusammengeballt in vereinzelten Weltstädten, deren Leuchtkraft Orientierung suchende Fliegen anlockte, die niederzulassen sich wünschten in jener Stätte der Weltgeschichte, wohin alle treiben, welche der Zeitlosigkeit des Landes zu entfliehen trachteten. Nunmehr, weil die Welt kommunikativ vernetzter und verwobener denn je physikalische Orte als Fussnoten der Geschichte abkanzelt, mutieren Weltstädte in abgerichtete Jahrmärkte erlesener Schausteller.

Da Weltstädte, wiedem beispielsweise Zürich, trotzdem Deutungshoheit über «Kultur» beantragen, muss Kultur, will sie als solche wahrgenommen werden, fürderhin in diesen fabriziert sein. Die Weltstädte verzaubern mit einzigartigem «kulturellem Angebot» demnach Massen allerorts, das, total institutionalisiert, jeden Zweifel niederringen soll, ob sie überhaupt «pulsiere». «Zürich lebt», wurde eingangs erwähnt, «Zürich funktioniert», müsste man stattdessen präzisieren, und zwar wie geschmiert.

«Kultur» scheut prinzipiell Konformität. Gerade Weltstädte, angesichts des Anpassungsdrucks aller Fellachen, deren Individualität ausnahmslos vermasst, reprimitivieren eine Zucht Mensch, dessen Reaktionen, Gedanken, Affekte und Bedürfnisse durchwegs, weil vergesellschaftlicht, vereinheitlicht ist. Dergestalt Lebensbedingungen wollen den Aufbau einer sendungsbewussten «Kultur» grundlegen? Mitnichten! Dergestalt erdrückt organische «Kultur» restlos.

Wem der vormals hochwertige, momentan beliebig entwertete Begriff «Kultur» wahrhaft gebührt, ist Zürichs Kulturindustrie, eine mitunter hochkonzentrierte Serienproduktion zwecks Unterhaltung, Belehrung und theoretisch Entbarbarisierung Zürichs Fellachen. Hierzulande ohnegleichen verwischt Zürichs beispielsweise Nachtleben tagsüber gewachsene Hierarchien und Strukturen selbstredend als Psychohygiene, der gesammelte Verdruss punktuell ausscheiden zu können.

Aber mit jener ausgestorbener «Kultur», die politisch wachrüttelt, gesellschaftlich sensibilisiert, moralisch erinnert und ethisch protestiert, darf dies Treiben Zürichs, das zerstreut, verköstigt und letztendlich die Seelen aller konformiert, nicht verwechselt werden. Zürich, entgegen aller Beteuerungen und geschönten Absichtserklärungen der Bürokratie, bemuttert vielmehr Horden verwilderter, in Stadtkreisen verwalteter Barbaren als Kulturmenschen.

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