Als letzte Form des Widerstands, als Vollendung des Aufstands der Masse und als höchste Erregung abgestumpfter Nerven wie Sinnen erscheint der Spassterrorismus des weltstädtischen Fellachentums; ein Terrorismus ohne Motiv, bloss das der selbstgerechten Unterhaltung, ohne Politik, bloss die der politischen Verunsicherung und ohne Religion, bloss die der Irreligiosität.
Das sind die letzten Zuckungen, die letzten Regungen und die letzten heroischen Handlungen einzelner, einzelner Verzweifelter, Hoffnungsloser, Überforderten, und daraus kristallisiert das Unbehagen der Zivilisation und der «Kultur» sich, so erstmals deutlich, so erstmals schonungslos in absoluter Härte wie Kälte.
Jene Menschen, die Spassterrorismus tätigen, verkörpern das geistig ausgehungerte Fellachenvolk unsrer gesalbten Zivilisation, hungrig und durstig nach Aufregung, nach Spektakel und nach immer mehr Nervenkitzel, der die Langweile und Monotonie des Alltags erwürgt, betrachten sie sich als «Endprodukte» oder – besser – «Opfer» einer mechanisierten und vollautomatischen Kontrollgesellschaft, worin jeder, der zu offenkundig abweicht, mit Nichtbeachtung und subtiler Ausgrenzung abgestraft sei.
Die letzte Form des Terrorismus ist die erste aller endgültiger Verzweiflung, aller totaler Kapitulation, nachdrücklicher, geradewegs der Einfall vulgärer Barbarei, und zwar genau dort, wo niemand einen erwartet: an Bushaltestellen, in Hochschulgebäuden oder im kultisch entweder verehrten oder geächteten Parlament. So ergreift die Masse, deren Aufstand dauert seit jenem Massenselbstbewusstsein, dass die Masse fälschlicherweise das Mass aller Dinge sei, die Macht über Ordnung und Zucht, über Sittlichkeit und Disziplin.
Die Habgier als einer der stärksten Triebregungen zu deklarieren, scheint angemessen und plausibel angesichts der unsrigen Vorliebe, des Unendlichen Grenzen aufzuspüren. Verengte der natürliche Tauschhandel noch die Entfaltungsmöglichkeit aller Habgier, hürdete erst das Geld, das den Tauschhandel ersetzte, die die Habgier dämmende Schranken, und so wuchs fortan das menschliche Begehren ins Unendliche, ins Künstliche, da die natürlichen Versagungen plötzlich sich erübrigten.
Nachträglich bemühten die egoistische Habgier als Wohl der Allgemeinheit unzählige Theoretiker des die Realität und den Geist verabsolutierenden Kapitalismus zu versöhnen. Gleichzeitig, mit der Legitimierung, Konstituierung und Institutionalisierung des Kapitalismus nebenbei, zeigte die der natürlichen Begrenztheit entfesselte Geldwirtschaft, wohin die unstillbare Gier des nun sämtliche menschliche Begehrlichkeiten umfassende wie verinnerlichte Geld führe; nämlich ins unwiderrufliche Paradigma totalster Naturbeherrschung.
Müsste der Mensch des Tauschhandels noch gewissermassen die Natur berücksichtigten, so kann der bloss in und mit Geld denkende Mensch die Natur als wehrloses Objekt künftiger Profite und Gewinne projizieren; statt die Schönheit gilt nunmehr die Ergiebigkeit der Natur zu bestaunen. Einzig, dass dieser Habgier keine natürliche Grenzen gesetzt sind, stört die sonst reibungslos funktionierende Harmonie kurzsichtiger Unternehmer, wogegen die Spirale des Verdammnis erst recht ankurbelt.
Dies Problem, etwas grenzenlos Hungerndes zu stillen, verschmutzt, verschandelt und vergeudet endlich den unsrigen Planeten, der kaum zu wehren wie zu schützen sich weiss, bloss die menschliche Habgier rechtfertigt sich dauernd als Möglichkeit, das Wohl der Allgemeinheit zu mehren, wobei nachdrücklich verschwiegen ist, dass, falls dieselben Habgier, die radikale Exponenten ziert, plötzlich allen zugeben ist, den Untergang des sozialen Friedens besiegelt.
Bereits die Heutigen erleiden die Virtualisierung des Geldes, das, von Natur abgehoben und von ursprünglichen Realitäten fremd, mehr Raum und Relevanz erobert, als eigentlich nötig und zugewiesen. Seit das Buchgeld das Papiergeld bezwang, giert das blosse fiktive Kapital nach alleiniger Herrschaft; so ist der Triumph der Börsenwirtschaft über die Realwirtschaft gekennzeichnet und selbst alltäglichste Bedürfnisse werden zunehmend «virtuell» abgebucht.
Die nochmals gesteigerte Habgier der Börsenwirtschaft übertrifft die der Realwirtschaft mehr als belastbar; denn das weltstädtische Fellachentum, selber genug habgierig, aber mangelhaft ausgebildet um der Lotterie teilzunehmen, beklagt die überrissenen dünkenden Abzockereien der von scheinbar unendlichen Habgier geplagten «Manager», deren Pressesprecher derweil einhellig wiederholen, das so erwirtschaftete Kapital fliesse direkt ins Kreislaufsystem und so profitierten wiederum alle.
Die unendliche Habgier, deren Schmachten und Dürsten kaum zu drosseln scheint, entzweit die Gesellschaft in jene und diese, worin die einen der teuflischen Verführung sich entsagen und die andren ungehemmt ihrer sich unterordnen, letztlich gewinnt die infantile Triebregung; die Zivilität, deren Ansinnen die rohe menschliche Gewalt zu zivilisieren war, kapituliert; so umzäunen wir grosszügig Platz für jene barbarische Habgier, die wir längst niedergerungen glaubten.
Die wirklich ernsthaften Problem des unsrigen Jahrhunderts sind nicht blosse nationale, geografisch begrenzte, sondern globale, so jenes der Massenarbeitslosigkeit innerhalb der westlichen Demokratien. Dies Problem allein national gelöst, ist nur eine kurzsichtige Losung der Politiker, die längst in selben Kategorien denken wie die Wirtschaft: nämlich kurzfristig, alljährlich der Bilanz willen. Wiewohl das Problem der Massenarbeitslosigkeit und jenes des Klimawandels sind gesellschaftliche Veränderungen radikaler Artung, so beispielsweise, dass statt der Besitz der Austausch des Wissens entlohnt und dass die antiquierte Idee einer lebenslänglichen Staatsbürgerschaft aufgehoben werden sollte, selten ausschliesslich lokal durchzusetzen.
Da die Welt vernetzt und verkleinert ist, würden hochmobile Kapitalisten stets die günstigsten Bedingungen jeweiliger nationaler «Sonderregelungen» jagen und so die nationale Lösungen der Probleme unterbinden. Bereits heute flüchten sogenannte «Umweltsünder» dorthin, wo keine Umweltschutzgesetzgebungen deren unendliche Habgier dämmen. Globalisierte Probleme können so national bloss ausgelagert, global aber nicht gelöst werden. Darum sind Bestrebungen zu loben, die den alten, da wirkungslosen und überforderten Nationalstaat mit neuer Stärke und Relevanz erfrischen, indem Nationalstaaten in unabhängigen Föderationen sich gruppieren, natürliche Vielfalt künstlerisch einen.
Die Einführung der Wehrpflicht symbolisierte das Ansinnen der Jakobiner, die Menschen gleichzuschalten, will heissen, dass im Heer alle Stände und natürliche Unterschiede aufgehoben seien, so wurde der Wahlspruch der Republik endlich erfüllt. Fortan waren Europas ungebildete Massen bewaffnet, die vormals ritterlichen Privilegien des Adels abgeschafft, bishin, dass ausserdem gemeine Menschen als künftige Offiziere getauft werden konnten.
Seit also die Massen Europas gegeneinander kämpften, fürchtete die Obrigkeit mangelnde Treue und Disziplin derselben. Um Deserteure präventiv zu vermeiden, vereidete sie die Rekruten fürderhin des Vaterlandes, eine wirksame Surrogatheilung für Gottes Tod, so die weise Voraussicht einzelner Politiker mit Charakter und Entschlossenheit. Eiligst errichtete die Obrigkeit daraufhin nationale Mythen, Legenden wie der Schottenrock, Wilhelm Tell und derlei, sowie kultische Tempeln, beispielsweise Parlamentsgebäude, Denkmäler und breitspurige Boulevards.
Die Massenheere des 19. Jahrhunderts mussten erstmals im Weltkrieg sich bewähren, für ein anderes Jahrhundert konzipiert, mehrheitlich der Abschreckung und Einschüchterung willen, zerrann das vormals mit Heldengeschichten idealisierte und romantisierte Soldatentum in den feuchten, ekligen und engen Schützengräben des Ersten Weltkriegs. So beerdigte selbiger Krieg die heroische Gesellschaft; statt Wille Verzweiflung, statt Mut Selbstlosigkeit und statt Körper Maschine zollte der verheerende Krieg, das einst ehrenhafte Soldatentum war danach verstümmelt, als Verkrüppelte kehrten die geschlagenen Männer heim, derart erbärmlich, dass die Frauen sie kaum wiedererkannten.
Nichtsdestotrotz erdichtete die deutschen Verlierer während der Zwischenkriegszeit neue Sagen über einen neuen Typus Mensch, einen Maschinenmenschen, der jeder Belastung standhält, nötigenfalls hungert und durstet, und dessen Kälte wie Bereitschaft, allerhand zu töten und grausam zu morden, nicht wegen Moral und Pazifismus gelähmt sein darf; daraus erschufen die Alliierten das Feindbild des mechanisierten, entseelten und erbarmungslosen SS-Offiziers, um die eigenen Soldaten zu heroisieren, vergebens wohl, denn deren Heldentum litt in einem zunehmend kälteren, brutaleren Krieg ebenfalls.
Seit die Alliierten den Aufstand der deutschen Pseudohelden vereitelten, endeten sämtliche Bestrebungen und Versuche, die Soldaten des klassischen Heldentums zu heiligen, fortan waren Soldaten nämlich für menschenfeindliche Grausamkeit berüchtigt und Massenheere wegen Anonymität wie totaler Selbstauflösung unbehaglich. Gleichzeitig erfand die Industrie den sogenannten «Individualismus», plötzlich wollten alle sich «individuell» wissen, ein Massenheer, das alle Individualität verwischt, schien da dem Zeitgeist nicht mehr zu passen.
Nachdem der Vietnamkrieg die USA demütigte, beschlossen die dortigen Eliten, die allgemeine Wehrpflicht umgehend zu ersetzen mit einer Berufsarmee, neue Söldner der Unterschicht also, die nun statt fürs Vaterland bloss für eine Ausbildung sterben. Hierzulande wird trotzdem gern das Heldentum der unsrigen Soldaten erinnert, so jenes angeblich während des Zweiten Weltkriegs, als stramme Burschen der nationalsozialistischer Gefahr am Rhein trotzten. Den Luxus soldatischer Helden können wir Schweizer nämlich uns erlauben, weil niemals ein echter «Ernstfall» uns die Grausamkeit und Anonymität des Krieges zeigte.
So demoralisieren gerade die Pazifisten, also die Linken und Grünen, das Selbstbildnis der im Volk verwachsenen Heldentruppe, indem sie die Abgabe aller Militärmunition ereifern, was natürlich alle erregt, die fürs Heimatland frönten. Obendrein zersetzt die zunehmend mangelnde Tauglichkeit unsres Nachwuchs das einstige Leitbild eines bewaffneten und wehrfähigen Volkes; der Soldat als Held ist tot und der Mann als Rekrut untauglich. So wird das Zeitalter der stehenden Heere auch in der Schweiz abgeschlossen, daraufhin folgt endlich eines der hoch mobilen, motivierten, bezahlten und technisierten Kleinstheere, die weltweit operieren.
Momentan monopolisiert die Kleinfamilie die menschliche Fortpflanzung und ist gleichsam erziehungsberechtigt für den widerspenstigen Nachwuchs. So simuliert die Kleinfamilie eine «heile Welt»; worin anspruchslose Smalltalks geübt und minimalste Sittlichkeit unterrichtet wird, vielmehr nämlich können die Eltern kaum noch lehren, sind sie doch selber zusehr beschäftigt mit der Huldigung des ausdehnenden Ichs.
Seit die Realitätsbeauftragten des Konsum predigenden Fernsehens in tiefster Unterschicht das Versagen und Scheitern scheinbar überforderter Eltern aufwühlen, gilt die Erziehung nunmehr «verwissenschaftlicht»; und infolge dieser akademischen Institutionalisierung werden die Eltern plötzlich als «mangelhaft» und «ungenügend» abgestraft.
Unterdessen bekriegen junggebliebene, zeitgemässe und hippe Eltern sich mittels blossen Materialschlachten, genauso sinnlos wie die Urkatastrophe des langen 19. Jahrhundert einst ist der Zwang der Eltern, ihren Nachwuchs im Wettbewerb um das «idealste Kind» zu verschleissen, so endlich als perfekteste und beispielloseste zu mechanisieren.
Da die Wertschätzung vor dem eigentlichen menschlichen Leben rapid sinkt, nimmt auch die Bereitschaft ab, fürs nachkommende Leben gewisse Privilegien zu opfern; denn nichts scheuen modische Eltern energischer als Mehraufwand fürs eigene Kind. So wurde bereits die Erziehung selbst ausgelagert; Kinderkrippe und Schule bürden endlich den Rest.
Folglich gleicht das eigene Kind mehr denn je einem notwendigen Übel, eine Art egoistische Rückversicherung, das man um den Fortbestand unsrer Gesellschaft ja ach so selbstlos sich abmüht. Das Leben selbst indes verschmäht man; weil Leben Leiden bedeutet; Kleinkinder ärgern, stören und nerven wohlgemerkt, so, dass jene zeitgemässe Eltern, die feierabends jugendlich-überschwänglich ausgehen, von aller Verantwortung zu entbinden im Privaten wünschen.
Darum wird der «Markt» die Reproduktionskrise lösen, alsbald ethische und moralische Bedenken gänzlich veräussert sind, den Nachwuchs spezialisierten Unternehmungen anzuvertrauen, die fortan mittels völliger Rationalität und Professionalität die Gesellschaft systematisch und marktverträglich verjüngen; genau soviel Kinder produzieren, wie nachgefragt werden. So ist der lebhafte, stürmische und drängende Mensch endgültig als austauschbare, beliebige und wartungsfreundliche Maschine verbessert; statt Blut motorisiert Öl statt das Leben das Programm.
Selbst hier häufen sich die Meldungen, der Westen sei dem Untergang geweiht aufgrund plausibler Kriterien: beispielsweise dass die Geburtenrate sinke, die Innovationskraft schwinde, die wirtschaftliche Potenz verkleinert dünke und dass des Militärs Entschlossenheit, gezielt und erbarmungslos zu töten, aufgeweicht sei.
Solange wir noch, artgerecht und gesellschaftlich gefordert, konsumieren können, die nutzlosen Güter unser Kaufverhalten überbeanspruchen und jedermanns entseelende Beschäftigung, also Arbeitsstelle gesichert scheint, empfinden wir die momentane Zeit kaum als «Zwischenzeit». Denn die Bedrohungen, die unsere Intellektuellen an die Gesellschaft richten, sind für den «letzten Menschen», fürs weltstädtische und vergnügungssüchtige Fellachentum äusserst abstrakt und weltfremd.
Die Missstände vergrössert, so ist die Durchschnittlichkeit und Genügsamkeit der Fellachen, der von Nietzsche genannten «letzten Menschen» das grösste Ärgernis und Verdammnis unsrer Zivilisation, denn statt zu kämpfen sorgen diese sich, statt zu handeln zweifeln sie. Sie «funktionieren» zwar reibungslos; sie alle erwachen morgens pünktlich, trotten im Gleichschritt zur Arbeit und zerstreuen sich feierabends «individuell», doch der innere Lebenstrieb erlosch, sie sind ermüdet und schlaff, nur äusserlich können sie den Eindruck vollster und rationalster Funktionstüchtigkeit schwindeln.
Der europäische Dekadentismus, erstmals ab ungefähr 1890 bis 1914 geirrlichtert, das unweigerliche Endprodukt aller goldenen Zeitalter, das unsrige war wohlgemerkt das des vergleichsweise stabilen Kalte Kriegs, bereist und infiziert den gesamten Westen. Kurzum: vom eigenen Erfolg geschlagen, wissen wir nicht, wohin wir unsere Experimente wie Demokratie, Liberalismus und Freihandel steuern sollen angesichts des Selbstzweifels, Chinas wirtschaftlichen Aufstiegs und der als omnipräsent inszenierten Terrorgefahr.
Bedrohlicher als der Zerfall der Massen ist jener der Eliten; ausschliesslich eine Elite könnte das verwilderte, verrohte und gesinnungslose, da entpolitisierte Fellachentum noch retten, aber nur eine sendungsbewusste, vorbildliche und gewissermassen soziale. Doch sie wurde von der Masse ausgerottet; so will der Aufstand der Masse heissen, dass die Masse nun sich selber als Elite fälschlicherweise betrachtet, gleichwohl, dass die besten Leistungen diejenigen des Durchschnitts seien, also die der Masse. Dementsprechend ist die untergetauchte Elite verschüchtert, scheut die Konfrontation mit der grössenwahnsinnigen Masse, die voller Selbstüberschätzung schäumt.
Der letzte Mensch fühlt sich als grösster und stärkster, der jugendliche Übermut eines jeden 17-Jährigen pflegen gar die biologisch längst Erwachsenen. Sie alle kokettieren mit dem Bewusstsein des nahenden Untergangs, sie ahnen, dass unsere westliche Herrschaft bröckelt, doch dagegen unternehmen sie nichts, sie feiern stattdessen, als ob der Morgen sich niemals wieder röte. Ihren Augen abzulesen ist der Eingeständnis, die menschliche, insbesondere die westliche Zivilisation hätte nicht «verdient», den unsrigen Planeten zu besiedeln. Sie wurden des Lebens überdrüssig, die Politikverdrossenheit ist bloss eine vage Andeutung desselben. Mit diesem nicht entwicklungsfähigen Gesindel, um mit Spengler abzuschliessen, ist wahrhaft keine Zukunft zu erträumen. Möglicherweise wünschen sie gar, dass das ihrige missratene Geschlecht endlich ausstirbt.
Jede überlieferte Erzählung will einen «neuen Menschen» schmieden, mittels Disziplin erziehen und mittels Geboten verinnerlichen, so auch die klassischen wie beispielsweise die des Sozialismus. Doch alle Bemühungen, einen neuen, vermutlich besseren Menschen zu formen, sind gescheitert, wohl weil der Mensch nur widerwillig sich belehren und bessern lässt, ansonsten sich wehrt und schützt gegen alles, was in ihn eindringt, ihm Illusionen zermalmt, die seine Realität konstruieren.
Darum müssen die Instrumenten der Besserungen den Menschen selber verführen, das ist nämlich bloss Werbung; man wirbt, dass ohne Verbesserungen der Mensch nutzlos, überflüssig und mangelhaft sei, gerade hervorgehoben sollten wir wissen, dass der Mensch naturgemäss mangelhaft sei und so einer Verbesserung bedarf. Nun endlich: wer oder was den Menschen verbessert, ist die Technik, und der austauschbare Cyborg das Ziel dieser Forschung.
Zum Beispiel: das Grundlagenstudium der Physik verschlingt Jahrzehnte, bis der Mensch Neues experimentieren und erforschen kann. Obendrein wächst das Wissen der Physik täglich weiter, ehe also das bisherig gewonnene erlernt zu haben, endet ein Menschenleben. So muss der Prozess des Wissensgewinns, will man fürderhin neues Wissen produzieren, ungemein beschleunigt werden. Eine mikroelektronische Implantation, die das Gehirn direkt mit einer Wissensdatenbank verdrahtet, unterrichtet den jungen Menschen innert Sekunden der gesamten Physik.
Den immensen, äusserst spezialisierten Fortschritt nachzuholen allein mit Fleiss, Übung und einsamen Stunden in der Bibliothek, vereinfacht kaum die Aufgabe, das unermessliche Wissen zu sortieren, bewerten und zu analysieren, sondern lähmt letztlich den Fortschritt, weil der einfache, auch gelehrte Mensch stets dem immer mehr fortgeschrittenen und vertieften Wissen hinterher hinkt. So schliesslich ist vielmehr beklagenswert, dass niemand mehr recht über ein abstraktes Fach Bescheid weiss, ja dass möglicherweise bloss zehn Köpfe innerhalb der westlichen Geistesherrschaft tatsächlich die Grundlagen der zeitgemässen Physik auswendig kennen.
Um als Zivilisation endlich reifen zu können, muss erst das Wissen demokratisiert werden, das heisst, dass der prinzipielle Wissensgewinn keinen Fleiss, kein Geld, keinen Willen bedingt, sondern immerzu möglich ist, möglich durchaus, indem man das Gehirn mit einer universellen Wissensdatenbank vernetzt und so das Gewünschte ins eigene Gehirn lädt. Man bedenke, dass dadurch das Grundlagenstudium aller Fächer entfällt, eine Anstrengung wohlgemerkt, die die besten Jahren unsres Nachwuchses verschwendet.
Die kritischen Leser mögen erwidern, dass die theoretische dauernde Verfügbarkeit jedes erdenklichen Wissens unweigerlich den Kommerz anlockt, diesen Markt zu monopolisieren, ihnen und den momentan durchaus gerechtfertigten Einwänden sei versichert, dass eine Zivilisation, die das Gehirn entschlüsseln konnte, nicht mehr wegen Banalitäten wie Geld und Markt stürzt, denn solange diese des Menschen Kreativität und Fortschritt geisseln, ist auch keine Zukunft und kein Gewinn möglich, wir harren folglich sozusagen in einer «Zwischenzeit», in einer geschichtslosen Epoche.
Historisch betrachtet, rebellierte das liberale wie städtische Bürgertum ausschliesslich gegen den unproduktiven und faulen Adel, dessen Sexualmoral ausserhalb des Hofs die gewissenhaften, tüchtigen, fleissigen und einen strengen Triebhaushalt waltenden Bürger empörte und dessen Vorrechte, die kaum mehr zu begründen waren, das hochkapitalisierte Bürgertum gleichermassen entsetzte.
So musste etwas geschehen: radikalisierte liberale Strömungen kooperierten bis 1848 mit ebenso radikalisierten sozialistischen, um gemeinsam den in überkommenden Privilegien schmorenden Adel zu entmachten. Handwerker, frühe Industriearbeiter und Kaufleute sannen sich überein, die willkürlich und zufällig scheinende Standesordnung zu ersetzen mit einer neuen, worin statt Willkür der Fleiss, statt Geburt der Aufstieg, statt Faulheit die Tüchtigkeit das Wohl aller verbessern sollte.
Vor allem eine flächendeckende Bildung sollte jene Chancengleichheit institutionalisieren, mit der ausschliesslich der Fleiss über sozialen Aufstieg oder Abstieg entschied, so durfte die Geburt nicht mehr den Werdegang eines Menschen vornweg determinieren, denn sie alle wurden grundsätzlich gleich, gleichgestellt vor Recht und Gott.
Damit endlich schien die Herrschaft des Adels gebrochen. Unterdessen das Bürgertum sich vermehrte und unaufhaltsam Kapital kumulierte, so gewann es immer mehr Bedeutung und Relevanz innerhalb Gesellschaft; bald wurde das Bürgertum zur stärksten wie staatstragendsten Kraft der Gesellschaft.
Erfroren wegen der Kälte, gedemütigt wegen der eigenen Beliebigkeit und überfordert wegen der unendlichen, subtil angewandten Normen, ersehnt das in Weltstädten verdichtete Fellachentum eine urbane Romantik, eine düstere, betoniertere und dunklere Abwandlung der ursprünglichen Romantik: statt der Natur das Bauwerk, statt der Gesinnung die Gesinnungslosigkeit und statt des friedfertig-fröhlichen Rausches die draufgängerisch-beschwingte technoide Ekstase während des Wochenendes wurden zu Objekten der kultischen Verehrung erwogen.
Romantisch ist nicht mehr der staunende und ehrfürchtige Blick in die von Menschenhand noch nicht verunstaltete Natur, deren Wucht und Fülle den Menschen in den Hintergrund drängt, sondern das «formlose», vollendete Bauwerk, die Urbanität einer jeden Weltstadt, worin die hohen, selbst Kirchen überragenden Türmen menschlicher Ingenieurleistung die Ohnmacht, die Nichtigkeit und Gewalt menschlicher Naturbeherrschung versinnbildlichen.
Die klassische Romantik wehrte sich noch gegen die anrückende Zivilisation, die urbane Romantik flüchtet bloss in die Zivilisation; sie ist ein Produkt zivilisationsmüder Fellachen, das die Zivilisation so umformt, dass sie natürlich, als ob von Gott verordnet wird. Darin kondensiert der Verdruss, dann das aufgestaute Unbehagen und danach der Ausbruch, der direkt in die Zivilisation einbricht: es ist ein Zugeständnis, eine Anerkennung der maschinenartigen Zivilisation, deren Getriebe man wurde: kurzum eine Kapitulation.
Der letzte verbindliche Wert ist der der Wertlosigkeit. Sobald die nicht entwicklungsfähigen Fellachen unermüdlichen Dollar jagen, der vermeintlich freie, tatsächlich in Trusts verklungene Wettbewerb die Wettbewerbsscheuen tyrannisiert, hoffnungslose Jugendliche das Spektakel gewalttätig terrorisieren und die schamlosen, ohnehin verdorbenen Eliten einen Kampf der Fittesten, Fleissigsten und Tüchtigsten krächzen, erschleicht die Barbarei plötzlich Würde und Achtung.
So wuchert rings um die Wirtschaft, die schwindelt «Kultur» vor dem Untergang zu retten, blanke Barbarei; ein abgekühlter Wirtschaftsdarwinismus derer, die die Wirtschaft nicht mehr bloss als Teil sondern als totale, ja gar totalitäre Gesellschaft verherrlichen. Werte, die jenseits des Materiellen übernächtigen, sind nur wertvolle, insofern sie nichts kosten oder wenigstens rentieren.
Und nun fällt die Gesellschaft auseinander; die systematische Dekadenz ölt die Wirtschaft, steigert die Gewinne und zerstreut obendrein allen Zweifel, so endlich wird der Staat demontiert, Eigenverantwortung übersetzt als Losung, die Verantwortung der Allgemeinheit den einzelnen, sowieso zu schwachen Menschen aufzubürden und die Kapitalwirtschaft die Realwirtschaft geisseln.