Keine Zivilisation verwaltet den Planeten dergestalt straff wie die jetzige; sie ist auch die erste, die wahrhaft planetarische Dimension erlangte. Doch des weissen Mannes Zivilisation plündert, so als ob Ressourcen unendlich wären, den endlichen Planeten; die Nebenwirkungen dessen sind bekannt: zunächst Naturkatastrophen, eine symbolische Rache der ausgebeuteten Natur, die sich wehrt und den Parasiten Mensch zu ermahnen sucht.
Aber eine weitaus tragischere Nebenwirkung der westlichen Zivilisation ist die Krankheit namens AIDS, die glücklicherweise bloss am Rande der Zivilisation das Leben dort aller vereitelt; hierzulande jedoch präventiv mittels einer bemerkenswerten Symbiose zwischen Kultur- und Pharmaindustrie eingedämmt.
Dass bloss kopulierende Menschen sich infizieren, ist keine Tragik, sondern Absicht; irgendwer also, sei es die «Natur» respektive «Gott», beabsichtigt die Menschheit auszurotten; weswegen ist einerlei, Gründe hierfür zu bemühen überfordert niemanden; denn das von Menschen verursachte Leiden ist kaum zu kaschieren, auch nicht mittels die Realität virtualisierenden wie aufputzenden Unterhaltungsindustrien.
Statt bloss die Symptom zu behandeln, sollten wir uns endlich bequemen, weswegen irgendwer, das Subjekt muss man nicht identifizieren; wir könnten uns ja mit der Ahnung begnügen, dass wir eben irgendwem nicht gefallen; ja weswegen irgendwer der Menschheit Fortpflanzung erschweren möchte. Was hatten wir denn verbrochen? Was müssen wir denn verbüssen? Statt AIDS zu heilen sollten wir also solche Fragen beantworten.
Die Menschheit ist gescheitert, soviel ist allen vertraut; der hiesige Wohlstand, den wir imperialistisch als das alleinseligmachende Konzept universalisieren, weil uns alternative Lebensideen mangeln, ist blosse Fassade, wohinter die notbehelfsmässig verhüllte Barbarei schnaubt. Doch Pessimisten wissen, diesmal zurecht, dass die momentane Gesellschaft kaum jemals nennenswert sich ändern mag, vielmehr sich verschlimmern werde; das Ende ist gewiss, somit ist AIDS zu bejahen, denn AIDS lähmt die Reproduktion.
Weswegen Schweizer Berlin mögen, bisweilen kultisch verehren, ist rasch geklärt: Berlin lärmt, ist unordentlich und dezentralisiert; nachgerade jener Grossstadtdschungel, den wir hier, wo die Städte noch säuberlich strukturiert und überschaubar, so vermissen; so sehr also, dass wir allesamt ins benachbarte Berlin taumeln.
Auch der Zürcher ist ein Flaneur: ein Typus Mensch, gepeinigt von Weltstadt und Moderne, welcher ziellos irrt, niemals seitlich oder abwärts, höchstens aufwärts blickt; Spiel ist bloss, wer abgebrühter und kälter ist: der Penner oder der Passant; keiner wagt die Verwundbarkeit zu verwetten, so geriert man sich denn stark und hart, erbarmungslos und ignorant.
Berlin aber scheint diesen Typus Menschmaschine vervollkommnt; wo auch das Elend allgegenwärtig, normalerweise nicht zu ignorieren ist, ist denn der «Mensch», oder was vom Menschsein noch übrig blieb, umso kälter und härter; Auschwitz bedingt solcherart Kälte; wer liebt, Bettler finanziert, ist sozial dort, wo die Geretteten sich wähnen, tot und wiederum ausgegrenzt, endlich als Fremdkörper gescholten.
In der Schweiz liebt man sich; man ist nett, grüsst, weiss sich einzureihen und einzugliedern; man ist schlichtweg zivilisiert und kultiviert, ganz gesittet und bescheiden; man plaudert auch nicht übers Sexuelle; man anerkennt denn die Privatsphäre. Hingegen in Berlin, wo die Menschen alles vermarkten müssen, ist nichts mehr heilig; die Menschen sind giftiger, schonungsloser, egoistischer und dementsprechend kapitalistischer.
Die Stadt stinkt, ist verdreckt; man latscht, stolpert über Unrat, sieht die Bausubstanz zu zerfallen, wird ohnmächtig und wehmütig, beklagt die Toten beider Weltkriegen; und die Menschen, finden kaum Ruhe und Entspannung, hasten und eilen schliesslich, doch wohin? Arbeit ruft ja keine mehr; sie schwirren vielmehr so, als müssten sie den Schein wahren, sie seien noch beschäftigt: temporäre Arbeitsbeschaffung.
Oder will man sich irgendwo setzen, vielleicht um eine Aussicht zu kosten, muss man, auch wenn der Tag längst anbrach, einen Arbeitslosen oder Obdachlosen verscheuchen, der noch nächtigt, ganz gleichgültig, wer ringsherum pirscht, schlimmstenfalls sogar eine Notdurft verrichtet. Oder befördert einen die Bahn, man fühlt sich sowieso schon eingezwängt, von sabbernden Blicken belästigt, von lauter Musik gestört, brüllt plötzlich das Elend der Stadt, man solle es doch mildern.
Und so ist man erleichtert, als heimgekehrt, das weltstädtische Fellachentum als Abstraktion verharmlost, die Sorgen und Nöten der im Asphaltdschungel kämpfender Urmenschen im Nachmittagsfernsehen verdämmern; schlichtweg froh, den nervösen und hysterischen Koloss nicht mehr erdulden zu müssen.
Weswegen Schweizer Berlin trotzdem mögen, verschulden letztlich die krassen Gegensätze, und zuweilen auch eine Hassliebe zur Schweiz; doch heimgekehrt, sind sie alle wieder glücklich, hierzulande verwurzelt zu sein und nirgends anderswo.
Wo das Bürgertum verstarb, sollte auch das wertende Etikett «bürgerlich» verboten sein; und doch reklamiert die SVP, ganz erzürnt und verbittert, sie sei «bürgerlich». Ja bitte, hätten wir denn wahrhaft ein intellektuelles und verweltlichtes Bürgertum, bedurfte die unsrige Gesellschaft keiner Partei, die fürs vermeintlich Bürgerliche opponiert.
«Bürgerliche Kräfte», solche und dergleichen Phrasen verabreicht die SVP desöfteren den Medien, ganz im Ansinnen, den Leser zu täuschen, sie rette das Bürgertum, das eigentlich verrottete; man lese doch gefälligst die Klassiker der Moderne, oder auch Thomas Mann, ein Praktiker der europäischen Dekadenz, der den Zerfall bürgerlicher Werten minutiös und bishin grandios schilderte. Diese Literatur vergewissert, ohne dass Zweifel keimen könnten, dass das heutzutage so oft beschworene Bürgertum unwiderruflich verkümmerte; wir dürfen also bloss noch museale, ganz brüchige und verwitterte Artefakt einer Dekadenzkultur erdulden; die umso peinlicher, je mehr sie zitiert wird.
Statt das Bürgertum zu reanimieren, das ohnehin niemals wieder Laufen lernt, weil die Grundlage, humanistische Bildung, mitsamt demselben Humanismus verelendete, endlich im Soldatenfriedhof beider Weltkriegen ruht, sollten wir die neue Zeit, worin ein neuer, ein vielfach primitiverer Mensch wuselt, meistern; diesen Typus gemäss, der bloss arbeitet und konsumiert, ansonsten kaum fürs Gesellschaftliche wie Politische sich interessiert, oder sei es denn, wenn der Staat Steuern erhöht oder Sozialleistungen kürzt.
Diesen letzten Menschen sollten wir statt das verkommene Bürgertum kultivieren, bloss dieser verspricht «Zukunft», auch wenn eine düstere und fatale, so zumindest eine, die noch einige Jahrzehnte überdauern mag. Und das Gefasel um etwaige Werte, die verblassten, bloss noch schauerlich schimmern, wenn nicht erinnern ans goldene Zeitalter während Gottes gütiger Herrschaft; dieses Gerede ist zu stoppen; der letzte Mensch bequemt sich denn bloss noch fürs Tatsächliche und Geschäftliche: gewinne oder verliere ich? bin ich gut gekleidet oder bin ich nicht? liebt man mich oder liebt man nicht? Der letzte Mensch ist zugleich der einfachste, aber deswegen nicht der dümmste; bloss der Intellektuelle spottet, das Volk verdumme; das Volk hingegen kontert, bloss der Intellektuelle verzweifle.
Inwieweit die USA die europäische Dekadenz noch finanzieren möchten, ist fraglich, denn Europa produziert, ausgenommen allenfalls dekadente und kranke Popkultur, kaum etwas, das im nihilistischen Zeitalter kämpfender Staaten den Westen stärken würde.
Momentan wedelt die NATO bloss als Papiertiger, zwar hochgerüstet, auch atomar bestückt und weltweit stationiert, doch kaum entschlossen und nötigenfalls willens, die letzten frischen Jahrgänge, die unsere im Lifestyle versumpfenden Weiber noch gebären, zu opfern am Schlachtfeld für Menschenrechte, Freihandel und Absatzmärkte.
Auch die demografische Katastrophe des müden Westens, dass wir zunehmend altern und verweichlichen, wogegen die Heiden unentwegt sich vermehren, zwingt uns, die Grenzen zu befestigen; andernfalls überrennen Nomaden und Flüchtlinge unsren Kontinenten, den wir ja mühevoll aufbauten und verschönerten.
Den Kapitalismus, auch wenn er kurzfristig einseitigen Wohlstand zeitigt, können wir langfristig nicht mehr künstlich beatmen; er wird kollaborieren, weil die Zahl derer, die des vermeintlichen Konsumglücks sich entsagen müssen, stetig zunimmt; womit denn auch die allgemeine Unzufriedenheit wächst. Deswegen sollte der Westen die eigene Gesellschaft entweder zivilisieren wie humanisieren oder militarisieren wie reprimitivieren; wir werden also entweder als friedliebende und gebildete und kultivierte oder als barbarische, aggressive und kalte Zivilisation überleben; hiervon scheidet das unsrige Schicksal, ob wir den Kapitalismus zähmen, beispielsweise mittels eines Grundeinkommens federn, oder nicht.
Momentan protestieren asiatische Staaten gegen das Ende der Geschichte; besonders die westliche Moderne, die in Universalität vollendete, scheint angegriffen und herausfordert. Auch wir, wenngleich der Moderne geübt und erprobt seit nunmehr hundertfünfzig Jahren, zaudern noch mit der totalen Verwirklichung der Moderne; die Krise der Moderne hat statt eine Lösung eine Geschichte.
Weil die Asiaten selbstbewusst sich wähnen, da sie die westliche Produktion mitsamt deren Produktionsmittel innehaben, wird auch der Zeitpunkt nahen, als sie diese relative wirtschaftliche Macht in politisch-militärische drehen, womit sie denn den Westen verängstigen und folglich zu wirtschaftlich-wissenschaftlichen Konzessionen zwingen könnten. Dies ist zu vermeiden, vor allem deswegen, weil im militärischen Ernstfall wir uns nicht mehr behaupten würden, weil zu weich und zu schlapp.
Die westliche Zuchtpolitik ist gescheitert; bloss die absolute Unterschicht, wovon nichts als Verzweiflung und Selbstmord zu erhoffen ist, brütet noch frischen Nachwuchs, den wir aber nicht mehr finanzieren und ausbilden können, den wir deswegen amortisieren als Fehlgeburt müssen, und der lebenslänglich den Steuerzahler belastet. So wie früher arme Familien enteignet, arbeitsscheue Jugendliche eingesperrt und ungebildete Männer kastriert wurden, sollten wir unsere Zuchtpolitik, die auch immer Gesellschaftspolitik ist, radikalisieren; oder andernfalls privatisieren.
Als Rom der Dekadenz anheimfiel, wollte plötzlich auch niemand mehr kämpfen; die verlorene und hoffnungslose Unterschicht könnten wir deswegen als Söldner engagieren, ungefähr so, wie die USA dies bereits erfolgreich praktizieren; Söldner könnten statt aufs Vaterland auf einen wirtschaftlichen Lifestyle vereidet werden; dies verringert zugleich den demografischen Überschuss der Unterschicht, die wir sodann als Kanonenfutter weltweit verschiessen dürfen, ganz zum Zwecke, den Westen zu sichern.
Weiterführende Informationen
DER VERWERTER: «Die Zukunft der NATO»
Ernst Jünger, Der Arbeiter:
Die Gesellschaft erneuert sich durch Scheinangriffe auf sich selbst; ihr unbestimmter Charakter oder vielmehr ihre Charakterlosigkeit bringt es mit sich, dass sie auch ihre schärfste Selbstverneinung noch in sich aufzunehmen vermag.
Weil der Diskursraum bishin nach China ausgeweitet ist, wo der Geist westlicher Aufklärung, Moderne und Menschenrechten den dortigen, bislang unbefleckten und autonomen verdirbt, glänzt die westliche, irrtümlicherweise konstituierte Liberalität ausnahmsweise, denn unsere Gesellschaft ist ja dergestalt liberal, dass sie sogar ihre Verneinung und Ablehnung aufsaugt und wiederum als Popkultur vermarktet.
Keine andere Gesellschaft zerfleischt und demontiert und dekonstruiert sich selbst mit derselben schonungslosen Radikalität wie die unsrige; beabsichtigen die Chinesen also, uns beispielsweise der Dekadenz zu bezichtigen, müssen sie die Klassiker der unsrigen und nicht der ihrigen Kulturkritik studieren. Dass dies den noch so motivierten Chinesen frustriert, ist unabweislich.
Auch ermöglicht die von Jünger diagnostizierte «Charakterlosigkeit» uns «Kulturen», die den Westen verneinen, graduell einzuverleiben und fortan als das unsrige geistige Eigentum zu patentieren, weil wir selber kaum zu fassen und zu verorten sind; wir können somit alles sein, weil wir nichts sind. Im nihilistischen Zeitalter kämpfender Staaten, die um Deutungshoheit ob allerlei Werten wie «Moderne», «Menschenrechte» und «Aufklärung» zanken, bevorteilt die Geschichte beliebige und austauschbare Zivilisationen.
Unsere Leere, unsere Fantasielosigkeit und unsere Dekadenz ist also unsere Stärke; hierin sind wir ja führend und ohnegleichen, deswegen sind wir denn auch verpflichtet, den ganzen Planeten zu verschimmeln, aufdass niemand sonst den unsrigen Absolutheitsanspruch unterminieren könne. Wir müssen uns folglich nicht vor den Chinesen fürchten, insofern diese immer mehr konsumierend und, ganz westlich inspiriert, sich vergnügend und somit uns ähnlicher werden.
Die Macht ist «entpersonalisiert» (Wes); wogegen früher, als natürliche und gütige Autoritäten herrschten, die Macht noch ganz als Person verbürgt war, scheint heute die Macht dezentralisiert und anonymisiert; der Demokrat ist hiervon gefälliger Zeuge.
Der Macht «gänzliches Verschwinden» (Mcp), dass sie sich tarnt, kostümiert und bishin versteckt, somit nicht mehr zu identifizieren und zu verorten ist, erschwert das Verwalten und Bewältigen einer Gegenwart, die ja prahlt, ausnahmslos chaotisch, irrational und verworren zu sein.
Wir schlittern direkt ins «Empire», die schrullige, wiederum radikalisierte und noch hoffnungslosere Nachfolgeorganisation einer «Gesellschaft des Spektakels»; ja falls wir die konzentrierte und verdichtete, klar und deutlich zu benennende Macht nicht reaktivieren.
Doch ein «charismatischer Führer» (Max Weber), der die Hilflosen und Ziellosen eint und lotst, löst, sofern Demokrat, das Macht-Problem nicht, weil dessen «Autorität» eine wählbare und somit befristet verfügte ist; ja auch wenn eine schmierige Partei einen nebulösen «Auftrag» jenseits den Wahlen verbrieft, so überdauern solcherart «Führer» niemals Jahrzehnte.
Im Nihilismus gestrandet, streben die Menschen nach Macht, da bloss die geballte Macht den Nihilismus zu überwinden verspricht; so auch der Nationalsozialismus, der aber gerade deswegen scheiterte, weil er selber ein Spätprodukt des Nihilismus und demokratisch institutionalisiert worden war.
Die einzige Person, welche die Macht würdig und ehrbar verkörpern konnte, war Gott; doch Gott ist ja bekanntlich tot; einen solchen allmächtigen Herrscher inthronisiert demnächst wohl niemand; viel lieber denn irren die Menschen statt sie streben; sie verlieren sich und verlieren somit jedwede Macht.
Wer sich erinnern mag; eigentlich diskutierte die momentan wegen eines hierin beinahe ignorierten «Versprechers» verruchte Kommission, inwiefern Forschung am Menschen zu reglementieren und zu handhaben sei. Nun, weil die althergebrachten Medien, denen wir sowieso misstrauen, weil sie bloss noch Quoten senden, dieses eigentlich bedenkenswerte Thema verschweigen, wollen wir unsere Leser informieren der Pflicht gemäss, Menschen aufzuklären und zu belehren.
Der Mensch ist ja tot, statt Subjekt nunmehr Objekt; wir sind Roboter, frohlockende obendrein, welche allesamt ach so glücklich und genügsam trotten, gewiss im nivellierenden Gleichschritt, der uns behütet und beschützt, das Bewältigen dieser irren Gegenwart vereinfacht. Und «Menschenrechte» entlarven wir, gesetzt: wir fristen im nihilistischen Zeitalter, als einen Willen zur Macht; deswegen beeindruckt uns das Gerede wegen Menschenrechten keineswegs.
Weil Arbeitspolitik immer Zuchtpolitik ist, dürften wir endlich uns streiten, ob wir nicht einen Menschenpark errichten sollten, der perfekte Menschen produziert, gerade soviel, wie der Markt gebietet; womit wir denn natürlich solcherlei menschlichen «Abschaum» meiden könnten, den jene kapitalistische Gesellschaft als Abfallprodukt ausstosst, der gewissen Totalitär mangelt. Ja eigentlich sollten wir die Fortpflanzung liberalisieren, auch dortselbst, wo die Kleinfamilie sie noch monopolisiert.
Bekanntlich werden Tiere besser behandelt als Menschen, weswegen sollten wir denn noch den Menschen schonen? Der Mensch als Objekt und Instrument der Macht und der Wirtschaft, als Handlanger des Teufels endlich, muss, will er überleben, also seine Produktivität verbessern, weil Selbsterhaltung Arbeitszwang bedingt, auch seinen Körper «mechanisieren»; wir spüren ja alle, dass der Mensch mangelhaft und ungenügend und schlichtweg unvollkommen ist; wir müssten ihn folglich, wo nötig und möglich, künstlich erweitern.
Die Katastrophe unsrer Zivilisation kann bloss verzögert werden, indem wir uns aller Menschlichkeit endlich entledigen; Liebe und Freude, Solidarität und Rücksicht behindern einzig den Fortschritt und des «Menschen» Werdegang; wir sollten uns solcherart Zwängen befreien; demnach, weil der Humanismus und der Mensch an wie für sich scheiterte, denn auch des Christentums Mission, den Menschen zu zivilisieren, misslang.
Die Technik, als Selbstzweck, ist die letzte Chance, den Menschen ins nächsten Jahrhundert zu retten; wir müssten endlich den Menschen in privatwirtschaftlichen, minimal staatlich beaufsichtigten, ansonsten grösstenteils deregulierten Parks züchten und den Marktbedingungen anpassen. So könnten wir die arbeitsscheue Unterschicht endlich eliminieren, wie auch das schlechte Gewissen, das manchen missbehagt, oder die Ethik, blosser Ballast, oder Menschlichkeit; denn werden wir endlich als Roboter fabriziert, kann das Gerede wegen etwaigen Menschenrechten uns ja nicht mehr bekümmern.
Obgleich die «Fülle der Dinge» uns nicht beglückt und befriedet, obgleich dessen endlich vergegenwärtigt, erstreben wir immer mehr; arbeiten und schuften, dass wir kosten und häufen dürfen, gleichgültig was und wo und wie; wenigstens etwas, das man auch beneiden, verwerten und veräussern dürfte. Die Gier scheint unendlich.
Bloss können wir nicht alles bewältigen, was die Gier uns gebietet; wir sind schneller satt als berechnet; wir müssten doch kaum hungern, wir könnten stattdessen die Güter gerecht verteilen, auch wenn Gerechtigkeit verwirkt, alsbald die Produktion, wovon das Sein im Sinne der «Umwelt» ja abhängt, punktuell verklumpt ist.
Ob das unsrige «System» missriet, klärt der Hunger derer, die wir zu nähren weder gewillt noch entschlossen sind. Menschheit, und damit eine gemeinsame Verantwortung wie Pflicht, ist nunmehr eine populistische Abstraktion, worauf die Eitlen und Sensiblen medialisierte Empörung und das Gefasel beliebiger «Werten» projizieren.
Weswegen das unsrige System dennoch überdauert, muss der ruchlose Optimismus verantworten derer, die trotz den unwirtlichen Bedingungen, die eine jeden Menschen zum Arbeitstier verordnende Gesellschaft der Anonymen und Unbeteiligten erhebt, die Maske der Zufriedenheit und des Glücks kleiden.
Jedermann scheut, das persönliche Leiden zu offenbaren, und wenn doch, dann vermarktet, sodass auch das Leiden noch gewinnbringend verbucht werden kann. Wir sind also Roboter, die Glückseligkeit vortäuschen, und zwar hauptsächlich deswegen, fürdass wir die erwünschte Leistung im Alltag auch weiterhin erbringen können.
Gerade solange, wie die Menschen Glück noch schwindeln, kann die Gesellschaft sich nicht ändern; wir sind ja allesamt tot, bloss noch unsere verzierten und frisierten Hüllen kriechen durchs «Leben», das nunmehr ein Programm ist, dessen Eintritt wie Austritt systematisch geregelt scheint, wogegen man auch nicht protestieren kann; Proteste sind denn endlich Bekenntnisse der Popkultur.
Die Mühe, das eigentliche Unglück zu verdrängen, das wir mittels subventionierten Glücks kaschieren, welches die mächtigen, längst auch die Politik entfremdenden Unterhaltungsindustrien uns erbarmen, ruiniert jene letzte Kreativität, mit der denn noch eine Gesellschaft zu bessern und zu läutern gewesen wäre.
«Brot und Spiele» ist die letzte ethische und moralische und politische Erfindung, die eine Zivilisation noch tätigen kann; danach ist sie vollendet und deswegen endlich.
Vielleicht bedürfen wir einer «gerechten Strafe», die das Unheil, das wir anrichteten, den Schmutz, den wir hinterliessen, die Narben der Natur, die wir brannten, verbüssten; dies ist der Todestrieb, der unbewusst spürt, dass die menschliche Schöpfung ein irreparabler Fehler war und den man nun beseitigen müsste.
Der Welt mangelt Liebe, soviel ist wohl allen gewiss; Eros ist geschlagen, man verbannte ihn, wohin auch immer; nun ruht er; er verstarb denn mitsamt Gott, worüber bloss der Teufel triumphiert, genauso der Todestrieb. Wie Gott und Teufel, so neutralisierten sich Eros und der Todestrieb; doch diese Dialektik ist aufgehoben; infolgedessen scheint die Welt einseitig, einseitig ins Teuflische und Böse gekippt.
Nun, wie sind wir noch zu retten? Gar nicht, wir sind verloren, der Zerstörungstrieb ist vielfach stärker, vielfach ausgeprägter und faszinierender als die Liebe, die man romantisch und ewiggestrig schimpft, ja unentwegt meidet; man fürchtet sie denn gar; weil ach so unheimlich sie scheint, weil auch sie Kräfte entfesseln mag, die wir nicht bändigen und zivilisieren können. Doch den Todestrieb können wir vereinen mit unsrer Zivilisation.
Der Prozess der Zivilisierung ist denn der Prozess der Zerstörung; Zivilisation bedingt eine unterwürfige und reichhaltige Natur, womit der Mensch sich abhebt von Natur und dadurch glaubt, er sei wertvoller; er kröne tatsächlich die natürliche Schöpfung. Seitdem der Mensch sich statt humanisierte zivilisierte, plündert er die Natur; und auch wenn die Natur naturgemäss begrenzt und endlich scheint, dringt der faustische Mensch immer weiter ins Unendliche vor und manchmal wieder zurück.
Auch der faustische Pakt mit der Wirtschaft, der grenzenlose Kreativität und Produktivität verspricht, erhitzt die Gegenwart zur Hölle; das Leben wird schwer, bedarf seiner Selbsterhaltung willen immensen Anstrengungen, der zu bequemen niemand sich erwehren kann. Die eigentliche Hölle scheint abgeschafft, wohl durch die Realität ersetzt; Liebe und Gott dünken überkommen und veraltet; man predigt Härte, Rücksichtslosigkeit und teuflische Entschlossenheit.
Vielerorts möchte man protestieren, dass die politische Sachlichkeit ersetzt schien durch skandalisierte Emotionen, die fortan als nicht mehr zu dämpfende «Stimmungen» (Heidegger) schwirren; solche eigentlich, welche die leere, weil vollends mechanisierte Welt «vergeistigen». Gerade die SVP, die Partei des Nihilismus und der politisierter Ästhetik, vernebelt den Stammtisch mit ebendiesen «Stimmungen», woraufhin die restlichen Parteien empört, entsetzt, aber auch ohnmächtig sich gerieren.
Wie nichts Menschliches bloss rational ist, so ist denn auch die Politik nimmer rational; dortselbst, wo die Liberalen beschwichtigen, der Wähler entscheide aufgrund rationalen Kriterien sich für die eine oder andere Partei: folglich für jene, die vermeintlich Gewinnbringendes verbuchen könnte. Nein, ausgenommen im Labor, wo alle Parteien sachlich einander sich verschleissen, sind solchen, wohl prinzipiell totalitären Verhältnissen kaum zu begegnen.
Der linke Klüngel ist verunsichert und bangt, ob er das «Niveau» der SVP sich gefallen müsse, um die Braunhemden in Bundesbern auszubremsen. Gewiss doch, die jüngere Geschichte belehrt ja, dass Parteien, die allein irrational zu fassen sind, auch bloss irrational neutralisiert werden können; und dies umso mehr, als der Nihilismus das Rationale und Absolute eliminierte. Wir erleben also einen Kampf der «Stimmungen».
Die SVP ist hierin führend, beispiellos gewiss; die restlichen Parteien hingegen pflegen einen «sachlichen Stil», den man gern medial als einen nachahmenswerten salbt, womit denn auch man die irrationale Konkurrenz zu verunglimpft hofft. Bloss beansprucht die SVP das Böse, das Schlechte und das Irrationale alleinig, und ist deshalb umso delphischer, mystischer und faszinierender; gerade wegen unsrer entzauberten Welt, die ja nach Irrationalität lechzt.
Die wir als Zuschauer vergnügt und amüsiert sind, dürfen zukünftig also vermehrt einen Kampf der «Stimmungen» erwarten; Parteien werden sodann wohl wieder zu «ganzeinheitlichen» Weltanschauungen vervollkommnt, worin vom Eintritt bis zum Austritt das Leben geregelt scheint. Ansonsten, falls die restlichen Parteien des Nihilismus vergebens sich erwehren, wird die SVP einsam triumphieren.
Weiterführende Informationen
DER VERWERTER: «Das Ende politischer Korrektheit»