Es ist die Moderne, die keine Tragik verkraften kann. Es sind nicht die Menschen. Die Menschen, sofern intelligent, sind bloss «verwickelt», aber nicht recht einbezogen in die Moderne, so auch Nicolás Gómez Dávila. Und weil verwickelt, weil eigentlich gezwungen, die Moderne zu erdulden, gleichviel sie ätzt, ekelt und kränkt, ist der Mensch verdammt, die natürliche Tragik, die allen Seins Ursprung ist, zu verdrängen.
Allein die Geburt der Menschheit ist tragisch; es war ein Sündenfall. Seitdem müssen wir die Erbsünde schultern. Mittlerweile meistert die Technik, deren Werkzeug wir sind, die Sünden unsrer Existenz. Doch auch nur bedingt. Wir leben noch, und das ist zuviel; jeder Mensch ist einer zuviel. Wenigstens lehrten wir einander, waren gemeinsam strebsam, das Menschengeschlecht immer effizienter zu vernichten.
Tragik ist die Geburt des Lebens; es ist auch die Geburt einer sogenannten «Kultur». Hiervon zehren wir bis heute; alle unsere, freilich minimalste Sinnproduktion referenziert das kulturelle Erbe. Dessen Ausbeutung gipfelt im zivilisatorischen «Brot und Spiele». Darüber wacht bloss Gott; ein allmählich resignierter Herr. Und seitdem die Tragik nicht «verjüngt» werden kann, fristet die sogenannte «Kultur», gleichbedeutend mit «Brot und Spiele».
Doch wie kann man die Moderne der Tragik erziehen? Eigentlich kaum. Es sind diesmal die Menschen, die, hier ganz eine Demokratie ohne Demokraten, entscheiden müssten, ob sie die gegenwärtige Ordnung, auch wenn wohl das kleinste Übel aller, weiterhin noch billigen möchten. Doch eine Entscheidung reift nicht. Es ist denn auch nicht möglich, überhaupt sich noch zu äussern. Ob gerade hierin die eigentliche Tragik ruht? Ebendass die Menschen nicht wählen können? Vermutlich.
Es wäre dies die letzte Tragik, die wir noch besässen. Vielmehr, es wäre die eigentliche Tragik: die Tragik, nicht bestimmen zu können, wieso wir überleben. Eigentlich, dass wir bloss sterben müssten. Eigentlich, dass wir ebensogut jetzt sterben könnten, weil das Leben nicht lebenswert ist in der modernen Welt. Dies wäre oder ist sogar wahrlich tragisch; daher «schön», daher «ermunternd».
Dieser Artikel erschien erstmals in der September Ausgabe Zürichs des ensuite-Kulturmagazins..
Kultur und Krieg? Darf man denn solches mischen? Definitiv nicht, protestiert die Kulturlinke, deren Humanität und Integrität beispiellos und vorbildlich sei (ist). Doch das war nicht immer so. Kultur und Krieg sind, seit Kultur erwachte, miteinander verknüpften, bedingen einander; ohne Kultur keinen Krieg, und kein Krieg ohne Kultur.
Früher war der Krieg kultiviert und sittlich; man vereinbarte einen Ort, einen Zeitpunkt, schlürfte zuvor noch Tee, und alsdann man sich gegenseitig Glück wünschte, rannte man aufeinander los; solange, bis eine Gruppe unterlag oder kapitulierte. Es war ein genormter Krieg. Jene, die diesen Regeln nicht gehorchten, sind als Barbaren geschmäht worden, denen man Heldentum entsagte. Bis der berühmte Stratege Carl von Clausewitz 1812 in seiner «Bekenntnisdenkschrift» hiervon sich verabschiedete und einen totalen Krieg antizipierte.
Als 1914 der Krieg die westliche Dekadenz kurierte, waren die ersten und lautesten, die brüllten, hauptsächlich Kulturanschaffende aller Nationen; man war befreit, weil jetzt endlich wieder Spektakel, Aufregung, das Gegengift der Degeneration und Dekadenz, dessen Tatsache allen oberen Schichten bereits gewahr war. Aufbruch und Zuversicht waren die Folge. Allein, dass dieser Krieg insgesamt «langweilig» war, weil er sich kaum bewegte, ist wohl eine weitere Tragödie der Menschheit; doch für sich keine bemerkenswerte.
Die Kulturlinke protzt, man rettet den Planeten, man schützt den Regenwald, füttert Waisen; man engagiert sich sozial, beweist «Zivilcourage», so die gängigen Phrasen. Es sind Bekenntnisse, die die bezwecken müssen nur, dass der Schein etwaiger Erhabenheit und Selbstgewissheit weiterhin blende. Es ist Marketing, Propaganda oder Schauspiel; wiewohl man es nennt, es ist Attitüde, kraft gewissenhafter Plattitüden. Dass eine solche Kulturlinke den Krieg verneinen muss, überrascht kaum; es ist Konzept, es ist sogar gefordert; irgendwer muss ja den Quotenrebellen, der immerzu opponiert.
Doch vergessen wir die Kulturlinke, deren parallele Kulturindustrie kaum Markt, geschweige Marktwert aufweist; sie ist letztlich irrelevant, den Pöbel nicht bestimmend. Vielmehr ist die Kulturlinke ein Raunen ewiggleicher Probanden, eine Selbsthilfegruppe sozusagen, wo man gegenseitig sich bestärkt und stützt; also bloss ein Randproblem.
Wichtiger ist, wie der Pöbel antwortet, den müsste man eher thematisierten, viel mehr als eine Kulturlinke, die bloss stöhnt und ächzt, die Industrie und den Fortschritt verteufelt, deswegen aller Menschlichkeit abhold, ist doch massenindustrielle Vernichtung, Tod und Wiederaufbau allein menschlich.
Der Pöbel ist «unterwandert»; Computerspiele simulieren eine Wirklichkeit, derentwegen manche gar die eigentliche Wirklichkeit preisgeben. Eigentlich kaum erwähnenswert, dieser Fortschritt, der die menschliche Kreativität und Idee ins Virtuelle schiebt, wäre nicht die Tatsache, dass Computerspiele authentischere, relevantere Kultur ist als alles das, was die unsägliche Kulturlinke dilettiert. Hier ist bemerkbar, dass die Kultur den nichtsahnenden Nachwuchs drillt; mit virtuellen Auszeichnungen honoriert, mit lustigen Filmchen zwischendurch entschädigt und vor allem mit der «Speichern-und-Wiederherstellen»-Funktion motiviert.
Dass die meisten Computerspiele beabsichtigen, den Knaben zu vermitteln, dass Fleischfresser böse, Beerenpflücker gut seien, ist zu bezweifeln; wir alle überhöhen den schändlichen Einfluss sogenannter «Killerspiele», doch niemand würdigt den positiven derselben. Es heranwächst nämlich eine militarisierte Generation, vermittelst der Kultur, denen das Töten und Morden angeboren scheint, nicht so wie die unsrigen verweichlichten Vätern, die nicht einmal einen Scheidungskrieg für sich entscheiden können.
Was lässt sich denn schon vom Frieden erzählen? Der Friede langweilt. Es sind kaum Geschichten überliefert, die den Frieden verherrlichen, und falls doch, dann ist dem Frieden ein langjähriger Krieg vorausgegangen. Und wie solle nun ein Künstler inmitten einer Friedensepoche wüten? Künstler zu sein, als die Welt döst, ist wahrlich ein undankbarer Brotberuf.
Die heutige Welt ist zu harmlos, sie echauffiert niemanden; also ist die Kunst verdrossen. Wie solle man denn wirken, ohne dass man sich ärgern müsste? Eine heile, reine und glückliche Kunst? Ohne Teufel? Kaum. Eine solche Zeit wird künstlerisch niemals produktiv sein.
Krieg ist Frieden, las der letzte Mensch Europas 1984; und tatsächlich, solange Krieg ist, ist auch Friede, seelischer und künstlerischer Friede. In langweiligen Friedenszeiten ist die Kulturindustrie hingegen verpflichtet, die Lohnabhängigen wahlweise zu zerstreuen oder zu entsetzen. Es ist also Aufgabe, Menschen zu täuschen, sie zu vertrösten.
Und ach. Es ist langweilig. Es wäre mir recht, im Krieg sinnlos zu sterben, als sinnlos hier zu gammeln. Eine blühende Kultur bedingt eine wirre und wilde Zeit. In dieser Öde ist Kultur genauso sinnfrei wie ökonomische Aktivitäten. Daher konserviert man das Überlieferte im Museum, weil ängstlich, man könne die Ausdrucksweise wilder Vergangenheit verlieren.