Das Automobil

Zentriert die Gesellschaft sich ums Auto?, um dasjenige Mobil, das die Menschen befördert und bewegt im doppelten Sinne? Oder zerstört das Auto die Gesellschaft?, opfert das Öffentliche, das Politische dem hemmungslosen Privaten?

Das Auto versinnbildlicht den Individualismus nachgerade, oder respektive den Wahn dessen, individuell, unabhängig und frei sein zu müssen. Denn wer ein Auto lenkt, steuert dieses selbständig, ist ganz Herr über Kräfte, die wir, als ob wir die Natur nachträglich verhöhnen wollten, als Pferdestärke bemessen, also wie viele Pferde, welche einst des Menschen Mobilität monopolisierten, ein einzelnes Auto ersetze.

Das Auto ist vielmehr als nur Ausdruck eines typisch westlichen Lebensgefühls, das Auto nämlich verkörpert das westliche Lebensgefühl total, jeden erdenklichen Punkt mühelos und bequem erreichen zu können. Das Auto sozusagen symbolisiert die Überwindung des Raums und der Zeit absolut, was kurzum eine sonderbare charakteristische des westlichen Menschen Eigenschaft ist, der wir unsren immerwährenden technischen Fortschritt verdanken.

Das Auto hievt den Menschen ins Kontinuum der Raumlosigkeit. Sobald der Raum, die Distanz sowie die Ferne irrelevant, nebensächlich, als Fussnote bezwungen sind und die Natur dadurch gänzlich unterjocht, ins reine Denken des Möglichen gerückt ist, entsteht ein Lebensgefühl, und zwar ein neues, bislang unbekanntes; das die unbeschränkten Möglichkeiten vervielfacht. Der Möglichkeitssinn entpuppt alsdann sich als unerschöpflich und wird zunehmend zur Last für den Menschen, der dessen nicht sich gewohnt zu fühlen glaubt.

Weil nunmehr der Verkehr privatisiert ist, muss dieser folgerichtig geregelt, genormt und strukturiert werden. Sodurch: Autobahnen sammeln den weiträumigen Verkehr, Strassen verfeinern die Verteilung und Ampeln kanalisieren den Fluss desselben. Die Polizei indes prüft die Einhaltung der vormals mehr oder weniger demokratisch ausgehandelten Regeln. Und nun folgt, dass jedermanns Ziel gebietet, sinnbildlich zu überleben im Verkehr, gewissermassen im Kampf um die besten Fortbewegungsbedingungen schonungslos mit den anderen Teilnehmern zu konkurrieren.

Die Strassen horten die Barbarei der Weltstädte implizit, weil dort das Animalische, das Wilde und das Unzivilisierte des Menschen sich am deutlichsten zeigt, das anderswo entweder unterdrückt oder mittels «Kulturtechniken» sublimiert wird. Die «Kulturanstrengungen» unsrer Zivilisation allerdings scheitern nachgerade auf den Strassen, worauf, insbesondere auf südlichen, das Recht des Schnelleren, Stärkeren und Entschlosseren gilt, wobei lediglich letzteres, die unermüdliche Entschlossenheit, noch zu loben sei.

Der privatisierte Verkehr sodann, der die Öffentlichkeit symbolisch unterminiert, untergräbt gleichsam die Autorität des Öffentlichen, da jedermann «privatisiert» sich fortbewegt, folglich die Öffentlichkeit als bürokratische Instanz zwecks Kontrolle und Belehrung sträubt – oder eher – verwechselt. Der Abscheu indes unzähliger Autofahrer gegenüber polizeilichen Beamten, Radarfallen, Tempolimiten und Ordnungswut ordnungsverliebter Verkehrsplaner ist nicht zu leugnen und beweist das Unbehagen des Autofahrers, dessen Lebensgefühl dadurch ein individualistisches erzwingt, mit den öffentlichen Geboten.

Besserung, also Zivilisierung verspricht, den Verkehr zumindest auf Autobahnen zu automatisieren, will heissen, die Kontrolle und Lenkung des einzelnen Wagens einem Computer anzuvertrauen, der die Automobile geschickter und effizienter auf Autobahnen navigiert als Menschen vorhin, und ferner den innerstädtischen privaten Verkehr komplett zu verbieten, beausnahmt sei lediglich gewerblicher und notfallmässiger. Nur die verkehrstechnische Feinverteilung auf dem Lande, sofern der Mensch das Land überhaupt zukünftig noch besiedeln mag, soll dem Menschen gewährt bleiben. Ansonsten berechnet und vollzieht ein Computer den Verkehr soweit, dass die Autofahrt wieder entspannt, da kaum Aufmerksamkeit, ausser die sorgfältige Eingabe eines Ziels, erfordert sei.

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