Dieser Artikel erscheint zugleich voraussichtlich in der August Ausgabe Zürichs des ensuite-Kulturmagazins.
Wer übers Land reist, mitm Zug, erspäht zwischen Zürich und Olten irgendwann eine technische Anlage, deren Grösse jedermann beeindruckt, deren Kraft und Symbolik aber bloss geahnt werden können. So rätselt ein jeder Bub, der die Welt entdecken und verstehen will, was diese Anlage denn produziere, da sie dergestalt auffällig ist, dass man sie kaum verschweigen könnte.
Der gestrenge Vater, ganz Autorität, so dessen Unfehlbarkeit noch ist, schildert dem interessierten, weil naturgemäss wissbegierigen Jüngling die beispiellose Funktion dieser geheimnisvoll-faszinierenden Anlage, worin also die Zivilisation Atome spalte, dadurch die Kraft der Natur in konsumierbaren Strom transformiere, der letztlich den Alltag elektrisiere.
Der Jüngling, im Zug am Fenster klebend, ist fasziniert, und doch auch eingeschüchtert. «Atome spalten» – hierunter kann er sich denn nichts vorstellen; es sind abstrakte Begriffe, gegenstandslos für einen achtjährigen Knaben, dessen Intellekt noch sinnlich-empiristisch justiert ist. Allein der massive Reaktor-Block mahnt, dass dort wohl etwas Gefährliches geschähe; dass man dort die Natur bedrohlich kitzle, herausfordere.
Dass die Natur, wogegen der Knabe noch freundlich gesinnt ist, man bändigen, beherrschen, ja geradezu ausbeuten und plündern müsse, ist ihm unverständlich, schliesslich ringt ein jedes Kind selber mit der eigenen «Natur». Es ist dieser Urkonflikt, vereinfacht ausgedrückt, zwischen Kopf und Bauch, zwischen Ratio und Empirie, der zeitlebens den humanistischen Charakter bildet.
Erst später, als erwachsen, als endlich den mächtigen Trieben gewahr, welche die Natur allen vorinstallierte, so uns zu erinnern versucht, dass wir vor nicht allzu langer Zeit noch durch die wilden Wälder Europas vagabundierten, ohne Aussicht, jemals sesshaft zu werden, ohne Absicht, der inneren Natur sich zu entledigen, erst nach diesem Prozess der Zivilisierung überwindet der Mensch die Natur, somit auch das Kind. Nun endet der Spass, die kindische Unschuld gleichsam, nun kann der Jugendliche verantwortet und verpflichtet werden; nun muss er.Ob er will oder nicht, ist einerlei; das gesellschaftliche Leben strafft jeden.
Diese innere Natur also zu zähmen, ist Grundlage und Voraussetzung der Zivilisation wie Kultur, ist die Bedingung jedweder Sozialität. Man gedenke Freuds These, wonach die Brüder der Urhorde zunächst sich verschwören mussten, ehe sie den jähzornigen, sämtliche Weiber alleinbeanspruchenden Urvater morden konnten. Um aber zu verhindern, dass einer der Brüder plötzlich die Position des Urvaters ergaunere, mussten sie sich organisieren, soweit und solange, bis eine einigermassen stabile Ordnung sich konstituierte, deren Konsens war, dass jedermann verzichte, die lustvollen Privilegien des Urvaters zu begehren.
Diese Epoche, als der Mensch noch wütete, als bloss das Lustprinzip den Alltag regelte, beschämt uns; es ist uns peinlich, erinnert zu werden, woher wir stammen. Dies erklärt, weswegen heute noch gewisse Randgruppen die Evolution leugnen; man möchte sich von der Natur distanzieren, posaunen, man sei anders, etwas Höheres, ja gar etwas Auserwähltes. Mag man zwar diese Illusion als solche schimpfen, doch man muss anerkennen letztlich, dass sie sowohl die Zivilisation wie auch die Kultur fundamentiert. Ohne diese Selbstgewissheit wäre weder das eine noch das andere möglich.
Aber Naturbeherrschung heisst auch, so wie wir die menschliche Psyche domestizieren, mittels Medikamenten nivellieren, so müssen wir auch die Natur verwalten, einebnen.
Die Verantwortung, welche eine Zivilisation meistern muss, die Atome spaltet, die Natur dergestalt beherrscht, dass sie kaum noch sich zu wehren weiss, ist eine, die manche, vor allem die Grünen, scheuen. Viel lieber erträumt man eine paradiesische Unschuld, ein Zustand grünster Natur, wo der Mensch in den Tag friste.
Doch wir können nicht faulenzen, wir können nicht, wollen wir unsren Wohlstand steigern, der Natur gänzlich anheimfallen, indem wir sie als gleichberechtigter Partner aufwerten, den man achten und berücksichtigen müsse. Die Geschichte der Zivilisation ist denn die Geschichte der Naturbeherrschung. Diese begann, als der Mensch erstmals den Boden bestellte, aber vollendete nicht, als der Mensch Atome spaltete.
Wir sind geradezu verdammt, zwar nicht in vermeintlicher «Freiheit» zu siechen, so aber die Natur zu beherrschen, allein unsrer Selbsterhaltung und Selbstzüchtigung willen. Eine Zivilisation denn, die entartet, weil jahrtausendelange Kulturanstrengungen populistischer Grünpolitik opfert, droht zu degenerieren. Das Unvermeidliche zu bejahen, heisst, Kernenergie als Kulturanstrengung zu befürworten.
Gewiss ist die Kulturlinke Zürichs beleidigt, deren Kulturbegriff ein ethnologischer ist, deren Doktrin Kernenergie verteufelt, schmäht als «veraltete Technologie». Man rühmt sich zwar «progressiv», ist aber letztlich rückschrittlich, selber überkommen; und vor allem ist man naiv, wenn man glaubt, dass der gegenwärtige Mensch mit der Natur zu versöhnen sei. Hierfür müsste man einen «neuen Menschen» erschaffen, doch alle solche Experimente, seien sie von Jakobiner, Kommunisten oder Nationalsozialisten lanciert, misslangen.
Nachhaltiger wäre, an der Baustelle Zivilisation weiterhin zu werken, und aber keinesfalls, sie zu zertrümmern, bloss weil der Zeitgeist es gebietet. Unentbehrlich ist die Zivilisation mittlerweile denn geworden, wir erfassen intellektuell gar nicht mehr, welche Anstrengungen sie bedingt, welchen Mühsal und welcher Krampf ihrer vorausging. Wir meinen, sie «sei» einfach, ohne dass wir mitwirken, mitgestalten müssten. Insbesondere die Grünpartei meidet die schicksalhafte Verantwortung, auch Kultur und Zivilisation zu fördern. Dies dann als «nachhaltig» zu vermarkten, ist vermessen, ja schlichtweg töricht und vor allem hedonistisch.
Wir müssen etwas riskieren, fürdass wir versorgt sind. Energie konsumieren wir, unablässig, unaufhaltsam, voraussichtlich immer mehr; diese müssen wir denn auch produzieren. Es ist eine Frage der Kultur, des Anstandes, ob wir weiterhin experimentieren, forschen, bis wir die Energieversorgung vervollkommnen können. Wir dürfen nicht kapitulieren, bloss weil einige hysterische Hausfrauen Kernenergie fürchten. Ziel solcher Kulturanstrengungen müsste die Verwirklichung der Kernfusion sein, und in ferner Zukunft sollten wir auch Schwarze Löcher nutzen können Nur wer so denkt, jenseits der Tagespolitik, ist nachhaltig; denkt wirklich an die eigenen Kinder und gedenkt nicht bloss der eigenen Angst.
Und trotzdem kann ich jeden verstehen, der jetzt noch rätselt, wieso Kernenergie denn Kultur sei. Kernenergie, ganz sozialdemokratisch, setzt bloss ein Zeichen, ist also lediglich symbolisch. Symbolisch hierfür, dass der Mensch die Natur bezwingt und weiterhin bezwingen möchte, sodass die Natur nicht ihn bezwinge. Der Mensch möchte sich also schützen, verteidigen. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, der Natur ausgeliefert zu sein. Beispielsweise, dass wir bloss funktionieren können, falls der Wind weht. Wir kämpften jahrtausendelang, dass wir uns von der Natur emanzipieren konnten. Und jetzt, plötzlich, weil der Zeitgeist dramatisiert, meinen wir, wir sollten allen Fortschritt aufgeben. O Gott, erbarme unsrer; ich wüsste und kenne keinen, der tatsächlich beabsichtigt, morgen im Wald zu kriechen, Beeren zu sammeln und Vieh zu erlegen. Ich wüsste tatsächlich keinen, der einer solchen Prüfung standhalten könnte. Keinen. Wir sind ja allesamt häuslich geworden, zahm, sesshaft, bequem und vor allem «schuldig», mitschuldig an der Welt.
Unsere Unschuld verloren wir, als wir Gott töteten. Gott schonte uns, solange wir ihm trauten, solange wir ihm folgten. Doch wir trotzen unsrem Verhängnis, wir wollen nicht wahrhaben, wir wollen nicht akzeptieren, dass wir unsren Werdegang selber zu verschulden hätten. Daher träumt die Grünpartei, uns wieder ins Naturreich einzugliedern, plant, dorthin uns zu bannen, woher wir stammten, aber längst uns entfremdeten, längst entfernten, weil längst eine eigene Wirklichkeit erbauten.
Wir können nicht mehr zurück, es ist zu spät. Also müssen wir die Kultur und die Zivilisation forcieren, wir müssen Kernenergie als Kulturanstrengung interpretieren, die uns Anständigkeit ermöglicht, uns erzieht, soweit, dass wir unser Schicksal selber verantworten können. Wir sind keine Kinder mehr, wir sind erwachsen, wir kommunizieren über Satelliten und spalten Atome. Dies erfordert Gesinnung, dies erfordert Intelligenz.
Die Atomlobby sucht händeringend nach neuen Argumenten – wie wär’s? Die würden Dich fürstlich entlöhnen, würdest Du Dich in deren Dienste stellen….
Im Ernst:
Dass ich deine Ansichten nicht so ganz teile, enthebt diesen Artikel nicht davon, interessant zu sein, auch wenn ich darin so was wie prä-tchernobyle Blütenträume zu erkennen glaube, pubertierend, waghalsig, draufgängerisch und gegen den Mainstream schwimmend.
Der Beitrag war auch Anregung, mich zu fragen, was Kleist dazu gesagt hätte, wenn er denn noch lebte, oder Goethe, oder Nietzsche, Heidegger und wie sie alle heissen oder hiessen.
Wenn man Geschichte als Prozess begreift, in dem, mit weniger fruchtbaren Jahren freilich, Fortschritt, Emanzipation und Humanität stetig wächst, ist dieses Denken nur konsequent. Es die Art der Ansichten, die seit Aufklärung jedes Hirn mit Opiumschwaden umnebelt und in uns allen, ja auch mir, Allmachtsfantasmen zu wecken vermögen.
Und doch sei eingewandt, dieses Denken ist nicht sonderlich alt und der Kulturbegriff kommt nicht von der Naturbeherrschung, sondern vom „Kult“, mithin aus dem tief religiösen Gefilden. Der Religion aber ist ein „Fortschrittsbegriff“ völlig fremd und das Gebot der Bibel sich die Natur zum Untertan zu machen, hat auch nicht zwingend etwas mit „Entwicklung“ zu tun. Die Zeit in der Vormoderne war die Vorstellung von der ewigen Wiederkehr des immer Gleichen, die sich im Wechsel von Tag und Nacht und im ewigen Takt der Jahreszeiten manifestierte. Mehr noch, nicht Aufstieg zu lichten Höhen, sondern der unaufhaltsame Abstieg des Menschengeschlechtes, im Bild vom „guten Königs“ eingefangen, war fester Glaube der Vorvorderen. Die Zeitalter schwinden, der Abstieg beginnt im Goldenen schon und endet, wenn die Könige dereinst Eisenkronen tragen. Auch im Christentum endet die Welt im Jüngsten Gericht und das kommende Reich Gottes ist nicht mehr von dieser Welt.
Zu bedenken auch, dies aufklärerische Denken widerspricht allem, was wir in der Natur beobachten, vor allem aber der Richtung, in der der thermodynamische Zeitpfeil weist. In jedem geschlossen System wächst die Entropie, die Unordnung und das Chaos. Dieses unerbittliche Gesetz gilt für alle Strukturen, egal ob sie kulturell umhüllt, gesellschaftlich verbrämt, biologisch oder einfach nur technisch sind. Warum also sollte ausgerechnet die „Naturbeherrschung“ eine Ausnahme von dieser Beobachtung sein? Das bloße anhäufen empirischen, technischen Wissens ist weder Fortschritt, noch Emanzipation. Denn die Abhängigkeiten von der Natur ersetzen wir bloß durch jene, die uns nun technisch fesseln. Vielleicht erfüllt sich genau hier der Hauptsatz, denn unsere Freiheiten schwinden in dem Maße, wie uns die Technik erdrückt und zwar solange, bis der Mensch von der Bildfläche verschwindet. Und dieser Vorstellung vom „unfertigen Menschen“, vom wilden Tier, was verschwinden müsse, hinter einem geschlechts-, wie emotionslosen Vernunftwesen, ist ebenso feste Vorstellung des „Atommenschen“, wie der Fortschrittsglaube. Nur wäre ein solches Wesen kein Mensch mehr, sondern irgendetwas anderes. Die Vernichtung des Homo sapiens ist das erklärte Ziel aller Aufklärung. Gelingt dies nicht durch Erziehung, dann eben durch die Genetik. Der geschlechtslose Klon ist schon im Fokus der „Genderisten“.
Nicht das ich die Kernkraft in Frage stelle oder Anhäufen von Wissen verdamme, dies ist wohl unvermeidlich, ich will bloß die „moderne“ Sicht auf die „Kultur“ und Begriff von ihr relativieren – nein, in Frage stellen.