Indizien einer postheroischen Gesellschaft

Der Held ist einer, der nichts hat, trotzdem etwas ist, vielmehr ist, wonach wir, die wir nur Besitzende seien, sehnen. Der klassische, uns vertraute Held verlässt die Heimat, verabschiedet sich von Hab und Gut, von Weib und Kind, und reist so ins Ungewisse, mit nichts. Solche Helden erdichteten alle Mythologien und Religionen, ob Buddha, Odysseus oder gar Jesus, sie alle waren besitzlos, und doch entzückten sie die Menschen.

Seit wir an Habgier erkrankten, möglicherweise vollkommen erst in fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften, wollen wir inständig unsren Besitz vermehren, bloss Helden, besitzlose Wesen wie vormals Soldaten oder Mönche, wussten uns noch zu verzaubern; sie wussten nämlich uns von einer Welt jenseits des Materiellen und Besitzorientierten pittoresk zu erzählen, worin einzig Entschlossenheit und Schicksalsbejahung das Los aller bessere.

So fronte der Soldat bis zum Ersten Weltkrieg selbstlos der Gesellschaft, er hatte nichts und war nichts, ausser Kanonenfutter fürs im Wettrüsten verdammte Vaterland. Ebenfalls überlieferte der Mönch in typischer mönchischer Askese das Wissen des Altertums bis zur Renaissance, als das städtische Bürgertum endlich deren Verdienste und Möglichkeiten sich bemächtigte. Doch alle sie, die letzten Helden der abendländischen «Hochkultur», verstarben; der Soldat im Ersten Weltkrieg, der Mönch seit des Aufstiegs des städtischen Bürgertums.

Nun musste die Gesellschaft die überkommenen Helden ersetzen, neue kreieren, solche also, die wiederum verkörpern und sich beschaffen, was der Mehrheit versagt bleibe; die sogenannten Unternehmer, Führungspersönlichkeiten und Lichtgestalten, vom Erfolg geblendet und im wirtschaftlichen Zusammenhang versteckt, waren zeitlang jene, die faszinierten und als Vorbild aller zweckdienlich wurden. Wohl genügten sie nicht, denn das Fellachentum, weil emsiger und totalitärer Wirtschaftlichkeit scheinbar überdrüssig, trachtete nach neuerarts «Helden».

Etwaige, die den Zwängen unsrer funktionellen Gesellschaft trotzten, sollten fortan Heldentum schwindeln; daraus entstanden «Stars», austauschbare, da seriell fabrizierte Maschinenmenschen, die je nach Bedarf oder Zielgruppe frohlocken, nörgeln, saufen oder kopulieren. Selbst Gott, der einigermassen friedlich ruhen dürfte, zu beleidigen schnellte als Prinzip künstlicher Stars empor, nachgerade, als ob sie die Kränkung aufgrund Gottes Tods heilen müssten.

Diese kalkulierte Programmen beeilen wir zu kopieren, dadurch vereinheitlichen sie Geschmack und Stil. Weil sie ausschliesslich mit Hab und Gut protzen, rückt die Vorstellung eines klassischen besitzlosen Helden aus dem Bewusstsein, so erneuern Helden, die selber psychotischer Habgier erlagen, keine Gesellschaft mehr, die idealistische Utopien einer potenziellen Veränderung wegen bedurft, solche, die nur Helden vorführen, erproben können, da sie nicht wegen der Furcht eines Verlust aller Habseligkeiten gelähmt wie eingeschüchtert, so wie wir masslos Besitzenden und Habenden sind.

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